
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Du liest den Kindern die besten Gedichte vor
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Du wünscht die schönste Frau zur Königin, denn die Vollkommenheit ist eine Richtung,
auf die man hinweisen muss, obwohl es nicht in deiner Macht steht, sie zu erreichen ...
Halt, sagte ich zu ihm, da gehst du zu weit.
Denn du gedenkst, mir die Blüte vom Baum zu trennen.
Du möchtest die Ernte veredeln, indem du den Dünger beseitigst.
Die schlechten Bildhauer retten, indem du den schlechten den Kopf abschlägst
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Und ich sage, dass die Vollkommenheit des Reiches auf den Schamlosen beruht ...
Ich ehre ebenso deine Dummheit,
denn es ist gut, wenn die Tugend als ein Zustand der Vollkommenheit angepriesen wird,
der durchaus wünschenswert und erreichbar ist.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Aber es ist gut, wenn die Richtung die Gestalt eines Zieles annimmt.
Anderenfalls würdest du es müde werden,
einem unerreichbaren Gegenstand entgegenzuwandern ...
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Es kommt der Abend, an dem die Liebste, die ich liebte, starb oder genas.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Es kommt der Abend, an dem die Liebste den Kopf auf die Schulter neigt und die ihr angebotene
Milchschale zurückweist, nach Art des Neugeborenen,
das schon von der Welt abgeschnitten ist und die Brust verweigert,
denn die Milch ist ihm bitter geworden.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Sie hat gleichsam ein entschuldigendes Lächeln, denn du tust ihr leid,
weil sie sich nicht mehr von dir nährt. Sie bedarf deiner nicht mehr.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Und du trittst ans Fenster, um deine Tränen zu verbergen.
Und dort sind die Fluren.
Da spürst du, gleich einer Nabelschnur, das Band zwischen dir und den Dingen.
Den Gerstenfeldern, den Weizenfeldern, dem blühenden Orangenbaum,
der die Nahrung deines Leibes vorbereitet,
und der Sonne, die seit dem Anbeginn der Zeiten die Brunnenräder sich drehen lässt.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Und mit langsamen Schritten kehrst du zum Bett zurück.
Du wischt das Gesicht ab, das vom Schweiß glänzt.
Noch ist sie da, aber ganz abgewandt in ihrem Sterben.
Die Fluren singen für sie nicht mehr ihr Lied vom Bau des Aquädukts
oder vom Handwagen oder vom trippelnden Esel.
Der Duft der Orangenbäume ist für sie nicht mehr da und auch nicht deine Liebe.
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Erfolgskinder Liebstere Leserin, lieber Leser, Spiritualität, liebe Dissidenten, das Prinzip des Jasagens, so sah Armin Mohler das weiße Engelchenhemd der Neuen Sinnlichkeit und den Herausgeber Dietmar Moews.
Der Gründungsimpuls von 1979 ist von gewisser Dauer. Mit der TAZ in Berlin, der Titanic in Frankfurt / Main und der Neuen Sinnlichkeit in Hannover schalteten sich kreative 68er in den Zeitungsmarkt der Ideen ein, von denen der Jüngste, Moews, sagt, es gibt Regeln und Übermut, nicht nur Gesetze: 25 x usus tyrannus.
Die Erleuchteten, Propheten und natürlich die Mönche heilten sich von der Welt, indem sie auf sie verzichteten. Ihre Weltfremdheit ist eine Kur gegen die Banalität des Alltags und ein Symptom für eine Krise, die so alt ist wie die Hochkulturen selber. Da ist Gott der Versuch, die Welt zu vermeiden. Bei dem Konversationsprosaisten im Felde der Philosophiegeschichte, Peter Sloterdijk, heißt es zu dieser Frage in Weltfremdheit (Suhrkamp 1994): "Wohin gehen die Mönche? Das europäische Mönchstum endet auf Käseschachteln."
Wir sehen, unter Spiritualismus wird heutzutage Verschiedenes verstanden: Viele bevorzugen eine Kaiserstuhler Bassgeige, andre den täglichen Joint. Ein älteres Lexikon weist aus: Spiritualismus (lat.), in der Philosophie die Auffassung, dass die Körper nur Erscheinungsformen des Geistes (der Geister) sind, bzw. dass es nur geistige Substanzen gibt (Plotin, Leibniz, Berkeley u. a.), auch Immaterialismus.
