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neue sinnlichkeit

Bezeugung KANTs von Ortega Y Gasset 1930:

Die direkte Folge des einseitigen Spezialistentums ist es, dass heute, obwohl es mehr "Gelehrte" gibt als je, die Anzahl der "Gebildeten" viel kleiner... eine Neufundierung nötig, und das verlangt... einen Willen zur Synthese, die immer schwieriger wird, da sie sich auf immer ausgedehntere Gebiete des Gesamtwissens erstreckt.
Bezeugung von Dietmar Moews für KANT:

Wer, wie Hannah Arendt oder Jürgen Habermas, an die Macht der Macht über die Macht der Wahrheit glaubt, wer an die Organisation der Macht der Meinung über die Organisation der Macht der Wahrheit glaubt, wer der "revolutionären Freiheit" mehr Macht zudenkt als derjenigen der Freiheit zu stellen bereit ist, stellt seinen Glauben gegen sein Vernunftwissen.
Bezeugung von Dietmar Moews für KANT:

Wer seinen Glauben gegen sein Vernunftwissen stellt, der wird in Kants Annahme von der Macht der Einbildungskraft über diejenige der Wahrnehmung die Wahrheit der Menschlichkeit und den Fortschritt in der Weltgeschichte sehen.
Bezeugung KANTs von Gleizes 1912::

Die sichtbare Welt ist nur durch eine Operation des Geistes die wirkliche Welt.
Bezeugung KANTs von Moews 2004:

Kants fruchtbarste Leistung liegt zweifellos in seiner naturphilosophischen Begründung und im Anschluss daran, seiner Begriffsbestimmung eines nichtdeterministischen Lebens in den metaphysischen Anfangsgründen: Leben sei das Vermögen einer materiellen Substanz, zur menschlichen Enträtselung, sich aus einem inneren Prinzip zur Bewegung oder Ruhe, als Veränderung ihres Zustandes, zu bestimmen.
Massenschlau
Sloterdijk/Kant: Wie die Tautologen logen - ohne Empirie und Evidenz
von Dietmar Moews


Dass man ein System nicht total angreifen kann, sondern zugespitzt auf einzelne Repräsentanten, mag sich der Schriftsteller Robert Manesse gedacht haben, als er den Oberstrolch der Kultur-Salonpersonnage in Deutschland seit den 1950ern, Prof. Marcel Reich-Ranicki vor dem Gemanistentag 2004 angriff: Im Ungeiste einer "Dichter-und-Denker-Label"-Pervertierung wäre ein "Vertrag zum gegenseitigen Missbrauch der Denkwerkzeuge"" geschlossen, also zur Gewissensberuhigung der Deutschen nach dem Holokaust "ein polnischer Jude zum Literaturparpst" gewählt. Laut Robert Manesse habe Reich-Ranicki die Katastrophe und die Sittenverwilderung des literarischen Lebens perfekt gemacht. (FAZ 14.9.04) - Kurz ist der Weg von Habermas zu Sloterdijk.

Immanuel Kant, dessen Todesjahr 1804 sich jährt, ist lebendig, weil er sein liberales Aufklärungsdenken erfolgreich auf Anschlussfähigkeit zu stellen versuchte. Neonichtliberale versuchen daran zu deuteln und fallen ins Offene: Sloterdijk, Ortega, Canetti, Habesatt.

Was nützt uns ein Vordenken, das kein Mitdenken anschließen lässt und das ein Mitdenken mangels Deutlichkeit ausschließt? Es ist solch schwaches Denken dem starken Denker ein Graus. Schwaches Denken überschreitet die Grenze zwischen Esoterik als Wellness-Technik und Philosophie als Vorstellungsorientierung. Dabei sind nicht Bösartigkeit oder Dummheit der schwachen Vordenker daran schuld, sondern deren schlechte Bildung und mangelhafte Kultur für ein Sprechen vom Denken des Handelns. Ich weise auf die eingebürgerte Mangellage hin, eine Kritik der Kritik nicht mehr kennen zu wollen, stattdessen nach Marketing zu rufen: Der Schwachdenker als Popstar - Peter Sloterdijk anmutete noch, man müsste mal fünf Minuten Intelligenz (im Fernsehen) demonstrieren. Doch was hören wir stattdessen seit Jahren an Musikalisierung der öffentlichen Emissionen? - Blasen, blasen, Blasen - kurz, Systemspielereien.

Es ist eine unentgeltliche Arschkriecherei, die massenschlau auf der Stelle tritt. Ich führe die marktgängige Massenschlauheit an zwei schwachdenkerischen Grausamkeiten durch, die seit postmodernen Jahren leichthändig rumgereicht werden: Der Begriff Empirie, Empirik, empirisch sowie der Begriff Masse - beide hier zusammengeführt.

