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neue sinnlichkeit

Bezeugung von Ronald Beiner, Toronto, 1986:

Hannah Arendt sieht mit Kant einen engen Zusammenhang zwischen Ästhetik und Politik. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit darauf, dass beide, das politische und das ästhetische Urteil, nur dann möglich sind, wenn der Urteilende sich in einem freien, öffentlichen Raum bewegen kann. Die Schlüssel zu dieser Auffassung vom Urteilen liegen in Kants Konzepten des "Gemeinsinns", der "Publizität" und des öffentliche Gebrauchs der Vernunft".
Bezeugung KANTs von Ralf Dahrendorf (1972):

"Der Mensch", sagt Kant in einer, wie mir scheint, überzeugenden These, "hat eine Neigung sich zu vergesellschaften: weil er in einem solchen Zustande sich mehr als Mensch, d.i. die Entwicklung seiner Naturanlagen, fühlt. Er hat aber auch einen großen Hang, sich zu vereinzelnen (isolieren): weil er in sich zugleich die ungesellige Eigenschaft antrifft, alles bloß nach seinem Sinne richten zu wollen."
Bezeugung KANTs von Sloterdijk 1996:

Im Kern von Kants Antrieben spielen resignative Züge keine Rolle. Sein Kompass zeigt unbeirrt auf Souveränität, und wie ein weiser Geschäftsmann, der sein Vermögen in der Krise umstrukturiert, zieht Kant seine Einlagen aus den kreditunwürdig gewordenen Unternehmen der Metaphysik zurück, um sie in die solideren Geschäfte erhöhter Deutlichkeit zu investieren.
Bezeugung KANTs von Sloterdijk 1996:

Statt als ungewisser Vasall des Absoluten an scheinhaften Reichtümern teilzuhaben, entschied sich der Königsberger Meister dafür, als Hausherr eigenen Rechts ein Vermögen aus Abklärungen zu verwalten.
Das Urteilen als gesellige Narretei
über Kants politisches Vermächtnis
von Dietmar Moews aus: Hannah Arendt (1975)


(DM) Hannah Arendt steht mit ihren Arbeiten auf den besten Schultern der besten Riesen, denen menschliche Orientierung und die Kritik der menschlichen Orientierung noch nicht allein zur Aufforderung an die Betäubungsmittel- und Militärindustrie geworden sind. Hannah Arendt Soziologie einer politischen Philosophie, als Problem des Urteilens, knüpft an Immanuel Kants "Kritik der Urteilskraft" an und scheitert. Arendt schafft es zumindest, herauszuarbeiten, dass Kant einerseits gar nicht fragt: Wie kann ich urteilen? Kant fragt nicht: Wie sollen wir entscheiden und handeln.? Dass Kant - wie es der Titel ganz eigentlich sagt: - eine "Kritik der Urteilskraft" vorstellt. Indes das "Urteilen" vielmehr Angelegenheit der "praktischen Vernunft" ist, bestätigt Kants Rang als "Metaphysiker", der aber seine Metaphysik ausdrücklich - ich danke ihm - ausschließlich an die einfache Alltagssinnlichkeit rückbindet, der aber dann sich verheddert: Kant spinnt eine Idee heraus, die absurd ist - ohne es zu merken - und Hannah Arendt merkt es auch nicht:

