
Bezeugung KANTs von Jung-Stilling 1789:
Ihre Philosophie wird eine weit größere, gesegnetere und allgemeinere Revolution bewirken als Luthers Reformation. Denn sobald man die Kritik der Vernunft wohl gefasst hat, so sieht man, dass keine Widerlegung möglich ist; folglich muss ihre Philosophie ewig und unveränderlich sein, und ihre wohltätigen Wirkungen werden die Religion Jesu auf ihre ursprüngliche Reinigkeit, wo sie bloß Heiligkeit zum Zweck hat, führen.
Bezeugung KANTs von Mendelssohn 1785:
So oft die Vernunft mit dem schlichten Menschenverstand in Zwiespalt gerate, müsse sich der Weltweise an letzterer "orientieren", der erfahrungsgemäß in den meisten Fällen das Recht auf seiner Seite habe.
Bezeugung KANTs von Jean Paul (1790):
Die Kantianer erreichen den höchsten Gipfel der Moralität, indem sie gute Werke nicht sowohl tun als schreiben und indem sie z. B. ihre Freigiebigkeit nicht in einer elenden materiellen Gabe, sondern in einer Ermunterung zur Freigiebigkeit bestehen lassen: der Ermunterte ermuntert fort, und so immer jeder den andern, und kein Heller wird dabei ausgegeben. - Und das ist, wozu es schon längst viele Geistlichen treiben, daher die Kantianer selber die Christen für ihre Vorläufer erkennen.
Bezeugung KANTs des Ralph Waldo Emerson, 1840:
Der Poet-Scientist (Dichter-Wissenschaftler), das Ideal Emersons, ist nicht einfach nur der Mensch, der uns rettet aus der traditionellen >Einseitigkeit und aus Newtons Schlaf<, indem er die qualitative gegen die quantitative Dimension der Erfahrung stellt und dabei die Ergebnisse der Wissenschaft leugnet.
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Wie imperativ meint Kant den Imperativ?
von Adolph Freiherr Knigge (1795)
aus "Über Eigennutz und Undank"
(DM) Adolph Freiherr Knigge (1752-1796) wird in der Neuen Sinnlichkeit als einer der bedeutendsten Autoren der Aufklärung im Deutschsprachigen beurteilt. Das lässt sich insbesondere in seinen Kantkritiken aufspüren sowie in den - zu seiner Zeit rechtswidrigen - reformistisch-emanzipatorischen, teils geheimbündlerischen sowie basisorientierten publizistischen Kommunikationspraktiken ermessen. Knigge korrespondierte mit halb Europa, kommentierte in zahlreichen Zeitungen unter diversen Pseudonymen, reiste von Hof zu Hof und muss - so belegen es die Zeugnisse - eine unglaublich beeindruckende, liebenswürdige Person gewesen sein. Nicht überraschend, dass Knigge eine eigene Pädagogik entworfen hat, dass er Klaviermusiken komponierte, die sich anhören wie der junge Mozart, sich auf Krankheiten und Heilkunst verstand und auf die strapaziösen Fernreisetechniken des ausgehenden 18. Jahr-hundert. Seine bis heute veröffentlichten wichtigsten Schriften umfassen zehn dicke Bücher.
Leserin und Leser der Neuen Sinnlichkeit können einfach die Bewertungen hier, der kursiven Vortexte, übernehmen. Sie sind aktuell geführte Bewertungen, die von kompetenten Köpfen zu Kant geführt wurden. Nebenbei ist es doch ein Genuss, zu sehen, dass Goethe nicht so sehr Arkadier (das bedeutet: einfach und unschuldig), sondern Levantiner (das bedeutet: ein gerissener Schlaumeier) war, was man ja längst vermutete. Was an Goethes Kanteinlassungen - zum Beispiel angesichts persönlicher Kenntnis des Knigge, der ja, unter Goethe, ein Staatsamt in Weimar innehatte - zur Schätzung seines "hohen Geists" mitgenommen wird, steht jeder Köpfin und jedem Kopf und jedem Bauchnabel frei. Die Interpretation, den kategorischen Imperativ nicht danach zu bewerten, wie Kant ihn selbst hinstellt und wie Knigge diesen Imperativ als lebensfern und lebensfeindlich widerlegt, dürfte aber interessieren, anbetracht des tatsächlichen biographischen Kant in Königsberg. Wir sagen, hier: so imperativ hat Kant sein Leitbild nicht gemeint. Viel mehr spielt bei Kant der "Mutterwitz" sowie die den Imperativ pejorizierenden Argumente in Kants späteren Rechts- und Tugendlehren - aus unserer Sicht - die Interpretationshoheit. Kant pflegte selbst eine recht nüchterne Sicht auf die reale menschliche Urteilskraft im Alltag, geradezu nämlich mit Knigges "gesundem Hausverstand" vollkommen einverstanden, wie es Knigge in Erwiderung Kants "Kritiken" und den "kategorischen Imperativ" in seiner populär gefassten Schrift "Über Eigennutz und Undank" ausführt. Es folgen kurze Passagen des unbedingt lesenswerten - wenn man so will - Kant-Buches des Adolph Freiherr Knigge von 1795.
