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neue sinnlichkeit

These (Kernsatz) von KANT: In der Vermengung des Bösen mit dem Guten liegen die großen Triebfedern, welche die schlafenden Kräfte der Menschheit in Spiel setzen und sie nötigen, alle ihre Talente zu entwickeln und sich der Vollkommenheit ihrer Bestimmung zu nähern. These (Kernsatz) von KANT: Allein unter unzähligen Aufgaben, die sich selbst darbieten, diejenige auszuwählen, deren Auflösung dem Menschen angelegen ist, ist das Verdienst der Weisheit These (Kernsatz) von KANT: Nach der Vernunft (d.h. objektiv) würden die Triebfedern, welche die Regierung zu ihrem Zweck (auf das Volk Einfluss zu haben) benutzen kann, in folgender Ordnung stehen: zuerst eines jeden ewiges Wohl dann das bürgerliche als Glied der Gesellschaft, endlich das Leibeswohl (lange leben und gesund sein). These (Kernsatz) von KANT: Bin ich auch sterblich, weil ich ein Mensch bin, muss ich nicht genau dann sterblich sein, wenn ich ein Mensch bin. These (Kernsatz) von KANT: Sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlich und hell vorgetragen, dass endlich auch die Kirche unsereins wird denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästigen und drücken kann, von der ihrigen absondere, welches endlich die Menschen in Ansehung der wesentlichen Religionspunkte vereinigen muss, denn alle das Gewissen belästigenden Religionssätze kommen uns von der Geschichte an, wenn man den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit macht. These (Kernsatz) von KANT: Auf die Notwendigkeit endlich der Abrechnung mit sich selbst an jedem Tage, damit man am Ende des Lebens einen Überschlag machen könne in Betreff des Wertes seines Lebens.
Große Denker Aufklärung
von Alphons Silbermann


Der eminente Kölner Soziologe Alphons Silbermann (1909-2000) gibt ein Beispiel zur Ausprägung der Humanität und der den Maximen der Aufklärung und der Alltagsmenschlichkeit verpflichteten Wissenschaft, im liberalen Geist der Voltaire, Mendelssohn, Kant, Lessing u. a. Silbermann, deutscher Jude und kölner Preuße, vernunftkritischer, systematischer Empiriker, einer strengen Trennung von Kirche und Staat, von Wissenschaft und Religion, von gesellschaftlicher Ordnung und Kulturspiel, hatte - Kant vergleichbar - eine Lebensweisheit, in der für Wort und Tat pflichtbewusst eingestanden wurde. Danach hätte man das Gesetz schreiben können (hinsichtlich der Sonderfälle und Gestaltungsspielräume ein neusinnlicher Ansatz der Überraschungen). Darin keine Teleologie, sondern der Blick ins Offene, aufklärend, als Enträtseler.

Soweit man es von sich selbst sagen kann, bin ich ein durchaus optimistisch eingestellter Mensch. Nicht, dass die misslichen Dinge in dieser Welt an mir spurlos vorübergegangen wären. Doch hat mich meine Lebensbejahung trotz Bedrängnissen, Notlagen und Leid sehr wohl davor bewahrt, zum Pessimisten zu werden; zur Gruppe von Menschen zu gehören, die alles schwarz in schwarz sehen, denen nichts recht, lobenswert oder gar zukunftswert ist. Stets habe ich die Menschen bedauert, denen unentwegt ein Dach auf den Kopf fällt. Nicht etwa, weil sie einem mit jedem Wort missbilligend und griesgrämig entgegenkommen, sondern weil sie um sich herum Düsterkeit verbreiten, obwohl sie das Leben bejahen, oft genug für ihr Leben kämpfen. Nichts würde sie behaglicher stimmen, als wenn ihr Arzt auf die Frage "Helfen diese Pillen auch?" antwortete: "Wenn Sie nicht daran glauben, können Sie sich den Umweg über den Magen ersparen." Eigentlich ist der eingefleischte Pessimist mehr als ein Negativist, ein Selbstbetrüger. Denn er ist des Lebens gar nicht leid, weil er sich ansonsten, wenn er bei sich im stillen Kämmerlein sitzt, nicht auch den Freuden des Lebens zuwenden würde.

