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neue sinnlichkeit

These (Kernsatz) von KANT: Mathematik, Philosophie und Geschichte müssen immer bleiben. These (Kernsatz) von KANT: Jeder Handwerker, jeder Bürgersmann, der arbeitsam und treu einen guten Wandel führt und ordentlich sein Haus bestellt, ist von dem gleichen Werte wie der Gelehrte. These (Kernsatz) von KANT: In der Historie ist nichts Bleibendes ... als die Idee der Entwicklung der Menschheit und ihres Rechtes.
Fünf Minuten Naturwissenschaft
von Immanuel Kant
Professor für Logik und Metaphysik
in Königsberg i. Pr.
von Lajos Dayatos 2004 / UHU 1924-1934


Spaßhalber und ganz im Handumdrehen einen Philosophen kennenlernen - das ist hier der Leitgedanke: Kant für Erstleser, ganz nach Knigges Motto: Wenn man was zu sagen hat, soll man es freundlich, klar und einfach machen.

Kant hat seine achtzig Lebensjahre (1724-1804) überwiegend in seiner Geburtsstadt Königsberg verbracht. Wenngleich er etwa drei Jahre als Hauslehrer im litauische Judtschen, bei Insterburg, und noch mal drei Jahre in Arnsdorf bei Saalfeld und Osterode, im Westen Ostpreussens gearbeitet hat, mal als preussischer Untertan, mal als Moskauer, und auch Land- und Schiffsreisen nach Tilsit und anderswo belegt sind - steht fest: Kant hat von seinem Schreibtisch aus die Welt geistig revolutioniert. Bei dem Philosophen Kant, der lediglich die Grundgesetze des menschlichen Denkens zum Gegenstand seiner Untersuchungen machte, kann man verstehen, dass er dazu nichts weiter brauchte als seinen Verstand und eine Reihe von Büchern. Und Reisen, das bedeutete qualvolles Kutschieren, über Stock und Stein, ohne Fernstrassen. Wie aber war es mit dem Geographen und Naturwissenschaftler Kant? Wie konnte er von seinem kleinen Königsberger Kabinett aus ferne Erdteile beschreiben? Antwort: nach Büchern, nach Reisebeschreibungen, naturwissenschaftlichen Werken. Da war nun Zuverlässiges und Phantastisches durcheinandergemischt, es fanden sich Berichte von Missionaren, die gut beobachtet hatten, neben Seemannsfabeln, Aufschneidereien, Übertreibungen. Die modernsten Reiseberichterstatter waren damals Ärzte, Kaufleute und Verwaltungsbeamte, die als Sendboten europäischer Kolonialmächte exotische Länder gelegentlich besuchten; und mannigfach wie diese Persönlichkeiten waren ihre Berichte nach Gehalt und Wert. Nicht minder wichtig für Kant aber waren die alten - zuweilen noch aus dem Mittelalter datierenden - systematischen Naturbücher, die von Stubengelehrten verfasst waren, um irgendeinen theologischen Grundsatz, z. B. den von der Vollkommenheit der Welt, zu beweisen. So hat Kant seine geographischen Vorlesungen aus vielen, ungleichwertigen Quellen zusammengestellt.

Er war der erste Universitätsprofessor, der überhaupt über Geographie las; und seine geographischen Vorlesungen erregten starkes Aufsehen, waren so überlaufen, dass verschiedene Offizierskorps sich noch Privatvorlesungen halten ließen. Kant fand, dass man sich bisher viel zu wenig mit Geographie beschäftigt hätte, und dass dies ein arger Bildungsmangel sei, dem er nach Kräften abhelfen wollte. Dabei verstand er unter Geographie nicht bloß die Kunde von fernen Ländern, sondern die ganze Einheit der Kenntnis von Natur und Mensch. Er erstreckte deshalb seine geographischen Vorlesungen auch auf Botanik, Zoologie, Ethnologie, Geologie und andere, heute getrennte Gebiete: Er gab ein großartiges Gesamtgemälde - eine "Architektonik", wie er selbst sagte - von unserer Erde. Kant wollte also seinen Hörern Weltbildung vermitteln, und das war damals für einen deutschen Philosophen ein unerhört kühnes Unterfangen. Die Engländer - schreibt Kant in der Einleitung zu seiner Geographie - haben die beste Volksbildung, und das kommt daher, dass sie die besten Zeitungsleser sind, in ihren Zeitungen ununterbrochen Kunde aus aller Welt bekommen und diese Nachrichten an der richtigen Stelle anbringen können.

Kant - wie auch Goethe - war der Überzeugung, dass man gewisse Wahrheiten vorwegdenken (antizipieren) könnte, ehe sie sichtbar in Erscheinung treten; und in seinen geographischen Vorlesungen bewahrheitet sich das an manchen Stellen. Und die Neurobiologie-Philosophen des Jahres 2004 bestätigen, dass auch wenn viele menschliche Handlungen nicht direkt ins Bewusstsein treten, ähnlich dem Schlafwandler, die Wahrnehmung und die Orientierungsleistung daraus gezogen wird. Dass ich mir der Dinge, die ich sagen will, nur bevor ich mich sprechen höre, selten bewusst bin. Irgendein Gehirnsystem muss aber die vage Vorstellung, über die ich nachdenke, gefasst, in grammatisch korrekte Sprache übersetzt und schließlich die motorischen Signale erzeugt haben, die meine Sprechmuskeln steuern. Wir kennen das sensomotorische Antizipieren beim Tennis, beim Autofahren und als mimetisches Vermögen, beim Vor- und Nachformen einer Türklinke. Wer auf seinem Laptop schreibt, ist sich des Textinhalts bewusst, aber nicht der zahlreichen abgestimmten Hand- und Fingerbewegungen. So klingt also Kant ganz modern, wenn er an einer Stelle schreibt: "Die genauere Kenntnis von Tibet wäre eine der wichtigsten. Durch sie würden wir den Schlüssel zu aller Geschichte erhalten. Es ist dieses das höchste Land, wurde auch wahrscheinlich früher als irgendein anderes bewohnt und mag sogar der Stammsitz aller Kultur und Wissenschaft sein. Die Gelehrsamkeit der Inder namentlich rührt mit ziemlicher Gewissheit aus Tibet her, sowie dagegen alle unsere Künste aus Indostan hergekommen zu sein scheinen, z. B. der Ackerbau, die Ziffern, das Schachspiel usw. Man glaubt, Abraham sei an den Grenzen von Indostan einheimisch gewesen. Ein solcher Urplatz der Künste und Wissenschaften, ich möchte sagen: der Menschheit, verdiente wohl die Mühe einer sorgfältigen Untersuchung". Mit dem selben Nachdruck weist Kant auch auf Afrika: "Die Ursache, dass das Innere von Afrika uns so unbekannt ist wie die Länder im Monde, liegt mehr an uns Europäern als an den Afrikanern, indem wir uns durch den Negerhandel so schüchtern haben machen lassen. Die Küsten von Afrika wird zwar von den Europäern besucht, ihre Reisen aber dahin sind sehr gewalttätig, indem sie jährlich sechzig- bis achtzigtausend Neger von da aus nach Amerika wegführen. So kam es, dass noch ziemlich bis auf die neuere Zeit herab dieser Weltteil den Europäern kaum auf dreißig Meilen der Küste hin in das Innere bekannt war". Unter dem Titel Kants Amerika findet der Leser weiter oben im Heft eine Probe der kantischen Geographie herausgestellt, und die Leserin darf sich ein Pfeifchen anzünden, wie es auch Kant gern tat.
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