In unserer Zeit, die den Geistern und dem Geistern nicht weniger fern steht, als andere Jahreszeiten, Gegenden und Geschöpfe, dass sogar Abergläubische als Atheisten figurieren, wundert uns nicht, was alles Spiritualismus und Spiritualität für sich reklamiert, verzerrt und zu entbergen meint. Warum nicht? Wo vor Gericht die Unschuldsvermutung geltend gemacht wird, kann hinter Feminismus, Sex und Gender, hinter Gärtner und Dompteur, Maskulinismus und Stabat Mater Dolorosa, hinter Muttertag, Himmelfahrt, Sternenhimmel und Mathematik, Spiritualität anzutreffen sein? Ja, warum nicht nur hinter, sondern auch vor und als es jeweils selbst, spirituell und inspirierendes Fleisch?
Als Akkordianer einer Neuen Sinnlichkeit und Freund der Lektüre der Schriften des angeblichen Jean Paul Richter, muss es doch zweifellos sein, dass bei einem so großen Sternenzelt und bei so viel nicht wegzumultiplizierender Seelen, die alle möglicherweise umgehen, wie die Leviathane, die Lemminge, die Golems, Engel und Liegenden Olländer, alle Kobolde, Duenden und Mephistophelyten, alle himmlischen Klöße und Vibrationen, alle durch Lichtstrahlen allein von der Erde auf alle möglichen euklidischen Betrachterstandpunkte aller Räume und Zeiten hinlaufenden bereits vergangenen oder zukünftigen Geschehnisse, nicht mit einer einfachen Multiplikation mit dem Multiplikator NULL beseitigt werden. Eine Einwirkungslosigkeit, eine Erlösung all dieser Kräfte, eine Leere und Stille in mir und dir, ein Zen im Yoga des Hara samt Chakren, müssen sich verkörpern. Allein all die Gedanken all der Schriftsteller und alle nicht verwirklichten Ideen und Pläne - nein, wo Gründe sind, müssen auch Wirkungen erspürbar sein. Das sagt uns - spätestens seit Kant - unser "Geschmack". Kants Geschmack, der als Vorstellungsvermögen und Einbildungskraft so wahr sein soll, wie unser Glaube an Geld auf der Bank (Kant / Marx). Machen wir uns also auf die Suche: A la production du temps perdu. Wir kennen Alles - Welt, Zeit usw. nur, wir können es uns nicht erklären.
Der Künstlergelehrte Günter Schulte, in Köln, dessen Vignetten die Beiträge in diesem Heft einrahmen, Schulte, der so liebevoll Specksteinmösen gerubbelt, geschnitzt und gescheuert hat und nicht nur Das, sagte am Telefon: Mehr, als ich zu Kant geschrieben habe, gibt Kant für mich jetzt nicht her (Kant-Reader bei Sloterdijk-Diederichs; Kant-Einführung bei Campus, Kant 200 Jahre Vernunftkritik bei Balloni und z.B. in Neue Sinnlichkeit Numero 14, Blätter für Leibesaussichten und Durchdringung: Baubos böse Blume, Nachruf auf Kants Ästhetik) und sandte einen Aufsatz über Rosset und die bei Schulte unbeliebte Sterblichkeit ein.
In seinem Nachruf auf Kants Ästhetik (Neue Sinnlichkeit 14), in dem Schulte seine Materialkenntnis in Sachen Kant vorzeigt, gelingt es ihm leider nicht, einen positiven Beitrag zum Verständnis einer Neuen Sinnlichkeit vorzustellen. Schulte bleibt vollkommen im Negativen, indem er zeigt, mit welchen Denkfallen der Denker den Zugang zur Erkenntnis verfehlt.