Kant stellt sich einen Erkenntnis- oder Vorstellungs- oder Einbildungsvorgang vor, wie er von der Sinnlichkeit eines Wahrnehmungsaktes herkommt. Er glaubt nun, einen prinzipiellen Unterschied annehmen zu dürfen, zwischen sehen, hören, tasten - den äusseren Sinnen - und riechen und schmecken - den inneren. Hiervon leitet Kant nun seine "Theorie von den inneren Sinnen", die "esoterisch" seien, ab. Außerdem kommt eine weitere Komplikation hinzu. Kant entfaltet eine soziale Denktheorie, die auch Vordenker (nicht nur Thukydides) von Kant schon am Wickel hatten: Wer denken will, kann das zwar nur ungestört und alleine. Er kann es aber nur hinblicklich der möglichen Geselligkeit, in der das Denken der anderen mitgebraucht wird, Gedanken-Urteile über die Unterscheidung zwischen Besonderem und Allgemeinem nur durch Mitmenschen möglich sei. Arendt nennt das "erweiterte Denkungsart" (*Arendt Freiheit und Politik Anm. 11; The Crisis in Culture Anm. 11), was von Kants "unparteilichem Urteil" herkommt. Hieraus schließt er, Geselligkeit, Mitteilungsbedarf und Mitteilbarkeit von Wahrnehmungen der inneren Sinne brächten eine "Urteilskraft des Geschmacks". Die Einbildungskraft sei gezwungen und deshalb fähig, mittels der Sprache Mitteilungen über Geschmecktes mitteilen zu können, gerade weil man nicht wissen könne, wie es dem anderen schmeckt. (Das ist ganz ganz blöde von Kant. Wie tief muss man einen Tastsinn im inneren des Körpers auslösen, damit er ein innerer Sinn zu nennen wäre. Und wie müsste die Einbildungskraft dann einen inneren Schmerz zur sprachlichen Mitteilung bringen, von dem niemand sonst wissen kann, wie er schmerzt?) Wieso soll das der Kant überzeugend gefunden haben, dass äussere Seh- oder Hörerlebnisse nicht genauso unter-schiedliche Wahrnehmungen, Erkenntnisse, Gefühle, Einbildungen, Vorstellungen, ja neuro-mythologische Anknüpfungen der gröbsten oder allerfeinsten Nuancierungen folgerten? Zu allem Überfluss setzt Kant noch hinzu, es gäbe ein "Geschmacksinteresse" der Menschen, aber kein "Weltinteresse", nur um die "Geschmackserscheinung des Meinens" vor die "Weltwahrheit der Sinnlichkeit" zu stellen. (*Kant Kritik der Urteilskraft, Werke Bd. 8 S. 222 ff.)

Insgesamt zeigt Arendt bei Kant, dass aber die "Urteilskraft" auf Geselligkeit, aufs Mitteilen, aufs Meinungbilden gestellt wird. Kant nennt als Orientierungsbedingungen das menschliche Vermögen zur Einbildungskraft und zum Geschmack. Und das soziale Vermögen zum "Sensus Communis" - nämlich denken zu können, was der andere denkt - miteinander rechnen. Schließlich sagt Kant, diese Macht zum politischen Meinen sei stärker als die Macht besseren Vernunftwissens. Hannah Arendt verteidigt zwar den "gesunden Menschenverstand" als durchgängiges Thema, d. h. eine nichtsubjektive und "objektive" (gegenstands-bestimmte) Welt mit anderen zu teilen. Aber sie kommt über ihre vollkommen absurden Begriffe von "Kultur", vom "Massenmensch" und von "Konsumentengesellschaft", die wahrlich nicht mit einer vernunftkritischen Soziologie erarbeitet wurden, sondern unwissenschaftliche unverlässliche ungültige Spinnereien einer ideologisch verblendeten Moderne-Ideologie sind, zu Urteils- und Geselligkeits-Denkmeinungs-Trara, sodass sie den "Selberdenker" praktisch für weitgehend unmöglich hält, das ganze Politische eine Narretei sei, und so gesehen für Arendt schlüssig: Eichmann in Jerusalem wegen Dummheit nicht schuldig zu sprechen gewesen war. Da heißt es dann "Kant habe sich in altersschwache Widersprüche gebracht, wenn er für die französische Revolution, aber gegen die französischen Revolutionäre war". Aber der banale Eichmann sei als Erweis von Schuldunfähigkeit infolge der Nazi-Geselligkeit zu beurteilen gewesen. (*Arendt Eichmann i Jerusalem)

In den Mittelpunkt der zu denkenden Neuen Sinnlichkeit stellt Hannah Arendt die Aufgabe, der Aufklärung zu dienen, so, wie die Menschen sich auf ihre Sinne und ihre Sinneswahrnehmung beziehen können, um sich in der fortlaufend verändernden Welt orientieren zu können, das heißt, zu Urteilen.

