
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Du aber, du gehst als Gärtner vorüber. Und du siehst, was dem Baum fehlt.
Nicht vom Gesichtspunkt des Baumes aus, denn vom Baum aus gesehen fehlt ihm nichts;
er ist vollkommen. Aber von deinem Gesichtspunkt aus, der du ein Gott für den Baum bist
und die Zweige dort beschneidest, wo es nötig ist.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Und du knüpfst die zerrissenen Fäden und die Nabelschnur wieder zusammen.
Du versöhnst wieder. Und siehe, so beginnen sie von neuem in ihrer Inbrunst.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Du bist Weg, Gefährt und Beförderung. Du hast nicht die Empfindung, als ob du sie nährtest,
nicht einmal, als ob du sie heiltest;
es dünkt dir vielmehr, als ob du sie an die Dinge wieder anknüpftest, denen sie angehörte;
an diese Fluren, diese Ernte, diesen Brunnen, diese Sonne.
Anmutung zur 68er Kantpolitik von Antoine de Saint-Exupéry 1948:
Fortan lässt die Sonne das singende Brunnenrad sich ein wenig für sie drehen.
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Ein winziger Raum
von Walter Bauer 1963
Er ist wirklich winzig, der Raum, den ich beschreiben möchte. Ich glaube, dass er noch kleiner als eine Mönchszelle ist. Eigentlich kann, außer mir, der am Tische sitzt, nur noch ein Gast oder wer immer es sein mag, auf dem Stuhl neben dem Tisch sitzen; und da haben schon viele gesessen, seit dieser Raum mein Zimmer ist. Jemand könnte noch auf dem Feldbett Platz finden, das, etwas befremdlich für einen solchen Raum, darin steht; aber es macht sich gut, und ich werde es behalten, es ist, ein Erbstück sozusagen, von einer Kollegin. Natürlich haben andere den Raum vor mir benutzt; ich werde durchaus nicht sein einziger Bewohner gewesen sein. Die darin gesessen und gearbeitet haben, kenne ich nicht, bis auf diese Kollegin, die ein größeres Zimmer bekam, und dieser Raum wurde also frei, gerade als ich meine Arbeit an diesem Platz anfing; und ich erhielt ihn. Ein anderes größeres und besseres Zimmer wurde mir vor einiger Zeit angeboten, aber ich brachte es einfach nicht übers Herz, mich von diesem Raum zu trennen; ich glaube, dass er zuviel von meinem Leben angenommen hat. Vielleicht werde ich es eines Tages tun müssen, Dinge und Zustände verändern sich. Dann werde ich an dieses winzige Zimmer mit Wärme und vielleicht auch mit etwas Sehnsucht zurückdenken. Mit meinem wie jedermanns Leben sind viele Zimmer verbunden; aber dieser Raum wird mir dann der liebste gewesen sein, ich bin dessen schon jetzt sicher. Es war ein Raum, werde ich dann denken, der nicht nur in einem alten Gebäude lag. Er lag in der Welt wie kein anderer. Zuweilen kam es mir vor, so werde ich dann denken, als würde dieser winzige Raum riesig groß, so groß wie die Welt selber; als würden seine weißen Wände durchsichtig und durchlässig, und alles wehte herein und trat ein, was je in der Welt gewesen war, alle Jahrtausende, alle Zeiten, und sie mischten sich mit der Gegenwart ohne Riss, ohne Anstrengung; und manchmal blitzte auch ein Hauch von Zukunft auf. Gäste aller Art und aller Zeiten kamen zu Besuch, ich hieß alle willkommen, ob sie ja oder nein sagten; von Sokrates und Tu Fu und Goethe zu Pasternak und Unbekannten, von Lebenden vergangener Zeiten zu Lebenden von heute. Es war nicht immer hell darin; manchmal, trotz des lichten Tages draußen, wurde dieser Raum von Finsternis überschwemmt. Dann tat ich alles, um sie wieder zu verdrängen. Dieser winzige Raum, so werde ich dann wissen, hatte etwas von dem ersten Zimmer an sich, in dem ich als junger Mensch lebte, träumte, hoffte; auch er war ein Raum der Hoffnung, der Pläne, der Arbeit wie jenes erste Zimmer; trotz allem, was ich erfahren hatte und wusste.
