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neue sinnlichkeit

Anmutung zur 68er Kantpolitik/Maurice Merleau-Ponty, 1946:

>Man muss zu all und jedem Opfer entschlossen sein<, sagte Lenin, >und sogar - wenn es sein muss - zu allen möglichen Listen, Kniffen, illegalen Methoden, zu Verschweigung, Verheimlichung der Wahrheit bereit sein, um nur in die Gewerkschaften einzudringen, in ihnen zu bleiben und dort um jedem Preis kommunistische Arbeit zu leisten.<
Anmutung zur 68er Kantpolitik/Maurice Merleau-Ponty, 1946:

Der Marxismus nimmt sich vor, das Problem des menschlichen Zusammenlebens auf radikale Weise zu lösen, jenseits der Unterdrückung durch absolute Subjektivität wie absolute Objektivität, auch jenseits der Pseudolösung des Liberalismus.
Anmutung zur 68er Kantpolitik/Maurice Merleau-Ponty, 1946:

Wenn es stimmt, dass die Geschichte Kampf ist, und wenn der Rationalismus selber eine Klassenideologie ist, besteht keinerlei Aussicht, die Menschen unmittelbar dadurch zu versöhnen, dass man, mit Kant, an den >guten Willen< appelliert, das heißt an eine allgemeine Moral >über den Schlachten<.
Anmutung zur 68er Kantpolitik/Maurice Merleau-Ponty, 1946:

Die Partei und ihre Führer reißen die Massen mit sich, ihrer wirklichen Befreiung entgegen, die im Kommen ist, und opfern, wenn es sein muss, die formale Freiheit, die alltägliche Freiheit.
Anmutung zur 68er Kantpolitik/Maurice Merleau-Ponty, 1946:

... sind wir der hegelschen Auffassung vom Staat sehr nahe, die letztlich einigen Wenigen die Rolle von Subjekten der Geschichte vorbehält, während die Anderen vor diesem transzendenten Willen Objekte bleiben?
Anmutung zur 68er Kantpolitik/Maurice Merleau-Ponty, 1946:

Der Marxist wird auf diese Frage zunächst antworten; eben dies oder nicht. Entweder will man etwas tun, und das bedingt die Anwendung von Gewalt - oder man respektiert die formale Freiheit, verzichtet auf Gewalt, doch das ist nur möglich, wenn man auf den Sozialismus und die klassenlose Gesellschaft verzichtet, also die Herrschaft des >heuchlerischen Quäkers< festigt.
Anmutung zur 68er Kantpolitik/Maurice Merleau-Ponty, 1946:

Aber alle Revolutionen zusammen haben nicht mehr Blut vergossen als die Imperien. Es gibt nichts als Gewalt, und der revolutionären Gewalt gebührt der Vorzug, weil sie eine Zukunft von Humanismus hat.
Anmutung zur 68er Kantpolitik/Maurice Merleau-Ponty, 1946:

Denjenigen achten, der die Anderen nicht achtet, heißt letzten Endes sie verachten; sich den Gewalttätigen gegenüber der Gewalt enthalten heißt sich zu ihrem Komplizen machen. Wir haben nicht die Wahl zwischen Unschuld und Gewalt, sondern zwischen verschiedenen Formen der Gewalt.
Sichtbar-Sehendes Fleisch
letzte Arbeitsnotizen
von Maurice Merleau-Ponty 1960/61


(DM) Wie wahr sind die Dinge? Können wir die Dinge erkennen? Was hilft Dinge-Erkenntnis? Kant sagt, wir haben letztlich nur die Dingewelt der Objekte und unsere Kritik (was ist mit Moral?). Wir versuchen uns subjektiv und intersubjektiv und sozio-orientierend daran zu halten. Merleau-Ponty thematisiert in der menschlichen Orientierung Verzerrung und Entbergung.