Zunächst zeige ich auf die Sprachungenauigkeit in der Verwendung, in Ungenauigkeit, Irreführung und im Fehlverständnis dessen, was als Empirie zu bezeichnen ist, nämlich in Bedeutungsabgrenzung zu Erfahrung, Alltagserfahrung, Erfahrungswissen, Sinnlichkeit (hier zunächst ohne den epochepolitischen Sprachherrschaftskrieg um Positivismus und Geisteswissenschaft im Anschluss an Naturwissenschaftlichkeit). Ich führe dann die schlampige Begriffs-Empirie zu einer Empirie des Grauzonen-Ichs (bei Kant, Weininger und Schulte) hin zu Ortega y Gassets, Canettis und Sloterdijks schlampiger Begriffs-Masse zu einer Empirie der Grauzonen-Masse. Dagegenwird vollwertdenkerisch gezeigt, wie eine deutliche Empirie, ein empirisches Ich denkbar werden lässt, das einen produktiven Schnitt auf das empirische Individuum in der empirischen Masse ermöglicht, ohne massenschlaue Verdächtigungen und unempiristiche Dunkelheiten, hinter denen wieder nichts weiter steht, als das Geschäft mit den Ängsten, Propheten des Unterganges, Pseudo-Dialektik der Aufklärung, Kulturindustrie, Defätismus, sozialdemokratische Schwachskepsis.

Zunächst zur Empirie ein Zitat aus Günter Schulte Immanuel Kant. Einführungen. Campus 1991: >Denn Kants "Ich-Problem" (Weininger 1903/1980) stellt die Welt aller empirischen Erfahrung, auch der psychologischen und psychoanalytischen, in Frage.> Schulte stellt somit in seiner Einführung Kants Philosophieren auf den kantschen Ich-Begriff, den Schulte zum Einen als "objektives Ich" interpretiert, um ihn dann zum Anderen als falsch und heutigem Philosophieren gegenüber als rückständig beurteilt. Schulte sagt, das heutige Ich sei im Unterschied zu Kants Ich ein so subjektives, dass man ein solch subjektives Ich auch nicht als ein objektives ins Zentrum wissenschaftlichen Erkennens oder allgemeiner - Forschens - und Vorstellungsorientierens stellen dürfe.

Nach m. E. spielen falsch eingeschätzte Ich-Grenzen, Objektivität oder Deklination anzunehmender Ich-Grauzonen für das heuristische Bedeutungsgewicht von Kants Philosophie tatsächlich überhaupt keine Rolle. Weder für Kants Verantwortungszuweisung hinsichtlich Moralfreiheit und Testierfähigkeit eines Vollwert-Ichs, noch für seine tranzendenz-metaphysische Analytik von Wahrheit und Erkennen ist das Ich Kants irreführend oder wesentlich erkenntnishemmend. Letztlich weist dies so Schultes "die Welt aller empirischen Erfahrung" gar nicht aus. Er reitet "einen weißen Schimmel" von Erfahrung und empirischer Erfahrung, stellt aber nicht deutlich heraus, was empirische Erfahrung von Erfahrung unterscheidet und kommt tatsächlich nicht auf einen substantiierten Begriff "Empirik". Insbesondere, weil doch wohl auch nach Schulte Kant sein "Ich-Problem" (Weininger 1903/1980) zwar als "die Welt aller empirischen Erfahrung, auch der psychologischen und psychoanalytischen, in Frage" stellt (Schulte 1991). Diese Feststellung aber sowohl Kant wie auch Schulte letztlich mit ihrem persönlichen Grauzonen-Ich empirisch zuerkennen oder falsifizieren. Was denn sonst. Da wäre also die Grauzone der Ich-Vorstellung bei Kant objektiv nicht anders als beim subjektiven Schulte. Jeder argumentiert mit "seinem gesunden Menschenverstand" und nicht gerade empirisch. Doch wollen wir uns lieber wohlwollend dem Gehalt zuwenden, der gemeint ist, und wie das Ich in der Masse massenschlau wird.

Ich gehe unter der Annahme weiter, dass Kants Ich-Begriff und Schultes Ich-Begriff cum grano salis einsetzbar sind dafür, dass Kants Denken unbeeinträchtigt auf herausgefolgerte anthropologische Deutlichkeiten hin tragfähig und gültig bleibt und ist: So ein Individuum reicht als Ausgangsanordnung der zu denkenden Gesellschaft, mitsamt Freiheitsbegriff des Individuums und die gesellschaftliche Feststellbarkeit gesellschaftlicher Moralwertung und deshalb die Relevanz moralischen Lebens samt und seide der Aufklärung hierzu.

