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neue sinnlichkeit

KANT FRAGT:
Warum erwarten aber die Menschen überhaupt ein Ende der Welt? KANT FRAGT:
Ist die weltbürgerliche Idee von einer vereinten Menschheit zum großen Völkerbunde, als Plan mit Bienen, Bibern und Automaten, wirklichkeitsnah oder ist der Gegensatz in der bisherigen Entwicklung von Antagonismus und ungeselliger Geselligkeit stärker? KANT FRAGT:
Ist eine Weltfriedens-Politik von vielseitigen antagonistischen Innenpolitiken her denkbar oder von einer balancierenden Außenpolitik? KANT FRAGT:
Warum erwarten die Menschen ein Ende mit Schrecken?
Etwas über Jesus
von Robert Walser 1925/27


Wenn ich hier über ihn etwas schreibe, so tu ich's ohne zu zittern, indem mich ja mein Glauben an ihn frohlocken lässt, er besitze genügend Güte, mir etwaige Fehler, unrichtige Anschauungsart ohne weiteres zu verzeihen. Mir würde aber auch dann nicht bang vor diesem anscheinend ziemlich komplizierten Aufsatz sein, wenn ich - ihn - mir streng, d. h. gebieterisch vorstellen müsste. Auf alle Fälle fühle ich mich beim Schreiben dieser unverzagten Zeilen als ein Mitglied der Kirche, die auf seiner menschlich-göttlichen Erscheinung aufgebaut worden ist, und wenn ich mir würde denken müssen, dass Theologen Kenntnis von meinem Artikel nähmen, so könnte dies für mich unmöglich eine unangenehme Voraussetzung sein, denn ich bin mir der guten Haltung, deren meine Aufgabe bedarf, wie beispielsweise vorliegende eine ist, bewusst, und bei diese, Punkte angekommen, zögere ich keinen Augenblick, zu sagen, ich sei der Meinung, dass bezüglich des Bemühens, sich ihm zu nähern, ihn zu erblicken, die Wahrung des Anstandes von Bedeutung ist. Wenn ich mich vulgärer Ausdrucksweise würde bedienen dürfen, könnte mir auszusprechen einfallen, er habe mehrmals "den Kopf gemacht"; denn es verlautet ja schwarz auf weiß, er habe einmal die merkwürdige Bemerkung fallen lassen: "Ihr werdet euch nach mir sehnen", gerade, als sei er zu schmollen bestrebt gewesen, wobei ich natürlich nicht außer acht lasse, dass es lediglich die Legende ist, die uns ihn mit den Reizen der Vertraulichkeit, dem Rührenden der menschlichen Schwäche schmückt. Die Erzählung, die sich seiner bemächtigte, will uns unter anderm glauben machen, er habe sich eines schönen Vor- oder Nachmittages mit einer rätselhaft schönen Frau in der Nähe eines Ziehbrunnens unterhalten; ebenso sei er gelegentlich mit einem Jüngling aus hochachtbaren Kreisen verhältnismäßig unhöflich umgegangen. Aus der gewiss zum Teil naiven Überlieferung geht eklatant hervor, er habe wichtig von sich selbst gedacht, dadurch, dass er zu unterlassen für gut gefunden habe, andern, sagen wir, den Armen, Wichtigkeit beizumessen, Scheinbar äusserte er sich mitunter stolz und schroff, und kein Mensch kann imstande sein, zu wissen, ob ihm dies leid getan habe oder nicht. Als Angehöriger der Jetztzeit finde ich einen seiner Aussprüche, nämlich demjenigen, der von der Darhaltung beider Wangen zwecks Backenstreichinempfangnahme spricht, wenn nicht geradezu überspannt, so doch immerhin bedenklich, und nur die überaus fröhliche Vorstellung, er sei ein Gott gewesen, vermag mir angesichts der Forderungen, die er scheinbar spielend, scherzend aufstellte, die ins Wanken geratene Fassung wiederzugeben. Wenn er ein Mensch war, warum sollte ihn dann nicht hie und da die Lust angekommen sein, ein bisschen zu spotten, und war er ein Gott, woran ich durchaus glaube, so durfte er erst recht sagen, was er wollte. Nun wandert ja im allgemeinen ein Gott nicht zu Fuß von Ortschaft zu Ortschaft, sondern existiert in irgendwelchem Schwebenden, Überwirklichen. Was mich betrifft, so bin ich überzeugt und glaube mit unanfechtbarer Andacht, dass er Gottes Sohn war, der die Kindlein zu sich kommen hieß, denn ich darf doch wohl mit Vergnügen gestehen, dass ich gerade das Unglaubhafte am liebsten glaube. Meine literarischen Freunde haben sicher das Recht, mit vorzuwerfen, ich klammere mich an die Kirche; aber aus welchem Grund sollte ich mich nicht an diesem Gottesgewand festhalten, da er, von dem ich hier spreche, und die Kirche für mich unzertrennlich sind? Genannte vorzügliche Menschen, womit ich jene Freunde meine, nehmen sich unter anderm sozusagen heraus, Goethe und ihn in einem Atemzug zu nennen, als wäre - er - etwas wie ein Dichter gewesen, was ich nicht für richtig gedacht zu halten vermag. Die Folgen seines Auftretens auf der Erde in Betracht ziehend, muss man ihn eher für den Stifter der christlichen Religion halten, als dass man berechtigt sein könnte, zu denken, er habe in irgendeinem Sinn gedichtet, was nach meinem bescheidenen Begriff den religiösen Anstand antastet. Sämtliche Dichter waren doch immer irgend etwas wie Bürger, er aber glitt wie ein Licht in den Räumen des Lebens zum Glück kaum oder überhaupt nicht sichtbar einher, und die Dichter und Künstler und alle sonstigen Menschen können sich meiner Ansicht nach ihm gegenüber unmöglich anders als mit stärkerer oder gelinderer Gebärde anbetend betragen. Für mich hat er nie wie ein Schriftsteller, der nur sprach, aber nicht schrieb, sondern wie der Sohn Gottes gesprochen, wobei es mir beinahe eine Art Freude bereitet, diejenigen, die dächten, ich sei in dieser Hinsicht von einer zu großen Genauigkeit, um Verzeihung zu bitten.

