
Bezeugung KANTs von Jean Paul 1788:
Kaufen Sie sich um Himmels willen zwei Bücher, Kants Grundlegung zu einer Metaphysik der Sitten und Kants Kritik der praktischen Vernunft. Kant ist kein Licht der Welt, sondern ein ganzes strahlendes Sonnensystem auf einmal.
Bezeugung KANTs von Herder gegen Kant 1785:
seiner mehr frauenhaft-rezeptiven als männlich-schöpferischen Natur ging erstens gegen den Strich, dass nach Kant der Mensch alles aus sich selbst hervorbringen solle; zweitens der angebliche Gedanke, dass nicht der einzelne Mensch, sondern das Geschlecht erzogen werde; und drittens widersprach seiner rein individualistischen Persönlichkeit Kants strenger Staatsbegriff, während er selbst kein anderes politisches Prinzip will, als dass im Staat jeder das sei, wozu ihn die Natur bestellte.
Bezeugung von Dietmar Moews für KANT:
Kants Moralbegriff kommt ins Schleudern, wo er schreibt "Böse-Sein ist durch Rückzug aus dem öffentlichen Bereich gekennzeichnet. (aber mit) Moralität meint, sich dafür eignen, gesehen zu werden, und zwar nicht nur vom Menschen, sondern, in letzter Instanz, von Gott, dem allwissenden >Herzenskundigen<". Kant hatte sich - ungeachtet der Herzenskundigkeit - dem Publikationsverbot des Königs unterworfen.
Bezeugung von Wolfgang Kersting 2004:
Kants Idee zu einer Geschichte in weltbürgerlicher Absicht stellt vor, wie auf der Grundlage dieses "Gesetzes", durch menschliches Handeln im Gang des Lebens, Weiteres und auch Neuartiges entsteht, das in das normative kantsche Gerüst implementiert werden kann.
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Jean Paul kandt Menschen für Verwandte halt
Jean Paul (1798)
(DM) Jean Paul ist klar und einfach. Jean Paul sieht Kant als "Spiegel für das Ich des Sittichs", bescheiden und großspurig. Wie findet ein Leser Jean Pauls Wertung: Sich selbst Unverständliches abzufassen, ist nachgiebig als tolerierter horror naturalis und kosmopolitischer Indifferentismus zu ertragen, der alle Menschen für Verwandte hält. Für das ausgeschlafene sächsische Ausnahme-Genie, Jean Paul Richter (1763-1825) ist Freiheit der Personifikation menschlicher als Kants architektonische Tiere. Jean Paul ehrt Kant als "Baudirektor des kritischen Lehrgebäudes in seiner Arche" indem er ihn verspottet: "Ein gewisses Vielwissen sei zuzumuten". Jean Paul ist - mit seinem Metaphern-Veitstanz der Würmer gegen Kants Gelehrtenordnung - ein Ungelesener: Doch lieber Jean Paul dreimal lesen, als sonstwas einmal.
"...Denn eben weil das Reisen zwingt, durch ganze Städte, vor Kirmessen, vor Leichenzügen kalt vorbeizufahren, so gewöhnt man sich daran, vor Menschen auf die Lebenswallfahrt überhaupt gleichgültig vorbeizuziehen; und eben weil man auf dem Weltmeer und am Hofe ein Seegewächs mit schwimmenden Zweigen ohne Wurzel und ohne Boden ist, so wächset im Reisewagen und am Hofe derselbe kosmo-politische Indifferentismus, derselbe nachgiebige tolerierende horror naturalis, der alle Menschen für Verwandte hält. Daher kommt jener Dezember in vornehmen, durch seidne Ordensbänder isolierten Herzen, denen die übrigen Herzens-Inhaber nur als bessere Kartesianische Tiermaschinen und Teufelchen oder als Mumien, die man gliedweise zum Malen und Medizinieren zerschaben kann, erscheinen. - Herzen, die sich einen andern Menschen nicht gut lebendig denken können, ohne die kühne Figur der Personifikation zu brauchen - und die einen Untertan nur lieben, wenn ihn der Komödiant repräsentiert und reflektiert. Daher spielen manche Fürsten den Fürsten besser auf der Bühne als auf dem Throne, gleich Boileau, der keinen Tanz, aber leicht einen Tänzer nachmachte. (...)
