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neue sinnlichkeit

Fragwürdigkeit
von KANT:
Im Grunde könne ihm die allgemeine Bewegung, welche die Kritik nicht allein erregt hat, sondern noch erhält, samt allen Allianzen, die wider sie gestiftet werden (wiewohl die Gegner derselben zugleich unter sich uneinig sind und bleiben werden) nicht anders als lieb sein; denn das erhält die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand. Fragwürdigkeit
von KANT:
Kant hat schwierige Angelegenheiten durchdacht. Das ist verdienstvoll. Kants Schriften sind kompliziert geschrieben. Das ist fragwürdig.
Kinderseiten der Epoche
Der schriftgläubige Kant
von Dietmar Moews


Kant sagte gerne: Die verschenken Öllampen und verkaufen den Leuten hinterher Öl. Kant verstand sich den Menschen zutiefst verpflichtet. Deshalb suchte er auch sein Leben lang nach Wegen, seine guten Gedanken nicht allein durch Schriften in Büchern, sondern durch Taten und Beispielhaftigkeit vorzumachen.

Doch er selbst bezog sein Wissen, seine Erfahrungen und seine Vernunfturteile schon aus Schriften - aus Büchern und aus seiner weitreichenden Korrespondenz mit interessanten Menschen in nah und fern. Als ihn ein Kritiker darauf stieß, dass es unauflösliche Gegensätze gäbe, wollte Kant zunächst darauf beharren, dass Alles schon irgendwie zusammenhinge, der Schmetterlingsflügelschlag in Australien mit dem Schweigen im Deister, das Apfelmännchen im Computer mit den Rückenschmerzen beim Machorkaanbau. Doch diese Gegensätze, wie beispielsweise die Frage: Hat die Zeit einen Anfang? oder: Hat sie keinen Anfang? - auch Antinomien genannt, waren so nicht befriedigend zu erklären.

Kant meinte zwar, Mutterwitz oder Beispiele seien der Gängelwagen des Verstehens. Aber wenn es auf ihn selbst als Beispiel kam, wars manchmal zappenduster. Er schrieb, dass die Weltgemeinschaft durch eine große Gesamtreligion verbunden und vereint sei. Diese Konsonanz der Gemüter träte aber erst dann hervor, wenn die Einzelreligionen nicht mehr so vorherrschend betrieben würden. Zum Beispiel müsse die Bibel verschwinden, damit die Christen sich ihrer engen religiösen Einstimmung mit Hindus oder Blutisten bewusst werden könnten. Aber er, Kant selber, las in vielen Büchern, ständig - am meisten in seiner Bibel, die voller Randnotizen, Anmerkungen und Ausrufezeichen handschriftlich versehen war.

Ähnlich antinomisch verhielt es sich mit Kant als Aufklärer und systematischen Wissenschaftler. In seinem Streit der Fakultäten räumt Kant zwar ein, dass der absolute Herrscher, die Politik und die Macht, zualleroberst aller Wissenschaft vorgeordnet sein müssten. Aber für sich selbst machte er schon klar: die echte Wissenschaft steht über allem anderen. Die Wahrheit sei die oberste Macht. Was machte aber Kant selbst in seiner schriftgläubigen Schriftwissenschaft?

Seine mit System angelegten Fragen-und-Antworten-Briefe, seine empirischen Erhebungen und Quellen zur Anthropologie, zum Beispiel zur Frage: Was/wie ist der Mensch? wie ist die Urteilskraft? und, welche Urteile kann er urteilen? hätte der Philosoph ordentlich zu zitieren und vorzulegen gehabt, seine Briefe zu dokumentieren, wie er zu seinem Menschenbild gekommen ist, auszuweisen. Das hätte sich für wahre Wissenschaft so gehört, wenn es nicht eine selbstgemachte Antinomie sein sollte.

Kant, der sich über Kritik gar nicht immer in heuristische Freudenkrämpfe verwinden mochte, erklärte: Das ist privat. Die Briefe sind privat und deshalb diskret zu behandeln, also zu vernichten - doch Wissenschaft ist ein Gerichtsprozess.

Die Antinomie: Es ist Freiheit im Menschen - es ist keine Freiheit, sondern alles ist ihm Naturnotwendigkeit, benutzte Kant als Gängelwagen: er habe sowohl die Freiheit, die Briefe wegzuschmeißen, und er handele aus Naturnotwendigkeit dazu. Kant bat: Meine Briefe, die niemals in der Meinung geschrieben worden, dass das Publikum sie lesen sollte, gänzlich wegzulassen.

Wir kennen diesen Gängelwagen, den später Philipp Otto Runge malte und Gustave Flaubert als Bouvard et Pécuchet mit dummen schrift-gläubigen Schreibern ausweidete, und Gottfried Keller in seiner Liebesbriefe-Novelle zur kleinkarierten Spitze trieb - der Gängelwagen war schriftgläubig und hieß Yibbee.
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