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neue sinnlichkeit
Kinderseiten der Epoche
Grabower Zungenküsschen
von Dietmar Moews


In Wendezeiten verändert sich so Vieles. Man kriegt gar nicht alles gleich mit. Und anderes, das man mitkriegt, versteht man aber nicht, warum es sich verändert oder falsch und anderes wird mit Macht mutwillig verändert, offensichtlich ziemlich willkürlich. Der Eindruck entsteht, dass so wie es Wendezeiten gibt, gibt es auch Wenderituale.

Inzwischen sagt man kaum noch "Wende". Und manch einer wäre schon froh - wenn der Wein schon in neue Schläuche gefüllt wird - dass es wenigstens der alte Wein wäre, aber, aber.
Für die Westdeutschen begann das schon mit dem Wort "die Wende". "Die Wende" wurde seit Jahren ein sehr bedeutender historischer Sachverhalt in der Politik der ersten Bundesrepublik Deutschland genannt: Als die Dauer-Regierungskoalitionspartei FDP die Helmut-Schmidt-Regierung verließ und der Kohl-Opposition an die Macht half: Damals erfand man - im Bilde der Schaukel - für die FDP, unter ihrem damaligen Parteichef und Minister Hans-Dietrich Genscher, den wertfreien Regierungsbruch, einen, ja unter Umständen sogar positiv besetzten Begriff, die "Wende". Koalitionsbruch und Volldrehung waren eindeutig politische Akte der Untreue und Unverlässlichkeit, zumindest gemessen am Wahlprogramm, für das Genscher und die FDP damals gewählt worden waren. In den Augen mancher Wähler war es Wählerbetrug. Andere sahen darin, als Mittel der Politik, eine ganz normale Machenschaft.
Alles in Allem jedenfalls handelte es sich bei der damaligen Wende der FDP, weg von der SPD, hin zur CDU, um eine Aktion, die dem Ansehen und der Glaubwürdigkeit der Wendepartei geschadet, ihrem Überdauern in der Regierungsrolle allerdings genützt hat. Es gilt aber, ob Bund, ob Land - insbesondere weiß das jede kleine Partei: Als entscheidendes Zünglein an der Waage einer Regierungskoalition lassen sich kommende Wahltage auf-ziehen -. Als ebensolche kleine Partei, in Randstellung der Opposition des Parlaments hingegen, rutscht man leicht in die Unbeachtlichkeit unter die Fünfprozenthürde.

In diesem Lichte erschienen die Ansprachen des Bonner FDP-Mannes Genscher zur Jahre späteren 1989er Deutsch-Deutschen Wende - in denen das Wort von der Wende, für die Ohren der DDR-Deutschen gesprochen, ständig vorkam - den Westdeutschen sehr seltsam. Nur - was solls? Der wendig gebrauchte Wendebegriff sollte sich im Lichte der Ohren rächen: Es gab da nämlich diese sonnigen Fenster, für Geranien und Tomaten bestens geeignet. Und nach der Wende, als sich die ersten West-deutschen über die wunderbaren DDR-Deutschen Garten-Tomaten freuten, anstatt das elende EU-Wasserlösungsgemüse aus dem Sonnenland Benelux mit seinen monopolistischen Methoden dafür, dass diese schönen Tomaten tonnenweise auf den Müll kamen, anstatt in die Gemüseläden, gings rund: Findige, inzwischen wegen unlauteren Wendens von den Wählern freigesetzte Wendepolitiker hatten die Idee, an die große Tradition der Grabower Küsschen anzuknüpfen: Man kaufte kurzerhand große Mengen Billigst-Wendetomaten auf, überzog diese mittels eines industriellen Tauch-Wendebades mit Schokolade und gab diesem süßsaueren Produkt den Namen "Grabower Zungenküsschen". Verkaufen konnte man das Zeug natürlich nicht - Tomaten mit Schokoüberzug - aber bestimmte FDP-Vertreter in der EU-Kommission hatten für gewisse Vorinformationen gesorgt, nach denen Wende-Tomaten mit Schokoüberzug in der Mokwittschofft subventioniert werden.
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