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Flutwelle, Hilfswelle, Westerwelle

Dietmar Moews, Leiter des asz alphons silbermann zentrums, Institut für europäische Massenkommunikations- und Bildungsforschung in Dresden, hat eine ad-hoc-Untersuchung der Massenkommunikation in Deutschland zum Thema "Naturkatastrophe am 26. Dezember 2004 und die Folgen" durchgeführt. Ziel der Untersuchung war die Feststellung der "Lage" in den Massenmedien. Es wurden die tatsächlich verbreiteten und nicht verbreiteten Informationen, deren Reichweite, Durchdringung, Wirkung und Rezeption bei den Konsumenten erfasst. Beurteilt werden die interdependierenden Wechselwirkungen durch die massenmediale Redaktion zur Katastrophe. Massenmedien verbreiten anonym adressierte Informationsgehalte. Der Empfang und die Kommunikation der massenmedialen Bereitstellung verläuft über die tatsächlich persönlichen Empfänger in deren Alltagskommunikation und persönlich wertorientierten Reaktionsweisen, wie Werthaltungen, Aktivierung, Verunsicherung, Hemmung, Abhängigkeit, Indifferenz, Richtungsänderung, Erklärungsnormen, Reaktionsweisen und Informationsstand des für wahr Gehaltenen. Von den Kommunikanden fließt der Strom der manifesten Reaktionsvielfalt an die Quellen und Redaktionen zurück, die darauf in ihrer Nachrichten- und Kommunikationsarbeit reagieren, sodass sich der massenmediale Fortlauf entwickelt.

Die Hauptaussagen der Untersuchung der empirischen Massenkommunikation in Deutschland zur Flutkatastrophe an den Ufern des Pazifischen Ozeans, bezogen auf die technisch ausgestattete "erste Welt", lauten:

Die Krise und erste Hilfe wurde von internationalen Marktwirtschaftsfirmen wirksam in Gang gesetzt. Insbesondere am Geschäftserfolg interessierte Tourismuskonzerne halten hierfür - seit dem 11. September 2001 - ein Krisenmanagement vor. Ausgehend von den ersten Katastrophenwarnungen wurde die Fremdhilfe in kürzester Zeit eingeleitet. Das professionelle Krisenmanagement stützte sich dabei nicht auf Staatsregierungen, nicht auf Militär und nicht auf Hilfsorganisationen, sondern organisierte und koordinierte die Soforthilfe selbstinitiiert.
Die private Hilfsbereitschaft, die hierdurch ausgelöst werden konnte, erbrachte Spenden, war aber vollkommen ungeeignet, die unverzügliche lebensnotwendige Soforthilfe zu bewirken.

Die EU (Europäische Union) war und ist für einen weltweiten Soforteinatz weder in der Ausstattung formiert. Es fehlen Großflugzeuge mit entsprechenden Reichweiten, große Schiffe und Flugzeugträger. Noch gibt es politische Handlungskompetenz in Brüssel für derartige Herausforderungen der Not. Die EU ist heute politisch und logistisch unfähig, auf Geschehnisse globalen Ausmaßes wirksam und gemeinsam zu reagieren.

Die Konsumenten der deutschen Massenmedien sind über das Geschehen in den falschen Glauben darüber gesetzt, welche Soforthilfe, mit welchen Mitteln und durch wen geleistet wurde oder nicht werden kann. Insbesondere die Unfähigkeit der EU kam nur indirekt zum Ausdruck. Die Fixierung der Berichtsnormen bezog sich auf die Ausschnitte der Wirklichkeit mit Bezug auf die deutsche Betroffenheit.

An Weihnachten, am 26. Dezember 2004 erbebte der pazifische Ozean und zerschlug mit einer historisch einmalig schweren Flutwelle Küstengebiete von Ostafrika bis Südasien, Somalia, Malediven, Myranmar, Indien, Pakistan, Thailand, Sri Lanka, Indonesien mit zahlreichen Inseln, Millionen Geschädigten aus vielen Ländern der Erde und geschätzten 200.000 Todesopfern. Das Unglück gilt als eine der gewaltigsten Naturkatastrophen der menschlichen Geschichte.

