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neue sinnlichkeit

Bezeugung von Hannah Arendt für KANT, 1975:

Kant tritt mit dem scheinbaren Gegensatz zwischen seiner nahezu grenzenlosen Bewunderung für die französische Revolution und seiner ebenso grenzenlosen oppositionellen Haltung gegenüber jeder revolutionären Unternehmung auf seiten der Bürger (ins Abseits).
Bezeugung von Friedrich Nietzsche über den Torweg/Morgenröte zum Urteilen:

Das Urteil des Abends. - Wer über sein Tages- und Lebenswerk nachdenkt, wenn er am Ende und müde ist, kommt gewöhnlich zu einer melancholischen Betrachtung: das liegt aber nicht am Tage und am Leben, sondern an der Müdigkeit. - Mitten im Schaffen nehmen wir uns gewöhnlich keine Zeit zu Urteilen über das Leben und das Dasein, und mitten im Genießen auch nicht; kommt es aber einmal doch dazu, so geben wir Dem nicht mehr Recht, welcher auf den siebenten Tag und die Ruhe wartete, um Alles, was da ist, sehr schön zu finden, - er hatte den besseren Augenblick verpasst.
Bezeugung KANTs von Friedrich Kittler 2000:

In dieser sogenannten hetärischen, nach den altgriechischen Prostituierten also benannten Barbarei gab es überhaupt keine Ehe, weil (wie in Vicos Urwäldern) alle mit allen schliefen. Schlimmer noch: es durfte gar keine Ehe geben, weil jede Ausschließlichkeit" bei Bereitstellung der wechselseitigen Geschlechtsmerkmale (um Kants unsägliche Definition der Ehe für einmal zu bemühen) eine Verletzung von Aphrodites göttlichen Rechten dargestellt hätte.
Kants Vernunft für den Hausgebrauch
von José Ortega y Gasset 1930


José Ortega y Gasset, geb. 1883 in Madrid, gest. 1955 daselbst, studierte in Madrid, Leipzig und Berlin. Professor für Metaphysik in Madrid, als Gegner der Falange emigrierte er, war Professor in Paris, Holland, Portugal und Südamerika, bis zu seiner Rückkehr nach Spanien, 1948. Der Text ist ein Auszug des Kapitels "Wer herrscht in der Welt?" des weltberühmten Buches "Aufstand der Massen" Ortega y Gasset ist einer der einflussreichsten und gebildetesten Denker Spaniens seiner Zeit, allerdings hinsichtlich seiner Massenidee im Stande der Gerüchteküche, des Sündenbocks und des "pathologischen Lernens" zurückgeblieben (wie übrigens viele Autoren, wie Canetti, McLuhan, Sloterdijk u.a.). Ortegas lesenswertes reiches "Massenbuch" verwendet einen nur als idiotisch anzusehenden, unaufgeklärten Begriff der "Masse" und der "Massenmenschen". Ortega denkt "Masse" als etwas Dunkles, besonders Gefährliches. Anstatt aber "Masse" und Massenkommunikation blind zu verteufeln, sind diese Erscheinungen wie jedes andere soziale Phänomen, als empirisch Zugängliches, mit den Mitteln der Sozial- und Kommunikationsforschung, zu erfassen und zu interpretieren, statt zu verteufeln, beileibe weniger gefährlich als einzelne Blindgänger und Amokläufer.

In Wahrheit geschieht in der Welt in jedem Augenblick und also auch in diesem unendlich viel. Sagen zu wollen, was jetzt in der Welt geschieht, ist demnach eine Anmaßung, die ihrer selbst zu spotten scheint. Aber gerade weil es unmöglich ist, die Fülle des Wirklichen unmittelbar zu erfassen, bleibt uns nichts übrig, als in freier Konstruktion eine Wirklichkeit zu schaffen und vorauszusetzen, dass die Dinge sich auf bestimmte Art verhalten. Dadurch stellen wir uns ein Schema, das heißt einen Begriff oder ein Begriffsnetz her, durch das wir durch einen Raster die wirkliche Wirklichkeit betrachten; dann, und nur dann, gelangen wir zu einer näherungsweisen Vorstellung von ihr. So verfährt die wissenschaftliche Methode; mehr noch, so verfährt jede Verstandestätigkeit.

