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neue sinnlichkeit

Bezeugung KANTs von Ralf Dahrendorf (1972):

Gesellschaft ist der Kampf der Freiheit mit sich selbst. Für den freien Einzelnen, d. h. den Einzelnen, der den Anspruch der Freiheit in sich trägt, ist sie immer zugleich liebliche und ärgerliche Tatsache, Chance und Gefahr, Stütze und Drohung. Kant glaubte, dass dieser "Antagonism" die letzte Antriebskraft aller Geschichte sei, ohne den die Menschen, gutartig wie die Schafe, die sie weiden, ...ihrem Dasein kaum einen größeren Wert verschaffen (würden), als dieses ihr Hausvieh hat".
Bezeugung zum unterscheidenden Urteilen von Cicero (de oratore ca. 60 v. Chr./1981):

Denn alle unterscheiden (dijudicare) unbewusst ohne System und Theorie, was in den einzelnen Gebieten und Disziplinen richtig und falsch ist... Da in der Leistung ein sehr großer Unterschied zwischen dem Fachmann und dem Laien besteht, ist es erstaunlich, wie wenig sie sich im Urteilsvermögen unterscheiden.
Kinderseiten der Epoche
Tödliches Denken
von Dietmar Moews


Kant war kein lesewütiger Pergamentenanbeter. Er sagte: Ich werde ja meinen Kopf nicht zu einem Pergament machen, um alte, halb verloschene Nachrichten aus Archiven darauf nachzukritzeln.

Wie wir aber wissen, gehörte Immanuel Kant bereits als Student zu den ausgezeichneten Köpfen und hatte Kenntnisse der Weltliteratur, in allen europäischen Sprachen, die wir nur als überwältigend bezeichnen können. Wer das lesen soll, bekäme das schleichende Gefühl von Unendlichkeit. Lies lieber hier:

Ja, was denn nun? Überwältigung oder Vergewaltigung? wollte Kants Bruder wissen, der als ostpreußischer Dorfpastor und Christ arbeitete.

Da kannte Kant sich aus. Kant wusste, dass lange bevor alle dachten, Menschsein heiße: jung, schön, glücklich und die Philosophen Heilserwartungen für die Oberschicht herbeigärtnerten - solche Ideen, wie Erlösung, Glück bei den Göttern sein durch den Heldentod oder Paradies, urteilte die vorzeitliche Menschheit ganz sinnlich, und Kant schrieb vom Ende aller Dinge, was vom Leben zu sagen war: "Das Leben ist ein Elend, ein Jammertal und ein Skandal für Herzenskundige, Beruf: Melancholiker und Barbar, ein Narrenhaus, Tollhaus, Kloak, Zuchthaus, ein Abtritt für das ganze Universum" - um es mal Deutsch zu sagen: Noch der alte Grieche Phaidon erklärt: Der Tod ist mir willkommen", "er ist wie ein traumloser Schlaf." Und Sokrates sagt, "selbst der Großkönig von Persien fände es schwierig, sich vieler Tage und Nächte zu entsinnen, die er besser und angenehmer verbracht hätte als eine einzige Nacht, in der sein Schlaf nicht von Träumen gestört gewesen wäre." Man lese nur die Bibel. Wie es im alten Testament rustikal, mörderisch, aber gewitzt zugeht, ja, das beginnt mit dem Verlust des Paradieses. Und noch die Alten, die spätantiken Römer, lehrten: Lebe, als wenn du tot wärst.

Man wundere sich nicht, dass dann bei den Jesuschristen das Himmelreich und die Erlösung zunächst herbeierzählt und - im neuen Testament - herbeigeschrieben wird, frei nach dem Motto: Lieber eine Sekte als unter-Menschen-leben-Müssen. Kant kannte auch das.

Komisch nur, dass Immanuel Kant, der große Aufklärer, der uns so wichtige Sachen mitteilt, wie: Habe Mut, selber zu denken. Oder: je größer der Bereich derjenigen ist, mit denen man kommunizieren kann, um so größer ist der Wert des Gegenstandes und die Urteilskraft. Der Geselligkeit und Geschmackspolitik der Meinungen fordert, auch gegen besseres Wissen, dass dieser Kant gar nicht Mut zum selber handeln, sondern nur zum Selberdenken praktizierte. Oder, genau genommen auch sein Selberdenken war nur eine hübsche Idee. Denn Kant erklärt uns und leitet her und leitet hin und leitet ab und schlussendlich kommt er zu dem Schluss:

Jetzt schlägt es aber Dreizehn: Denn zwar schrieb Kant fürs "Lesepublikum", zum Nachdenken, und nicht für den Straßenkampf zum Anzetteln einer Revolte. Ja, Kant stellt Denken contra Handeln. Aber verlangt mit Sokrates: Kritisches Denken setzt die Überprüfung durch die freie und offene Untersuchung voraus. Je mehr Leute sich daran beteiligten, desto besser ist es. Und er schrieb: Besser mit der Menge uneins sein, als wenn du Einer seist, der mit dir uneins ist, nämlich dir selbst widersprichst. Aber genau das tut er im Widerspruch von: Kritik erfordert Geselligkeit. und Gesellschaft muss der Obrigkeit gehorchen, immer - auch in der Unfreiheit - praktisch gehorchen - sei es in der Despotie, beim Sturm der Bastille oder im Rechtsstaat: So war Kant, geradeso machte es Adolf Eichmann - bis ihn eine Obrigkeit killte.

Das ist die tödliche "erweiterte Denkungsart" in den kantschen Pergamenten.
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