Thema der Neuen Sinnlichkeit ist die positive Evidenz unserer Menschenwelt. Die evidente Objektivität der Dinge, vereinfacht auch "Positivismus" genannt, ist als Oberregel in der Naturwissenschaft anerkannt. In den Geisteswissenschaften wird das gerne relativiert. Man sagt: Es gibt keine Wahrheit. Es gäbe viele subjektive Wahrheiten. Es gäbe Meinungsmacht, bis hin zur "revolutionären Wahrheit" im Marxismus: Die Partei, die Partei, die hat immer recht.

In der Neuen Sinnlichkeit wird um eine "Dritte Kultur" gerungen, Naturwissenschaftsverständnis und Erkenntnis-Spielräume zusammenzuführen. Allerdings bleibt hierbei - mit Kant - die menschliche Objekterkenntnis unser Maß. Nur was man "objektiv" mitteilen kann, z. B. "es regnet, ich werde nass", lässt sich zum Urteilen und zur gesellschaftlichen Handlungsmaxime (Regenschirm) feststellen. Sinnliche Rückbindung ist unser alltagserprobtes Vergewisserungsmittel. Subjektivere Wahrheitsimpulse und Vorstellungen sind aber menschlich auf nonverbales Verständnis-Entgegenkommen angewiesen - ich bestehe darauf. Tropismus, Mimesis, Konsonanz, Empathie, Rausch, Duldungs-starre, Reiz- und Überlastungs-Rezeptivität, subjektive Inkonstanz - und Wahrnehmungsselektion - sind in der sozialen Zuverlässigkeit löchrig und im Streit nicht zwingend. Hier lauern Verzerrung und Entbergung. Menschliche Sinnlichkeit ist inkonstant. Es ist geradezu aus Menschlichkeit geboten, anzunehmen, dass das Menschliche am Menschen auch das Inkonstante ist, das Nichtmaschinelle, aber auch das Genial-Resiliente. Wo die Sinnlichkeit ungesellig wird, müssen Gefühle auf Vertrag gestellt werden, und gerade das ist "gefühlstötend". Die Sinnlichkeit als Letztinstanz unseres gesellschaftlichen Urteilens muss - so gut es guten Willens geht - zur intersubjektiven, und allgemeiner, zur sozio-sinnlichen Vergewisserung dienlich gemacht werden können. Die Fragen: Welche sozio-kritische Urteilskraft haben wir? (Immer nach dem sozio-sinnlichen Prinzip: die (Urteils-)Kette ist nur so stark, wie das schwächste Glied der Vielen achtlosen Mitmenschen.) Und: welche Urteile können wir objektiv teilen? Was dürfen wir unseren Mitteilungen zumuten? Welche Evidenz dürfen wir mitgeteilten Urteilen (das sind ihren Emissären zugeordnete Texte) zurechnen? Was dürfen wir von Geselligkeits-Urteilen erwarten, damit Kommunikation gelingt? (Der Handlungsmächtige anders als der Mitspieler, anders als der Unterworfene und Nichtbeteiligte. Während sich der Autor Maurice Merleau-Ponty von Freud distanziert, ist sein Thema: unser intersubjektives Urteilen und die ständig sich wandelnde Objektwelt, hinter deren Entwicklungsstand jeder Mensch unterschiedlich zurückbleibt oder nachkommt.


Der >Andere< November 1960
Worauf es ankommt, ist nicht ein Ausweg für die Lösung des "Problems des Anderen" - Es geht um eine Umformung des Problems.

Wenn man vom Sichtbaren und vom Sehen, vom Sinnlichen und vom Empfinden ausgeht, so gelangt man zu einer ganz neuen Vorstellung von "Subjektivität": es gibt keine "Synthesen" mehr, es gibt einen Kontakt zum Sein durch seine Modulationen hindurch oder durch seine Reliefs hindurch -

Der Andere ist nicht mehr so sehr eine Freiheit, von außen gesehen als Geschick und Fatalität, ein rivalisierendes Subjekt eines anderen Subjektes, sondern er ist, wie wir selbst, aufgenommen in den Kreislauf, der ihn mit der Welt verbindet - Und diese Welt ist uns gemeinsam, ist eine Zwischen - Und es gibt Transitivität durch Generalität - Und sogar die Freiheit hat ihre / Generalität, wird als Generalität begriffen. Aktivität ist nicht mehr das Gegenteil von Passivität.

