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neue sinnlichkeit

Bezeugung KANTs von Abegg 1790:

Er ist hier allgemein geschätzt und geliebt. Nur weiß der wenigste Teil sein literarisches Verdienst zu erkennen, und man ehrt und liebt also nur den Menschen in ihm.
Bezeugung KANTs von Hamann 1785 zur Menschheitsentwicklung zum Besseren:

An dieser allerliebsten Seifenblase von unserem Kant werde sich auch Herder erbauen.
Bezeugung KANTs des Ralph Waldo Emerson:

Die Sinnenwelt ist eine Welt der Schauspiele; sie existiert nicht für sich selbst, sondern hat symbolischen Charakter; und eine wahre Klugheit oder ein Gesetz der Schauspiele erkennt die gleichzeitige Gegenwart anderer Gesetze und weiß, dass ihr eigener Dienst untergeordnet ist; weiß, dass sie an der Oberfläche und nicht im Zentrum wirkt. Klugheit ist dann falsch, wenn sie abgesondert ist. Sie ist rechtmäßig, wenn sie die Naturgeschichte der inkarnierten Seele ist; wenn sie die Schönheit der Gesetze in dem engen Rahmen der Sinne entfaltet. (1841)
Bezeugung Kants von Lichtenberg 1790:

Das Land, das uns das wahre System der Welt (Kopernikus) gegeben hat, gibt uns noch das befriedigendste System der Philosophie.
Bezeugung von Dietmar Moews für KANT:

Kant glaubte an den Fortschritt im Geschichtsganzen als Naturverlauf. Ohne Fortschritt wären Elend, Verzweiflung und Trauerspiel ein ewiges Einerlei und Rückschritt, auch wenn die Narren des Possenspiels nicht müde werden. Kant überschätzt die Bedeutung unserer Vorstellungs- und Einbildungskraft für die sinnliche Lebensdynamik - Menschen Leben auch gegen Vorstellungen quietschvergnügt. Aber Kant denkt Possen - dann aber greift er zur Tabakspfeife. Na siehste.
Bezeugung KANTts des Friedrich Schiller 1790:

Für das wohltätige Licht..., das sie in meinem Geist angezündet haben; eines Danks, der wie das Geschenk, auf das er sich gründet, ohne Grenzen und unvergänglich ist.
Bezeugung KANTs von Schiller 1793:

Es ist gewiss von einem sterblichen Menschen kein größeres Wort noch gesprochen worden als dieses Kantische, was zugleich der Inhalt seiner ganzen Philosophie ist: Bestimme Dich aus Dir selbst!
Bezeugung KANTs von Goethe spät:

Der Grundirrtum Kants besteht darin, das subjektive Erkenntnisvermögen nun selbst als Objekt betrachtet und den Punkt, wo subjektiv und objektiv zusammentreffen, zwar scharf aber nicht ganz richtig sondert.
Nominalistische Wende der Narrenhemden
von Armin Mohler 1981


Damit ist auch gleich gesagt, dass wir nicht daran denken, eines der Narrenhemden überzustreifen, welches die Universalisten für die nominalistischen Ketzer bereit halten. Zunächst ist deutlich zu sagen, dass der hier verfochtene Nominalismus nicht einfach eine Neuauflage jener "Abwehr der Ideologie" ist, wie sie für den deutschen Nachkriegskonservatismus zwischen 1945 und 1960 typisch war. Jener Anti-Ideologismus hatte eine an sich richtige Teil-Einsicht zum Vorwand genommen, um die höchst passive und beiläufige Rolle der Konservativen im Wiederaufbau-Elan der Adenauer-Zeit "philosophisch" zu verbrämen. Der Nominalist sieht nicht ein, weshalb er die Ideologie verketzern sollte; da er von ihr keine Wunder erwartet, kann er sie unbefangen verwenden. (Wir verstehen "Ideologie" nicht als Bezeichnung für "universalistische Lehre", sondern in dem nüchternen Sinn, den Eugen Lemberg dem Wort gegeben hat.) Der Nominalist lässt sich nicht in das Kästchen "Irrationalismus" packen: er wendet seine Ratio an, wo er kann, und die Einsicht, dass ihm nur eine Partial-Rationalität, kein Gesamtdurchblick durch die Wirklichkeit möglich ist, macht ihn in dieser Anwendung nur sicherer.