Jeder Begriff, der alltäglichste wie der höchste wissenschaftliche, sitzt auf der Ironie seiner selbst, auf den spitzen Zähnen eines halkyonischen Lächelns, wie der geometrisch zugeschnittene Diamant auf dem goldenen Gebiss seiner Fassung. Er sagt tiefernst: "Dies ist A, und das ist B." Aber sein Ernst ist der Ernst eines prince sans rire. Es ist der wacklige Ernst, der ein Gelächter verschluckt hat und es ausspeien wird, wenn er die Zähne nicht fest zusammenbeißt. Was der Begriff eigentlich denkt, ist ein wenig verschieden von dem, was er sagt, und in dieser Doppelzüngigkeit liegt die Ironie. In Wirklichkeit denkt er: Ich weiß, dass mit letzter Strenge gesprochen dies nicht A und jenes nicht B ist; aber indem ich einmal setze, sie seien A und B, verständige ich mich mit mir selbst bezüglich der Folgen meines Verhaltens zu den beiden Gegenständen.

Eine solche Theorie der Vernunfterkenntnis hätte einen Griechen verstimmt. Denn der Grieche glaubt, in der Vernunft, im Begriff, die Realität selbst entdeckt zu haben. Wir dagegen glauben, dass die Vernunft, der Begriff, ein Werkzeug zum Hausgebrauch des Menschen ist, das er benötigt und benützt um seine eigene Lage inmitten der unendlichen und höchst verschränkten Wirklichkeit seines Lebens zu klären. Leben ist Kampf mit Dingen, gegen die wir uns behaupten müssen. Die Begriffe sind der Kriegsplan, den wir schmieden, um ihren Angriff zu parieren. Prüft man daher den innersten Kern irgendeines Begriffes genau, so findet man, dass er nichts über den Gegenstand selber sagt, sondern die Zusammenfassung dessen ist, was ein Mensch mit ihm tun oder durch ihn leiden kann. Diese Ansicht, wonach der Inhalt eines jeden Begriffes immer lebensverbunden, immer mögliches Tun oder mögliches Leiden eines Menschen ist, hat bis heute, soviel ich weiß, noch niemand vertreten; aber sie ist meines Erachtens das unfehlbare Ziel der philosophischen Entwicklung, die mit KANT anhebt. Wenn wir uns in ihrem Licht die ganze Vergangenheit der Philosophie bis zu KANT hinauf vergegenwärtigen, will es uns scheinen, als hätten im Grunde alle Philosophen dasselbe gesagt. Denn jede philosophische Entdeckung ist Entdeckung, Sichtbarmachung; sie bringt an die Oberfläche, was zugrunde lag.

Aber eine solche Präambel ist den philosophischen Fragen so fernstehenden Dingen, um die es sich hier handelt, nicht angemessen. Ich wollte einfach sagen, was in der Welt, man verstehe in der historischen Welt, vor sich geht:

Drei Jahrhunderte lang hat Europa in der Welt geherrscht, und jetzt weiß es nicht, ob es noch herrscht und ob es weiter herrschen wird. Die unabsehbare Fülle der Geschehnisse, welche die historische Wirklichkeit des Zeitalters ausmachen, auf einen so bündigen Ausdruck zu bringen, ist zweifellos und bestenfalls eine Übertreibung; und deshalb musste ich daran erinnern, dass Denken, ob man will oder nicht, immer Übertreibung ist. Wer lieber nicht übertreibt, muss schweigen, mehr noch, er muss seinen Verstand abstellen und schauen, wie er Stumpfsinn lernt.

Hiermit glaube ich, haben wir erkannt, was heute in Wirklichkeit vor sich geht; alles übrige ist Folge, Bedingung, Symptom oder anekdotische Illustrierung dieser Tatsache..."
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