Von daher leibliche Beziehungen von unten her nicht weniger als von oben her und die feine Spitze
Umschlingen

Von daher grundlegendes Problem = nicht gemeinsame Sache machen im Sinne einer Erschaffung ex nihilo einer gemeinsamen Situation, eines gemeinsamen Ereignisses + Engagement durch die Vergangenheit, sondern im Sinne von hervorbringen - Sprache -

Der Andere ist ein Relief, wie ich es bin, nicht absolut vertikale Existenz



Körper und Fleisch - Eros Dez. 1960
Philosophie des Freudianismus
Oberflächliche Interpretation des Freudianismus: er ist Bildhauer, weil er analer Charakter ist, weil die Fäkalien schon Lehm sind usw.

Aber die Fäkalien sind nicht Ursache: wären sie dies, so wäre jedermann Bildhauer

Die Fäkalien führen nur dann zum Entstehen eines Charakters (Abscheu), wenn das Subjekt sie so erlebt, dass es dort eine Dimension des Seins findet -

Es geht nicht um die Erneuerung des Empirismus (Fäkalien, die dem Kinde einen gewissen Charakter aufprägen). Es geht darum zu verstehen, dass die Beziehung des Kindes zu den Fäkalien eine konkrete Ontologie bedeutet. Keine existentielle, sondern eine ontologische Psychoanalyse machen

Überdeterminierung (= Zirkularität, Chiasmus) = jedes Seiende kann als Emblem des Seins hervortreten (=Charakter) = er ist zu lesen als solcher. Anders gesagt, anal sein erklärt nichts: denn um es zu sein, bedarf es der ontologischen Fähigkeit (=Fähigkeit, ein Seiendes als repräsentativ für das Sein zu nehmen) -

Was Freud also aufzeigen will, das sind keine Kausalketten; ausgehend von einem Polymorphismus oder Amorphismus, der einen Kontakt mit dem Sein der Promiskuität und der Transitivität bedeutet, ist es die Fixierung eines Charakters durch Einschließung der Offenheit für das Sein in ein Seiendes, so dass sie fortan durch dieses Seiende hindurch geschieht

/ Die Philosophie von Freud ist also nicht Philosophie des Körpers, sondern Philosophie des Fleisches -

Das Es, das Unbewusste, - und das Ich (Korrelate) vom Fleisch aus zu begreifen

Das ganze Bauwerk von Begriffen der Psychologie (Wahrnehmung, Idee, - Gefühl, Lust, Begehren, Liebe, Eros) all das, das ganze Durcheinander, klärt sich plötzlich auf, sobald man diese Begriffe nicht mehr als Positive (als "Geistiges, das + oder - dicht ist) versteht, nicht um sie als etwas Negatives oder als Negativitäten zu denken (denn das führt uns wieder in dieselben Schwierigkeiten), sondern als Differenzierungen einer einzigen und massiven Verhaftetheit ans Sein, das das Fleisch ist (eventuell als "Zacken"). - Dann verschwinden Probleme wie die von Scheler (wie die Beziehung des Intentionalen zum Affektiven verstehen, das jenes quer durchzieht, wo doch eine Liebe quer läuft zu den Schwankungen von Lust und Schmerz = Personalismus): denn es gibt keine Hierarchie von Ordnungen, von Schichten oder Ebenen (die immer gründet in einer Unterscheidung Individuum-Wesen), es gibt eine Dimensionalität jeder Tatsache und eine Tatsächlichkeit jeder Dimension - Dies aufgrund der "ontologischen Differenz" -

