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neue sinnlichkeit

Anmutung zur 68er Kantpolitik/Maurice Merleau-Ponty, 1946:

Man begreift, dass im System des >demokratischen Zentralismus< die Dosierung von Demokratie und Zentralismus je nach den Umständen wechseln kann und dass der Apparat in gewissen Augenblicken in die Nähe des nackten Zentralismus rückt.
(Lenin)
Kinderseiten der Epoche
Hi Hi Hi Kant
von Dietmar Moews


Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Kant, die Wurst, hatte sogar drei zur Auswahl. Als die Kinderseiten der Epoche mit dem Ende des Kantjahres 2004 auch dem eigenen Ende entgegengingen, durfte Immanuel Kant seine Urteilskraft noch einmal vorführen - im Bett.

Das Schicksal trat hervor. Das Schicksal blickte Herrn Kant ins Püppchengesicht und sagte: Herr Kant, Ihre Geschichten gehen dem Ende entgegen. Sie haben die Wahl - Sie können wählen zwischen Hitler, Hinkel und Hippel.

Kant ließ sich nicht so von ohngefähr drängen, wählte, weil er Schicksal für etwas Eigenes hielt, das Schicksal. Das war nicht einfach ein Schicksal, es war etwa mein Schicksal, dein Schicksal oder hier war es Kants Schicksal, das hatte man zu umarmen. Und Mann war Kant ja - wie ein Schicksal, schick - genug. Entschied die Frage - Hitler, Hinkel oder Hippel? - kurzerhand für: Hi Hi Hippel.

Mit Theodor Gottlieb von Hippel, dem klugen Denker, Schriftsteller, Jurist, 1780 bis 1796 sogar Bürgermeister von Königsberg und Pionier fortschrittlich-emanzipatorischer Ideen, war Immanuel Kant gut bekannt - wir wollen den beiden nicht zu nahe treten. Hitler und Hinkel, indes, die beiden Hochverräter, waren Kant damals noch böhmische Dörfer - also Hippel war auch kompetent für Fragen, wie das Ende. Gleich nahm Kant Hippels Schrift "Über die Ehe" aus dem Regal, legte es neben die zweite große Abhandlung Hippels "Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber" und suchte darin Stellen, die er sich schonmal mit Lesezeichen aus getrockneten Fruchtschnittschen, Äppelschenscheibchen, auch Quitten, Bohnen, Rosenblütenblätter und Tränende Herzen, was der Garten so hergab und, was auch getrocknet noch anregende Düfte abgab, ohne zu faulen, zur olfaktorischen Nebenbelohnung, für die Qual der morschen Glieder und triefenden Augen, als Lesekosten, der unverzichtbaren entspannenden Stunden im Geiste.

Das Leben - so las Kant bei Hippel - eines Ehemannes ist, bis auf den Punkt zu sterben, zu Ende. Man sollte sich ein Ehebette und ein Erbbegräbnis an Einem Tage bestellen. Das war, genau besehen, auch frauenfreundlich. Hielt Kant aber dazu an, zu seinen eigenen Betrachtungen überzugehen. Kant hatte bekanntlich nicht geheiratet, weil - so hieß es - als er eine Frau hätte brauchen können, sich keine leisten konnte. Später, als er hätte leisten können, keine mehr gebrauchen. Folglich allein blieb, ein Bette angeschafft hatte, ohne ein Erbbegräbnis an Einem Tage zu bestellen. Was geworden wäre, mit Hitler oder Hinkel, wissen wir nicht, erfahren es nicht. Allerdings Mutmaßungen von Kant über Preußen zur Hitlerei sind Schwachsinnigkeiten von Sittenstrolchen der sich gegenseitig promovierenden Moderne.

Jedenfalls wollte Kant nicht dem Ende seiner Kinderseiten vorgreifen, ohne von seinem Bette zu berichten, das kein Ehebette war und das er ohne Erbbegräbnis gebucht hatte. Die beschriebene Betttechnik - Einwickelsystem nach Wasianski: genannt - war den Pinguinen abgeschaut, die Kant mit Senfgaben korrumpierte und in naturwissenschaftlichen Strömungsexperimenten studiert hatte - so: Dann legte er sich auf seine Matratze und hüllte sich in eine Decke ein, im Sommer in eine baumwollene, im Herbst in eine wollene. Beim Eintritt des Winters bediente er sich beider zusammen, und in der strengsten Kälte nahm er eine Federdecke von Eiderdaunen, von welcher der Teil, der die Schultern bedeckt, nicht mit Federn gefüllt war, sondern aus einem Ansatz von dickem wollenem Zeug bestand. Durch vieljährige Gewohnheit hatte er eine besondere Fertigkeit erlangt, sich in die Decken einzuhüllen. Beim Schlafengehen setzte er sich erst ins Bett, schwang sich mit Leichtigkeit hinein, zog den einen Zipfel der Decke über die eine Schulter unter dem Rücken durch bis zur anderen und durch eine besondere Geschicklichkeit auch den anderen unter sich und dann weiter bis auf den Leib. So emballiert und gleichsam wie ein Kokon eingesponnen, erwartete er den Schlaf.
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