Aber alles das klingt schon wie ein Abschiedsgruß an dieses winzige Zimmer. Ich brauche noch nicht zurückzusehen. Morgen früh, wie jeden Morgen, werde ich die Tür aufschließen und eintreten und wie fast jeden Morgen seit sechs Jahren ein Gefühl von Erwartung, Spannung und Freude haben. Das mag übertrieben klingen; aber es ist so. Ich fange den Tag mit Erwartung an. Ich weiß nun, dass Tag und Zeit ein Stoff sind, eine Art durchsichtiger Lehm, den man benutzt, um etwas zu machen, etwas zu formen, und wenn ich morgen früh eingetreten bin, werde ich meine Jacke ausziehen und aufhängen, die Hemdärmel aufstreifen, wie ich es immer getan habe, mir die erste Zigarette anzünden und solange ich sie rauche, in der frischen, ausgeruhten Stille sitzen und atmen; weiter nichts: einfach auf meinem Stuhl sitzen, rauchen, atmen: es ist Morgen, es ist wieder Morgen, es ist wieder ein Tag. Um diese Zeit bin ich allein in dem Gebäude. Elsa, unsere italienische Aufwartefrau, ist schon gegangen, und meine Kollegen kommen später. - Und dann fange ich an zu arbeiten. - "S'en aller! La parole des vivants." Saint John-Perse hat diese Zeile in seinem langen Gedicht "Winde" geschrieben; sie steht auf einem Zettel, den ich an die Wand über meinem Tisch geheftet habe. Das also ist der winzige Raum, in dem ich den Arbeitstag anfange. Ihn verlasse ich während des Tages, zu ihm kehre ich zurück.
Aber ehe ich diesen winzigen Raum weiter beschreibe, will ich sagen, was für ein Raum es ist. Er ist mein Arbeitszimmer; aber das klingt zu pedantisch. Er ist mein Büro; aber das klingt zu sehr nach Geschäft. Mit Geschäft hat das, was ich zu tun versuche, absolut nichts zu tun, eher mit einem Unternehmen, und ich möchte hinzusetzen: mit einem glorreichen, nie endenden Unternehmen. Es ist mein "office", wie wir hier sagen, es ist Zimmer 44C im University College der Universität Toronto in Kanada, und es liegt im German Department. Hier lehre ich und werde belehrt. Hier unterrichte ich und werde unterrichtet. Hier erhalte ich Antworten und stelle mir Fragen, da aus jeder Antwort eine neue Frage hervorwächst. Hier geht das Unternehmen des Studiums vor sich. Ich scheue mich nicht zu sagen, dass hier die Quellen lebendiger Wasser fließen für jeden, der davon trinken will. Sprachen und Literaturen sind Quellen des Lebens, eines Lebens. Wäre es nicht so, würde ich das nicht für wahr halten, wie könnte ich hier sein? - - Nun kann ich weiter beschreiben... Über dem Tisch an der Wand hängt ein Bücherbrett. Darunter habe ich eine Photographie der Totenmaske von Lessing angeheftet. Ich verdanke ihm viel: die befeuernde, reinigende Gegenwart und Wirkung eines unbestechlichen Mannes, der ein großer Schriftsteller war. Und wenn es nur der Satz wäre, den ich in einem seiner Briefe fand: "Aber ich bin zu stolz, um unglücklich zu sein" - aber es ist viel mehr. Daneben ist der Druck eines Frauenkopfes von Picasso von großer, klassischer Schönheit. Neben dem Bücherbrett hängt ein Druck von Georges Braque. In tiefem Blau wie im Blau eines Meeres oder Himmels bewegen sich Sterne, Fische, Vögel, weiß-golden. Es vergeht kein Tag, an dem ich die aufdringliche Ruhe dieses Bildes nicht wenigstens einen Augenblick lang genieße. Übrigens ist noch ein Bild in diesem winzigen Raum, der sich sofort weitet, wenn man die Bilder bemerkt; es ist ein Plakat von Henri Matisse, der Blick durch ein Fenster auf das Mittelmeer in Nizza, und darunter gemalt drei Worte: Travail et Joie. Nicht Arbeit und Verzweiflung, sondern Arbeit und Freude. Dies ist kein Platz für Verzweiflung. Die jungen Menschen, die bald in die Räume kommen werden, machen die Verzweiflung unmöglich. Der Lehrer, denke ich manchmal, der mit einem finsteren Gesicht in eine Klasse oder Vorlesung tritt, mag gut über Kafka sprechen, aber über was sonst? Wenn er in den Augen seiner Studenten sonst nichts fände - findet es darin wenigstens einen Hauch seiner Jugend wieder? Und will er seine Jugend verraten?
