
Fragwürdigkeit von KANT:
Das Elend, das durch Krankheit und Unglücksfälle verursacht wird, ist lange nicht so groß als dasjenige, das aus der Verletzung des Rechts anderer entsteht.
Fragwürdigkeit von KANT:
Sind die Anschauungsformen von Raum und Zeit und die zwölf apriorischen Kategorien transzendental erfahrungsbedingend (Kant) oder erfahrungsbedingt (Darwin)?
Fragwürdigkeit von KANT:
Ordnet Kant die metaphysischen Ideen den Dingen an sich zu oder reicht die sinnlich affizierte Vernunft der Anschauungsdinge als metaphysische Heimat und speziell für Kants Begründung seiner Kritik systematisch hin?
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Kants determinierte Freiheit
von Isaiah Berlin (1969)
(DM) Das geistige Nachleben von Isaiah Berlin, dem Oxforder Ideenhistoriker und liberalen Denker, hat gerade erst begonnen. Der Mensch des Jahres 2004 lebt, ohne auf das Verschwinden des liberalen Denkens zu achten. Im Gegenteil - gleichzeitig gerät das, von uns meisten in der ersten Welt sowie den Globalprivilegierten, genossene liberale Menschenbild in die unvereinbare Mangel der eigenen Brutalität. Der Raubtierkapitalismus - mit Liberalismus verwechselt und als "Neoliberalismus" diffamiert - verstümmelt die liberale Menschlichkeit auch der freieren Gesellschaften. Hinsichtlich der offenen Information und der freien politischen Meinungsbildung hat der ermüdete europäische Abendländer seine Emanzipation und Verantwortlichkeit - mehr oder weniger freiwillig - samt der Liberalität an der Kasse abgegeben. Der Mehrheitsmensch bevorzugt "Soma" und Glückspillen. Die Situation verlangt indes individuelle Freiheit und Selbstbestimmungsfähigkeiten. In diesem Gegenbild, einer besseren Balance der Individuen in der durchinstitutionalisierten Lebenswelt des inzwischen internationalen Staatsmonopolkapitalismus liegt das aktuelle Interesse - zumindest im Sinne einer "Fortschritts- und Emanzipationsgeschichte", an Kants "Aufklärung" und "Vernunftkritik". Kritisch weiterführend knüpfen Isaiah Berlins Reflexionen zu einer unromantischen determinierten Freiheit an.
Interessant für den Leser der Neuen Sinnlichkeit dürfte deshalb sein - und nicht verwunderlich - dass die aktuell geführten Debatten zu Determinismus und Verantwortung, z. B. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hauptsächlich von naturwissenschaftlichen Gehirnforschern als dilettierende Geisteswissenschaftler angeregt, zum Thema Willensfreiheit / Determinismus / Zurechnungsfähigkeit von Isaiah Berlin bereits quasi antizipierend differenziert geklärt wurden.
Determinismus ist natürlich nicht identisch mit Fatalismus, der nur eine und nicht einmal die plausibelste "Spezies" der großen Gattung Determinismus ist. Die Deterministen scheinen in ihrer Mehrheit anzunehmen, dass Unterscheidungen wie die zwischen willentlichem und unwillentlichem Verhalten oder zwischen Handlungen und mechanischen Bewegungen oder Zuständen, zwischen dem, wofür ein Mensch verantwortlich ist und wofür nicht, also auch die Idee des moralisch Handelnden selbst, davon abhängen, was durch die Wahl, das Bemühen oder die Entscheidung von Individuen bewirkt wird oder bewirkt werden könnte. Sie meinen, dass ich einen Menschen nur lobe oder tadele, wenn (und weil) ich der Ansicht bin, dass das, was geschehen ist, durch seine Entscheidung oder deren Ausbleiben (zumindest teilweise) verursacht wurde; und dass ich ihn nicht loben oder tadeln sollte, wenn seine Entscheidungen, seine Bemühungen usw. offenkundig nicht imstande waren, das Ergebnis, das ich begrüße oder bedauere, zu beeinflussen; und dass dies alles mit dem strengsten Determinismus vereinbar sei, weil Entscheidungen, Bemühungen usw. ihrerseits unausweichliche Folgen von identifizierbaren vorgängigen Ursachen in Raum und Zeit seien. Dies ist im Kern die klassische "Auflösung" des Problems der Willensfreiheit bei den britischen Empiristen - bei Hobbes, Locke, Hume und ihren modernen Nachfolgern Russell, Schlick, Ayer, Novell-Smith, Hampshire usw. Sie scheint mir das Problem jedoch nicht zu lösen, sondern nur um eine Stufe nach rückwärts zu verlagern. Für juristische oder andere Zwecke mag es sinnvoll sein, Verantwortung, moralische Zurechenbarkeit usw. in dieser Weise zu definieren. Aber wenn ich überzeugt wäre, dass die