Natürlich kann auch ich, der geborene Optimist, der durch Verfolgung, Emigration und Armut gegangen ist, mich streckenweise eines gewissen Anfalls von Pessimismus nicht erwehren. Vor allem, wenn ich über den Rand meiner Existenz, meiner Aspirationen und Wünsche auf Geschehen, Denkarten und Ideologien in meiner nächsten Umgebung, in meinem Land und, ohne großmäulig zu sein, in die Welt blicke. Was uns in großer oder kleiner Aufmachung tagaus, tagein entgegengebracht wird - von Arbeitslosigkeit und Kriminalität über Umweltzerstörung, Rassenhass und Gewalt bis hin zu Wohnungsnot, Drogensucht, Ausländerfeindlichkeit und nicht zuletzt Menschenmord und Krieg - zehrt in der Tat an der optimistischen Anwartschaft, an demjenigen, was dem Verlangen nach einer heilen Welt entspricht. Kein Wunder denn, dass eine Vorstellung von "heiler Welt" eher zu einer bizarren Schmähung als zu einer Zuversicht geworden ist.

Nicht viel anders ist es um die Entwertung des Begriffs "Bürgerlichkeit" bestellt. Diese Geisteshaltung und dieser Lebensstil und auch die darin einbegriffenen "bürgerlichen Tugenden" finden - wie heile Welt - nur noch dann Erwähnung, wenn Altbackenes, Überholtes und Illusorisches an den Pranger gestellt werden soll. Ein Überfluss an pessimistischer Weltentfremdung hat Bürgerlichkeit unfruchtbar gemacht. Aber wie kommt denn das? Wir können uns doch nicht einfach damit abfinden, auf der einen Seite von krakeelenden Missgünstigen, auf der anderen von modischen System- und Chaostheoretikern ins Bockshorn gejagt zu werden, die der Alltagswirklichkeit so fremd gegenüberstehen wie ein Kind einem Zombie. Es ist doch nicht menschenmöglich, dass Untergang, Anarchie oder Apokalypse herbeigesehnt werden. Möglich, so scheint mir, ist indes, dass Kräfte am Werke sind, die die Sehnsucht nach einer heilen Welt und gedeihlichen Bürgerlichkeit sowohl hemmen als auch ernstlich bedrohen.

Betrachten wir einmal unser Informationsgehabe. Um nicht wie ein Eremit oder Hinterwäldler von der Welt abgesondert zu sein, lesen die meisten unter uns irgendeine Tages- oder Wochenzeitung oder schalten zu gegebener Zeit Nachrichtensendungen im Radio oder Fernsehen ein. Gleich, ob wir uns für Welt- oder Landespolitik interessieren, für Sport, Wirtschaft, Verkehr, Gerüchte oder vermischte Nachrichten, bei genauerem Hinhören oder Hinsehen kommt uns unentwegt eine Vielzahl von unguten, schrecklichen oder nachteiligen Nachrichten entgegen. Ein Unheil, ein Zusammenbruch, ein Drama jagt das andere, Verwüstung, Umsturz, Mord, Brand, Seuchen, Korruption und Unfälle beherrschen die Szene. Kurzum, das Wort "Katastrophe" wird so groß geschrieben, dass es bereits Eingang in die Banalitäten des Alltagsgeschehens gefunden hat. Mit ungewichteter Gleichheit werden das Morden in Bürgerkriegen, Verspätungen beim Eisenbahnverkehr und der Sehnenriss des Torhüters vom Fußballverein Dinkelsbühl als "katastrophal" hingestellt, gar nicht zu sprechen von Steuererhöhung oder dem steigenden Preis von Unterwäsche. Was es an Erfreulichem aus heilen Welten zu berichten gibt, wird in die Ecke des Kleingedruckten, des Nebensächlichen gedrängt, so dass man vermeinen möchte, unsichtbar über den Redaktionsbüros der diversen Medien schwebe die Losung: "Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten."