Auch die anderen gewohnten Vorurteile gegenüber dem Nominalismus fallen in sich zusammen, wenn man auf dem beharrt, was Ansatz dieser Untersuchung ist: dass es nicht um eine Konfrontation von Universalismus und Nominalismus geht, sondern um die eines nie verwirklichten universalistischen Anspruchs und eines praktischen nominalistischen Verhaltens, das bewusster werden sollte, um wirklich fruchtbar zu werden. In dieser Perspektive erledigt sich der Vorwurf, dass der Nominalismus notwendig zu bloßem Empirismus und bloßem Okkasionalismus führe. Schließlich ersetzt er abstrakte Netze, welche die Wirklichkeit gar nicht zu fassen vermögen, durch ein Eingehen auf die konkrete, partielle Wirklichkeit, was mindestens strecken- und zeitweise zu Gliederung führt.

Ebenso erledigt sich aus dieser Perspektive der Versuch, dem Nominalismus die Schuld am modernen "Individualismus", an der "Atomisierung" unserer Welt zuzuschieben. Dem nicht erfüllten Ganzheitsanspruch der Universalismus ist entgegenzuhalten, dass der Nominalismus zwar vom Allgemeinen weg und hin zum Besonderen, Einzelnen führt, dieses Einzelne aber nicht das isolierte Individuum zu sein braucht. Dieses Einzelne kann vielmehr eine Gruppe sein, ja ein Volk, das anders ist als das Volk daneben. (Der Nominalist sagt "anders"; der Universalist gerät in Versuchung, von "besser" oder "schlechter" zu reden.) Das vereinzelte Individuum, die zu bloßem Material gewordenen lebenden Dinge sind vielmehr das Produkt der herrischsten universalistischen Lehre, welche die neuere Geschichte kennt: des Christentums. Dafür ist der Nachweis oft genug, auch von Christen selbst, geführt worden; er braucht hier nicht wiederholt zu werden.

Es ist nun allmählich Zeit, über das hinaus, was der Nominalismus nicht ist, zu sagen, was er ist. Was wir dazu sagen, suchen wir in nominalistischer Bescheidenheit zu tun. Es wird hier nicht der Anspruch erhoben, eine Summa - wie sie den Universalisten so teuer ist - zu errichten. Nach der Methode "pars pro toto" werden vielmehr drei Schneisen gezogen oder vielmehr gehauen. Wir tun dies in der Meinung, dass der Teil für uns, da wir nicht der liebe Gott sind, wirklicher ist als das Ganze.

Erste Schneise: Die nominalistische Wende gibt der Welt ihre Farbe zurück
Wer den Engpass passiert hat, sieht die Welt nicht in anderen Farben - er sieht sie überhaupt erst in Farben. Solange er sie durch die universalistische Brille sah, war alles grau, denn kein Ding war es selber, sondern es war auf einen abstrakten Hintergrund bezogen. Es deutet nur auf etwas hin - es war nicht. Nach der nominalistischen Wende ist jedes Ding prall sich selber, nicht bloß der Schatten von etwas dahinter. Damit aber ist die lähmende Frustrationskruste aufgesprengt, welche während der Herrschaft der universalistischen Systeme allmählich für unsern Blick die Wirklichkeit überzogen hatte.

Der Philosoph, dem ich nach Schopenhauer und Nietzsche am meisten verdanke, der junge Franzose Clément Rosset (Jahrgang 1939), hat eines seiner Bücher "Le réel et son double" (1976 bei Gallimard) betitelt. Wie soll man das übersetzen? "Das Wirkliche und seine Dublette" oder "Die Wirklichkeit und ihr Doppelgänger", "... ihr Stellvertreter"? Oder gar, was nach Langenscheidt auch geht, "Das Wirkliche und sein Oberaufseher"? Der Nizzaer Assistenz-Professor, der mit drei ungenierten Schriften über Schopenhauer diesen großen Mann von seinem Bayreuther Nirvana-Image befreite, hat mit der Formel "Le réel et son double" sehr genau die Krankheit benannt, die so lange unsern Geist befallen hatte: dass nämlich jedes Ding etwas anderes bedeuten solle - womit sich alle Substanz in ein Spinnennetz von Beziehungen auflöst, das allenfalls noch Gedankengespenster fängt, aber sicher keine lebendigen Wesen mehr.