Die kategorischen Imperatoren werden mir darüber reden und Händel suchen, dass ich in der blauen Glocke ein wahres Fürsten-Picknick - Dinte und Wein waren nur die erste Forderung - von der Sagosuppe an bis zur Schweizerbäckerei für mich und den Meister aufsetzen ließ, bloß um der Universität zu zeigen, was wir verzehret hätten bei längerem Bleiben. Stuss musste Petitknaster rauchen und Fidubus fordern und den Span wegwerfen. Ach die passabelsten Menschen - das beweiset mein Zorn -, nicht Liebes-Mahl - gleichen den breitesten reinsten Parisergassen; die dunkelsten hässlichsten Quergässchen durchschneiden sie oft. Menschen und Bücher müssen in mehr als eine Korrektur gelangen, um die Errata zu verlieren.
Ich hatte mir, wie man weiß, bei Streitberg vorgesetzt, Leibgebers Inserat abends neu aufzulegen; aber dazu war ich heute verdorben. Ich schlug lieber die Teufels-Papiere auf, um eine Satire, (...) umzubessern: (...) "von Philosophen, denen es sauer gemacht wird, sich selber zu verstehen", welchen ich für eine mehr kantianische Universität aufgespart hatte.
"Ganz ohne Kantianer wird doch der Ort nicht sein", sagt' ich freudig - und nun fing ich an.
Aber Himmel! wie erhitzt wurd' ich - durch ein sonderbares metaphorisches Hysteronproteron - gegen die unschuldigen Kantianer samt und sonders, als wären sie die Kellner, die den Menschen aus den gegen die Gasse und Menschenliebe gerichteten Zimmern in eine dunkle Kammer und Oubliette hatten sperren wollen - welches doch nur metaphorisch richtig war! - Wie wenig erwiderte ich die humane bescheidne Polemik fast aller Kantianer, gerade als wär' ich ein Jenenser und Hallenser zugleich (wie man sonst die Renommisten nannte)! - Ich kann es nur aus dem Mute, den der Wein einflößet, begreiflich machen, dass ich in der blauen Glocke viele Zeltschneider des Königsberger Quartiermeisters bei dem philosophischen Barte, den an ihnen wie an dem Bienenvater Wildau ein aufs Kinn angeflogner Immenschwarm von Unterzeltschneidern formiert, anfassete, ohne zu bedenken, wie mich der Bart steche. Jetzt wo ich den Mut ausgeschlafen habe, bin ich nicht keck genug, es herzuschreiben, dass manche den Papageien gleichen, die im verdunkelten Bauer, worin bloß ein Spiegel für das Ich des Sittichs steht, in der Schaukel eines Ringes, deutlich nachsprechen lernen. Noch dazu macht' ich keinen Unterschied; ich mengte untereinander (das war mir alles einerlei, und ich schäme mich) die Prinzipien- oder Wurzelmänner, die jeden Monat neuen Krötenlaich der Schildkröte, worauf die Erde ruht, zum Träger ausbrüten - und die kritischen Ästhetiker, die wie Kuchenbäckerinnen das Eiweiß, wovon sich die Küchlein des Genies ernähren, zu abstraktem Schaume klatschen, um daraus Opferkuchen für die Priester irgendeines Jupiter Xenius zu machen - die figürlichen Kopfabschneider, die ihren Bacchantenzahn für den Weisheitszahn ansehen, und alle vorige Wahrheiten und Tugenden für peccata splendida (schöne Sünden) - und alle die architektonischen Tiere, die der Baudirektor des kritischen Lehrgebäudes in seine Arche einfing, namentlich die Wespen, die Schwalben, die Biber, die nun alle im Kasten anstatt im freien Universum ihre Nesterbauten aus Spänen, Kot und Bäumen anlegen - und jeden, der ein Buch macht, um darzutun, er habe so viele Ähnlichkeiten von Kant, als der heilige Franz von Christo, nämlich viertausend.
