meldungen   neue sinnlichkeit   xtext   abonnement   email   community   sitemap   home  
neue sinnlichkeit
Kinderseiten der Epoche
Die Selbsterleichterung der Erleichterung
von Dietmar Moews


Der Unterschied zwischen einer momentanen - man sagt auch "akuten" - Atemnot, weil man sich zum Beispiel mal besonders angestrengt hat, mal probiert, die Luft anzuhalten oder bei der einen oder anderen - besonders bei der einen - täglichen Verrichtung, etwas mehr Luft braucht, dazu, dass die Luft einfach zu knapp ist oder die Atemnot von mangelhafter Luft herrührt, dieser Unterschied ist leicht zu erkennen.

Dann ist es eine Frage der Selbstaufklärung der Aufklärung, wenn nicht die Selbstverdampfung der Verdampfung erfolgt, sondern die Selbsterleichterung der Erleichterung. Man kann dann erleichtert sein, und ist auch sehr erleichtert. Und so gesehen ist eine Erleichterung etwas zweifellos Wünscheswertes. Die höhere Stufe einer wünschenswerten Erleicherung ist dann natürlich die wahre Leichtigkeit. Sie ist so leicht, dass man an Erleichterung überhaupt nicht denkt.

So ist von den ersten Leseübungen eines Kindes namens Pandora zu berichten: Es wurde also ungewöhnlich erzogen, ganz ohne Umgang mit andern Menschen, es wusste daher nichts von der Welt, nichts von Lastern, kannte gar keine Falschheit und Ausgelassenheit; beten, lesen und schreiben war seine Beschäftigung; sein Gemüt war also mit wenigen Dingen angefüllt: aber alles was darinnen war, war so lebhaft, so deutlich, so verfeinert, veredelt und leicht, dass seine Ausdrücke, Reden und Handlungen sich nicht beschreiben lassen. Die ganze Familie erstaunte über das Kind und man sagte oft: Pandora entfleugt uns, die Federn wachsen ihm größer, als je in unserer Freundschaft gewesen; wir müssen beten, dass es Gott mit seinem guten Geist regieren wolle. Es mochte vier Jahre alt sein, saß in einem Stuhl und las in einem Buch, sah seiner Gewohnheit nach ganz ernsthaft, und ich glaube nicht, dass es zu der Zeit noch in seinem Leben stark gelacht hatte. Man sah es an und sagte:

Pandora was machst du da?
Ich lese.
Kannst du denn schon lesen?
Pandora blickte auf, verwunderte sich und sprach: Das ist ja eine dumme Frage, ich bin ja ein Mensch.

Nun las es hart, mit Leichtigkeit, gehörigem Nachdruck und Unterscheidung.

Jeder blickte sich wortlos an und man war sich der besonderen Leichtigkeit der Erscheinung bewusst. Pandora war ein Fall von Wahrheit, für den die Sprache nicht ausreichte. Eine Vorstellung von mimetischem Vermögen und Glück blitzte auf, weil unser Erkennen für Wahrheit nicht zureicht und weil wir in dumpfer Ahnung dieser Unzulänglichkeiten eigensinnige Spieler sind, wir lügen, täuschen, missverstehen, dichten, phantasieren, imaginieren, mimetisieren und verwechseln Traum, Rausch, Irrtum, Illusion, Wünsche und Hoffnung. Aber all das ist wirklich und unsere Wahrheit.

Uns weniger Leichten bleibt Selbstaufklärung und schließlich Selbsterleichterung der Erleichterung.
Originalsponsoring
von
neuesinnlichkeit
agentur + blätter
meer ˜˜˜˜˜ 
© 2005