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neue sinnlichkeit

KANT FRAGT:
Ist der Mensch wirklich Endzweck der Natur? KANT FRAGT:
Was heißt:sich im Denken Orientieren?
Kinderseiten der Epoche
Kant und Kanter
von Dietmar Moews


Der Königsberger Buchhändler Kanter hatte es sich zu eigenen Gunsten ausgelegt, wenn der Magister Immanuel Kant bei ihm im Buchhandlungshaus zur Miete wohnen würde. Doch es gerieten verschiedene Ideen dazwischen und transzendierten die alltägliche Lebensnähe des Hausvermieters und Einzelhändlers.

Kant hatte nämlich, entgegen dem Vorurteil, er denke tief und schriebe lang, stattdessen ganz seltsame häusliche Gewohnheiten. Aufgrund einer Erbschaft, die seine entfernte Tante nachgelassen gehabt hatte, und die unergründliche Stapel von mit persischer Sprache beschriebenen Papieren enthielt, hatte Kant schon mit jungen Jahren angefangen die persische Sprache lesen zu lernen. Seitdem gab er solche Textsätze, ins Lateinische übersetzt, als Wahrheitsblindheiten heraus. Mit dem Respekt, den sein akademisches Philisterpublikum grundsätzlich immer zu bezahlen bereit ist, bevor es zugibt, nichts zu verstehen, hatte sich Kant schon einen schönen Ruf erworben, der bis Tilsit ging. Dies Verfahren ermöglichte ihm nun einerseits eine üppige Produktion, ziemlich leicht, brachte die tägliche Belobigung des Kanter, der nämlich damit seine Buchhandlungs-Kundschaft erfolgreich unterhalten und zum Kaufen anregen konnte, so dass er sehr bald auch ein Ölgemälde-Porträt von seinem Mieter Kant in seine Geschäftsräume aufhing. Andererseits hatte Kant eigentlich - bei tüchtiger Ausbeutung des Erbschatzes - doch ziemlich viel Zeit übrig, sodass er viel herum-spielte. Enthielt auch das persische Erbe sehr witzige Themen und lustige Alltagsgeschichten, um die es Kant doch sehr schade schien, diese nicht veröffentlichen zu können, nur weil sie als latinisierte Transzendental-Kritik-Rationalität sich eventuell nicht ziemten. Es kam dann aber die Erleichterung. Hamann, der sturmdrängende Literaturfreund Kants in Königsberg, gab die Ermutigung dafür: Ob es Übermut, Tollwut oder Reinigungstrieb war, weiß man nicht. Jedenfalls hatte Hamann, der bei den Lesestunden in Kanters Buchhandlung, dafür diente, Kants jeweilige Neuerscheinungen kraftvoll und begeisternd vorzulesen, präsentierte eines Tages einen Text mit dem Titel Ein Kloak, von dem er wusste, dass Kant diesen besonders liebte, sich aber nicht getraut hatte, ihn herauszubringen. So war der Kloak auch gar nicht ins Lateinische übersetzt, sondern in Deutsch und lautete etwa so: Ein Witzling hatte das Paradies, den Aufenthalt des ersten Menschenpaars, in den Himmel versetzt, in welchem Garten Bäume genug, mit herrlichen Früchten reichlich versehen, anzutreffen waren, deren Überschuss, nach ihrem Genuss, sich durch unmerkliche Ausdünstung verlor; einen einzigen Baum mitten im Garten ausgenommen, der zwar eine reizende aber solche Frucht trug, die sich nicht ausschwitzen ließ. Da unsere ersten Eltern sich nun gelüsten ließen, ungeachtet des Verbots, dennoch davon zu kosten: so war, damit sie den Himmel nicht beschmutzten, kein andrer Rat, als dass einer der Engel ihnen die Erde in weiter Ferne zeigte, mit den Worten: "das ist der Abtritt für das ganze Universum", sie sodann dahinführte, um das Benötigte zu verrichten, und darauf mit Hinterlassung derselben allein zum Himmel zurückflog. Davon sei nun das menschliche Geschlecht auf Erden entsprungen.

Diese Geschichte war enorm. Das Publikum jubelte Hamann und Kant zu, verlangte mehr davon und bedrängte den Buchhändler Kanter unverzüglich Gewünschtes zu liefern. Zunächst half sich Kanter damit, den Leuten zu versichern, die lateinischen Texte Kants seien ebenso anregend wie dieser Kloak. Doch konnte er es Kant nicht erlassen, so bald als möglich für Nachschub zu sorgen. Nachdem Kanter Kant einen Posten als Philosophieprofessor an der Universität ermöglichte, war Kant bereit, kramte in der Kiste und brachte nunmehr eine Stakkatoserie von Witzgeschichten heraus, die später als die berühmten Kritiken vom Publikum verehrt werden sollten - von Friedrich dem Großen in Potsdam, von Schiller in Jena, von Goethe in Weimar, bis zu Voltaire und Lessing. Nur Knigge vom Deister hielt aus Eigennutz und Undank kritische Distanz dazu.
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