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neue sinnlichkeit
Plädoyer für die Bauhütte 21 in Dresden
von Dr. Dietmar Moews


Es herrscht weitreichend die Meinung, Dresden solle wieder eine erstrangige Stadt in der Welt sein. So weit stimmen Heimatliebe der Sachsen und das Fremdbild von Elbflorenz noch überein. Doch es sind handfeste Umstände, die das gegenwärtig unmöglich machen. Dem Geist der Dresdner und der Sachsen, hinsichtlich ihrer Landeshauptstadt, mangelt es an Sonorität und Klärung der Abstimmung von Zielen, Wegen, Wünschen und Fähigkeiten dahin und an der Kommunikation dieser Schwächen.

Die Stadt ist geldlich unfähig zu leben. Die Dresdner stehen sich in allen öffentlichen Belangen als "Turbos" und "Verhinderer" gegenüber. Politiker von Stadt und Land versagen, wie sie in ihrer hilflosen Art populistisch mitspielen. "Dresden als barockes Disneyland ist Wunschgedanke eines Lagers" und "wir wollen hier keine Verhältnisse wie in Frankfurt am Main oder New York" oder, "Früher merkte man freudig auf, wenn ein Bauzaun Neues ankündigte, heute weckt dieser Anblick Schrecken", lauten die publizierten Invektiven in unzähligen Variationen, täglich. Oberbürgermeister Roßberg sagt: "Der Ton hat sich wesentlich verschärft. Diskussion ja, aber Streit nur um des Streitens willen - das stört mich schon". Bei Ministerpräsident Biedenkopf hieß das: Er habe den Sachsen ihr Selbstvertrauen zurückgegeben. In Wirklichkeit kroch man den Leuten in den bornierten Arsch, um sie gleichzeitig zu bevormunden). Eitelkeit sowie Rückzugsklima und gesellschaftlicher Verdruss sind die Folge. In einem exzentrischen Alibisystem der Entlastungs-Begriffe, Schein-Erklärungen, Sündenbock-Hetzereien und falschen Selbstettikettierungen hat man sich eingerichtet, einschließlich des Tabus, darüber zu sprechen. Die Zauberformeln lauten: Das Schöne Dresden, Bombeninferno Februar 1945, das System der Ungerechtigkeit nach der Wende. Denn diese Werte gelten als unanfechtbar übergeordnet. Sie sind es aber nicht. Sowenig, wie der angebliche Ost-West-Konflikt, der inzwischen als Alibi ausgedient hat. Hier handelte es sich doch hauptsächlich um Mobverhalten und Kriminalität, gepaart mit praktischen Rechtsstaatsschwächen. Über diese anständige Bürger, in Ost wie in West, unglücklich sind. Das heutige Dresdner Problem jedoch besteht in der nicht länger zu beschönigenden Begriffsstutzigkeit, dass Freiheit das Recht auf Selbstveränderung beinhaltet. Diese Aufgabe ist in Warschau, Budapest oder Zagreb nicht anders als in Dresden gestellt. Nur steht man hier eben nicht unter Druck.

So kam es nach dem Zusammenbruch der DDR nicht zu einer Rosskur. Stattdessen wurden die DDR-Menschen vom Westgeld eingelullt. Was durch falsche politische Organisation lebensnah bewirkt wird, kann als politische Bildung, die in erster Linie eine anforderungsorientierte Anpassungsleistung ist, nicht anders erwartet werden. Der gemeinwesenorientierte Citoyen müsste erlebbar sein, anstatt durch Leistungsentkopplung wegsubventioniert zu werden. In der Praxis verwechseln die Dresdner ihren Idealismus mit falschen Ideologien, Bürgerinitiativen mit Parteien, Parlamente mit Institutionen und Bürokratien. Und verzweifeln daran, dass man nicht mit dem Grundgesetz unterm Arm in der freiheitlichen, gewaltengeteilten, rechtsstaatlichen und föderalen Grundordnung zurechtkommt. Hierauf, schließlich, zwingt die verstellte Realitätssicht zu der Überzeugung, dass diese Gesellschaft zutiefst ungerecht sei. (Z. B. hört man immer wieder die absurde Vorstellung - insbesondere von PDS-Politikern -, dass es Aufgabe der Wirtschaft sei, Arbeitsplätze zu schaffen -; natürlich ist das allein die sozio-kulturelle Angelegenheit der freien Gesellschaft, ihre Ideen für die gewünschten Daseinsweisen und Sinndefinitionen zu entfalten; schließlich, was kann die deutsche Wirtschaft dafür, dass die russische Gesellschaft die alten DDR-Industrieprodukte nicht mehr nachfragt).

In diesem Höhlengleichnis spielen die lokalen Dresdner Massenmedien überwiegend die Empörungs- und Zersetzungskarte der Agitation - wenn es nicht in Dudelfunk und Erleichterungsprogrammen verrauscht - und nennen es Marktlogik. Hauptversager, in bezug auf Dresden, sind dabei - aufgrund der Marktmacht und der Darbietungen - die MDR-Radio- und Fernsehsender sowie die Sächsische Zeitung. Mangels Professionalität und Mob-Usancen werden hier Fragen der Massenkommunikation in Dresden ignoriert bzw./und verkannt. Würde Westdeutschland nicht durch Dauerzahlungen diesen DDR-Fluch abfedern, bräche die blanke Not aus. Die Tragik besteht in der Unauflöslichkeit der mit irrlaufenden Erklärungen und Sprachregelungen durchsetzten konfligierenden Lebensweise. Auf die Klärung der dahinterliegenden Erklärungsnormen und Handlungsnormen sowie auf das aufeinander achten und mitspielen der einzelnen Akteure im System der Kommunikatoren käme es an.