Schulte nimmt Kants ästhetisches Beispiel an dem Punkt auf, wo Kant Einbildungskraft und Geschmack anzubinden versucht, im Schritt von der Objektanschauung weg, hin zur Geselligkeit des "Textes". Schönheit, sagt Kant, beginnt, wo, vom Objekt weg, ein metaphysisches Textspiel beginnt. Genau an dieser Stelle verzettelt sich Kant mit sogenannten äusseren und inneren Sinnen. Schulte prüft das gar nicht, sondern knüpft hier seine eigene Verzettelung an. Schulte schließt von Kants schöner Blume zur kantschen Blumenschönheit (begriffslos Verständliches / ästhetisches Interesse), zur Textschönheit (Barthes: Die Lust am Text), zum Geschlechtsakt, hin zu Eros und Tod. Schulte bemerkt dabei nicht, wo bei Kant vernunftkritische Erkenntnis und bei Nietzsche, den Schulte zitiert, "Wahrheit" behandelt werden. Schulte hüpft von Kants metaphysischer Urteilskraft-Diskussion unbedacht auf eine postmoderne Dekonstruktivismusschleife, und meint, in beinahe blinden Monokausalketten argumentieren zu können, von der Objektschönheit, zum Text, zum Sex. Kant und Nietzsche indes zeigen die Wahrheit des Sexus im Verbergen. Und sie zeigen - Kant - das ästhetische Vermögen in der Einbildungskraft / -Geschmack(sbehauptung) - Nietzsche das gleiche im Lügen bzw. im Kunstvermögen. Bei Schulte, der auf Sex und Tod fixiert ist, kommen weder das Erkenntnisvermögen, noch die neue Sinnlichkeit als Leibesaussicht weiter in betracht. Bei Kant und Nietzsche können wir hoffen, hinter dem Urteilen (zur ästhetischen Geselligkeit bei Kant oder zur gelogenen Kunst bei Nietzsche) steht ein Kennen. Kennen in dem Sinne, dass das Subjekt mittels sinnlich-positivistisch Objektvergewisserung sich in seiner Welt dinglich rückversichert fühlt, aber intersubjektiv mit den individuellen Wahrnehmungsfriktionen, Meinungs-, Sprach- und Bewusstseinspielen der Verunsicherungen lebt. Seine Weltkenntnis, die objektivierende Sinnlichkeit und eine intersubjektiv-kritische Urteilskraft, bieten dazu intersubjektive Evidenzen und verbindlichere Texte. Nicht, wie wir heute sagen, ein Subjekt hat seine Objektivität, zwei Subjekte haben mehrere Subjektivitäten, und deshalb sei der Geselligkeitstext polemisch, das Urteilen sprachlich gegenwendig und der Chinese, schließlich, sagt immer aus Höflichkeit Ja, geht aber davon aus, dass hinter allen Jas und Neins die Evidenz der Macht des Schwertes, die Textinterpretation als Meinungsmacht bestimmt. Dabei wäre die "Chinesische Kulturvariante" keine neue Sinnlichkeit, sondern nur eine, die sich "kennerhaft" banal auf nonverbale Evidenz und Objektivität bezieht.
Mit Merleau-Ponty gehen wir aber ins Fleisch. Er sagt, die Menschen sind in der Welt, wie die Made im Fleisch, sie sind Teil des Fleisches. Im "Fleisch" von getrennter Subjektivität zu sprechen - oder im Fleisch mit Intersubjektivitätssätzen Meinungsverschiedenheiten auszutragen, sei Unfug. Im gemeinsamen "Fleisch" sind verschiedene Meinungen Esoterik, aber keine Urteile. Nennen wir das "Fleisch" einmal die neue Sinnlichkeit des 1986 im radioaktiven Dunst von Tschernobyl subjekte-integrierenden Neusinns. Hier kann weder Wixtisch Derrida von "Radioaktivität als Text" rummachen, noch der Chinese Jasagen aber Neinmachen. Neue Sinnlichkeit bezieht ihre Deutung von evidenter Notwendigkeit, nicht von Freiwilligkeit. Was Hannah Arendt nicht schaffte, aber anriss, verdichtet sich bei Maurice Merleau-Ponty und seinen Schülern. Da entlang führt Dietmar Moews die neue Sinnlichkeit. Es erscheinen etwa 500 Hefte, bei Nachfrage auch Nachdrucke. Die Reichweite umfasst die ganze Welt, schließlich mit www.neuesinnlichkeit.com im Internetz. Der Verbreitungsgrad und die Bekanntheit der Neuen Sinnlichkeit ist im 25sten Erscheinungsjahr ungebrochen weltweit - die Durchdringung sehr geringfügig. Die Abonnenten- und Bezieherzahl auf Lebenszeit wächst stetig, gerade kostendeckend.
Auch Jean Paul hat zur öffentlichen Vernunftanwendung, um die es sich bei diesen Blättern für öffentliche Vernuftanwendung und Immanuel Kant handelt, sich an Regeln zu halten: Öffentliche Rede ist auf Mitteilung und Verstehbarkeit zu stellen, d.h., sie muss sich gängigen Meinungen anschmiegen, ist in politischer Sprache zu fassen, und nicht philosophisch unverständlich. Sie muss Wahrheiten so politisch dosieren, dass sie meinungstauglich sind, sonst wird der Redner erschlagen. Der Kanzler ist kein Lügner, sondern ein Politiker. Der Finanzminister ist kein Lügner, sondern ein Politiker. Wer Schuldenmachen wählt, bekommt Schuldenpolitiker und Zinslasten und wird für seine Gläubiger erpressbar, wie sonst nur von den militärisch überlegenen Feinden.
