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neue sinnlichkeit
Qualitätsrätsel



Ich habe bis ans Ende dieses Berichts gewartet, um Ihnen von einem schmalen Bändchen zu erzählen, das als eine Folge von Essais daherkommt - "Le Regard" von Georges Salles. Es ist ein bezauberndes Werk. Ich lasse es Ihnen zukommen, nicht so sehr wegen mancher theoretischer Passagen, die ich noch aufzählen werde, sondern um seiner Schönheiten willen, die vielerorts in glücklichen Formulierungen frappieren. Salles ist Konservator für die orientalische Antike am Louvre. Er schreibt nur gelegentlich. Doch sein Buch erscheint darum nur um so reicher an Erfahrungen, die er bei seiner Arbeit angehäuft hat.

Nichts ist dafür bezeichnender, als wenn der Autor sich über das "einzigartige" Ansehen beklagt, "das die dunkel gewordenen Gemälde der alten Meister beim großen Publikum genießen. Tatsächlich ist die Gunst, die sie erfahren, ein kurioses Indiz für die Geringschätzung, mit der die meisten Menschen den Eindrücken ihrer Sinne begegnen... Der trübe Schleier über dem berühmten Gemälde bestärkt sie, denn sie suchen nach einbalsamiertem Ruhm, nicht nach dem Glück des Schauens." Um ein solches Schauen zu bestimmen, findet der Autor Formulierungen, die Proust nahestehen. Besonders hat mich frappiert, bei ihm eine Beschreibung der Aura zu finden, die mit derjenigen übereinstimmt, auf die ich mich im "Baudelaire" berufen habe. Salles sieht in den Kunstwerken "Zeugen der Epoche, die sie wieder aufgefunden, des Gelehrten, der sie studiert, des Fürsten, der sie erworben hat, und schließlich der Kunstliebhaber, die sie immer wieder neu ordnen. Auf ein und demselben Objekt kreuzen sich die Strahlen unzähliger Blicke, naher und ferner, die ihm ihr Leben mitteilen." Sogar für das Leben der Museen hält Salles den Beitrag des Kunstliebhabers für wesentlich. Er fürchtet sich vor dem Tag, wo der Staat der einzige Sammler sein wird. Übrigens spricht er dem Museum die Aufgabe zu, die Sensibilität des Publikums auszubilden, mehr noch als es zu unterrichten.

Der Autor wehrt sich gegen einen mißverstandenen Modernismus; er erklärt seine Vorbehalte gegen gewisse Bemühungen auf der Pariser Weltausstellung und führt hierzu die Van-Gogh-Ausstellung an, wo die Gemälde durch eine ausufernde Dokumentation - Photographien und Texte - eingerahmt wurden. So war das Publikum von einer Stoffülle überwältigt, die es zwangsläufig ablenken mußte. (...)

Wie Salles sich gegen falsche wissenschaftliche Ausstattung wendet, macht er auch der übertriebenen materiellen Ausstattung den Prozeß. Er weist auf die Gefahr hin, "der Bequemlichkeit des Besuchers und der Unterstützung des Kunstwerks zuviel zu opfern" und darüber die "zweckmäßige Unbequemlichkeit" zu übersehen, "die überhaupt erst ihre Begegnung provoziert und zur Auseinandersetzung reizt". Mit der Sorge um die Klarheit und den Reichtum der sinnlichen Rezeption vereint Salles ein vollkommenes Verständnis für die Wege der Theorie. Er sieht, daß sie notwendig indirekt und auf Umwegen vorgeht, und er begreift, worauf sie zielt. "Eine Kunst", in der Tat, "unterscheidet sich von der vorangegangenen und verwirklicht sich genau deshalb, weil sie, weit entfernt, nur eine gestalterische Modifikation zu sein, eine ganz andere Wirklichkeit ausdrückt: sie spiegelt einen anderen Menschen wider... Der Moment, den es zu erfassen gilt, liegt dort, wo eine gestalterische Fülle für die Geburt eines gesellschaftlichen Typus einsteht." Salles scheint sich sehr deutlich Rechenschaft davon abzulegen, was die theoretische Durchdringung des Kunstwerks, vorausgesetzt sie ist durchdringend genug, uns über die "Geburt eines neuen gesellschaftlichen Typus" lehren kann. "Um eine Kunst in ihren Grundlagen zu studieren, müssen wir letztlich unsere Rahmen zerbrechen und ins Herz der Halluzinationen eintauchen, von denen diese Kunst uns nur einen geronnenen Niederschlag liefert; man muß in die Tiefen verschwundener sozialer Arten reisen. Eine abenteuerliche Aufgabe, an die sich eine ihrer Mission bewußte Soziologie wagen könnte."

Man muß dem Text durchaus nicht Gewalt antun, um gewahr zu werden, daß der Autor in diesen Zeilen das gleiche Ziel im Auge hat wie das III. Kapitel meines Essays über "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". - Ich hoffe, diese wenigen Bemerkungen werden ausreichen, um Sie zur Lektüre dieses Buches anzuregen, dessen Atmosphäre so zutiefst pariserisch ist: das sanfte und mächtige Licht der Erkenntnis, durch die unstete, wolkige Schicht der Leidenschaften gedämpft.
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