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neue sinnlichkeit
Guia
von Dietmar Moews


Die zukunftspolitisch problematische und strittige Embryonenforschung in Deutschland zur gentechnologischen Instrumentalisierung der menschlichen Zukunft - an einem Entwicklungsschnittpunkt zwischen offener oder geschlossener Technologie - wurde am 30. Januar 2002 unter der SPD / GRÜNE-Schröder-Regierung parlamentarisch bestimmt. (Mit geschlossene Technologie ist hier der Eingriff gemeint, der, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr rückgängig zu machen und nicht aus der Welt zu schaffen ist, wie z.B. auch Radioaktivität.)

Zweifellos handelt es sich bei dieser Entscheidung der Technologiepolitik wieder mal um die Menschenfrage - im Bild von Kannibalismus, Ersatzteilbeschaffung oder Humanismus der Neuen Sinnlichkeit. Zur Verteidigung der Menschen wird der im Frühjahr des Jahres 1981, anlässlich einer Maler- und Studienreise, am Sommersitz des Malers Prof. Peter Janssen in Gran Canaria, verfasste Aufsatz des Malers Dietmar Moews - GUIA - Was ich will - wieder aufgenommen. Er war der menschlichen Naturbindung oder Loslösung im Sinne einer Neuen Sinnlichkeit gewidmet und in den Blättern für Dialektik, Prophetie und Publizistik, Neue Sinnlichkeit 6, Numero 7, im April 1981 erschienen. Zugrunde lagen Der Mensch, Irrläufer der Evolution von Arthur Koestler und von dem LSD-Autor Timothy Leary Neuropolitik. Insbesondere die These von Arthur Koestler: Der Mensch werde in seinen Instinkten vom ältesten Teil des Gehirns, dem Stammhirn, geleitet, das sich noch auf derselben evolutionären Stufe wie das des Krokodils befinde, während sein im Neokortex verankerter Denkapparat ein technisches Wissen produziert, dem das archaische Stammhirn nicht gewachsen sei. Modernste Waffen, ja Atomwaffen in den Händen von Neandertalern - das war die Interpretation Arthur Koestlers. Ähnlich schrieb Albert Einstein 1948: Die Tragik des modernen Menschen liegt ... darin: er hat für sich selber Daseinsbedingungen geschaffen, denen er auf Grund seiner phylogenetischen Entwicklung nicht gewachsen ist.

Der Bundestag beschloss am 30.1.2002 in der zweiten Abstimmungsrunde mit 340 für die Importerlaubnis von embryonalen Stammzellen gegen 265 Parlamentarier für ein absolutes Importverbot, bei quer zu den Fraktionen und Parteien laufendem Abstimmungsverhalten. Die zustimmende Bundestagsmehrheit und Bundeskanzler Gerhard Schröder argumentierten mit der Aussicht auf therapeutische Fortschritte, Wirtschaftsvorteile und den Anschluss an die angängigen Zukunftsentwicklungen in der Ersten Welt, für den Import und die Forschung an lebenden embryonalen Stammzellen, ohne die ablehnende Argumentation ernstzunehmen oder zu widerlegen. Die Gegner der Genforschung am Menschen glauben, bei den Stammzellen, die durch die Vernichtung menschlicher Embryonen hergestellt werden, handelt es sich um den Übergriff ins menschliche Leben. Sie fordern das Grundrecht des Schutzes des ungeborenen Lebens. Und weisen auf den unentschiedenen Streit, ob und wann ein Mensch ein Mensch ist, letztlich dass ein Zweifelsfall hierüber vorliegt, den wir nicht durch Mehrheitsentscheid klären können.

Zu diesem gut gegen böse Parlamentsspiel von 2002 in Berlin bestehen in der Neuen Sinnlichkeit alternative Gedanken: Vor uns steht der Mensch als soziales Individuum in seinem offenen Integrationsspiel in die Zukunft hinaus. Dieser herkömmliche Mensch bekommt jetzt das höherintelligente perfekte Mathematikwesen gentechnologisch übergestülpt beziehungsweise entgegengesetzt. Was diesbezüglich im Zeichen von Gesundheit, Naturbeherrschung und Todesabwehr propagiert wird, kann jedoch nur auf das perfektionierte Einheitswesen hinauslaufen. Dieses Perfektionswesen wird letztlich dem herkömmlichen Menschen überlegen sein, allerdings ohne die soziale Kompetenz der humanen Inkonstanz, Egozentrik und moralischer Religiösität, wie sie dem herkömmlichen Menschen eigen sind.