Entschlüsse oder Entscheidungen, die Veranlagungsmerkmale usw., die das Geschehen beeinflusst haben, ihrerseits völlig durch Faktoren determiniert sind, die nicht der Kontrolle des Individuums unterliegen (seine Handlungsmotive eingeschlossen), dann würde ich dieses Individuum gewiss nicht für moralisch lobens- oder tadelnswert halten. Unter diesen Umständen blieben Begriffe wie Wert und Verdienst in ihrem gewöhnlichen Verstande leer. Ein ähnlicher Einwand erhebt sich, wie mir scheint, gegen die verwandte These, Willensfreiheit sei gleichbedeutend mit der Fähigkeit, sich (kausal) durch Lob, Tadel, Überredung, Bildung usw. beeinflussen zu lassen. Gleich-gültig, ob die Ursachen, die das menschliche Handeln vollständig determinieren sollen, physischer oder psychischer Art oder sonstwie beschaffen sind, gleichgültig, in welchen Mustern oder Ausmaßen sie angeblich auftreten - wenn es sich wirklich um Ursachen handelt, wenn man ihre Wirkungen für so unabänderlich hält wie etwa die Auswirkungen physikalischer oder physiologischer Ursachen, dann so scheint mir, ist die Idee der Willensfreiheit schon aus diesem Grund hier nicht anwendbar. Der Satz "Ich hätte anders handeln können" bedeutet aus dieser Sicht "Ich hätte anders handeln können, wenn ich mich anders hätte entscheiden können", d. h. wenn sich mir nicht ein unüberwindliches Hindernis in den Weg gestellt hätte (mit dem Zusatz, dass meine Entscheidung auch durch Lob, gesellschaftliche Missbilligung usw. beeinflusst werden könnte) - (Anm. der Neuen Sinnlichkeit: diese Aussage I. Berlins übereinstimmt vollkommen mit der empirisch-soziologischen Grundposition von Dietmar Moews mit Alphons Silbermann mit Emile Durkheim, inwiefern Soziales aus und in Sozialem begründet sein kann und ist) -; aber wenn meine Entscheidung als solche das Resultat vorgängiger Ursachen ist, dann bin ich im eigentlichen Sinne nicht frei. Handlungsfreiheit beruht nicht auf dem Fehler bestimmter Komplexe von Handlungshindernissen, etwa von physikalischen oder biologischen, während andere Hindernisse, etwa psychologische - Charakter, Gewohnheiten, "zwanghafte" Motive usw. - wirksam bleiben; sie setzt vielmehr eine Situation voraus, in der keine Gesamtsumme solcher Kausalfaktoren das Ergebnis völlig determiniert, dergestalt, dass ein Bezirk bleibt, und sei er noch so klein, in dem die Entscheidungen nicht vollständig determiniert sind. Das zumindest muss "können" in diesem Kontext bedeuten. Kants Argument, wo es keine Freiheit gebe, da gebe es auch keine Pflicht, und wo es keine Verantwortung, also auch kein Verdienst und infolgedessen keinen Anlass zu Lob und Tadel, ist überzeugend. Wenn ich sagen kann: "Ich kann nichts dafür, dass ich mich so oder so entscheide" und diese Aussage zutrifft, dann bin ich nicht frei. Wenn ich hinzufüge, dass zu den Faktoren, die die Situation determinieren, auch mein eigener Charakter, meine Gewohnheiten, Entschlüsse, Wahlentscheidungen usw. gehören - was selbstverständlich zutrifft -, so ändert das nichts und macht mich in dem einzig relevanten Sinne nicht freier. Die Ahnung derer, die in der Willensfreiheit ein genuines Problem erblickten und sich durch die jeweils neuesten Bemühungen, es durch Umdeutung verschwinden zu lassen, nicht beirren ließen, erweist sich, wie so oft bei jenen großen Problemen, die nachdenkliche Leute zu allen Zeiten geplagt haben, als vernünftig - entgegen der Ansicht jener Philosophen, die sich mit irgendeiner einfachen, auf alles anwendbaren Methode gerüstet haben, um quälende Fragen aus dem Weg zu räumen. Wie in anderen die Vorstellungen des common sense betreffenden Fragen hat sich Samuel Johnson auch hier von seinem sicheren Sprachgefühl leiten lassen. (Samuel Johnson zu James Boswell am 10. Oktober 1769: "Wir wissen, dass unser Wille frei ist, und damit Punktum." A. d. Ü.) Aber daraus folgt natürlich nicht, dass die Analysen, die man bisher Begriffen wie "können", "Freiheit", "unverursacht" usw. gewidmet hat, zufriedenstellend wären. Den Knoten durchhauen, wie es Dr. Johnson getan hat, heißt nicht, ihn lösen.
aus ISAIAH BERLIN "FREIHEIT - Vier Versuche"; übersetzt aus dem Englischen von Reinhard Kaiser für den S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1995
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