So manch ein sich um das Wohl der Gesellschaft bekümmernder Wissenschaftler weist uns nach, dass das andauernde Katastrophengetöse Abstumpfung bewirke. Das ist sicherlich bei vielen unter uns der Fall. Allabendlich auf dem Bildschirm zu sehen, wie Tausende von erbärmlich bekleideten Menschen vor mörderischen Angriffen durch verwüstete Gegenden fliehen, oder von Woche zu Woche zu lesen, wie unfähig sich der eine oder andere Politiker bei seiner ihm zuerteilten staatslenkenden Aufgabe erweist, führt zu den gleichen Sättigungsprozessen wie die Autoverfolgungsszenen im Krimi oder das Ozonloch. Nenne man es Abstumpfung oder Sättigung, der Mensch hat nun mal die Gabe - Gott sei's gedankt -, die Dinge nicht nur unterschiedlich, sondern auch selektiv wahrzunehmen.

So wird denn aus einer guten oder schlechten Nachricht, einer gedruckten oder über Radio oder Fernsehen vermittelten nur dasjenige herausgelesen bzw. herausgehört, was den eigenen Standpunkt unterstreicht. Es ist eine Erfahrung, die ein jeder mit ein wenig Beobachtungsgabe bei sich selbst feststellen kann, dass man fast ungewollt versucht, Inhalten und/oder Bebilderungen von Nachrichten auszuweichen, die mit der eigenen Überzeugung in Widerspruch stehen. Dieser Alltagserfahrung entsprechend, besteht zum einen die Neigung des Menschen, sich nur Kommunikationen auszusetzen, sagen wir einer politischen Rede, die im Einklang mit seiner bestehenden Meinung und seinen Interessen steht. Zum anderen wird ganz oder teilweise nur wahrgenommen, was Menschen wahrzunehmen wünschen, gewöhnt sind oder erwarten wahrzunehmen.

Diese Vorgänge des Auswählens sind so leicht verständlich und genehm wie das Wegsehen von Übel, Ärger oder Ekel erregenden Zurschaustellungen, vom Randalieren jugendlicher Rabauken, vom Anblick chirurgischer Eingriffe oder blutrünstiger Peinigungen gleich welcher Art. Doch machen wir uns nichts vor, irgend etwas bleibt hängen, seien es soziale, ökonomische, kulturelle oder moralische Bedenken. Denn neben bzw. zusammen mit der Auswahl beim Behalten, bei der Bewahrung. Unser Gedächtnis mischt sich ein, gleich, ob wir ein gutes oder schlechtes, ein kurzes oder dauerhaftes besitzen. Dies nicht nur bei einer Bedrohung der körperlichen Existenz, wenn ich zum Beispiel davor gewarnt wurde, meinen Hund abends im Dunkeln auf die Straße zu führen; nicht nur bei einer Bedrohung der materiellen Existenz, da Einbrüche und Raub sich häufen; nicht nur bei einer Bedrohung der psychischen Existenz, weil ich habe mitansehen müssen, wie der Entzug von Liebe, Freundschaft und geistiger Abstützung zu Sinnverwirrung, Jähzorn und anderen seelischen Wunderlichkeiten geführt hat - sondern auch bei einer Bedrohung meiner sozialen und kulturellen Existenz. Das heißt, es verbleibt nicht bei Bedrohungen, die sich in unser Gedächtnis durch das Handeln einzelner oder Gruppen von Personen eingeprägt haben, sondern es ergeben sich auch solche, die sich als kollektive Bewegungen, als umfassendes Einvernehmen und Zusammenwirken in der Gesellschaft breitmachen und zugleich, wie eine mit Konfliktstoff angefüllte Wolke, über der Gesellschaft schweben.

Ob ich diese Bedrohungen verinnerliche oder beiseite lege, ob sie mir beschwichtigt oder übersteigert entgegenkommen oder ob sie mich teilnahmslos und gleichmütig lassen, sie rufen zumindest Beunruhigungen hervor. Selbst der unzugänglichste und selbstsicherste Mensch kann seine Gefühlswelt nicht mit einem undurchdringlichen Panzer umgeben. Ich spreche vorsichtshalber von "Beunruhigungen", diesem leicht vergänglichen und leicht abschüttelbaren Gefühlszustand, anstatt mit schweren Geschützen wie Beklemmung. Seelenqual, Entsetzen und Schreckgestalt aufzuwarten. denn als die Nazihorden mit ihren Rufen "Juden raus" durch die Straßen meiner Heimatstadt Köln zogen, war ich eher beunruhigt als beängstigt. Denn meinem Hirn war noch aus Kindheitstagen der Satz "Bange machen gilt nicht" gegenwärtig. Doch das war bald vorbei. Es steigerte sich die Beunruhigung bis hin zum Ausbruch und Gipfel beängstigender Beklemmung.