Der Leib in der Welt Dezember 1960
Das Spiegelbild - die Ähnlichkeit
Mein Leib im Sichtbaren. Das heißt nicht nur: er ist ein Stück des Sichtbaren, dort gibt es das Sichtbare und hier (als Spielart des Dort) meinen Leib. Nein. Er ist vom Sichtbaren eingefasst. Das heißt: er sieht sich, er ist etwas Sichtbares, aber er sieht sich sehend, mein Blick, der ihn dort sieht, weiß, dass er hier ist, auf seiner Seite - Auf diese Weise steht der Leib aufrecht vor der Welt und die Welt aufrecht vor ihm, und zwischen diesen beiden vertikalen Seienden gibt es keine Grenze, sondern eine Kontaktfläche -

Das Fleisch = gleich die Tatsache, dass mein Leib passiv-aktiv (sichtbar-sehend) ist, Masse an sich und Geste -

Das Fleisch der Welt = ihre Horizonthaftigkeit (innerer und äußerer Horizont), die das winzige Häutchen des Sichtbaren streng zwischen diesen 2 Horizonten einschließt -

/ Das Fleisch = die Tatsache, dass das Sichtbare, das ich bin, sieht (Blick ist) oder, was auf dasselbe hinausläuft, ein Innen hat + die Tatsache, dass das äußerliche Sichtbare auch gesehen wird, d. h. hineinragt bis in die Umfriedung meines Leibes, der an seinem Sein teilhat.

Das Spiegelbild, die Erinnerung, die Ähnlichkeit: grundlegende Strukturen (Ähnlichkeit des Dinges und des gesehenen Dinges). Denn das sind Strukturen, die sich unmittelbar aus der Beziehung Leib-Welt ableiten - die Reflexe gleichen dem Reflektierten = das Sehen beginnt in den Dingen, bestimmte Dinge oder Paare von Dingen rufen das Sehen hervor -

Zeigen, dass unser Ausdruck und unsere Konzeptualisierung des Geistes insgesamt diesen Strukturen entlehnt ist: z. B. Reflexion,

>Vertikales< und Existenz Dez. 1960
Sartre: der Kreis ist nicht unerklärbar, er ist erklärbar durch die Drehung einer Geraden um ihren Endpunkt herum - Aber auch der Kreis existiert nicht - Die Existenz ist unerklärlich...

Was ich das Vertikale nenne, ist das, was Sartre Existenz nennt, - die bei ihm aber alsbald zum Blitzschlag des Nichts wird, das die Welt aufgehen lässt, zur Tätigkeit des Fürsich.

In Wirklichkeit existiert der Kreis, und die Existenz ist nicht der Mensch. Der Kreis existiert, unerklärbar, sobald ich nicht nur den Kreis als Gegenstand, sondern auch diesen sichtbaren Kreis, diese kreisförmige Physiognomie berücksichtigte, den keine intellektuelle Genese und keine physische Kausalität zu erklären vermag und der gerade die Eigenschaften hat, die ich noch nicht kenne

Dieses ganze Feld des >Vertikalen< muss wachgerufen werden. Die Existenz bei Sartre ist nicht >vertikal<, nicht >aufrecht<: gewiss, sie schneidet die Ebene des Seienden, läuft quer zu ihr, aber sie unterscheidet sich allzu sehr von ihr, als dass man sagen könnte, sie sei aufrecht. Aufrechte Existenz, die vom Gewicht bedroht wird, die die Ebene des objektiven Seins verlässt, aber nicht ohne dass sie all das mitschleppt, was sie dort an Widrigem und an Gunstbezeugungen aufgelesen hat.

Der Leib präsentiert sich immer "von derselben Seite" - (prinzipiell: denn dies ist offenbar konträr zur Reversibilität)

Das ist so, weil Reversibilität nicht aktuelle Identität des Berührenden und des Berührten ist. Sie ist ihre grundsätzliche (immer/verfehlte) Identität - Doch sie ist keine Idealität, denn der Leib ist nicht einfach ein faktisch Sichtbares unter anderen Sichtbaren, er ist sichtbar-sehend oder Blick. Anders ausgedrückt, das Gewebe der Möglichkeiten, durch welches das äußerliche Sichtbare an den sehenden Leib angeschlossen ist, lässt eine bestimmte Abweichung zwischen ihnen bestehen. Aber diese Abweichung ist keine Leere, sie ist gefüllt vom Fleisch als dem Ort, wo ein Sehen auftaucht, Passivität, die eine Aktivität trägt, - und des-gleichen Abweichung zwischen dem äußeren Sichtbaren und dem Leib, die die Polsterung der Welt ausmacht.