Spiritualität wird von den Menschen reklamiert. Wir hören von Dietmar Moews - der für sein Leben gern Harmonie und Konsonanz empfindet und zu genießen sich wünscht - er nimmt sich spiritual ernst, verlässt sich dabei - wie Herr und Frau Mensch sonst - auf die allgemeinen und besonderen Vorkommen sonn- und alltäglicher Spiritualität. Wer wollte bestreiten, dass Menschen einen Innenhof eines Zen-Klosters empfinden, als sei es ein heiliger Ort? Wer war schon mal in so einem Innenhof? Oder in einem Verkehrsstau am Münchner Stachus, Inspiration inspiriert, dass beim Zulöten eines Transitsarges in der Leichenhalle das Schnitzel anders schmecken kann als in einer Sauna, mag Schiller anders anregen als ein faulender Apfel unterm Schreibpult. Schiller - kein Zeuge Jehovas, sondern Immanuel Kants - steht vor einem schweren Schillerjahr 2005. Wir hingegen wollen und dürfen Spiritualität nicht nur auf Sachen und Handlungen in der Welt beschränken, sondern wir dürfen auch den Geist des Geistes, eine Transzendenz des Geistes, des Geistes an sich und aller erdenklichen Metaphysik und sonstigen Totalitäten, Toiletten und Tollitäten nicht bekämpfen, sondern wohlwollend herauf und herankommen lassen, was immer an- und zugemutet wird. Warum nicht die Spiritualität des Verdachtes, der Verdächtigungen und der Verdächtiger. Jasagen ist - neben Neinsagen und Schweigen - eine zwar spießige, aber immerhin lebensspendende Haltung, hinter der durchaus Esoterik und Innere Welten - formiert und ungeformt - verborgen sein können; mit dem Recht zum Tugendschimmer und Vorschwein klingeln alle gerne.
Weil das hier so vorgestellt wird, sowohl für wahr gehalten wie gemeint wird, philosophisch wie politisch, als Wahrheit und Lüge, sind diese Blätter für wahre Meinungen dem Jasagen und den wichtigen Personen gewidmet, die für diese Neue Sinnlichkeit herausgestellt zu werden verdienen. Von diesen Personen und deren Werken wird eine Spiritualität und Inspiration behauptet, die die geneigten Leserin und Leser genießen und beanspruchen dürfen.
Es sind - einen Moment noch, gleich zähle ich diese Namen der Quellen der möglichen spirituellen Inspiration auf, einen Moment - nicht einfach Tugendböcke und Sündenböcke, Mittelzicken und Mittelböcke, jedenfalls nicht, ohne noch zu erörtern, was damit gemeint ist:
Ausgehend nämlich von dem Wort Sündenbock, mit dem eine Begriffsbedeutung allgemein im Sprechen und Verstehen praktiziert wird, in dem Sinn, dass wir zwei Worte haben, die Sünde und den Bock, unter denen wir uns eine Bewertung und eine Werthaltung vorstellen, Sünde und Bock, zwei Worte mit einer Wertbedeutung wie schlecht, böse, nachteilig. Und zwar bedeutet Sünde in Verbindung mit Bock nur in der Geselligkeit, in der öffentlichen Sprache, was Schlechtes. Denn intim, für mich und dich, verbindet man damit allerlei Gewünschtes unter Umständen, z. B. wenn ein Bock mal sündigt.