Vorrede: Nicht ohne Misstrauen wage ich die öffentliche Bekanntmachung dieser Schrift, welche die Untersuchung einiger Gegenstände der Sittenlehre zum Zwecke hat. Der größte Teil des heutigen Publikums pflegt keinen Geschmack an ernsthaften Abhandlungen von der Art zu finden, sondern wenigstens zu verlangen, dass die moralischen Lehren in das gefällige Gewand eines Romans gehüllt oder sonst hinter irgendeiner reizenden Bekleidung versteckt erscheinen soll. Mehr als Eine Ursache aber hat mich diesmal abgehalten, eine andre Form als die der ungeschmückten Darstellung zu wählen. Es ist unmöglich, Leser, die ohne Unterlass Neuheit in Materie und Einkleidung fordern, zu allen Zeiten zu befriedigen. Nicht jeder Stoff verträgt eine solche Bearbeitung, ohne an seiner Würde zu verlieren, und in einem gewissen Alter fehlt auch oft dem Schriftsteller diejenige Geschmeidigkeit und Lebhaftigkeit, die erfordert wird, um sich nach allen Umwandlungen der Mode zu richten und von der Phantasie eine günstige Aufnahme für das, was die Vernunft hergibt, zu gewinnen. Neue Entdeckungen in dem Gebiete der Sittenlehre zu machen, ist wohl unsern Zeiten nicht mehr vorbehalten; dass aber manche moralische Vorschriften noch nicht zu oft in Erinnerung gebracht worden, beweist leider! die schlechte Befolgung dieser Vorschriften. Eigen-nutz und Undank sind Laster, über die man, bei dem mit dem Luxus zugleich einreißenden Sittenverderbnis, häufig klagen hört. Habe ich diese Gegenstände nicht so behandeln können, dass ich auf den Beifall aller Leser rechnen darf; so lässt mich doch die gute Aufnahme meines Buches Über den Umgang mit Menschen, das in derselben Manier geschrieben ist, hoffen, nicht allgemein zu missfallen.
Bremen, im September 1795. Knigge
Über Eigennutz und Undank
Erster Abschnitt. Von den Beweggründen, welche Menschen zu moralischen Handlungen bestimmen, und inwiefern dabei die Beförderung seines eigenen Nutzens und seiner Glückseligkeit die Haupt-Triebfeder sei und sein dürfe.
1. Ist es wahr, dass die Haupt-Triebfeder aller menschlichen Handlungen der Eigennutz und dass auch da, wo großmütige Aufopferungen jenen Vorwurf zu widerlegen scheinen, dennnoch die Beförderung des eigenen Vergnügens, des eigenen Genusses, des eigenen, wahren oder eingebildeten Glücks heimlich im Spiel sei? Oder vermag der Mensch in seinem irdischen, sinnlichen Zustand nach höheren Bewegungsgründen, nach angeborenen, un-wandelbaren Gesetzen handeln, die, fern von aller Rücksicht auf seinen individuellen Zustand, nur die Ausübung des reinen Guten, nur die Erfüllung der Pflicht, ohne Absehen auf Erfolg und Nützlichkeit, zum Gegenstand haben? Ist dies allein Tugend zu nennen und darf nur der auf moralische Vollkommenheit Anspruch machen, der nach solchen Motiven handelt, die in allen Lagen, in allen Verhältnissen, was für Folgen auch daraus entspringen möchten, wie allgemeine Gesetze betrachtet werden müssen? Gibt es endlich solche Bewegungsgründe? - Das sind Fragen, die seit einiger Zeit wieder so oft unter den Philosophen zur Sprache kommen, dass es wohl der Mühe wert scheint, ohne Systemgeist und ohne Vorurteil, mit der Fackel der Vernunft, noch einmal diesen Gegenstand zu beleuchten, der vielleicht längst nicht mehr im Dunkeln liegen würde, wenn nicht unglücklicher Weise, durch die mystische Kunstsprache gewisse Gelehrten (ausdrücklich auf Kants "Kritiken" insbesondere den "kategorischen Imperativ" bezogen; A. d. DM.) die einfachsten, klarsten Wahrheiten, zu deren Ergründung nichts als ein gesunder Hausverstand erfordert wird, so entstellt würden, dass sie einen Anstrich von neuer Weisheit erhalten. Hierdurch gewinnen freilich die Nachahmer dieser Lehrart den Vorteil über ihre Gegner, dass, wenn man die unter einer so barbarischen Firma zugleich mit durchschleichenden Irrtümer widerlegt, sie vorgeben und auch wirklich glauben können, man habe es nicht verstanden. Fragt man aber, woher es komme, dass ein so dunkles System so viel Anhänger findet, so ist nicht schwer darauf zu antworten. Alles Neue reizt die Wissbegierde; dem großen Haufen scheint nichts erhabener, als was dunkel ist; eine Menge sonst vernünftiger Menschen schämt sich zu bekennen, dass sie nicht verstanden habe, was sie mit Aufmerksamkeit gelesen hat; wem es aber gelungen ist, nach fleißigem Studio den Sinn jener abstrakten Abhandlungen in verlorenen Stunden zu entziffern, der wird nicht das Verdienst dieser Bemühung verlieren und gestehen wollen, dass er nichts Neues daraus gelernt habe. Allein wir, die wir immer der Meinung bleiben werden, dass solche Wahrheiten, die allen und jeden vernünftigen Menschen nötig und wichtig zu wissen sind, auch so vorgetragen werden können und müssen, dass sie allen und jeden Menschen verständlich werden. Wir wollen ihnen in jener Kunst nicht nachahmen, sondern uns bestreben, die Frage: inwiefern die Beförderung eigner Glückseligkeit als ein erlaubter und edler Bewegungsgrund zu moralischen Handlungen angesehen werden könne, so deutlich wie möglich auseinander zu setzen und zu beantworten...
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