Zum Verständnis des Empirik-Begriffs sind zwei Blickwinkel notwendig: Praktisch kann nach m. E meine Argumentation von Kant, vom Ich, von Schulte, vom Ich, mit Kant fortgesetzt werden. Denn Kants Begriffsdeutung für sein philosophisches Argumentieren ist stimmig: Kant sagt Kritik, er erklärt Analytik und Synthetik, er erklärt das Apriori und das Aposteriori und unser Denken aufs Dinglich-Sinnliche und das Ding an sich usw. kurz, wir können ganz sicher sein, der Kant war ein Mensch, der was vom Leben verstand, und dessen Begriff Kritik hinreichend auf Empirik hin durchdacht war, ohne selbst Empirik durchzuführen. Dabei spielt die sogenannte "kopernikanische Wende" bei Kant (Kritik der reinen Vernunft, Vorrede, 1871), nämlich die Welt nicht länger von der Dingwelt her sinnlich zu kritisieren (Schulte 1996), sondern umgekehrt von den Vorurteilen über die Wahrnehmung zur Dingwelt hin zu gelangen, ebenfalls überhaupt keine Rolle im Ergebnis dessen, was wir Kant an empirischer Zulänglichkeit und Lebensnähe konstatieren können. Andererseits ist Empirie als Begriff dann nützlich, wenn man ihn deutlich kennzeichnet, was darunter zu verstehen ist, also abgegrenzt in Bedeutungsspielräume, zuzuordnende Begriffs-Grauzonen und beabsichtigte Synonyme, aber gegen Verwechslungen mit z. B. Erfahrung, Erlebnis, Erkenntnis, Wahrheit, Wirklichkeit, Sprachspiel u.v.a.m. Das bieten weder Kant noch Schulte.

Soll also Empirie hier als eine wissenschaftliche Methode gelten, deren empirischer Ertrag als Forschungsergebnis angesehen werden darf. Dabei hat ein sogenanntes Erfahrungswissen erst dann empirische Geltung, wenn von einem operationalisierten Verfahren, einer klar abgegrenzten Datenerfassung, auch Datenerhebung, quantitativ und/oder qualitativ geordnet, eine nachvollziehbare Feststellung getroffen wurde. Eine seriöse Empirie behandelt seinen Forschungsgegenstand nachvollziehbar, d.h. positivistisch, naturwissenschaftlich. Empirische Wissenschaft lässt sich von Objektivität, Überprüfbarkeit, Genauigkeit und Induktion leiten, auf denen sie beruht. Alles darüber hinaus oder daran vorbei gehende Denken und Interpretieren ist spekulativ, utopisch, nicht empirisch. Es muss wohl den phantasierenden Philosophen und Religionspflegern jede Gedankenfreiheit zugestanden werden. Dem Begriff Empirik jedoch bleibt eine zwar bescheidene Rolle, ein mageres Erkenntnisheischen, ein skeptisch-relativierendes Demutswesen. Aber der Ehrentitel Empirie hat praktikable, positive Geltung und Verlässlichkeit. Auf den starken Kern beziehen sich deshalb die schwachen Denker so gerne, wenn sie von empirischer Erfahrung sprechen. Sie schleichen sich in den Adelstitel Empirie ein, um das eigene Mutmaßen dadurch aufzuwerten. Doch handelt es sich meist nur um Alltagswissen, Alltagserlebnisse oder tröstungsrelevante Hilfsannahmen zur Kalmierung des Plausibilisierungstriebs, wenn Philosophen von empirischer Erfahrung sprechen. Selten hört man davon, dass dahinter eine ausgewiesene wissenschaftlich durchgeführte Empirik steht, die der Forscher erarbeitet hätte; meist hat der Philosoph nur was so dahergedacht. So ist es mit dem gültigen Ich Kants und so ist es mit dem Begriff Masse als Sündenbock des zwanzigsten Jahrhunderst. Nennen wir es Bescheidenheit gegenüber der Geisterwelt, der Geisterwelt mit Hilfe seriöser Empirik durchaus Gültiges abzugewinnen wäre, statt leerer Sprüche.

In Neue Sinnlichkeit 45 Blätter für die lebendig Geschundenen, die mehr als andere wissen, was Anstand unter Belastung bedeutet wurden: Ortega y Gassets Aufstand der Massen, Elias Canettis Masse und Macht sowie Peter Sloterdijks Die Verachtung der Massen angezeigt. Masse wie Massenkommunikation werden zum Sündenbock für Diverses und schließlich zu sehr genügsamen Verteufelungen verschiedener Ungenauigkeiten, wie die Erklärungsbedürftigkeit der beschleunigten Welt ihrer Kunden im postmodernen Leben.

Unter empirischer Herangehensweise an die anthropologische Frage: Was (wie) ist der Mensch? wäre die spekulative Argumentation, bei Ortega, Canetti und Sloterdijk, die die Masse ins Reich der dumpfbösen Untergrundkraft verfälschen, herauszuarbeiten und zu verdeutlichen und das tatsächliche Individuum in der Masse und die tatsächliche Sozialität der Masse empirisch zu untersuchen. Stattdessen bezeichnet Ortega seine Errungenschaft, die Masse, in seinem weltberühmten Buch von 1931 als "Masse", etwas Dunkles, besonders Gefährliches. Zu viel Geist leidet ohne Empirie.
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