Noch einmal: es geht hier nicht einfach um Erkenntniskritik. Die sogenannte "bloße Philosophie" hat, mindestens in diesem Fall, ganz konkrete, handfeste Folgen. Beispielsweise kann sich nach der nominalistischen Wende keiner mehr in die so bequeme Gesinnungsethik flüchten und sich vor der Verantwortung für sein Tun (oder Nichttun) durch die Berufung auf Abstracta drücken. Es gilt dann nur noch die Verantwortungsethik, in der das allein zählt, was einer in seiner konkreten Situation auch wirklich tut (oder nicht tut). Es wird dann nicht mehr möglich sein, alles, was getan wird, an idealen Entwürfen oder unerfüllbaren Forderungen zu messen - und so zu vermiesen. Beispielsweise wird dann denen der Weg verbarrikadiert sein, die einen höchstens in der Mathematik praktikablen Egalitarismus als Waffe verwenden, mit der sie die Institution (die immer die Produkte der Unvollkommenheit sind) zerstören und ihre eigene, recht "ungleiche" Herrschaft errichten. Es wird dann keiner mehr wagen, die für Kleingruppen (wie die Familie) gültige Moral unbesehen auf den Staat zu übertragen und diesen dadurch handlungsfähig zu machen. Wie es sich dann auch kein Staat mehr leisten kann, sich dadurch lächerlich zu machen, dass er einen Katalog frommer Wünsche als seine Verfassung vorstellt. Das gerade bei den Deutschen so gestörte Verhältnisse zur Nation wird wieder unbefangen werden, wenn diese nicht mehr von Demagogen als Tauschobjekt gegen vorerst bloß auf dem Papier stehende Großzusammenschlüsse feilgeboten werden kann.

Kurzum (wir ersparen uns weitere Beispiele): die nominalistische Wende setzt dem Liberalismus, der uns krank macht, ein Ende. Statt immer von der Welt zu reden, wie sie sein sollte, kann man dann endlich wieder davon reden, wie sie wirklich ist. Sie hält einige Überraschungen für uns bereit.

Zweite Schneise: Die nominalistische Wende gibt uns die Gestaltungskraft zurück
Es geht bei dieser Wende nicht nur ums Sehen und ums Reden - es geht auch um das Tun. Eines der Argumente, die immer wieder für den Universalismus ins Feld geführt werden, ist dieses: der Mensch brauche große Entwürfe (Utopien) als Ansporn: man dürfe ihn seine "Ohnmacht" nicht zu deutlich spüren lassen, wenn man ihn nicht lähmen wolle. Eine der Lehren der Geschichte ist jedoch, dass die schöpferischen Kräfte keineswegs von den Utopisten ausgehen, sondern vielmehr gerade von denen, die sich ihrer Bindung an ein konkretes, unverwechselbares Stück Wirklichkeit bewusst sind. Logisch erklären lässt sich das nicht - man kann es nur an soundsoviel Biographien feststellen. Was lähmt, ist offensichtlich der Zusammenbruch der Hoffnung, alles tun zu können; wer hingegen weiß, dass er etwas tun kann, tut es mit einer verhalten freudigen Bejahung. Wo der Nominalist in die Wirklichkeit greift, fasst er wirklich "ins volle Leben". Der Universalist hingegen kann mit nichts, was er tut, zufrieden sein, solange der abschließende Schluss-Stein des Systems fehlt. Wir wissen inzwischen dass das Warten auf den Schluss-Stein nie aufhören wird.

Verkniffene universalistische Kritiker wie Bohrer (verkniffen, weil er jenes Warten nur zu gut kennt) lamentieren immer wieder über den "bloßen Formalismus" der Rechten. (Nehmen wir "die Rechte" als Bezeichnung für jene Nominalisten, welche sich nicht mit dem bloßen Abbau des Universalismus begnügen.) Ich habe das nie als einen Vorwurf verstehen können. Was heisst denn "bloß formal"? Es meint, dass etwas nicht etwas anderes bedeutet, sondern sich selbst ist. Etwas Gestaltetes ist. Der Universalist wird niemals begreifen, weshalb der Nominalist durch das Komplexe der Wirklichkeit keineswegs gelähmt wird. Im Gegenteil: dass er die Wirklichkeit als Chaos erfährt, reizt ihn, diesem Chaotischen etwas Gestaltetes gegenüberzustellen. Die Antwort auf das unendliche Chaos ist die über-sichtliche, in sich geschlossene Form. Sie ist das einzige, was den Menschen rechtfertigt.

