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neue sinnlichkeit

These (Kernsatz) von KANT: Die Glückseligkeit des bloßen Genusses der Bewohner von Otaheite (Tahiti) unterscheidet sich grundsätzlich nicht von dem Glücke der Rinder und Schafe. These (Kernsatz) von KANT: Die Natur hat gewiss nicht Instinkte und Vermögen in lebende Wesen gelegt, damit sie solche bekämpfen und unterdrücken sollten. These (Kernsatz) von KANT: Werdet nicht der Menschen Knechte - Lasst Euer Recht nicht ungeahndet von anderen mit Füßen treten.
Kants Amerika
von Immanuel Kant (nach 1781)


Um dem unterhaltenden Kant eine Chance zu bieten, gleichsam spielerisch zu wirken und doch auch die Fragen von Heft Numero 46 mitzubeantworten, die THESEN von Heft Numero 47 zu flankieren - damit der Leser ganz in der Devise von Kant abgefedert wird, die ja lautet: - "Es ist schlimm mit dem Altwerden" - nein, stopp - Verwechslung! diese war es gar nicht: "Ich werde ja meinen Kopf nicht zu einem Pergament machen, um alte, halb verloschene Nachrichten aus Archiven darauf nachzukritzeln." Nein, das war es auch nicht, vielleicht dies: "Um sich überzeugen zu können, dass die Vögel nicht aus Instinkt singen, sondern es wirklich lernen, lohnt es der Mühe, die Probe zu machen und etwa die Hälfte von ihren Eiern den Canarienvögeln unterzulegen... Bringt man die nun in eine Stube, wo sie die Sperlinge nicht draußen hören können: so lernen sie den Gesang der Canarienvögel, und man bekommt singende Sperlinge".

Lotte Lehmann, die wunderbare Sängerin, hätte gesagt: "Just open your pussy, your heart and your mouth and you know how to sing" - werden Textproben (immer vom reifen Kant, der seine Hauptwerke bereits durchdacht hatte - der "nachkritische") hier ausgewählt. Ist es doch willkommen, zu sehen, welche Weltkenntnisse Mitte des 18ten Jahrhunderts galten. Oder wie Bob Dylan vorschlug: "Wer was über die Welt wissen will, soll fernsehen." (Wdh.)


Sie geraten oft auf ihren Reisen in große Not, so dass sie sich ihre Weiber und Kinder zu fressen genötigt sehen. Sie machen ihre Kanus so wie die Grönländer mit Überzug vom Seehund, tragen Hemden von zusammengenähten Blasen dieser Tiere usw. Der Branntwein, den sie schwerlich meiden können, ist ihnen sehr schädlich. Die Eltern, wenn sie alt sind, richten ein Gastmahl aus und lassen sich von ihren Kindern erdrosseln, aber nie sterben sie durch ihre eigene Hand. Über dem siebenundsechzigsten Grade der Breite findet man in Amerika keinen Menschen mehr.

