
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Und als ich meinen Freund verließ, ging ich mit langsamen Schritten davon - ich, der ich meine
Zorneswallungen überwinde, da sich von dem Berge aus, den ich ersteige, ein wahrer Friede
einstellt, der nicht aus Versöhnung, Verzicht, Vermischung oder Aufteilung besteht.
Denn ich sehe dort Voraussetzung, wo sie Streit sehen.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Und so ist es auch mit meinem Zwang, der Voraussetzung meiner Freiheit ist,
oder mit meinen Geboten gegen die Liebe, die Voraussetzung der Liebe sind,
oder mit meinem vielgeliebten Feind, der Voraussetzung meines eigenen Wesens ist,
denn das Schiff hätte keine Form ohne das Meer.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Und so wandere auch ich von einem versöhnten Feind über den anderen versöhnten Feind - aber
von einem neuen Feind über den anderen neuen Feind - auf dem Hang, den ich ersteige,
langsam der Ruhe in Gott entgegen;
denn ich weiß, dass es beim Schiff nicht darum geht, dem Ansturm des Meeres nachzugeben,
und dass es beim Meer nicht darum geht, sich gegenüber dem Schiff sanft zu zeigen.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Ich weiß, dass es darauf ankommt,
nicht zu wanken und im Verlauf eines erbarmungslosen Krieges,
der Voraussetzung des Friedens ist, nicht aus falscher Liebe zu paktieren.
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Hochsinn werkelnder Superexperten
aus>Verwandlungen<
von Alphons Silbermann (1989)
(DM.) Das lesenswerte Buch "Verwandlungen" ist inspirierend, belehrend und reizend. Dabei macht das Lebensschicksal Alphons Silbermanns, des kölner Juden, Dr. jur., Cellist und Professor der empirischen Sozial- und Wirklichkeitsforschung in Lausanne, Paris, Köln und Bordeaux, Gastronomie-Avantgardist in Sidney - mit deutschem und englischem Pass - fortwährend erstaunen. Die Auswertung aus dem Blickwinkel des Soziologen, der weiß, wie Mensch zu Mensch kommt, oder zu welchen Folklorekünsten Menschen fähig sind, wenn sie die Sozialität unterlaufen wollen. (S.485 f.)
Das Jahr 1972, in dem sich die Deutschen wieder vernehmbar in die Brust werfen, weil sie annehmen, die Veranstaltung der Olympischen Spiele auf ihrer südlichen Landesfläche bringe ihnen die Stelle des Konzertmeisters im internationalen Politorchester ein, betritt er in eigenartiger Stimmungsmischung. Mit dem Hinscheiden des Vaters und der darauffolgenden Auflösung eines Hausstandes, in dem er viele seiner australischen Aufbaujahre mit Essen, Trinken, Schlafen, mit Aufregungen, Streiten und Lieben, mit Plauderstunden, Nachtschwärze, Tageshelle, Niedergeschlagenheit und Aufgeräumtheit verbracht hat, hat sich ein Schlussakt vollzogen, dem jegliches Behagen fehlt. Außer dem Grab der Eltern, ein wenig gemahnender Melancholie und einem australischen Paß, der das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet, sind Anhänglichkeiten jedweder Art zu einem Memento geworden. Die Existenzberechtigung hat sich unwandelbar verlagert. Brauchbar ist fortan nur noch die maßgeschneiderte Ummantelung durch das Professorenebenmaß, soweit es nicht zur Attrappe und seine Wirkungsspanne nicht zu einem Schlafgemach geworden ist. Doch auch hier fallen die Sonnenstäubchen unausbleiblich auf einen Schlußakt: es bleiben ihm noch zwei Jahre bis zur Pensionierung.