Sünde und Bock als öffentlicher Sündenbock wird gesagt, wenn es etwas, wiederum in der Geselligkeit, in der öffentlichen Sprache, zu verurteilendes Böses zu benennen gilt. Da ist was Böses. Und nun will man dafür jemand verantwortlich machen, damit das Böse einer Person zugeordnet werden kann. Alsdann geht das Dreiecksbenehmen dahin, dass, wenn das Böse nicht zu ändern ist, wenigsten eine dafür verantwortlich gemachte Person bekämpft werden kann. Das ist der Sündenbock. Sündenbock steht also in enger Bedeutungsverbindung mit Stereotyp und Vorurteil. Sündenbock, Stereotyp und Vorurteil sind als soziale Erscheinung immer Verständnispraktiken, die eine Majorität auf den Plan setzt und gegen eine Minorität ein- und durchsetzt. Das einfachste Modell - beim Sündenbock nämlich - ist, Alle gegen Einen. Dabei ist der Sündenbock eben nur der zum Bock gemachte Gärtner, denn wäre er der nachweisliche Sünder, würde man ihn den Sünder nennen und vor jedem Gericht besiegen. Der Sündenbock hingegen bliebe unverurteilt. Doch kann er nur schwierig gegen Verleumdung, gegen Verdächtigung, gegen den ganzen herabwürdigenden Schlamassel, den er als Minorität mit dem Gebrüll: Haltet den Dieb! von der Majorität zugemutet bekommen kann, sich wehren. Am besten, man zeigt etwas Tugendschimmer, heuchelt und verdrückt sich. Denn der Spießer, der Erleichterung begehrt, wird zum Mob. Er wechselt aus der angegriffenen Minorität in die angreifende Majorität über. - Sündenbock - das ist Eigenschaft des Mobs, nicht des Bocks als schuldlos vom Vorurteil umgemünzten Opfertypus.
Anders dagegen der Tugendbock. Den Tugendbock hat sich Dietmar Moews für seine Leserinnen ausgedacht. Allgemeingenommen knüpft der Tugendbock als Begriffsbedeutung ins Leere. Denn der Begriff, wieder aus zwei Worten, Tugend und Bock, wird bislang von keiner Majorität praktiziert. Es gibt noch keine Anwenderkultur. Tugendbock ist weder eingebürgert noch eingekleinbürgert. Wahrscheinlich wird es dazu auch nicht kommen. Denn, wenn der Sündenbock offenbar einem Bedürfnis von Majoritäten entspricht, dem Bedürfnis, Probleme, die man nicht lösen kann, zumindest damit zu bannen, dass die Gesellschaft einem einzelnen Schwachen, dem Sündenbock, die Schuld an so einem Problem in die Schuhe schieben kann, so ist das beim Tugendbock wohl nicht ganz so einfach gelagert. Denn dieser Bock heckt Tugend: er steht für Tugend, als etwas Gutes, aber Begehrtes, ja Beneidetes meist knappes immaterielles Gut. Man kann es sich nicht selbst anetikettieren, ist auf Zuweisung durch andere Menschen als "tugendhaft" angewiesen. Meist verzichtet man darauf, denn oft wird Lob nur in die Forderung auf unberechtigtes Gegenlob ausgesprochen. Wer also nicht tugendhaft ist, will auch nicht das Etikett, wenn er dafür jemand anderes, ebenfalls nicht besonders Tugendhaften, als tugendhaft bezeugen soll. Da interdependiert der keineswegs tugendhafte Mob, verpitbullt die soziale Gegend, in dem keiner tugendhaft sein möchte, überhaupt, und indem tugendhafte Menschen als Minorität, mit Missgunst segregiert werden. Tugendbock ist, anders als Sündenbock, als Begriffsbedeutung nicht einfach plausibel. Dieser Tugendbock wäre ja einer Majorität nicht wie die Schöpfung des Sündenbocks aus seiner sozialen Benützlichkeit zur Hand. Ein Gebrauch kommt von der ständig neugeborenen majorizierenden (UN)Menschlichkeit, eine Redewendung gebrauchen zu wollen, her. Der Sündenbock ist jeder Majorität willkommen. Er dient ihr auf seine Kosten. Dagegen der Tugendbock wäre nur eine Witzelei, auch als Selbstironie, wenn ein Besserwisser eine Kritik einschleimen will. Der Tugendbock ist - als Schwächekennzeichnung der Majorität durch sich selber - nicht besonders zwingend. Der Tugendbock ist eine Widerstandsvokabel, ihr wird keine Karriere vorausgesagt, als Gegenteil des Sündebocks, gebraucht zu werden. Der Tugendbock wird in der Bedeutung als Vorbild kaum zu Majoritätszwecken indienst genommen werden. Kurz, der Tugendbock hat keine Chance, zur gebräuchlichen Kampfvokabel von Majoritäten zu werden. Weitere Benutzbarkeiten des Tugendbocks sind ebenso aufladungs- bzw. anschlussschwach, es sei denn in der Werbung. Jedenfalls zeigt auch hier der Bock mehr aufs schwarze Schaf, mehr aufs Stinken als aufs Zeugen. Der einfache Sinn von Vorbild, von Peer oder Oberlehrer, von Besserwisser oder Über-Ich, hat immer etwas Bevormundendes, ein Tugendleitbild strahlt Herrschaft aus.