Das grausame und gnadenlose Wort "Angst", dem Gemeinheit ebensogut zu Gesicht steht wie Tücke, Neid und Niederträchtigkeit, ist überdies Verblender unserer Besinnlichkeit. Ohne den Teufel an die Wand zu malen, schreckt es auf, auch wenn es uns nicht direkt selbst betrifft. Kein Tag vergeht, ohne dass nicht auf der einen oder anderen Seite unserer Gazetten das Wort Angst in kleinen oder großen Lettern erscheint. Die schwerwiegenden wie die belanglosen Probleme werden - bis zur Abstumpfung - mit dem Deckmantel der Angst überzogen: Konjunkturabschwung, Massenentlassungen und fehlende politische Akzeptanz ebenso wie Familienwerte, Handtaschendiebstähle, der Verzehr von Bananen und die Wahrsagungen der Astrologen. Mitleidlos wird gefragt: "Angst in Deutschland - Deutschland in Angst?"; aufschreckend heißt es: "In Deutschland heißt das Negative Angst!"; zerschmetternd wird uns mitgeteilt, es sei eine typische Eigenschaft der Deutschen, sich angst zu machen, so dass man meinen möchte, wir lebten in einer Zwangsjacke der Angst, seien geradezu süchtig nach Angst.

Niemand in seinen guten Sinnen hat je bestritten, dass Angst eine Eigenschaft eines jeden Menschen ist, was aber doch nicht dazu führen sollte, sie zu missbrauchen. Mir scheint, das Phänomen Angst wird derzeit innerhalb des sozialen Geschehens wie im Rahmen unseres Privatlebens in einem Maße für Eigeninteressen nutzbar gemacht, das weit über Missbrauch hinausgeht. Etwas spielt sich hinter dieser Kulisse der Angst ab, das ebenso faszinierend wie gefährlich ist, was mich dazu bewogen hat, ein im Grunde genommen wenig erfreuliches Thema wie die Angst und alles, was damit zusammenhängt, aufzugreifen.

Ich komme hiermit meiner Bereitschaft zur Aufklärung nach, die mich letzten Endes in die Arme meiner Wissenschaft, der Soziologie, getrieben hat. Dabei ist es mir, in aller Bescheidenheit gesagt, keineswegs gegeben, in die Fußstapfen jener großen Denker zu treten, die die beherrschende Geistesbewegung der Aufklärung, des "age de la lumière", wie die Franzosen poetisierend sagen, vom Ende des 17. Jahrhunderts und das ganze 18. Jahrhundert hindurch anführten. Ich bin dem Zeitalter der Aufklärung" nur insofern verbunden, als in ihm die Befreiung der Juden aus dem ihnen aufgezwungenen physischen und geistigen Gettoleben ihren Anstoß fand. Überdies, weil Aufklärung - so wahllos der Begriff heutzutage bei passenden wie unpassenden Gelegenheiten genutzt wird und dadurch starker Abwertung anheimgefallen ist - nicht als Belehrung seine Berechtigung hat, sondern als Enträtselung des Bestehens sowie des Zustandekommens menschlicher Gegebenheiten, darunter die Angst.

Wie der Aberglaube oder das Böse hat sich die Angst in immer neuen Wandlungen in alter Stärke erhalten, und wir alle suchen immerfort nach Mitteln und Zielen, die uns von unseren Ängsten befreien können. Dabei sollten wir uns weder verwirren noch täuschen lassen. Denn letztendlich geht es darum, das intensive Einzelleben mit dem extensiven sozialen und kulturellen Leben in Einklang zu bringen.

aus: <Alphons Silbermann, Propheten des Untergangs. Das Geschäft mit den Ängsten> Gustav Lübbe Verlag 1995
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