meldungen   neue sinnlichkeit   xtext   abonnement   email   community   sitemap   home  
neue sinnlichkeit

KANT FRAGT:
Wird ein Schmied, der Zangen hat, das glühende Eisen aus den Kohlen mit seinen Händen herauslangen? KANT FRAGT:
Wie weit ist sinnliche Lust mit wahrer, "moralischer" Liebe vereinbar? KANT FRAGT:
Muss nicht der Begriff eines göttlichen Beitritts zu einer Wirkung in der Sinnenwelt wegfallen? KANT FRAGT:
Wie lässt sich die Freiheit des menschlichen Handelns mit den ständigen Tatsachen der Statistik, wie der durch menschliche Torheit auf der großen Weltbühne verschuldete "widersinnige" Gang der Dinge mit der Annahme einer nicht bloß in der äußeren Natur, sondern auch in der Menschheitsgeschichte zutage tretenden zweckvollen "Naturabsicht" zusammenreimen? KANT FRAGT:
Kann der Handelsgeist mit dem Kriege zusammen bestehen? KANT FRAGT:
Unter welchen Umständen soll man den Übeln weichen, anstatt ihnen beherzt entgegenzutreten? KANT FRAGT:
Leben wir jetzt in einem Zeitalter der Aufklärung?
Fragen zur Freiheit
aus <Freiheit - Vier Versuche> 1969/1995
von Isaiah Berlin


Isaiah Berlin wird für die Neue Sinnlichkeit, insbesondere zu Fragen eines weichen Liberalismus und zu den Angelegenheiten von Emanzipation und Stalinismus, beansprucht. Berlin zählt neben Arthur Koestler zu dem Kreis der Denker, die aus dem Stalinismus kommend, nach 1945 - im Kreis der politischen englischen Zeitschrift - vom CIA alimentiert, die europäische Debatte mitgestaltet haben.

Isaiah Berlin, geboren 1909 in Riga, gestorben 1997 in Oxford, war von 1957 bis 1967 Professor für Sozialphilosophie und Politische Theorie in Oxford, von 1974 bis 1978 Präsident der Britischen Akademie der Wissenschaften: "Dazu habe ich nur eins zu sagen. Organisiert nicht. Organisation ist der Tod der Kunst...Ich flehe euch an, dass auch ihr nicht organisiert."


Ich möchte mit der berühmtesten dieser Fragen beginnen, da sie das Wesen des Menschen betrifft: mit der Frage des kausalen oder teleologischen Determinismus. Meine These lautet nicht, wie einige meiner heftigsten Kritiker behauptet haben, der Determinismus sei mit Sicherheit falsch (oder gar: ich könnte dies beweisen). Sie lautet nur: dass die Argumente, die zu seinen Gunsten vorgebracht werden, nicht schlüssig sind; und dass, wenn der Determinismus je zu einer allgemein akzeptierten Überzeugung werden und Eingang in unser gewöhnliches Denken und verhalten finden würde, die Bedeutung und Verwendung bestimmter, für das menschliche Denken zentraler Konzepte und Wörter obsolet werden würden oder radikal verändert werden müssten. Die Tatsache, dass diese elementaren Wörter und Konzepte nach wie vor in Gebrauch sind, spricht nicht unbedingt für die These, dass viele, die sich zu ihm bekennen, wenn überhaupt, nur selten praktizieren, was sie predigen, und dass ihnen (wenn meine These zutrifft) sonderbarerweise kaum auffällt, wie wenig ihre wirklichen Überzeugungen, soweit sie in ihrem Tun und Reden zum Ausdruck kommen, ihrer Theorie entsprechen. Dass das Problem der Willensfreiheit sehr alt ist, dass es mindestens bis in die Zeit der Stoiker zurückreiche; dass sich gewöhnliche Menschen mit ihm ebenso herumgeschlagen haben wie Berufsphilosophen; dass es sehr schwierig ist, dieses Problem klar zu formulieren; dass die Debatte im Mittelalter und in der Neuzeit zwar zu einer genaueren Analyse der beteiligten Konzepte geführt, uns aber einer endgültigen Lösung kaum näher gebracht haben; dass manche Menschen unmittelbar von ihm beunruhigt werden, während andere in solcher Unruhe nichts weiter als eine individuelle Verwirrung erblicken, die mit einem kräftigen philosophischen Lösungsmittel beseitigt werden sollte - das alles