Ich hätte klug sein sollen, schon weil eine Satire, eine signierende Schelle, die man einem Weltweisen anhängt, ihm nicht halb so viel tut als einem Welttoren oder Weltmenschen; denn bei jenem ist das Lächerliche nicht der Probierstein, sondern gar das Merkmal der Wahrheit. So ist das gewöhnliche Mittel der Ökonomen, Ratten dadurch zu vertreiben, dass man einer eine schreckende Schelle anhängt, nach meiner eignen Erfahrung grundfalsch, da sich die andern an die läutende Bestie gewöhnen und mit ihr laufen. Das beste Mittel, sie - ich rede wieder von den Philosophen - zu vertilgen, sind sie selber, da ich einmal von Ratten gesprochen, im Vorübergehen an, dass die Methode einiger Landwirte - die mehrere Ratten in einem Topfe fangen und einander vor Hunger zu fressen zwingen - nach meiner Erfahrung die beste ist, weil stets eine und zwar die stärkste übrig bleibt, die man als eine Rattenfresserin freigeben und unter die andern als ein lebendiges Rattenpulver schicken kann.
Sooft ich in Bellarmin das katholische System und in Gerhard das orthodoxe las und bewunderte und darin auf alle meine Einwürfe die Antworten fand: so wiederholt' ich meine Bemerkung, dass ein System nicht sowohl durch Angriffe umzuwerfen sei als nur durch ein - neues, das sich kühn danebenstellt.
Jetzt werf' ich alle diese vulkanische Produkte meines Zornes aus mir heraus und weg und halte die Leser lieber durch eine mit Bescheidenheit verfasste Schutzschrift für die Kantianer schadlos und gebe ihnen damit zu-gleich mein siebentes und letztes Werkchen vor Nürnberg ( ... )
Newton setzte in seinen jüngern Jahren so tiefsinnige Werke auf, dass er in seinen ältern nicht mehr vermögend war, sie zu fassen. Von einem Manne dieser Größe lässet sich die Annäherung an jetzige vielleicht noch größere Köpfe gedenken, die philosophische kritische Werke von solchem Werte - und fast in jeder Messe eines - schreiben, dass der Verfasser sein Werk nicht verstehen kann, und zwar nicht erst im Alter, wo ohnehin der Mensch voll gesunkner Kräfte im Blühen, nämlich im Machen sind; (...)
Inzwischen ist Menschenliebe vielleicht die einzige Tugend, die keinem Kantianer fehlt. Ich spreche hier nicht von der humanen Schonung in ihrer Polemik: sondern von ihrer ganzen Thetik. Als Gegenfüßler der Glückseligkeitslehre können sie aus dem Vergnügen anderer Leute nicht mehr machen als aus ihrem eignen und opfern also fremden ebenso kalt wie eignes auf. Sie würden sich daher schämen - denn es wäre Heteronomie -, in ihrer formalen Tugend die materielle Absicht fremder Beglückung mehr wie der eignen zu haben; sie suchen andern (wie sich) nichts zu verschaffen als das einzige und höchste Gut (Moralität) und tun es durch die einzig möglichen Mittel, durch Diskurse und Manuskripte. Und so erreichen sie leicht den höchsten Gipfel der Moralität, indem sie gute Werke nicht sowohl tun als schreiben und indem sie z. B. ihre Freigebigkeit nicht in einer elenden materiellen Gabe, sondern in einer Ermunterung zur Freigebigkeit bestehen lassen: der Ermunterte ermuntert fort, und so immer jeder den andern, und kein Heller wird dabei ausgegeben. - Und das ists, wozu es schon längst viele Geistlichen treiben, daher die Kantianer selber die Christen für ihre Vorläufer erkennen.
aus >Palingenesien - Vierter Reise-Anzeiger< Sämtliche Werke, Hrsg. Norbert Miller, Abt. 1 Bd. 4, nach Carl Hanser Verlag München 1962
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