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neue sinnlichkeit

Fragwürdigkeit
von KANT:
Erst das Staatsideal einer weltbürgerlichen Gesellschaft, in der die größte Entwicklung der Naturanlagen geschehen kann, wird Krieg und Zwietracht ein Ende machen. Denn der Endzweck der Schöpfung ist doch zuletzt nur der Mensch als moralisches Wesen. Fragwürdigkeit
von KANT:
Erhaben ist der Anblick des unendlichen oder wild bewegten Ozeans, erhaben der Anblick des gestirnten Himmels; erhaben aber auch der Heldenmut - selbst im Kriege, wenn er mit Ordnung und Heilighaltung der bürgerlichen Rechte geführt wird
KNIGGE:
Was ist Kants Aufklärung?
von Adolph Freiherr Knigge (1788)
aus "Über den Umgang mit Menschen"



"Jahrhundert der Universalarzneien, wohin wirst du uns noch führen? Ich sehe im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten, ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten eine Vorlesung zu halten über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last des Lebens gemeinschaftlich zu tragen; ich sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurteile wegräsoniert ..., wie Eigentum, Staatsverfassungen und Grenzlinien aufhören, wie Jeder sich selbst regiert und sich ein System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. O gebenedeietes, goldenes Zeitalter! Dann machen wir Alle nur eine Familie aus, dann drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an unsere Brust und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich auch mit den genievollen Orangutang Hand in Hand durch dies Leben."

(DM) Adolph Freiherr Knigge (1752-1796) war ein Kritiker Kants, der Fragwürdigkeiten aus einer ganz anderen Perspektive aufwarf.

Aus Knigges Sicht muss gerade der Aufklärer dasjenige am allermeisten fürchten, was als die äußerste Konsequenz der Aufklärung gelten mag: die vollkommene Entmachtung der (allgemeinen) Vernunft durch die sich als Vernunft ausgebenden Triebe des Individuums, die Anarchie? Die Aufklärung ist voller Spannungen und ungelöster Probleme; Begriffe wie "Rationalität", "Optimismus", Fortschrittsglaube, Antikirchlichkeit, Bürgerlichkeit, Primitivismus, Pazifismus, Kosmopolitismus, ökonomischer Liberalismus, Szientismus (E. Nolte) sind als einzige nicht geeignet, sie zu charakterisieren. Aber es ist sicher, dass sie für das ganze 18. Jahrhundert fundamental war: die ganze "Partei der Bewegung" berief sich auf die Aufklärung, aber auch die Protagonisten der Gegenpartei (E. Nolte) waren zum guten Teil aufgeklärte Aristokraten des Ancien régime wie etwa Metternich; der ganze "Deutsche Idealismus" ist von Gedanken der Aufklärung geprägt und in der Vulgärform "Aufkläricht" sehr kritisch. Knigge greift Kants Harmoniegedanke nicht zuletzt als (Vulgär-)Aufklärung an.

Denn, war die "Aufklärung" Kants doch zu weiten Teilen eine preußische "Reformbewegung" in dem Sinne, dass Kant als Professor Untertan des Königs in Potsdam und des Innenministers, also ein Staatsbediensteter, war. Befasst sich sein Aufklärungsdenken mit der akademischen Philosophie, mit Metaphysik, mit Erziehung, mit Religion usw. innerhalb der akademischen Publizistik und Rezeption, auf Staatsverträglichkeit ausdrücklich bedacht. Kants politischen Ideen, zur ausgehenden Aufklärung, sowie seine Sympathie mit der französischen Revolution sind deduktiv - d. h. von gedachten Prinzipien her, zur staatlichen Organisation hin - vorgestellt. Schließlich muss Kant zugegeben werden, dass er später, aus Gründen seiner Altersschwächen, nicht mehr die Robespierreschen und gewaltsamen Verfängnisse in Paris kritisch aufnahm. Man muss Kant - der zunächst unter den Idealen Rousseaus seine politischen Augen öffnete - nach Lage der Dinge doch sehr bald die staatsbürgerlichen Positionen Voltaires und Friedrich des Großen zugestehen. Der radikale Gegensatz zwischen Rousseau und Voltaire rührte den gewissermaßen "Weltbürger und Heiligen im Gehrock", Professor Kant (Sloterdijk) keinesfalls dazu, gegenüber der französischen Revolution von Blutopfern und Unrecht und Unheil her eine induktive, andere politische Wertung vorzunehmen.

Knigge, nun, lebt in der selben Welt wie Kant, mit ganz anderer "Nervosität" als dieser. Wo Kant der obrigkeitlichen Zensur schlicht nachgab und weitgehend verstummte, aber Geheimbündlerei weit von sich wies, stammte Knigge als Adliger der Aristokratie ab, der er als studierter Höfling angehörte. Und während Knigge - von höfischen Vormündern "enterbter" Großgrundbesitzer, Landwirt, Kameralist und Jurist - aus eigenem familiärem Schicksal die Willkür an deutschen Höfen und die Verkommenheit dieser Herrschaft von innen erlitt, stand Kant im Gehrock am zivilen Katheder. Zog Knigge in subversiven Geheimbünden europaweite verbotene Gegenöffentlichkeits- und Korrespondenzringe auf und schrieb populäre Aufklärungsliteratur, die mit riesigen Auflagen die Leserkreise von unten erreichten, veröffentlichte Kant in Wissenschafts- und Literaturzeitschriften - quasi von oben.

Seitlich davon kann gesagt werden, dass Kant und Knigge sehr ähnliche innengeleitete Typen und sehr ähnliche Charaktere waren, sensibel, intelligent, voller Humor, körperlich zäh und gleichzeitig zart und anspruchslos. Knigge war auch Künstler, spielte Klavier und komponierte.
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