verleiht dem Problem des Determinismus einen besonderen Status unter den philosophischen Fragen. Ich habe in diesen Essays nicht versucht, das Problem der Willensfreiheit als solches systematisch zu diskutieren, ich habe mich vielmehr auf seine Relevanz für die Idee der Kausalität innerhalb der Geschichte beschränkt. Hier kann ich meine ursprüngliche These nur noch einmal wiederholen, dass alle Ereignisse vollständig durch andere Ereignisse determiniert werden (gleichgültig, welchen Status diese Aussage selbst haben mag), und andererseits zu behaupten, die Menschen seien frei, zumindest zwischen zwei Handlungsweisen zu wählen - frei nicht nur in dem Sinne, dass sie imstande sind, das zu tun, wozu sie sich entscheiden (und weil sie sich dazu entscheiden), sondern auch in dem Sinne, dass sie in ihrer Wahl oder Entscheidung nicht durch außerhalb ihrer Macht liegende Ursachen determiniert werden. Wenn man annimmt, dass jeder Willens- oder Wahlakt durch vorgängige Ursachen vollständig determiniert sei, dann scheint mir (allein zum Trotz, was hiergegen vorgebracht worden ist) diese Überzeugung nicht vereinbar mit dem, was gewöhnliche Menschen und auch Philosophen, solange sie nicht gerade eine deterministische Position verteidigen, unter Wahl oder Entscheidung verstehen. Insbesondere kommt man meiner Ansicht nach nicht um die Erkenntnis herum, dass die Gewohnheit, Lob und Tadel zu verteilen, Menschen für ihre Handlungen zu beglückwünschen oder zu verurteilen (was ja voraussetzt, dass sie für ihre Handlungen moralisch verantwortlich sind, da sie sich auch anders hätten verhalten können, d. h. nicht so hätten handeln müssen, wie sie gehandelt haben), durch den Glauben an den Determinismus untergraben wird. Deterministen könnten die gleichen Wörter zwar noch verwenden, um ihre Bewunderung oder Verachtung für bestimmte Eigenschaften oder Taten von Menschen zum Ausdruck zu bringen; um zu ermuntern oder abzuschrecken; und es mag auch sein, dass sich solche Funktionen bis in die Anfänge menschlicher Gesellschaften zurückverfolgen lassen. Aber ohne die Annahme, dass es Entscheidungsfreiheit und Verantwortung im Sinne Kants gibt, wird zumindest eine der gewöhnlichen Verwendungsweisen dieser Begriffe gleichsam vernichtet. Der Determinismus entzieht offenbar einem ganzen Komplex von moralischen Ausdrücken ihr Leben. Nur wenige Verteidiger des Determinismus haben sich mit der Frage beschäftigt, was alles zu diesem Komplex gehört und wie sich seine Beseitigung auf unser Denken und unsere Sprache auswirken würde. Deshalb glaube ich, dass jene Historiker und Geschichtsphilosophen, die behaupten, Verantwortung und Determinismus in dieser oder jener Form Wahrheit für sich beanspruchen kann oder nicht; und gleichgültig, ob der Glaube an die Realität moralischer Verantwortung in dieser oder jener Form berechtigt ist oder nicht. Klar scheint jedenfalls, dass sich diese Möglichkeiten gegenseitig ausschließen: beide Überzeugungen mögen unbegründet sein, aber sie können nicht beide wahr sein. Ich habe nicht versucht, zwischen diesen Alter-nativen zu entscheiden; ich habe nur behauptet, dass zu allen Zeiten Menschen in ihrem gewöhnlichen Sprechen die Freiheit, wählen oder Entscheidungen treffen zu können, als selbstverständlich vorausgesetzt haben. Und weiter behaupte ich: Wenn Menschen wirklich zu der Überzeugung gelangten, dass diese Anschauung falsch sei, dann würden die durch diese Erkenntnis erforderlich werdenden Veränderungen und Verwandlungen elementarer Ausdrücke und Ideen umfassender und irritierender ausfallen, als die Mehrheit der zeitgenössischen Deterministen zu ahnen scheint. Mehr habe ich nicht behauptet, und mehr will ich auch jetzt nicht behaupten.