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit, nach dem Attentat auf New York am 11. September 2001, wird die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit durch eine Art "Pfingsterlebnis" erregt und für eine kurze Phase gleichgerichtet. Für die Soziologie stellt sich die Aufgabe festzustellen, welche sozialen Folgen zu verzeichnen sind, wenn weite Teile der Weltbevölkerung im Weltmaßstab bedroht und aufmerksam gemacht sind. Das insgesamt als "Massenmedien-Erlebnis" bezeichnete Geschehen lässt die manifesten und normativen Verläufe erkennen. Durch das sozio-politische Echo in den Massenmedien kommt es zu qualitativ-semantischen und quantitativen Inhalten und Wertentwicklungen. Reaktionen und Rückwirkungen vom Publikum zu den Verantwortlichen und Sendern zeigen das Medienerlebnis - aus Absendern, Inhalten, Empfängern, Empfängerreaktionen zur Fortgestaltung des dargebotenen Geschehens. Es wird beobachtet, inwiefern der Verlauf geeignet ist, die Verhältnisse und die Strategien im Krisenfall so zu erkennen, und kommunizierbar und beurteilbar auszulegen, wie es politisch gewünscht wird.

Ferner kann kontrolliert werden, wie und ob die Rückbindung der Produzenten von Nachrichtenprogrammen an die empirische Momentaufnahme der modernen Massenkommunikation der Konsumenten möglich ist und erfolgt. Der strukturell-funktionale Zusammenhang zwischen Event, Emission, maximaler medialer Verbreitung, Rezeptionsbereitschaft, Kommunikation, Meinungsbildung und sozio-politischen Reaktionen der vielfältigen massenkommunikativen Konstellationen müssen zur Geltung kommen. Genau, wie nachträgliche Kontrolle und Steuerung, Berichtssorgfalt, Fehlerbeseitigung u. ä.

Aufschlüsse, welche politischen Leistungen unter den extremen Krisenbedingungen, nach dem 26. Dezember 2004, in multilateralen Betroffenheits- und Interessenskonstellationen erwartet werden dürfen und welche Strategien des Krisenmanagements, der Kommunikation und Logistik usw. wünschenswert wären, könnte gelernt werden. Das betrifft die Aufklärung der Deutschen durch ihre Volksvertretungen und die EU gegenüber ihren Mitgliedsbevölkerungen.

  1. Die Nachricht vom Unglück am 26. Dezember 2004 ging in Echtzeit um die Welt. Die Vorhaltung der Satelliten, der Leitungen und Applikationen, wird in der globalen Hauptsache - wie Telefon, Radio- und Fernsehen und Internet - von marktwirtschaftlichen Veranstaltern organisiert, nicht von Staatsbürokratien oder Militärorganisationen, wie der Nato, nicht von der UNO und nicht von Quangos (Quasi-Nongovernmental-Organizations) wie das Rote Kreuz, oder NGOs (Nongovernmental Organizations) wie Greenpeace.

    Menschen an anderen als den betroffenen Orten, z. B. in Europa, erfuhren von der anrollenden Flut und den Bedrohungen bereits von den Momenten des Seebebens an. Die mögliche Kommunikation zur Warnung, zum Schutz und zur Soforthilfe, ist in den armen Ländern der betroffenen Regionen, wie zum Beispiel Sri Lanka, technisch und materiell nicht angemessen entwickelt. Ein paar instinktsichere Warnungstiere, als archaische Low-budget-Lösung in Strandnähe, hätten dafür dienen können.

  2. Internationale Marktfirmen organisierten die Krisenbewältigung. Die empirisch praktisch zustande gekommene Krisenbewältigung, Erfassung des Geschehens, Alarmierung, Kommunikation usw., Soforthilfe und Koordination der Hilfe-Prozesse wurde von international tätigen Marktfirmen geleistet, nicht von Staaten, auch nicht von Staatswirtschaften und auch nicht von NGOs genannten Quangos (Quasi-Staats-Organisationen, wie das Rote Kreuz).