Es ist eine schlechte Beschreibung, wenn man sagt: der Leib präsentiert sich immer von derselben Seite (oder: wir bleiben immer auf einer bestimmten Seite des Leibes - er hat ein Innen und ein Außen). Denn diese Einseitigkeit ist nicht einfacher faktischer Widerstand des Phänomens Leib: sie hat einen Seinsgrund: die einseitige Präsentation des Leibes als Bedingung dafür, dass der Leib sehender Leib ist, d.h. dass er nicht ein Sichtbares unter anderen ist. Er ist kein verstümmeltes Sichtbares. Er ist ein archetypisches Sichtbares, - und dies könnte er nicht sein, wenn er überblickbar wäre.

Descartes März 1961
Den vor-methodischen Descartes studieren, die spontaneae fruges
dieses natürliche Denken, >das dem Erwerb immer vorausgeht<, und den nach-methodischen Descartes studieren, denjenigen, der im Sinne der VI. Meditation in der Welt lebt, nachdem er sie methodisch ausgekundschaftet hat, - den >vertikalen< Descartes mit Seele und Leib, und nicht den des intuitus mentis - Und die Art und Weise, wie er seine Modelle auswählt (>Licht< usw.), und wie er schließlich über sie hinausgeht, den Descartes von vor und nach der Ordnung der Gründe, den Desartes des Cogito vor dem Cogito, der immer schon wusste, dass er denkt, aufgrund eines Wissens, das endgültig ist und keiner Erhellung bedarf, - sich fragen, worin die Evidenz dieses spontanen Denkens besteht, sui ipsius contemplatio reflexa, was diese Ablehnung der Konstitution der Psyche bedeutet, dieses Wissen, das klarer ist als jede Konstitution und mit dem er sich befasst.

/Descartes - Intuitus mentis März 1961
Die Definition des intuitus mentis, die sich auf die Analogie mit dem Sehen stützt, das selbst als Denken eines unteilbaren Sichtbaren verstanden wird (die Einzelheiten, die Künstler sehen) - Das Erfassen >des Meeres< (als >Element<, nicht als individuelles Ding), das als unvollkommenes Sehen betrachtet wird, von daher Ideal des distinktiven Denkens.

Diese Analyse des Sehens muss ganz neu gestaltet werden (sie setzt bereits voraus, was erst zur Debatte steht: das Ding selbst) - Sie sieht nicht, dass das Sehen Television, Transzendenz, Kristallisation des Unmöglichen ist.

In der Folge muss auch die Analyse des inzuitus mentis neu gestaltet werden: es gibt kein Unteilbares des Denkens, der einfachen Natur - die einfache Natur, das >natürliche< Erkennen (die Evidenz des ich denke, die klarer ist als alles, was man hinzufügen kann), das totales Begreifen ist oder gar keines; all dies sind die >Gestalten< des Denkens, und der >Grund< oder >Horizont< bleibt unbeachtet - Zu diesem hat man Zugang nur, wenn man mit einer Analyse des Sehens beginnt - Wie das Sehen, so ist auch das Denken nicht Identität, sondern Nicht-Differenz, nicht Distinktion, sondern Klarheit auf den ersten Blick

Fleisch März 1961
Dass der Leib sehend ist, das bedeutet seltsamerweise nichts anderes als: er ist sichtbar. Wenn ich mich frage, was ich mit der Äußerung >der Leib sieht< meine, komme ich nur darauf: er ist >von irgendwoher< (vom Gesichtspunkt des Anderen aus - oder: im Spiegel für mich, z. B. im Spiegel mit drei Seiten) sichtbar im Akte des Sehens -

