
Bezeugung KANTs von Friedrich Kittler 2000:
Meine Lektüre von Nietzsches Tragödienbuch insistierte zunächst darauf, dass Nietzsche auch der Kunst- oder Literaturgeschichte keine einheitliche Wahrheit zugrunde legte, sondern einen unaufhörlichen Kampf zweier Prinzipien, die bekanntlich Apollinisches und Dionysisches, Traumbild und Musikekstase hießen. Ich hätte noch erläutern können oder sollen, dass solche ästhetischen Zweiheiten, seitdem Burke und Kant zwischen Schönem und Erhabenem unterschieden, nichts radikal Neues mehr waren.
Bezeugung von James Dewey, 1934:
Kant war bekanntlich Meister darin, zunächst Unterscheidungen zu treffen und sie dann zu Kriterien einer Klassifizierung der Vermögen zu erheben... dass man der Trennung der ästhetischen Erfahrung von anderen Erfahrungsweisen... in der Konstitution menschlicher Natur gab. Kant hatte das Wissen einem Bereich unserer Natur zugeschrieben, d.h. dem Verstandesvermögen, welches in Verbindung mit Sinnesvorstellungen arbeitet.
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LEIB + VERNUNFT
Maurice Merleau-Ponty (1964)
(DM) Maurice Merleau-Ponty ist der letzte Autor, der aus Sicht der Neuen Sinnlichkeit, von Kant herkommend, Sinnlichkeit und Vernunftkritik durchgeistigt hat und zwischen Erkennen, Wissen, Urteilen und Meinen unsere leibhaftige Vernunft als Naturwahrheit und als Orientierungswahrheit in unserer Natur beurteilt. Jedenfalls weist Merleau-Ponty, mit Kant und Hannah Arendt, jeden Zweifel an unserer sinnlichen Vergewisserung zurück: Wir können nicht Meinungen irgendwelche Erkenntnisansprüche zusprechen, die keine sinnlichen Wahrheitsansprüche geltend machen oder zumindest nicht mehr Wahrheit als verfügbare alternative Meinungen für sich beanspruchen. Alle menschlichen Urteile sind von kognitiven Unterscheidungen und Einwänden abhängig, oder - mit Kant - das Urteilen eine Tätigkeit ist, die das Besondere unter ein Allgemeines subsumiert, "das Vermögen, das Besondere zu denken". In >Humanismus und Terror< Deutsch 1966, schreibt Merleau-Ponty:
"... Die wahre Freiheit... nimmt die Anderen, wo sie sind; sie sucht die Doktrinen, die sie leugnen, zu durchdringen und erlaubt sich kein Urteil, bevor sie nicht alles verstanden hat. Wir müssen unsere Freiheit des Denkens in der Freiheit des Verstehens erfüllen."
In dem nachgelassenen letzten >Das Sichtbare und die Natur< schreibt Merleau-Ponty: (*Übergänge Wilhelm Fink Verlag, Bd. 15, 1986)
"Wir sehen die Sachen selbst, die Welt ist das, was wir sehen: Formulierungen dieser Art sind Ausdruck eines Glaubens, der dem natürlichen Menschen und dem Philosophen gemeinsam ist, sobald er die Augen öffnet; sie verweisen auf eine Tiefenschicht stummer Meinungen, die unserem Leben inhärent sind. Aber seltsam an diesem Glauben ist, dass wir - sobald wir versuchen, ihn als These oder als Aussage zu formulieren, sobald wir uns fragen, was dieses Wir, dieses Sehen, das Ding oder die Welt sei, - in ein Labyrinth von Schwierigkeiten und Widersprüchen geraten.
Was der Heilige Augustinus von der Zeit sagt, dass sie einem jeden vollkommen vertraut sei, dass keiner jedoch sie dem anderen zu erklären vermöge, dies gilt auch für die Welt. Unablässig sieht sich der Philosoph dazu angehalten, die bestfundierten Begriffe neu zu überprüfen, sie neu zu definieren, neue Begriffe aus diesen zu entwickeln, sie mit neuen Ausdrücken zu benennen, eine wirkliche Verstandesform durchzuführen, wobei zum Schluss die Evidenz der Welt, die die klarste aller Wahrheiten zu sein scheint, sich auf die allerspitz-findigsten Gedankengänge zu stützen scheint, in denen der natürliche Mensch sich nicht mehr wiedererkennt und in denen die alten Vorurteile der Philosophie gegenüber wieder aufleben, der Vorwurf nämlich, den man ihr immer schon gemacht hat, sie vertausche die Rollen von Klarheit und Dunkelheit. Ob der Philosoph beansprucht, im Namen der naiven Evidenz der Welt selbst zu sprechen, ob er sich damit verteidigt, er würde dieser Evidenz nichts hinzufügen, ob er sich darauf beschränkt, alle Konsequenzen aus dieser Evidenz zu ziehen, all dies entschuldigt ihn nicht, ganz im Gegenteil: er enteignet die Menschheit nur um so vollständiger, als er sie dazu auffordert, sich selbst als Rätsel zu denken.
So verhält es sich nun einmal, und niemand kann etwas dazu. Auf der einen Seite ist die Welt das, was wir sehen, und auf der anderen Seite müssen wir dennoch lernen, sie zu sehen. In diesem Sinne müssen wir das Sehen zunächst in Wissen überführen, wir müssen es in Beschlag nehmen und sagen, was dieses Wir, was dieses Sehen heißt, und wir müssen so tun, als wüssten wir von allem nichts, als müssten wir in dieser Hinsicht alles erst noch entdecken. Aber die Philosophie ist kein Lexikon, sie interessiert sich nicht für "Wortbedeutungen", sie sucht nicht nach einem verbalen Substitut für die Welt, die wir sehen, sie verwandelt diese nicht in etwas Gesagtes, sie richtet sich nicht nach der Ordnung des gesagten oder Geschriebenen ein wie der Logiker in der Aussage, wie der Dichter im lebendigen Wort oder der Musiker in der Musik. Sie setzt sich zum Ziel, den Dingen selbst aus der Tiefe ihres Schweigens zum Ausdruck zu verhelfen... dass die den Träumen eigene >Unwahrheit< nicht auf Wahrnehmungen übertragen werden kann, weil sie nur in Erscheinung tritt im Verhältnis zu den Wahrnehmungen, und weil man Erfahrungen von der Wahrheit haben muss, um von der Unwahrheit zu sprechen..."
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