    Tourismuskonzerne, Fluggesellschaften und andere marktwirtschaftliche Veranstalter hatten nach den New York-Anschlägen vom 11. September 2001 ein Krisenkommunikationsnetz ausgearbeitet. Diese großen Firmen haben hauptamtliche Krisenmanager, die jetzt hilfreich zur Wirkung kamen. Es gibt Agenturen wie "Crisadvice", die Szenarien durchgestalten, von der logistischen Leistung bis zur Vernetzung und Koordination dezentraler Akteure, Kompetenzen und Ressourcen. Bedeutendes Motiv für die Massenkommunikation der Tourismusunternehmungen ist deren auf Optimierung zielendes Gewinnstreben. Die Schadensminimierung für ihre Kunden und das Image von Sicherheit und Verlässlichkeit bringt diesen Firmen hohes Ansehen und Vertrauen. "Sicherheit in der Katastrophe" ist inzwischen in die Kataloge der großen Tourismus-Veranstalter als Nebeneffekt und Angebotsprofilierung aufgenommen worden. Damit ist die Konkurrenz, z. B. kleinere Fluggesellschaften, zum Vorteil der Konsumenten, erheblich unter Leistungsdruck gesetzt, sich der Sicherheit und der Krisentauglichkeit zuzuwenden.

  3. Speziell die empirische Forschung zur Massenkommunikation erfasst Werthaltungsprozesse in den kommunizierten Wirkungsinterdependenzen. Analysiert und festgestellt wird anhand der Seebebenflut vom 26.12.2004, welche Leistungen, Fehler, Verirrungen und Lernstörungen auftraten.

    Die marktwirtschaftlichen Krisenmanager waren vorrangig auf die Effizienz der praktischen Hilfe und der Hilfe zur Selbsthilfe ausgerichtet. Gleichzeitig wurden von den Orten des Geschehens aus sowohl die Stellen der staatlichen Kompetenz, die Medienkommunikanden und die Heimatadressaten kontaktiert. Wenn die massenmediale Weiterverarbeitung nicht unter Kontrolle dieses Krisenmanagements steht, können daraus Nachteile und Irritationen für die Organisation folgen. Unter Umständen kommt es infolge falschen Verwertungsdenkens und Seitennutzung der Reizaufladung der Katastrophe durch Redakteure in den Medien zu Fremdzwecken. Fehl- oder Desinformation löst irrlaufende Massenkommunikationen und Erwartungen der Öffentlichkeit aus. In solchen Situationen pflegen Politiker, der Opportunität gehorchend, wichtige Entscheidungen zu verpassen oder zu vermeiden, dafür medienwirksame untaugliche Entscheidungen und Verlautbarungen, quer zum Krisenmanagement und den Sofortmaßnahmen, auszugeben.

    Die Medien-Berichterstatter machen dann aus der empirischen Lage eine "Kampagne", die in eine irreführende Lage-Berichterstattung übergeht. In Deutschland wurde über den Effekt der Betroffenheit Anteilnahme und Spendenaktionismus mobilisiert, denen kaum die konkreten, der Not abhelfenden Hilfetatsachen entsprechen. Die deutschsprachigen Redaktionen filterten eine jeweilige "deutsche Lage" heraus. Dabei wurde deutlich, dass die EU sowohl als betroffene Größe wie als helfende Größe nicht fokussiert wurde. Darüber, dass andere Staaten wie die USA, Australien, Japan oder Indien unverzüglich, in überragender Weise, halfen, erfuhren die Deutschen, als Helfende wie als Betroffene, nicht in aller Deutlichkeit. Insbesondere die materielle und technische Unfähigkeit der Deutschen und der EU als politischer Einheit, im weltpolitischen Vergleich, kam in den Kommunikationsinhalten zu kurz.

  4. Die Wertschätzung und die tatsächliche Bedeutung Europas, der europäischen Staaten und der EU als Staatengemeinschaft, ist im Weltmaßstab enorm gesunken. Hinsichtlich der politischen Gestaltung der Welt ist Europa in aller Augen so gesunken, dass von Deklassierung geredet werden muss.