Die Annahme, ich hätte mir vorgenommen zu beweisen, dass der Determinismus falsch sei - eine Annahme, auf der ein großer Teil der Kritik an meiner Argumentation beruht -, ist un-begründet. Ich muss das betonen, weil einige meiner Kritiker (namentlich E. H. Carr) mir mit Nachdruck unterstellen, ich würde den Anspruch erheben, den Determinismus widerlegt zu haben. Aber diese Position habe ich nie verteidigt und nie eingenommen, ebensowenig wie die mir ebenfalls unterstellte sonderbare Ansicht, Historiker hätten eine positive Pflicht, moralische Urteile zu fällen; auf diesen Punkt werde ich später noch zurückkommen. Insbesondere wurde mir vorgeworfen, ich hätte Determinismus und Fatalismus miteinander verwechselt. Auch das ist ein Missverständnis. Als Fatalismus bezeichnet man, soweit ich sehe, die Ansicht, dass menschliche Entscheidungen bloße Nebenprodukte, Epiphänomene sind, nicht imstande, das Geschehen, das seinen unerforschlichen Lauf unabhängig von dem nimmt, was Menschen wünschen und wollen. Nie habe ich diese wenig einleuchtende Position einem meiner Gegner unterstellt. Die Mehrheit von ihnen neigt zum "Ich-" oder "Selbst-Determinismus" - einer Doktrin, die besagt, dass Charakter und "Persönlichkeitsstrukturen" der Menschen, ihre Gefühle, Einstellungen, Entscheidungen und die Handlungen, die aus ihnen hervorgehen, durchaus eine wichtige Rolle innerhalb des Geschehens spielen, dass die selbst aber wiederum Wirkungen psychischer, sozialer und individueller Ursachen sind, die ihrerseits Wirkungen anderer Ursachen sind, und so weiter, in einer nicht aufzubrechenden Verkettung. Der bekanntesten Version dieser Doktrin zufolge bin ich frei, indem ich tun kann, was ich tun möchte, oder indem ich zwischen zwei möglichen Handlungsweisen wählen kann. Aber meine Wahl selbst ist kausal determiniert; denn wäre sie es nicht, wäre sie ein zufälliges Ereignis; eine andere Möglichkeit gibt es nicht; eine Wahl oder eine Entscheidung in einem weiteren Sinne als frei zu bezeichnen, weder als kausal determiniert noch als zufällig, liefe auf den Versuch hinaus, etwas Unsinniges zu sagen. Diese klassische Anschauung, die nach Auffassung der meisten Philosophen das Problem der Willensfreiheit ausräumt, scheint mir nichts anderes als eine Variante der allgemeinen deterministischen These zu sein, die die Verantwortung ebenso ausschließt, wie dies ihre "stärkere" Variante tut. Diesen "schwachen Determinismus", auf den sich seit seiner ersten Formulierung durch den Stoiker Chrysippos viele Denker gestützt haben, bezeichnete Kant als eine "elende Ausflucht". William James bezeichnete ihn als "weichen Determinismus" und nannte ihn, vielleicht allzu streng, "einen Sumpf der Ausrede".

Ich sehe nicht, wie man von Helena sagen kann, ihr schönes Gesicht habe nicht nur tausend Schiffe in Bewegung gesetzt, sie sei vielmehr auch verantwortlich (und nicht etwa nur die Ursache) für den Trojanischen Krieg, wenn doch dieser Krieg nicht das Resultat einer freien Entscheidung - mit Paris davonzulaufen - war, die Helena auch anders hätte treffen können, sondern die Auswirkung ihrer unwiderstehlichen Schönheit. Anders als manche seiner Verbündeten räumt A. K. Sen immerhin ein, dass zumindest zwischen einigen der Bedeutungen, die man mit den Inhalten gewöhnlicher moralischer Urteile verbindet, und dem Determinismus eine Inkonsistenz besteht. Er bestreitet aber, dass der Glaube an den Determinismus die Möglichkeit rationaler moralischer Urteile notwendig ausschließt, und begründet dies damit, dass solche Urteile notwendig gleichwohl das Verhalten von Menschen beeinflussen können, indem sie als Anregungs- oder Abschreckungsmittel wirksam werden. Ähnlich argumentiert Ernest Nagel: auch unter der Annahme des Determinismus könnten sich Lob, Tadel und die Annahme, dass es Verantwortung gebe, auf menschliches Verhalten auswirken - z. B. auf die Disziplin, auf Verdauung oder den Blutkreislauf eines Menschen nicht auswirken würden. Das mag so sein, aber es trifft nicht den Kern des Problems. Unsere Werturteile - Lob oder Tadel für die Taten und Charaktere toter, entrückter Menschen - und nicht nur und nicht in erster Linie als utilitäre Instrumente zur Ermutigung oder Warnung unserer Zeitgenossen oder als Leuchtzeichen für die Nachwelt gedacht. Wenn wir in dieser Weise sprechen, versuchen