Mit Kant und Arendt ist die Neue Sinnlichkeit eine Angelegenheit des Menschen und der Menschen als soziales Entwicklungsspiel. Hannah Arendt starb 1975, zu früh, um nach dem "Denken" und "Wollen" die Krönung ihrer Lebensleistung und das Vermächtnis Kants in Fortsetzung seiner politischen Philosophie zu entwickeln, das "Urteilen" zu vollenden.

"Urteilen"-Arendt-Herausgeber für Piper, Roland Beiner, Politologe in Toronto, arbeitet einen engen Zusammenhang zwischen den Urteilsfeldern von Ästhetik und Politik heraus. Zulängliches "Urteilen" sei mit Kant/Arendt nur dann möglich, wenn der Urteilende sich in einem freien, öffentlichen Raum bewegen kann. Die Schlüssel zu dieser Auffassung liegen in Kants Konzepten des "Gemeinsinns", der "Publizität" und des "öffentlichen Gebrauchs der Vernunft". Weitere Bezüge von Arendt nicht nur zu Kant, sondern vor allem auch zu Augustin und Nietzsche zeigt Beiner in Das Urteilen. Dies bietet Zugang zu Ideen mit signalhafter Bedeutung von Kant, von Arendt, zu uns:

"... Im Unterschied dagegen zur Denktätigkeit, die sich mit dem Unsichtbaren in der Erfahrung befasst und immer zur Verallgemeinerung neigt, behandeln Wollen und Urteilen das Besondere und stehen insofern der Welt der Erscheinungen sehr viel näher."... "das ist unleugbar der - in Grenzen auch legitime - Blickwinkel des Menschen, sofern er ein handelndes Wesen ist.".... aber der kluge Cato sagt: "die siegreiche Sache gefiel den Göttern, die unterlegene aber gefällt Cato"...

"... Schließlich werden wir vor die einzige Alternative, die es in diesen Fragen gibt, gestellt. Wir können entweder mit Hegel sagen: "Die Weltgeschichte ist das Weltgericht", und das letzte Urteil dem Erfolg überlassen; oder wir können mit Kant an der Autonomie der geistigen Kräfte des Menschen und ihrer möglichen Unabhängigkeit von den Dingen, wie sie sind und wie sie geworden sind, festhalten.

(Kant fragt in der Kritik der Urteilskraft: "Was ist der Zweck in der Natur?" und kommt über offensichtlich Unbeantwortbares, wie Ewigkeit und Universum zu folgendem Hinweis): "Es gehört zu unserer ureigensten Natur, Anfangende zu sein und während unseres ganzen Lebens Anfänge zu schaffen." Hierauf in Widerspruch meint Arendt, der Mensch könne wohl Wissen, aber zu geboten sei Geschmackspolitik.

(DM) Arendt stirbt 1975, mit dem Anfangsblatt zum in der Schreibmaschine. Nach den Kategorien "Arbeiten, Herstellen, Handeln" sowie "Denken, Wollen, Urteilen" steht beim "Denken" das beschränkende "ich denke". "Ich denke" wird von Arendt als die Tendenz der Innerlichkeit im Gegensatz zu "wir denken" beurteilt. Arendt kann das "Urteilen" nicht weiterbringen. Sie wirft aber die "Geselligkeit" aus. In der Neuen Sinnlichkeit wird Arendts Geselligkeit als Hypothese verfolgt. Es wird versucht, wie Menschen "common sense" und "gemeinsames Urteilen", also "Denken mit Handeln", "Metaphysik mit Kommunikation" und "Herstellen mit Verstehen," aufzufinden bzw. sozial herzustellen sind bzw. auch im Spannungsfeld der "Contras", zwischen "Denken contra Handeln" usw. Es scheint, als hätte Arendt aufgrund der aggressiven öffentlichen Ablehnung ihrer Kant/-Eichmann-Hypothese ihr "Urteilen" - aus den sinnlichen Praxis ins Theoretisieren über Kant - weggestellt und ist dann gestorben. Beiner zeigt Arendt nur auf Kants Abwegen.
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