Die Entwicklung der Naturwissenschaften und hier, der Genforschung und Technologien am lebenden menschlichen Zellgut, schreitet qualitativ in größtenteils kleinsten aber unter Umständen schwerwiegenden Schritten voran. Oft sind die Fachleute selbst überrascht, welche vernachlässigten Nebenziele in der Forschung herauskommen oder durchschlagen, die fallweise erst später gewogen werden und dann epochale Einschnitte für die Zukunft bilden. Um so schwieriger, ja eigentlich unmöglich, ist es für die laienhafte Gesellschaft, detailierte abgrenzende Urteile über die Freiheit der Forschung in einem Spezialgebiet wie der komplizierten vielfältigen Genforschung und -technologien zu beschließen. Es ist aber in der repräsentativen Demokratie erforderlich und ohnehin politisch legitim, dass für epochale Politikentscheidungen im allgemeinen politischen Raum positive Ungefährlichkeits-Gutachten verlangt werden, damit offensichtliche Epochenveränderungen nicht von der Fachforschung betrieben werden können, ohne allgemeine Information, Diskussion und Plebiszit. Zumindest dass durch Massen-Beteiligung kulturelle Fehlentscheidungen zu integrieren sind.

Schwerer wiegen Gründe gegen den Eingriff in die Schöpfung. So heben wir die Vorstellung einer nach menschlichem Ermessen offenen evolutionären Zukunft heraus, die wir geschützt wissen wollen. Wir befürchten und warnen, dass die auf den genetischen Kern zielenden mutwilligen intelligenten Steuerungseingriffe das natürliche Entwicklungspotential von uns Menschen einengen und gewissermaßen geistig unterschreiten wird. Welches Recht zu technologischen Nützlichkeitsorientierungen von nur einigen Generationen stellen wir uns denn vor, die verdächtig sind, die gesamte zukünftige Genealogie entwicklungsmäßig zu unterlaufen oder eben auf Kosten der sozialen Menschlichkeit zu gehen. Kann denn ein Recht der Bevormundung von Milliarden Menschen, die an dieser Technologiedebatte gar nicht teilhaben, gedacht werden? - es sei denn das Recht des Schwertes. Jedenfalls ist es nebenher doch sehr bedenklich, dass die von der Genwirtschaft und ihren Kunden gewünschten Therapien, der Bedarf nach menschlichen Ersatzteilen und Lebensverlängerungen, auf Lebenshilfe zielen, ohne dass die anderweiligen geistigen Mittel eines besseren Lebens überhaupt bemüht werden, individuell gesunder und aktiver zu leben. So plädieren wir für den Ernst der Verantwortung vor der Schöpfung, wenn die Forderung also Erleichterung und Entlastung durch künstliche Intelligenz, anstatt die Mobilisierung der eigenen sinnlichen Möglichkeiten aufgebracht wird. Schließlich ist auch der Verweis auf den Weltmarkt, der längst Tatsachen schüfe, nur Dünnbrettbohrerei von Vulgärmaterialisten (doch ist dies bis heute ein Scheinargument der einschlägigen Genforscher - die großen Geschäfte macht die Genwirtschaft bis heute keinesfalls; und die lebenswürdig geklonten Dollys laufen auch noch keinesfalls auf unseren Wiesen herum). Wohlan - die Rede ist nicht von schachspielenden Müßiggängern, sondern von entgrenzter Intelligenz, einem überdimensionalen Wissen aus Mathematik und Computerwissenschaften in Quantenphysik, Chaostheorie und Nanotechnologie. Schließlich explosionsartig verbesserte Genverbesserungstechnologien, bishin zur Perfektion - ohne Religion, Psychologie oder Sprachwissenschaft.

Freie Menschen, fähig sich ihrer freien Vernunft sozial zu bedienen, um in einer wohlverstandenen Weise, Schöpfung, Evolution, mit Krankheit, Naturkatastrophen, Schreckgespenster und Schicksalschläge hiobartig hinzunehmen, spielen mit der Möglichkeit des Upgradings ihres Nervensystems. Freilich wünschen wir auch wohlhabenden Eltern intelligentere Kinder. (Vorausgesetzt, diese würden ein lebendiges Kunstverständnis entfalten.). Die Freiheit über die Grundentscheidung einer solchen Weichenstellung, wie sich die Menschen fortentwickeln wollen - traditionell sozial, frei und mangelhaft oder wahlweise perfekt und zwangsoptimiert - so gemischt diese Gegensätze auch zu denken sind und so zweifelhaft frei und offen das heutige Mängelleben in die Zukunft hinaussteht - leben wir heute unter einer freiheitlichen Verfassung: Solange es dem Individuum rechtlich obliegt, für sich selbst zu entscheiden, und daran mitzubestimmen, was zur Lebensnorm, zum Recht und zur Sitte werden soll, bleibt der kulturelle Rahmen erhalten, der für das heutige Menschenbild gilt.

Der perfekte Mensch würde nur noch einstimmige Parlamentsbeschlüsse fassen, die Natur würde so weit verbessert worden sein, dass es nichts Interessantes zu reden geben wird, da Alles möglich ist - sogar die Müllbeseitigung (wie J. J. in der deutschen Vollzeitung schrieb). P. S. Mit dem Hinweis auf die Langweiligkeit des Ewigen Friedens möchten wir unsere gesammelte Mannschaft der Pseudo- und Hobbymarxisten erneut in die Enge treiben: Was meinte Marx mit dem Reich der Freiheit?
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