Denn, und nun kommen wir zum vollendenden Schluss der Erörterung: Die Majorität besteht nicht aus Sündenböcken und nicht aus Tugendhaften, die zum Tugendbock gemacht werden könnten, sondern - sie ahnen es bereits - aus Mittelböcken und - gendertechnisch ergänzt, aus Mittelzicken. Keiner will als einzelner nachteilig hinausstehen. Also wird man Mittelstreckenläufer - eigentlich - wie Jürgen Slopianka, bei Pläne, dichtete - ist man mittel, also mittel. An diejenigen Mittelleute hat sich der kulturindustrielle Denker zu wenden, wenn er sendefähig sein will. So ist Das. Wichtige Autoren der Neuen Sinnlichkeit sind:
Der englisch-kalifornische Maler und Künstler-gelehrte David Hockney, der berliner und berner Künstlergelehrte Otto Nebel (1892-1973), der mergentheimer und dresdner Künstlerge-lehrte Otto Gussmann (1869-1925), der wiener Maler Gustav Klimt (1862-1918), der frankfurter Philosoph Arhur Schopenhauer, der europäische Dichter Friedrich Nietzsche (1844-1900), der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944), der beuthener und berliner Schriftsteller und Christ Jochen Klepper (1903-1942), der merseburger und torontoer Dichter Walter Bauer (1904-1976), der düsseldorfer und berliner Maler Peter Janssen, der lettische und englische Philosophiegeschichtler Isaiah Berlin (1909-1997), der kölner Soziologe Alphons Silbermann (1909-2000), der oxforder Soziologe Ralf Dahrendorf (geb. 1929), der berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl (geb. 1957), der chemnitzer und berliner Maler Peter Grämer (geb. 1939), der oldenburger Komponist Thomas Schmidt-Kowalski (geb. 1949) und weitere spirituelle Quellen, wie der Denker Jean Paul (1763-1825) als Ereignisse bekannt gemacht zu werden verdienen. DENKEN UND DISKUTIEREN DIENT DEN DEUTSCHEN.
Unser Almanach des Jasagens bringt einen wunderbaren, gewissermaßen hängenden Garten, was in Heft 50 ganz aktuell zur Neuen Sinnlichkeit gehört. Zur "Jugend-KANT-Politik der 68er Salonpersonnage" ist es die Pflicht, das Schindluder aus dem vergangenen Jahrhundert zu benennen: In der Neuen Sinnlichkeit wird gedacht und kommuniziert - wie es auf Sinnlichkeit und Evidenz des handelnden Leibes abgestellt, zweifellos auf Geselligkeit der objektiven Welt gebunden, und - im Traum, da ist der Mensch alleine. Die Welt und das Handeln in der Welt haben spirituelle Kraft. Das Träumen ist nur eine banale Folge von Determinationen - eine "Aura der Maschine". Ohne Community geht Weltmeinen nicht. Im Traummeinen bist du allein - da hilft auch Reden nicht. Bilden Sie sich Ihre Meinung, ob es Ihnen wert ist, am Roman der Neuen Sinnlichkeit mitzuwirken. Dass Don Quixotes Meinung übers Abenteuer von abenteuerlichen Vorurteilen ausging, weil er die Welt nicht sah, sondern nur die eigene Meinung bezüglich der Abenteuer, von Einbildungskraft und nicht von der wirklichen Welt herrührte, nicht durch Wissen, durch Sehen, durch Erkennen, durch Denken, durch Wahrnehmen und auch nicht durch vernunftkritische Geselligkeit konstituiert. Damit zeigt der Schriftsteller Miguel Cervantes seinen Helden Don Quixote als solipsistische Monade. Sein Stempel von Banalität, Stumpfsinn und Lernunfähigkeit liefert zur Unterhaltung eine Moral: Wer in Funktion von Einbildung, Vorstellung und Phantasie Macht als politische Meinung strukturiert, anstatt mit Fakten, Fachlichkeit und Evidenz - wie die maßgebliche deutsche Medienpersonnage täglich - treibt mit dem Bedarf nach Freiheit und Geselligkeit Don-Quixoterie und Verblödung. Der Evidenzsatz der Redakteure ist >Don-Quixotismus als symbolische Bücherverbrennung der falschen Propheten< und das sind längst Kaisers alte Kleider. Hier ist vorn, erst rauschig, dann in Duldungsstarre.
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