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Leserzuschrift an die Neue Deister Zeitung in Springe vom 17. Januar 2005

Blick in die Zukunft der Neuen Sinnlichkeit

Im November 2004 erschien das fünfzigste Heft Neue Sinnlichkeit, Blätter für Kunst und Kultur, die der Springer Dietmar Moews vor 25 Jahren gründete und bis heute herausgibt. Das Gespräch führte Annegret Stein.

Frage: Herr Moews, was war ihr Motiv damals, 1979, eine Zeitschrift zu gründen?


Dietmar Moews: Ich sah, dass die Welt immer komplizierter wurde. Demokratie ist aber nur möglich, wenn die Menschen ihre Welt sinnlich verstehen können: Das ist mein Thema bis heute: Neue Sinnlichkeit.

Frage: War die '68er Zeit eine Aufbruchzeit?

Dietmar Moews: Ich war in den 60er Jahren von der neuen Beatmusik begeistert und kam dann beim Studieren in die Zeit, die wir heute '68er nennen. Es war eine tolle Zeit und das Gefühl des Aufbruchs. Ich war künstlerisch und politisch in der Öffentlichkeit aktiv. Dafür gründete ich die Zeitschrift Neue Sinnlichkeit. Gleichzeitig wurden in Hannover Zeitungen wie Schädelspalter und Nana gegründet, in Berlin die TAZ und in Frankfurt die Titanic.

Frage: Was ist aus dem Motiv geworden?

Dietmar Moews: Viele Lebensbereiche sind vom Erfolg des Establishment gekennzeichnet. Gleichzeitig ruft der Fortschritt nach "Alternativen". Das war schon damals so. Alternative Wirtschaft, alternative Lebensweise, alternative Sexualität, Alternativen zur Ölkrise, zur Atomtechnik, zum Umweltschutz. Das ist natürlich nicht so einfach, mehr Aufklärung und Demokratie, auch mehr Spaß, als sich die Kriegsgenerationen erlauben konnten. Ich war in diesen alternativen Szenen aktiv, in der Musik, an der Universität, in den Bürgerinitiativen für Umweltschutz und Friedenspolitik und als junger Künstler mit einer eigenen Galerie in Hannover. Die Themen der Neuen Sinnlichkeit, der Kunst, der Aufklärung, der Kritik und der Alternativen verfolge ich weiter. Inzwischen liegt das 50ste Heft im 25sten Jahr vor. Heute gibt es die www.neuesinnlichkeit.com auch im Internetz. Das ist doch ein schöner Anfang.

Frage: An welche Alternativen denken Sie?

Dietmar Moews: Ironisch - denke ich, solange die Sozialdemokraten keine sozialdemokratische Politik machen und solange die Grünen keine grüne Politik machen, können die in der Regierung bleiben. Ernsthaft - ich war bis in die späten '80er Jahre aktives Mitglied bei den Grünen, und ich war als Soziologe in den '90ern wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Bundestages. Die heutige Kompliziertheit und Verwickeltheit der politischen Akteure in Ämtern, Rollen, Parteien, Parlamenten, Medien usw. verhindern, dass Themen gründlich behandelt werden. Die Multirollen sind das Problem, nicht jedes Geld ist Schmiergeld. In der Neuen Sinnlichkeit ist zum Beispiel ein Überblick über das Multirollenspiel, den gläsernen Abgeordneten, die Begehrlichkeiten und Exklusivgüter zu lesen. Oder Texte zur Bedeutung des Philosophen Immanuel Kant für solche praktischen Fragen, heute.

Frage: Was sagt Kant dazu?

Dietmar Moews: Kant sagt, wie wir Menschen gesellig sein können und sollen. Kant sagt, wie wir gemeinsame Urteile bilden können und nicht beliebig, wie heutige Politiker meist, auf der Agenda der Tagesthemen herumsurfen. Die Risse in der sprunghaften Politik verhindern mittel- und längerfristige Lösungen und die Verwendung wissenschaftlichen Wissens in der Politik. Ja, da sagt man: wir hätten besser über Hartz IV aufklären müssen, fängt aber gleichzeitig gezielt an, über PKW-Maut zu diskutieren (die Flut, zur Ablenkung als "Geschenk des Himmels"). Es verliert die Wissenschaft an Achtung in der Öffentlichkeit. Und gleichzeitig fangen Brot-Wissenschaftler ebenfalls die Angeberei in den Tagesthemen an. Wenn Deutschland in einer Krise ist und die Deutschen ein Stimmungstief spüren, dann sollte mal jeder seine eigene Neugierde und Aufgeschlossenheit auf den Prüfstand stellen.

Frage: Sie waren auch bei der Gründung der Grünen dabei?

Dietmar Moews: Aus der Alternativszene wurde 1978 in Hannover die Gabl und 1980 in Karlsruhe die BUNDESGRÜNEN gegründet. Ich habe in den siebziger Jahren die Sonnenblumen-Embleme entworfen, oder für Sportler für den Frieden die Olympischen Ringe mit der Friedenstaube. Ich habe damals in meiner Ballhof-Galerie Hannover die Künstler für den Frieden-Initiative geführt. Darüber gibt es ein Buch. 1983 war die Westfalenhalle Dortmund mit dem neun Meter großen Friedensemblem dekoriert und beim Umbaukongress 1986 war die Niedersachsenhalle mit meinen Sonnenblumen und Atomsonnen dekoriert. Diese Bilder sind mein Beitrag und für die Öffentlichkeit extrem kommunikativ. Außerdem wurde sehr viel Geld damit verdient für die "alternative" politische Arbeit, mit Aufklebern, Ansteckern, Plakaten, T-Shirts.

Frage: Wie gehts weiter?

Dietmar Moews: Die 25-Jahrfeiern haben zu mehr Individualität, fachlicher Kompetenz, Kreativität, Selbstbewusstsein, Verantwortlichkeit und Kritik aufgerufen - das wäre ja schön. Ich wünsche mir für Springe eine tüchtige DSL-Grundausstattung für die Internetz-Kommunikation. Es ist ein Skandal für die Stadt des Lichts, dass wir hier zweitklassig sind. Ich fordere die Gleichstellung auf Bundesniveau von der Postpolitik. Mal sehen, wie erwünscht Kritik ist?
Das Thema der Neuen Sinnlichkeit 51, die im Frühjahr kommt, behandelt Wahrheit und Lüge im Jazz, im Blues und in der Volksmusik.
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