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neue sinnlichkeit
Der Schwamm
von Torsten Rühle


Als in zehn Jahren immer mehr Dicke auf den verbliebenen Wiesen lagen und nur noch darauf achten mussten, sich nicht beim Dösen auf einen Klappcomputer zu wälzen oder mit stärkeren Träumen (die manchmal vom Rausch und öfter vom Schlafe rührten) ins personal-gepflegte Schwimmbecken zu entgleiten, wurde erbittert nur noch um Cocktails gefochten - dies höchstens mit der Müdigkeit plötzlicher Duchsichtigkeit. Das noch vor kurzem prägende Element von Angst und Gier war mit den Blättern der Laubler im Herbst jenes lichten Jahres erst zum Rascheln unter rohen Kinderschuhen und dann zu Staub geworden. Dem Bösen war sein Hort zu blöde geworden, und die Trostlosigkeit hatte es derart zum Sklaven der Beliebigkeit gemacht, dass es schließlich gelangweilt und überfordert war. Als man die griffbereite Schönheit sah, waren im Dunkeln nur noch die schönen Sterne oder Atmosphäre. Mit der legendären Eigendynamik des Selbstbewegten muß alles doch noch gut ausgegangen sein; jeder hatte eine Cola oder interessierte sich nicht dafür. In zehn Jahren spricht keiner mehr davon und erlebt es jeden Moment neu.

Es hat in Deutschland angefangen und aus Zufall, dann ging alles ganz schnell und Jahre wurde dazu nur gestaunt; schließlich waren alle glücklich. Die glorreiche Regierung brachte damals in Zusammenarbeit der Staatsbibliotheken mit Enzyklopädieverlagen den bisher umfassendsten interaktiven und mittels Internetz ständig aktualisierbaren Datenschwamm für jeden völlig frei der damals relevanten Kosten auf die trockenen Straßen des Vaterlandes. Die zuständige Programmiererin hatte aufgrund ihrer speziellen Eignung und einiger Schönheit einen später nach ihr benannten Entzerrer und Multiplikator in das Muster des Datenträgers mittels ihrer einzigartigen Hände eingewoben: auf den Bildschirmen sollen so zuweilen Wolken zu sehen gewesen sein, deren Anmut jeden Betrachter rührte. Der Ruck des Roman ging durchs Land, schwäpperte erst und überschwemmte schließlich innerhalb von zwei Jahren die ganze Erde. Das Werk und Lizenzen wurden zuerst teuer in die Länder des Westens verkauft und später kam es in alle Staaten der Erde. Für die Verlage und den Fiskus war es ein großes Geschäft.

In kürzester Zeit wälzte sich die immer größer werdende Lawine durch alle Inter-, Intra-, Fernseh- und alle übrigen Mediennetze; bis nach Hinterindien, Schwarzafrika und in die Sahara trugen Helfer auf dieser Welle Bildapparate den Beduinen entgegen, die sich selbst nun wie Schuppen von den Augen fielen. Noch lange nach dem Ende der virtuellen Nacht sah man auf den Straßen Leute, die plötzlich in Herzlichkeit spontaner Umarmungen zerflossen. Endlich fabulierte keiner mehr über Arbeitslosigkeit, terrorisierte zur Stärkung eines Staates oder litt und niemand forderte noch aus Gewohnheit. Ein paar Verbrecher besonderer Bösartigkeit sangen sich mit Weill-Liedern ins Koma, in welchem sie ihren Schmutz aufarbeiten und die verbliebenen unangenehmen Dienstleistungen verrichten konnten. So kam das Böse aus der Welt. Fragen wurden nicht mehr gestellt, weil sie klar waren. Das Paradies war da und die Symbolgötter der ehemaligen Religionen spielen mit meiner Tante, Mönchen und ein paar Krankenschwestern Fußball.

(Torsten Rühle 2003 = Oraneo)
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