Die Länder, welche zu Kanada sowohl französischen als englischen Anteils gerechnet werden, sind in Ansehung der Lage ihres Klimas im Winter sehr kalt. Die Nordwestwinde bringen raue Luft und große Kälte mit. Je weiter man nach Westen kommt, desto kälter ist die Gegend. Die allerwestlichsten Indianer wohnen an einem See, an dem aber noch nicht die Europäer gewesen sind. Die Indianer haben eine schmutzige rote Farbe des Leibes und, welches besonders ist, kein Haar auf dem Leibe als auf dem Kopfe und Augenbraunen, welche letztere jedoch die meisten selbst ausziehen. Die tierischen Eigenschaften dieser Wilden sind ausnehmend, sie riechen in größerer Weite ein Feuer, als man es sehen kann, daher sie auch keinen Muskus (Moschus) leiden, sondern nur essbare Sachen führen. Ihre Einbildungskraft in Erinnerung der Gegend, wo sie einmal gewesen, und ihre Feinheit in Entdeckung der Spuren der Menschen und des Viehes ist unbegreiflich groß. Unter allen diesen Völkerschaften kann man mit der Sprache der Algonkin und Huronen durchkommen, welche beide sehr rein und nachdrücklich sind. Alle diese Nationen haben keine anderen Oberhäupter, als die sie sich selbst erwählen. Die Weiber haben hier in die Staatsgeschäfte einen großen Einfluss, aber nur den Schatten der Oberherrschaft. Die Irokesen machen die größte und gleichsam herrschende Völkerschaft aus; überhaupt aber werden die Nationen hier allmählich schwächer. Sie haben kein Kriminalgericht. Wenn jemand einen andern getötet hat: so weiß man kaum, wer die Tat strafen soll. Gemeiniglich tut es seine eigne Familie. Die größte Schwierigkeit ist, der Rache der Familie des Erschlagenen zu entgehen. Eine Familie muss durch einen Gefangenen wegen des Verlornen schadlos gehalten werden. Diebe werden zur Wiedervergeltung ganz ausgeplündert, nur Verzagte und Hexen werden getötet und verbrannt. Ihre Religionsbegriffe sind sehr verwirrt. Die Algonkin nennen den obersten Geist einen großen Hasen und seinen Feind den großen Tiger. Nichts ist wütender als ihre Traumsucht. Wenn jemand träumt, er schlage jemand tot: so tötet er ihn gewiss. Traumfest. Der Traum eines Privatmanns kann oft Kriege erregen. Im Kriege suchen sie sehr ihre Leute zu schonen, fechten gegen einander nur gemeiniglich durch Überfall und Hinterhalt, bedienen sich der Kopfschläger und wehren sich verzweifelt. Die Gefangenen werden zwar gebunden, aber anfänglich gut gehalten und wissen nicht, ob sie sollen geschlachtet oder zur Ersetzung des Verlustes der Gebliebenen in die Familien aufgenommen werden. Wenn das erste beschlossen ist, so singt das Schlachtopfer seinen Totengesang, und man zerfleischt ihn durch lange Martern, die oft einige Tage dauern, wobei dieser ganz unempfindlich tut und seinen Henkern Hohn spricht; zuletzt kocht und frisst man ihn. Dies geschieht mehr aus Begierde, den Geist des Erschlagenen durch Racheopfer zu besänftigen, als aus Appetit. Die im Gefechte Erschlagenen werden niemals gefressen; Kinder und selbst Weiber bereiten sich schon zu solcher Standhaftigkeit zu. Die Freundschaft dieser Wilden wird außerordentlich weit getrieben. Das Kalumet ist unter allen diesen Völkern gebräuchlich und ist eigentlich eine Tabakspfeife, welche oft mit einigen Zieraten ausstaffiert wird, woraus die Häupter von beiden Parteien rauchen. Man sieht die große Neigung zur Unabhängigkeit unter diesen Völkern an der Erziehung der Kinder, welche bloß durch Worte und kleine Beschimpfung, als ihnen Wasser ins Gesicht zu spritzen, von den Eltern bestraft werden. Dies scheint die Ursache zu sein, weswegen sich kein Indianer einfallen lässt, die Lebensart der Europäer anzunehmen... Weiterhin, westwärts in diesem Weltteile, sind die Nationen wenig bekannt. Einige drücken den Kindern den Kopf zwischen zwei Klumpen Leimen in der Kindheit breit und heißen Plattköpfe. Unter den Algonkin sind Kugelköpfe wegen der Figur, die sie den Köpfen durch die Kunst geben, also genannt. Die Franzosen, welche die allerwestlichsten Indianer kennen, berichten, dass man unter ihnen von einem großen westlichen Meere höre, und die Reisen der Russen von Kamtschatka aus beweisen, dass Amerika nicht weit davon sei und wahrscheinlicher Weise durch nicht gar zu große Meerengen und einige Inseln von Tschukotskij-Noß in Sibirien abgesondert sei. Die englischen Kolonien in diesem Weltteile sind blühend. In Virginien ist der Winter nur drei Monate lang und ziemlich scharf, der Sommer hingegen angenehm. ... Pennsylvanien und Maryland ... Alle diese Völker haben sich seit der Europäer Ankunft sehr vermindert. Man findet bei allen diesen Nationen, dass der Gebrauch des Kupfers viel älter bei ihnen sei als derjenige des Eisens. In dem benachbarten Florida sind die Einwohner sehr beherzt, sie opfern der Sonne ihre Erstgeburt. Das Land hat große Perlen.
(Akad.Text. Bd. IX S. 432ff)
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