wir nicht nur künftiges Handeln zu beeinflussen (obgleich wir dies möglicherweise auch tun), wir formulieren auch nicht bloß quasi-ästhetische Urteile - wie wir es tun, wenn wir jemandes Schönheit oder Hässlichkeit, Intelligenz oder Dummheit, Großzügigkeit oder Geiz bewerten, Eigenschaften, die wir mit Hilfe irgendeines Wertmaßstabes zu klassifizieren versuchen. Wenn mich jemand für eine Wahl, die ich getroffen habe, lobt oder verurteilt, dann sage ich nicht immer entweder: "So bin ich eben; ich kann nicht anders" oder: "Bitte, sprich weiter, deine Rede hat eine wunderbare Wirkung auf mich: sie stärkt (oder schwächt) meine Entschlossenheit, in den Krieg zu ziehen, oder der Kommunistischen Partei beizutreten." Es kann sein, dass solche Worte, ähnlich wie die Aussicht auf Belohnung und Bestrafung, Verhalten in wichtiger Hinsicht beeinflussen und dass sie hierdurch nützlich oder gefährlich werden. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist vielmehr, ob solches Lob, solcher Tadel verdient, moralisch angemessen ist oder nicht. Man kann sich leicht einen Fall vorstellen, in dem wir der Meinung sind, ein Mensch habe Tadel verdient, in dem wir aber dennoch nichts sagen, weil wir annehmen, dies würde eine nachteilige Wirkung haben. Unser Schweigen ändert aber nichts daran, dass der Mensch Tadel verdient hat - und dies bedeutet letztlich, dass der Handelnde nicht nur anders hätte handeln können. Wenn ich hingegen zu dem Urteil käme, dass das Verhalten eines Menschen tatsächlich determiniert war, dass er sich nicht anders hätte verhalten (nicht anders hätte empfinden, denken, wünschen, wählen) können, dann würde ich Lob und Tadel in diesem Fall für unangemessen halten. Wenn die Annahme des Determinismus wahr wären, gäbe es für den Begriff des Verdienstes in seinem gewöhnlichen Verstande keine Anwendung. Wenn alle Dinge, Geschehnisse und Menschen determiniert sind, werden Lob und Tadel tatsächlich zu rein pädagogischen Instrumenten, die ermahnen oder drohen sollen; oder sie sind quasi-deskriptiv - kennzeichnen etwas, indem sie dessen Abstand von einem Ideal bemessen. Sie sagen etwas über die Eigenschaften von Menschen, darüber, wie Menschen sind, was sie sein und tun können, und vielleicht vermögen solche Bestimmungen die Eigenschaften von Menschen wiederum zu verändern; vielleicht lassen sie sich als Mittel einsetzen, ähnlich wie wenn wir ein Tier belohnen oder bestrafen; nur dass wir im Fall der Menschen, anders als bei Tieren, annehmen, dass die Möglichkeit der Kommunikation besteht. Dies ist der Kern des "weichen Determinismus", der sogenannten Hobbes-Hume-Schlick-These. Wenn jedoch die Ideen von Verdienst und Verantwortung auf der Idee einer Wahl oder Entscheidung beruhten, die ihrerseits nicht vollständig kausal determiniert sind, dann erwiesen sie sich nach dieser Auffassung als irrational und inkohärent und würden von rationalen Menschen fallengelassen. In ihrer Mehrheit sind die Interpreten Spinozas der Ansicht, er habe genau dies behauptet, und viele von ihnen meinen auch, er habe damit recht gehabt. Aber gleichgültig, ob Spinoza diese Ansicht tatsächlich vertrat oder nicht, gleichgültig, ob er in dieser Hinsicht recht hatte oder nicht - meine These lautet, dass die meisten Menschen und die meisten Philosophen nicht so reden und nicht so handeln, als seien sie hiervon überzeugt. Denn wen man sich die deterministische These wirklich zu eigen machte, müsste sich - zumindest für Menschen, die rational und konsistent sein wollen - etwas Entscheidendes verändern. tatsächlich erklärte A. K. Sen mit bewundernswerter Offenheit, Deterministen, die sich der Sprache des moralischen Lobes und Tadels bedienten, glichen Atheisten, die noch von Gott sprechen, oder Liebenden, die einander Treue "bis ans Ende aller Zeiten" versprechen; solches reden sei hyperbolisch und nicht wörtlich gemeint. Damit räumt er (anders als die meisten Deterministen) immerhin ein, dass wenn man diese Wörter wörtlich nähme, irgend etwas nicht stimmen würde. Ich sehe keinen Grund für die Annahme, dass diejenigen, die sich dieser auf eine freie Wahl zwischen Alternativen verweisende Sprache bedienen, dies nicht wörtlich, sondern nur in einem übertragenden rhetorischen Sinne meinen..."
Originalsponsoring
von
neuesinnlichkeit
agentur + blätter
mehr
© 2005