Vielleicht spreche ich in diesem meiner Meinung nach total harmlosen Essay so, weil mich die Tatsache, dass mein Großvater seinerzeit Pfarrer war, vollkommen unbefangen sein lässt. Falls ich mir erlauben darf, eine Sekunde lang vielleicht etwas zu aufrichtig zu sein, dächte ich gerne daran, dass mir einmal meine Mutter, nicht direkt, sondern gleichsam wie bloß zu sich selbst sprechend, sagte, er habe kein Herz besessen, woraus ersehen werden kann, dass er ihr wahrscheinlich ein wenig zu vertraut war. Braucht ein Gott Herz zu haben, ist ihm dies möglich, und ist für uns irgendwelche spinnwebdünne Möglichkeit vorhanden, die uns das Recht erteilt, Kritik an ihm auszuüben, entweder mit ihm zu hadern oder zufrieden mit ihm zu sein? Nebenbei betont, saß ich neulich in eines gutherzigen Mädchens Gesellschaft, die es nicht für feinsinnig hält, viel Freundlichkeit an den Tag zu legen, und die ich unwillkürlich mit der Galiläerin verglich, die mit ihm, ihm ein anscheinend ebenso sonderbares wie wertvolles, kurioses Gespräch gehabt haben soll. Dem geistvollen, reichen Jüngling gegenüber benahm er sich also nicht so nett, wie er zu tun in der Lage gewesen sein könnte. Immer gebärdete er sich so, als müsse er von Schicksals wegen sorgen, dass er nachher ganz aus Leid, aus Seelenschmerz bestehe. Schon der kleine, für mich jedoch keineswegs belanglose Umstand, dass es ihm nie an Kleidung, Wohnung, Lebensmitteln usw. fehlte, weist auf etwas Hohes, Überirdisches hin, wobei ich meine Freunde aus den Kreisen der Intellektualität höflich ersuchen möchte, mich für fähig zu halten, dass ich hier gleichzeitig scherze und ernsthaft bin. Für mich ist der Glaube an ihn herrlich; sein heiterkeitsreicher Lebensweg bedeutet für mich das Schönste, was es gibt, und ob er langherabfallendes oder kurzes Haar getragen habe und ob sein Lächeln in Nächten einem Leuchten glich oder nicht, macht mich mein Mitleid mit ihm innerlich schön, und sein Weinen mit dem meinigen zu bereichern, wird mir zu einem Bedürfnis, das ich liebe, das köstlich wie eine Salbe für mich ist. Die Frage, ob seine Menschenliebe aus der Liebe zu seiner Frau herauswuchs, verbietet mir meine Kirchenbejahung zu beantworten. Seine Hände, mit denen er Heilungen vollführte, die Füße, die ihn zu denen trugen, die ihn vielleicht nie erblickten, sich dies nur einbildeten, denen diese Einbildung jedoch ein Ereignis wurde, seine Leiblichkeit überhaupt wächst für mich lebendig aus jedem Kirchenanblick oder -besuch hervor. Als ich längere Zeit nicht mehr an ihn gedacht, es ohne seine Aufmunterungen machen zu können gemeint hatte, ließ mich ihn eine Sonntagspredigt von neuem schauen, obschon die ländlichen Kanzelworte nicht durch sonderliche Bedeutung hervorragten. Beispielsweise ist eine Pfarrersfrau oder -tochter für mich immer etwas Liebes, und die Felder, die Arbeit, die sie beanspruchen, zählen für meine Auffassung mit in die ihn bewillkommende Gemeinde, als käme er noch jetzt aus irgendwelcher Richtung auf der Straße herbeigeschritten und lächle wohltuend während des Sichallmählichnäherns. Dürfte ich denken, diese schriftstellerische Arbeit gleiche einem Gesicht, das jeden Blick sanft aushält, das vor Freude, dass es sich geprüft sieht, strahlt, und dürfte ich nun vielleicht meine Freunde von der Unausdenkbarkeit überzeugt haben, mir fehle es an christlichem Glaubensgleichgewicht, und ich sähe seine Nähe und Ferne nicht mit ebenso großer Leichtigkeit wie sie? Manche von ihnen möchten seinetwegen die Kirche, die er doch selbst ist, ablehnen. Mir sagt sie zu; schon die bloße Absicht, wie die übrigen ins Gebethaus zu treten, mich wie jeder beliebige Betende zu benehmen, wirkt auf mich so, als sei ich wie ein verständnisangesäter Acker, eine Äußerung, die ich schon deshalb für eine religiöse halte, weil sie mich nicht vor dem Gedemütigtwerden schützt. Ich finde, dass ich hier wenigstens mit einigem Mut spreche. Zum Klugsein lud er uns meines Wissens ein.
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