Fürwahr, die lange Fahrt auf der Autostraße in einem Rasthaus zu beenden, weil man sich selbstbetrügerisch vorschwatzt, dann endlich Zeit zu haben, um Bücher zu lesen, Schall-platten abzuhören, Kochkünste zu pflegen, Golf zu spielen und Rasen zu mähen, entlädt sich nur im Gedankenspielraum derjenigen, die schon stets nicht weiter als bis zu ihrer Nasenspitze haben sehen können. Diesen stehen jene gegenüber, die es einfach nicht lassen können, mit ungewitzter kreativer Dränge gebrandmarkt zu werden. Es gibt aber auch solche, die sich allein schon bei dem Gedanken an den Schlußakt gebeutelt fühlen, vor allem, wenn sie wie er die Straße mit dem Legen vieler Pflastersteine erst Abschnitt für Abschnitt haben herrichten müssen. Ja, dann lassen fügsamer Anspruch, kombinatorisches Denken ebenso wie selbst-behauptendes Ringen zu wünschen übrig. Et voilą, das war der Stand der Dinge, während er sich in der Senkung zwischen Aufbruch und Ende befindet.
Unterdessen rütteln die von ihm übernommenen und an ihn herangebrachten vielgestaltigen Anwartschaften an der Pforte seines Rüstzeugs, so daß er gedankenschnell, wie durch ein Auffrischungsmanöver aus Schwung- und Spannungslosigkeit herausgezogen wird. Als erstes muß er in das Blickfeld seiner kommunikationssoziologischen Beratungsobliegenheiten beim Springerschen Verlagskonzern wieder einsteigen. Seit die den Konzernherrn umgebende Camarilla den tapfer und geschickt für die Firma agierenden Mediengehilfen Arning entfernt hat, hat er von dessen, in der obersten Chefetage sitzenden, nur beiläufig an Medienangelegenheiten interessierten Ersatzmann monatelang kaum etwas gehört. Dann kommt plötzlich ein brandeiliger Ruf aus der Zentrale. Man bedarf dringend der gutachterlichen Beurteilung jener neuerrichteten Abteilung, die sich mit der Produktion von für die Ärzteschaft bestimmten, mit medizinischen Inhalten und Werbebotschaften angefüllten Kassetten befaßt. Das kostspielige audiovisuelle Unternehmen, in das bereits Hunderttausende mit ungezügeltem Enthusiasmus hineingebuttert worden sind, scheint nicht den erhofften Anklang zu finden; es dreht sich im unwirtschaftlichen Leerlauf. Also ran an die ihn mit zaudernder Zurückhaltung empfangenden, mit hohen Gehältern, gebietender Eigenmächtigkeit und einer Schar von Mitarbeitern und wohlgepflegten Sekretärinnen ausgestatteten Abteilungschefs, um einen Einblick in das Kassettenunternehmen zu gewinnen.
Irgendein Schlaumeier hat der Geschäftsführung die Idee vom großen Medico-Kassettengeschäft angedient, da die Ärzte nach Abfertigung von zirka achtzig Patienten pro Tag weder Zeit noch Lust hätten, sich ihre Abende mit der Lektüre seitenumfassender Fachzeitschriften zu vertreiben; Eine, nur eine halbe Stunde dauernde, exquisit aufgemachte visuelle Medizinzeitschrift, im Vorspann durch professorale Medizinkapazitäten garantiert, das wird sich gewiß jeder Arzt bereitwillig zwischen Kalbsschnitzel und Obstsalat zu gemüte führen. Schnell bei der Hand, ohne sich die Perspektiven dieser berückenden Idee durch eine wenn auch noch so spärliche Verhaltens- oder Nutzungsumfrage abstützen zu lassen, hatte der Verlag Lizenzen für ein zu dieser Zeit bei weitem noch nicht ausgegorenes technisches System angekauft und munter drauflos produziert. Alle Ärztegruppen bekommen ihren Teil ab - von den Internisten über die Chirurgen, bis zu den Ophtalmologen, Kinderheilkundlern