Ich weiß, dass eine solche Feststellung für den Universalisten ein Sakrileg ist. Wenn er den, der so etwas sagt, nicht zum finstern Bösewicht stilisiert, dann doch zu einem Bastard aus Wackenroder und Oscar Wilde. Aber auch der Vorwurf des "Ästhetizismus" erschüttert mich nicht. Es bleibt ja beim bloßen Anspruch des Universalisten, fest zu wissen, was die Dinge jenseits ihrer "Form" bedeuten. Der Universalist ist eine Art Sisyphos, der unablässig der Wirklichkeit sein Systemnetz überzustreifen versucht. Was er erreicht, ist aber höchstens, dass das Netz beim Heruntergleiten ein paar herausstehende Brocken mitreisst. Da sitzt dann der Universalist vor seinen Brocken. Was bleibt ihm außer Grübeln? Er kann zur Buße rufen, Sünde anprangern.

Wiederholen wir es darum noch einmal: das einzige, was die Existenz des Menschen rechtfertigt, ist die in sich geschlossene Form, die Gestalt, die er dem Chaos entgegenstellt, auch wenn keine Form ewig ist, sondern wieder ins Ungeformte zurücksinkt. (Immer: ungeformt für uns.) Damit meinen wir nicht nur und nicht einmal in erster Linie die Kunst; der Gedanke einer bloß aus Künstlern bestehenden Menschheit ist ein schlimmer Alptraum. Alles, was der Mensch schafft oder wachsen lässt, kann eine solche Form sein: eine Institution oder ein Ritual genauso wie die erfolgreiche Leistung einer Mannschaft oder eine geglückte menschliche Beziehung; sogar der Nachhall einer Geste kann es sein.

Dritte Schneise: Die nominalistische Wende gibt dem Menschen seine Würde zurück
Unter der Herrschaft der universalistischen Systeme war der Mensch verkümmert: als Herold des Sendungsbewusstseins blähte er sich auf, und er sank wieder in sich zusammen, sobald die Verkündigung wirkungslos verhallt war. Im universalistischen Anspruch, die Welträtsel gelöst zu haben, steckt eine Maßlosigkeit, die nur in Jammern und Flennen umschlagen kann. Das Gegenbild dazu ist jedoch nicht die Mittelmäßigkeit, die weder nach oben noch nach unten ausschlägt.

Das Gegenbild ist vielmehr der Mensch, der sich seiner Endlichkeit und Sterblichkeit durchaus bewusst ist und dennoch seine Rolle spielt. (Auch das Wort "Rolle" sei jenen verkniffenen Kritikern dargereicht.) "Amor Fati" (das Gegenteil von Frustration), dann "tragische Haltung" wären weitere Benennungsversuche des nominalistischen Menschentyps (wenn auch nicht von Missverständnissen frei). Mir hat eine Charakterisierung gefallen, die ich in einer anonymen Rezension einer französischen historischen Zeitschrift von 1970 fand; es war dort die Rede von "jener großen Strömung eines weltlichen Stoizismus, die der Menschheit wenn nicht ihre tiefsten Denker, so doch ihre authentischsten Männer geschenkt hat".

Dieses Zitat mag davor warnen, den hier umrissenen Gegentypus zum sendungsbewussten Universalisten mit einer der fatalsten universalistischen Erfindungen in Verbindung zu bringen: mit dem sogenannten "guten Menschen". Vom Fanatismus des Verfechters abstrakter Systeme unterscheiden ihn nämlich weder besondere Güte noch Harmlosigkeit. Der nominalistische Mensch weiß, dass er dem Kampf nicht immer ausweichen kann, und er scheut ihn auch nicht. Er liebt ihn sogar. Deshalb weiß er auch den guten Kampf beim Gegner zu schätzen. Um von abstraktem Humanitarismus befallene Zeitgenossen vollends zu verstören, sei auch gleich hinzugefügt, dass dieser sich agonal verhaltende Mensch keineswegs davor zurückschreckt, notfalls seinen Gegenspieler zu vernichten, dann nämlich, wenn sich die Frage "du oder ich" stellt. Hingegen wird er es niemals deshalb tun, weil der Gegner der "falschen Religion" anhängt, und er wird deshalb auch nicht Anhänger einer solchen Religion aufspüren, die sich ihm gar nicht entgegenstellen.