    Ausdruck der massenkommunikativen Prozesse, abgelesen an den Inhalten der Sendungen, Textberichte, Programme und Bewertungen, ist eine erhebliche Kluft zwischen einem Selbstbild stärkster Betroffenheit und geltungssüchtiger Moralität über Hilfeforderungen. Die schwächelnden materiellen und politischen Fähigkeiten Deutschlands, sich und anderen helfen zu können, prägen objektiv und im Fremdbild die Situation. Das Selbstbild kommuniziert diese Schwäche kaum. Die Kluft zwischen schwachen Fähigkeiten und realitätsfernen Vorstellungen wird unmittelbar und in der klaren Deutlichkeit nicht kommuniziert und nicht wahrgenommen. Es sind kurz- und mittelfristige Austauschprozesse der Informationen und Bewertungen in der Massenkommunikation über die Folgen der Katastrophe zu erwarten. Die Wirklichkeit der Schwäche wird tiefgreifende Werthaltungs-Entwicklungen auslösen, die das Selbstvertrauen der Deutschen erschüttern müssen. Ferner sind Entsolidarisierungs- und Ausdifferenzierungstendenzen der EU-Partnerstaaten untereinander und gegeneinander zu erwarten.

  5. Als überwiegende Werthaltungen gegenüber dem Katastrophen-Ereignis und deren massenmedialer Zurichtung unterscheidet sich der 26.12.2004 vom 11.09.2001. Während der Angriff auf New York als Katastrophe eine weltweite massenmediale Aufmerksamkeit erzeugte, reagierte die Weltbevölkerung in drei Perspektiven der Bewertung: pro Opfer, pro Täter und Gleichgültigkeit.

    Im Unterschied dazu erregte die Flutkatastrophe im Pazifik bei allen erreichten Teilnehmern einhellige Anteilnahme und Bewertung hinsichtlich der Not und des Hilfebedarfs.

    Diese konsonante soziale Grundreaktion erleichtert den Medien, die Aufmerksamkeit der Konsumenten in der Massenkommunikation mit maximaler Information zu belasten. Es ist nicht nötig, wie beim 11. September 2001, die unterschiedlichen politischen Entscheidungen der Akteure durch ästhetische oder propagandistische Mittel zu flankieren. Niemand muss sich für Hilfsbereitschaft entschuldigen, es sei denn, ganz nebenbei würde z. B. Indien oder Indonesien besetzt werden.

  6. Die immer etwas verspätete, mit Hilfe der Demoskopie auf den öffentlichen Selbstbildern surfende Verlautbarungspolitik des SPD-Kanzlers Schröder wird sehr bald auf die eigene Zahnlosigkeit und das schwindende Ansehen Europas, mit Deutschland als stärkstem EU-Staat mit Führungsanspruch, zurückgeworfen werden. In Machiavellis "Fürst" lautet die Forderung an die Machtpolitik: "In normalen Zeiten braucht man mäßige, namenlose und ungeniale Führer, in schlechten Zeiten der Not wird das politische Genie gebraucht." So gesehen ist der Abstieg Deutschlands und der EU ganz normal, und keine Not.

  7. Westerwelle und die FDP haben keine Ideen im Programm, wie der deutsche Liberalismus zur Belebung der europäischen Entwicklung aus den entwicklungssoziologischen Wirkungselementen des föderalen und zentralen Etatismus, des Dirigismus und des Kapitalismus in eine gewünschte Zukunft gelangen kann. Die Naturkatastrophe in Südasien ist auch als kommunizierte Inhalte ein markanter Tiefpunkt in der personellen Programmatik der heutigen Spaßpartei FDP, mit Gedenken an Theodor Heuss, Friedrich Naumann und Ralf Dahrendorf.
Dietmar Moews, asz alphons silbermann zentrum dresden, Institut für europäische Massenkommunikations- und Bildungsforschung, am 7. Januar 2005

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