Genauer: wenn ich sage >mein Leib sieht<, so gibt es in meiner Erfahrung davon bereits etwas, das den Blick, den der Andere auf ihn wirft, oder den Anblick, den der Spiegel von ihm vermittelt, grundlegt und ankündigt. D.h. er ist grundsätzlich sichtbar für mich, oder zumindest gehört er dem allgemeinen Sichtbaren an, von dem mein Sichtbares ein Bruchstück ist. D.h. in dieser Hinsicht kommt mein Sichtbares auf ihn zurück, um ihn >zu verstehen< - Und woher soll ich das wissen? wenn nicht deshalb, weil mein Sichtbares keineswegs meine Vorstellung, sondern Fleisch ist, d.h. fähig, meinen Leib zu umfangen, ihn zu sehen - Zuerst werde ich durch die Welt gesehen oder gedacht

Mein Plan:
I das Sichtbare
II die Natur
III der Logos


muss dargestellt werden ohne jeden Kompromiss mit dem Humanismus, mit dem Naturalismus oder schließlich mit der Theologie - Es geht gerade um den Aufweis, dass die Philosophie nicht mehr in diesem Gefälle denken kann: Gott, der Mensch, die Kreaturen, - welches die Ordnung von Spinoza war

Wir beginnen also nicht ab homine wie Descartes (der 1. Teil ist nicht >Reflexion<) wir verstehen die Natur nicht im Sinne der Scholastik (der 2. Teil betrifft nicht die Natur an sich, x der Natur, sondern Beschreibung des Geflechtes Mensch-Tierheit) und wir verstehen den Logos und die Wahrheit nicht im Sinne des Verbums (der III. Teil ist weder Logik noch Teleologie des Bewusstseins, sondern Untersuchung der Sprache, die den Menschen hat)

Das Sichtbare muss beschrieben werden als etwas, das sich durch den Menschen hindurch realisiert, was aber keineswegs Anthropologie ist (also gegen Feuerbach-Marx 1844)

die Natur als die andere Seite des Menschen (als Fleisch - keineswegs als >Materie<)

der Logos auch als einer, der sich im Menschen verwirklicht, aber keineswegs als sein Eigentum.

Sodass die Konzeption der Geschichte, zu der man dadurch gelangt, keineswegs ethisch ist wie von Sartre. Sie steht näher bei der von Marx: das Kapital als Ding (nicht als partielles Objekt einer partiellen empirischen Untersuchung, wie Sartre es darstellt), als >Mysterium< der hegelschen Logik ausdrückt. (Das Geheimnis der Ware als >Fetisch<)

(jeder historische Gegenstand ist Fetisch)
Bearbeitete Materie-Menschen = Chiasmus

(DM) Herausgeber Claude Lefort und die Übersetzer aus dem Französischen Regula Giuliani und Bernhard Waldenfels bemerken im Nachwort: ...der von uns geht, in solcher Weise lebendig ist für uns, dass wir die Gewohnheit angenommen haben, unsere eigenen Gedanken auf die seinigen zu beziehen, wenn wir die Kräfte, die uns fehlen, in ihm suchten und mit ihm als dem allersichersten Zeugen unserer Bemühungen rechneten... Der entschwundene Schriftsteller ist von nun an sein Werk, das wir lesen. Auf sein Werk und nicht mehr auf ihn selbst richten wir jetzt unsere Erwartungen. Dies stellt einen tiefgreifenden Wandel dar, denn wir zweifeln nicht daran, dass es lediglich Aufmerksamkeit und Geduld braucht, damit der Sinn uns erreicht, der dem Werke eingeschrieben ist. Alles verweist jetzt auf diesen Sinn, selbst jene Ideen, die wir für die umstrittensten hielten, denn auch sie vermitteln uns auf ihre Weise die Wahrheit des Diskurses.

letzte Arbeitsnotizen aus >Das Sichtbare und das Unsichtbare< Wilhelm-Fink-Verlag, München 1986
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