Diesen agonal eingestellten Typ gibt es öfters als es den Anschein hat, in den verschiedensten Berufen und Lebensbereichen; aber wenn er klug ist, wird er seinen Hang zur Auseinandersetzung (im wörtlichsten Sinne), zur "Leistung an sich" mit Versatzstücken abstrakter Fernziele maskieren. Das allgemeine Klima ist heute diesem Typ nicht günstig: die untereinander so heftig sich befehdenden universalistischen Lehren sind sich zum mindesten in der Ablehnung dieses Menschentyps einig, der "keine Ziele hat" und "an nichts glaubt". Aber der einfache Mann hatte stets eine gute Witterung, wenn er nicht etwa den verbissenen Verfechter absoluter Wahrheiten, sondern gerade diesen Typus für die Verkörperung des Edlen gehalten hat. Der sich nicht diskriminierend, sondern agonal verhaltende Nominalist weiß dem Gegner Spielraum zu geben - weil ihm das Spiel nicht fremd ist und weil er darüber hinaus das kennt, was Henry de Montherland die "alternance" nennt: den notwendigen Wechsel als Grundform des Lebens.

Ausklang:
Dieser gelassene, aber nicht blasierte, dieser nüchterne, aber keineswegs herzensträge Typus, den wir hier schildern, weiß übrigens auch, dass es auf das Etikett nicht ankommt. Er wird nicht jeden Christen gleich für einen universalistischen Fanatiker halten; er erinnert, dass die christliche Welt immer wieder Gestalten und Gestaltungen hervorgebracht hat, die von der gleichen Substanz sind wie er. Ebenso ist ihm bekannt, dass man Pfäffisches nicht nur im Umkreis des christlichen Klerus vermuten sollte. Man schaue sich daraufhin etwa den Bildband an, den kürzlich Werner Hecht über Bert Brecht und dessen Kreis herausgebracht hat. Da finden sich Gesichter, neben denen so mancher Franziskaner als eine rechte Erholung wirkt.

Darum liegt dem Nominalismus auch die Aufteilung der Geschichte in dunkle Jahrhunderte mit Universalismus und helle ohne Universalismus ferne. Wie könnte er anders, wo doch sein einziges festes Wissen das von der komplexen Struktur der Wirklichkeit und damit (um das heikle Wort "Wunder" zu vermeiden) von der Unberechenbarkeit alles Wirklichen ist? Der Nominalist ging erst in Kampfstellung gegen den Universalismus, als die Farben der Welt verblasst, die Gestaltungskraft fast erstickt und die Würde des Menschen krass verletzt waren.

Damit zieht sich der Schreibende aus der Person seines Helden zurück und stimmt jedem Leser zu, der die Wörter "Nominalist", "Nominalismus" nicht für besonders schön und glücklich hält. Er hat sie verwendet, weil er es für besser hielt, bereits vorhandene Begriffe zu gebrauchen, die in die Nähe des Gemeinten führen, als dafür ganz neue Begriffe zu erfinden.

"Nominalismus" sollte etwas Selbstverständliches sein; am besten wäre, wenn man gar nicht von ihm reden müsste. Im Grunde gibt es nur eine Art, in der er sich überzeugend weitergeben lässt, und das ist eine indirekte Art: die großen Erzähler, die uns die Welt aufbewahren, sind alle Nominalisten in unserem Sinne. Als Universalisten könnten sie kein Fetzchen Welt festhalten. Das beste Gegengift gegen Hegel sind immer noch "Krieg und Frieden", "Stopfkuchen", der "Père Goriot" und "Die schwarze Spinne".

Zur Lehrmeinung hingegen lässt sich der Nominalismus nur schwer machen - und dann nicht in seinem hier aufgezeigten positiven Gehalt, sondern nur in seiner Ablehnung des Universalismus. Und wohl auch dann nur für Jahrgänge mit gerüttelter Erfahrung in der Komplexität des Wirklichen. Vielleicht ist Nominalismus als Denkform etwas, was einige wenige für Notfälle in ihrem Hinterkopf speichern sollten.

Am ehesten kann man ihn verständlich machen als jenen "örtlichen Reiz", der aus dem Weichen, Formlosen die vollendete Form, die Perle wachsen lässt. Ein junger französischer Theoretiker hat anlässlich des letzten Buches von Clément Rosset, "Das Wirkliche" (1977 bei den Éditions de Minuit), den "Reiz" des Nominalismus so umschrieben (Le Figaro, 4. .2. 1978): "In dem Maße, in dem nichts vorgeplant und noch nichts entschieden ist, bleibt alles möglich ... Insofern die Welt ein Chaos ist, ist sie auch reich, denn der Mensch als der Herr der Formen vermag sie jederzeit zu prägen. Vielleicht haben wir gerade dann, wenn wir darauf verzichten, einen Sinn der Welt zu suchen, eine Chance, ihr eines Tages einen Sinn zu geben."
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