Auf dem Tisch, an dem ich sitze, liegen schon die Bücher, die ich heute brauchen werde. Eine kleine Dose, von einer Indianerin aus Stroh geflochten, das Geschenk eines Studenten meiner Abendklasse, liegt neben einem Stein vom Huronen-See. Dahinter, gegen eine Reihe von Büchern gelehnt, steht eine Menge Blätter, auf die ich schrieb, was ich beim Lesen fand. Ich lese manchmal einige dieser Sätze, vor allem, ehe ich zu arbeiten anfange. Es sind Worte von Freunden, die ich nie gesehen habe und nie treffen werde. Sie haben mir diese Sätze und Verszeilen gegeben, und etwas in mir antwortete ihnen.
Ich sprach von den Bildern in diesem winzigen Raum. Sie weiten ihn. Sie sind Fenster, die sich in die Welt öffnen. Wenn ich mich nach links wende, sehe ich das Fenster meines Zimmers, und ich blicke hinaus. es ist Morgen. Das Licht schimmert auf den dunklen, feuchten Stämmen der noch kahlen Bäume. Bald - wie sehr ersehnt - wird das Grün hervorbrechen. Eichhörnchen huschen über den Grund. Ich blicke über den Platz hin, der zwischen dem Gebäude, in dem ich arbeite, und dem Studentenheim liegt. Darüber stehen die oberen Stockwerke neuer Gebäude der Universität. Das frische Licht flammt in den Fenstern. Und - da kommen sie: die ersten Studenten, Mädchen und junge Männer: junge Menschen, hier und überall. Bald werden sie wie ein aufgeteilter Strom über die Wege fließen. Meine Kollegen und Freunde werden kommen. Der Tag wird anfangen. Schon wiege ich die Zeit, diesen kostbaren Stoff, in meinen Händen. Schon habe ich begonnen, ihn zu formen. - "The glory lies in doing well what you're doing." Robert Frost, der alte amerikanische Poet und Weise, hat das gesagt, und es steht auf einem der Blätter auf meinem Tisch. Die Glorie liegt darin, dass man das, was man tut, gut tut. - Und wie ich das mir selber sage, wird der winzige Raum weit und groß, er wird zu einem Raum in der Welt. - "Ich. Hier. Jetzt. Ganz wach. - Lebend hier und jetzt. - Und wieder die wunderbare Einfügung." Das sind Verse von Jorge Guillén, dem spanischen Dichter. - Der Raum, den ich winzig nannte, ist nie winzig gewesen; ich sagte nur so. Er liegt in der Welt. Er ist ein Ort, von dem ich ausgehe; keiner, in dem ich mich verberge. Er ist Welt.
aus >Fremd in Toronto< Hundt-Verlag Hattingen
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