
Bezeugung von Kant für KANT:
Mit Ironie an Kiesewetter im Brief vom 15. Oktober 1795: (meine) reveries zum ewigen Frieden. reveries (frz. Träume)
Bezeugung KANTs von Sloterdijk 1996:
Nach Kant nennt sich jenes Denken ein nach-metaphysisches, das Wege kennt, die Metaphysik nicht auszustreichen, sondern zu ersetzen. Tatsächlich eröffnet die moderne Welt das Zeitalter der Ersetzbarkeit - um aktuell zu reden: der funktionalen Äquivalenzen.
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Ist Weltfriede möglich?
Telegraphische Antwort auf eine amerikanische Rundfrage (1936)
von Oswald Spengler (1880-1936)
(DM) Das zyklische Geschichtsbild des bedeutenden Philosoph und Historiker Oswald Spengler ist ungefähr so idealistisch schief, wie Kants Fortschrittsidee. Spengler tritt mit seiner Stellungnahme zum Weltfrieden in harten - und zwar hier jetzt antiidealistischen - Gegensatz zu Kants (reveries) Gedanken "Vom ewigen Frieden". Er zeigt, dass der Mensch und die Menschen miteinander keinesfalls rational oder vernünftig oder idealistisch oder totalistisch-dirigierbar oder nur fleischlich, lüstlich, geil oder korrupt fassbar sind. Spengler zeigt, was wir von uns erwarten dürfen: Menschen sind räsonierfähig, koalitionsfähig, vertragsfähig und willkürsfähig. Und wir Menschen sind fähig, weit in die Natur einzugreifen, sogar die Natur zu überwinden oder zu zerstören. Nicht fähig sind wir Menschen dazu, die Zukunft vorherzubestimmen oder unseren Seinsschlüssel zu entziffern oder durch unsere Urteilskraft ein "absolutes Erkennen" erlangen. zu können. Spengler sagt uns vom Menschlichen: Das Menschliche ist niemals das "Göttliche". Wir dürfen also die alttestamentarische Vertreibung aus dem Paradies auch nicht als "total" verstehen, denn wir sind nicht wie Gott, erkennen nicht wie Gott, unsere Sünde ist nicht total. Und vom "Baum des ewigen Lebens"/Friedens können wir unter Umständen gelegentlich kosten. Kostprobe:
Die Frage, ob Weltfriede je möglich sein wird, kann nur ein Kenner der Weltgeschichte beantworten. Kenner der Weltgeschichte sein heißt aber, die Menschen kennen, wie sie waren und immer sein werden. Es ist ein gewaltiger Unterschied, den die meisten Menschen nie begreifen werden, ob man die Geschichte der Zukunft betrachtet, wie sie sein wird oder wie man sie gern haben möchte. Der Friede ist ein Wunsch, der Krieg eine Tatsache und die Menschengeschichte hat sich nie um menschliche Wünsche und Ideale gekümmert. Das Leben ist Kampf unter Pflanzen, Tieren und Menschen, ein Kampf zwischen einzelnen, Klassen der Gesellschaft, Völkern und Staaten, ob er sich nun in wirtschaftlichen, sozialen, politischen oder militärischen Formen abspielt.
Es ist ein Kampf um die Macht, seinen Willen, Vorteil oder seine Meinung vom Nützlichen oder Gerechten durchzusetzen, und wenn andre Mittel versagen, wird man immer wieder zum letzten greifen, der Gewalt. Man kann den einzelnen, der Gewalt anwendet, einen Verbrecher nennen, eine Klasse revolutionär oder Landesverräter, ein Volk blutdürstig, aber das ändert nichts an der Tatsache. Der heutige Weltkommunismus bezeichnet seine Kriege als Aufstände, und wenn die Welt ein Einheitsstaat wäre, würde man die Kriege Aufstände nennen. Das sind alles nur Unterschiede in Worten. Es ist eine gefährliche Tatsache, dass heute nur die weißen Völker vom Weltfrieden reden, nicht die viel zahlreicheren farbigen. Solange einzelne Denker und Idealisten das tun - sie haben es zu allen Zeiten getan -, ist es wirkungslos. Wenn aber ganze Völker pazifistisch werden, ist es ein Symptom von Altersschwäche. Starke und unverbrauchte Rassen sind es nicht. Es ist ein Verzicht auf die Zukunft, denn das pazifistische Ideal bedeutet einen Endzustand, welcher der Tatsache des Lebens widerspricht. So lange es menschliche Entwicklung gibt, wird es Kriege geben. Wenn aber die weißen Völker des Krieges so müde werden sollten, dass die Regierungen sie unter keinen Umständen mehr dazu bringen könnten, dann würde die Welt das Opfer der Farbigen sein, wie das römische Reich den Germanen zufiel. Pazifismus heißt, den geborenen Nichtpazifisten die Herrschaft überlassen, unter denen immer auch Weiße sein werden. Abenteurer, Eroberer, Herrenmenschen, die Zulauf finden, sobald sie Erfolg haben. Wenn heute in Asien eine große Erhebung gegen die Weißen stattfände, würden sich unzählige Weiße ihr anschließen, weil sie des friedlichen Lebens müde sind. Der Pazifismus wird ein Ideal bleiben, der Krieg eine Tatsache, und wenn die weißen Völker entschlossen sind, keinen mehr zu führen, werden die farbigen es tun und die Herrscher der Welt sein. (aus >Reden und Aufsätze< C.H. Beck München 1937)
Der Wortlaut wurde im Jan. 1936 als Kabeltelegramm in englischer Sprache in Hearst's International-Cosmopolitan veröffentlicht.
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