und Zahnmedizinerin - aber man bleibt fest auf der gesamten Ware sitzen. So ist das nun einmal bei unausgegorenen Hals-über-Kopf-Projekten, und was kann er daran schon begutachtend tun? Meinen die auf der obersten Chefetage Sitzenden vielleicht, die darunter werkelnden Superexperten würden sich von ihm Ratschläge geben lassen? Die auf technischen Mängeln, Fahrlässigkeit, Untüchtigkeit und naiven Illusionen beruhende Pleite ist auch nicht durch eine weitere, von der Abteilung verlangte Kapitalspritze aufzuhalten. Von erklärenden und erläuterndem kommunikations- und wirtschaftswissenschaftlichem Ballast befreit, läuft sein Gutachten auf den ungeschmückten Urteilsspruch hinaus: meine Herren, machen Sie die Bude zu! Aber weit gefehlt, Hochsinn bleibt Hochsinn, Verbissenheit bleibt Verbissenheit, und immer mehr Geld wird bekenntnistreu in das lendenlahme Ärztewerk hineingepustet, bis sich dann endlich das Medico-Kassetten-Unternehmen in Wohlgefallen auflöst. Doch zu diesem Zeitpunkt ist er längst nicht mehr Springer-Berater. Schon kurze Zeit nach der Kassettenbegutachtung, in der ihm mehr die Rolle eines umgänglichen Schnüfflers denn eines souveränen Beraters zuteil geworden war, hat er die Nase voll, zumal man entschlossen über seinen Rat hinweggegangen ist. Er fühlt sich unehrbar in seiner Haut, will nicht gekauft sein, und ohne viel Bruha und auch ohne die banale Floskel vom gemeinsamen Einverständnis beendet er eine Tätigkeit, die ihm viele Jahre ein buntes Straßentreiben gewesen ist.
Nun möge man nicht glauben, der Dämpfer seines Gewissens habe ihn auf das Ruhekissen der Bequemlichkeit geführt. Kunst und Kommunikation sind ihm so sehr Selbsterfahrungsbeurkundungen, daß ihrem Ausdruck, ihrer Form und ihren Methoden geradezu zwangsweise Darstellungen gewidmet werden müssen. Sie alle aufzuzählen und jede Drehung und Wendung mit dem Beisatz "Dies ist eine meiner besten Sachen" zu verstehen, sind Abrechnungen aus dem Eitelkeitskatalog, eben weil Selbsterfahrungsbeurkundungen das Unsichtbare dinghaft machen, dürfen sie nicht durch Enthaltsamkeit beschädigt werden. Darum muß es ihm vergönnt sein, mit unversehrter Selbstgewißheit von jenen Erzeugnissen zu sprechen, die bis zu seinem Abgang aus dem Universitätsdienst seine Bibliographie zieren.
Sein Freund, der von Fleiß und Wissen überfließende René König, der sich wie das damals noch möglich war, seine Bestallung um weitere drei Jahre hat verlängern lassen, sitzt an einem Kolossalwerk, dem "Handbuch der empirischen Sozialforschung", in dem Soziologenkoryphäen aus aller Welt ihre Spezialgebiete abhandeln. Silbermann werden innerhalb der ersten Bände die Kapitel "Systematische Inhaltsanalyse" (ein Forschungsansatz) und "Massenkommunikation" zuerteilt, die mit Billigung entgegengenommen und vom Verleger erbärmlich honoriert werden. Immerhin was tut man nicht alles, um mit den Renommierten auf einer Bank zu sitzen. In der wohlangesehenen Urban-Taschenbuchreihe verselbständigt er den Handbuchbeitrag über Massenkommunikation, den er mit Unterstützung einer seiner Assistenten, Udo Michael Krüger, verfertigt, wobei im Gegensatz zur schlechten Angewohnheit vieler seiner Kollegen der Assistent nicht mit ein paar hohlen Dankesworten im Vorwort abgetan, sondern als Mitverfasser auf dem Titelblatt genannt wird. ..."
Gustav Lübbe Verlag 1989
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