Schließlich versagt hier wie anderswo der Berufsstand der Soziologen und Kommunikationswissenschaftler, dass auf die Fragen des Cultural gap nur mit Simplify your life geantwortet wird, statt mit Aufklärung. Aus Sicht des empirischen Organisations- und Siedlungssoziologen zeitigt das heutige Dresden als lernende Organisation ein falsches und Nichtlernen aus unerkannten oder fehlinterpretierten Fehlern. Der Irrlauf ist eine Erfolgs-Funktion des dilettantischen vulgär-materialistischen Gesellschaftsbildes, der nicht zum Umdenken bewegten Dresdner. Aber "Charakter haben sie zweifellos", und sie sind ansprechbar. Darin liegt eine Stärke, die Hoffnung macht und die Auflösung des Dresdner Dramas ermöglicht.

Mit der Entfaltung eines Plädoyers für die Bauhütte 21 wird ein praktikabler Weg gezeigt und hiermit vorgeschlagen. Das gemeinwesen-orientierte Fühlen und Denken könnte in einen sozio-kulturellen Prozess übergeführt werden. Am Horizont steht der Citoyen als wünschenswertes Menschenbild. Zersetzung und Frustrationsangst sowie die gegenwärtigen Agitatoren und das angängige Mobwesen könnten durch notwendige Idolzertrümmerung an den Rand gedrängt werden. Die Einrichtung der ständigen öffentlichen Bauhütte 21 greift das allseitige Interesse der Dresdner und der Welt, am Schönen Dresden und seiner zukünftigen baulichen Entwicklung, auf. Die Stadt braucht eine solche Aktivität dringend und - in absehbarer Zeit jedenfalls - dauerhaft. Welchen massenkommunikativen Erfolg allein die dauernde Präsenz des Containers am Neumarkt hat, den die sektiererische Gruppe des Historischen Neumarkts betreibt, zeigt, mit welch geringem Aufwand, aber mit welch immenser Ausstrahlung ernsthafte Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden kann. Was spricht also gegen den Markt der Ideen, statt des Abwiegelns und des gegenseitigen Diffamierens? Am Neumarkt kommt es täglich - unter dem beschränkten Signet des Historischen - zur halbwegs lockeren Zusammenführung der aus Selbst- und Fremdbildern bestehenden Wirklichkeit, der sich Dresden stellen muss.

Während man eine Bauhütte zunächst als Arbeitsraum der Bauhandwerker, dann - vor allem im Mittelalter - logenähnlichen Zusammenschluss der Bauschaffenden zur Nachwuchserziehung, Weiterbildung, Standesvertretung, Pflege der Tradition von technischen und künstlerischen Berufsgeheimnissen verstand, soll bei der Bauhütte 21 - in dieser Rangordnung - die geistige Bildung, der Citoyen, das wünschenswerte Gesamtkunstwerk Dresden und die dazu nötige Entfaltung eigener Fähigkeiten im Mittelpunkt stehen, also die klassischen Funktionen von Aggregation und Artikulation. Dafür soll ein Ort, ein Klima und eine Sozio-Kultur der offenen, freien Information und Beteiligung geschaffen werden. Sodass eine Synchronisation der massenkommunikativen Hintergrundstimmung und Mitspielbereitschaft möglich wird.

Erstes Vorurteil, dass aufzuarbeiten und durch besseres Wissen zu ersetzen ist, betrifft die mangelnde Professionalität der Städtebauer und der Kommunikatoren. Denn fortwährend wird in Dresden - wie auch anderswo weit verbreitet - geglaubt, abseits oder voraus der tatsächlichen Lebensformen und Bedürfnisse der Menschen das Siedlungswesen formen zu können und zu sollen und lediglich ein Problem der Umerziehung und des Unwillens zu haben. D. h. die Baukünstler wünschen sich Identifikation, wo sie nicht ist: Es ist insbesondere der Irrtum jener Architekten, Stadtentwickler und Projektbetreiber, welche uns glauben machen wollen, man könne allein durch architektonische Maßnahmen neue Sozialformen schaffen, wo doch in Wahrheit die Aufgabe der Architekten und Stadtplaner nur die sein kann, die adäquate Stadtlandschaft zu gestalten, die der postmodernen fortgeschrittenen Post-Industrie-Gesellschaft entspricht.

Aufgrund einer Analyse der Massenkommunikation in Dresden sowie einer siedlungssoziologischen Studie des sozio-architektonischen Erlebens (Zur Stadtbaukunst der Dresdner, 2002) wird vorgeschlagen, sofort eine "Bauhütte 21" auf Dauer zu gründen. Vorzugsweise müsste es eine kleine privatwirtschaftliche Task-force im Auftrage einer Gesellschaft mit den wichtigsten Exponenten Sachsens als Kuratoren sein. Die öffentliche Hand bezahlt. Dresden braucht eine ernstzunehmende Einrichtung, in der "der Staat von Oben" ein sozio-kulturelles Wunder schafft, das den Dresdnern die Möglichkeit bietet, den nötigen Gleichklang, und die unabdingbare geistige Einstimmung auf das Wünschbare sowie die Notwendigkeit, die Fragen der Fähigkeiten dazu, zu entfalten. Denn Empörung, Verleugnung des DDR-Staatsbankrotts nebst Rentenbetrugs, des lutheraner Fundamentalismus als "Atheismus", Parteien-Hick-Hack und mangelnde politische Bildung stehen heute jeder sachdienlichen Daseinsgestaltung im Wege. Die Massenmedien mit ihren ganz unterschiedlichen Möglichkeiten im System des massenmedialen Aufgebotes in Dresden, zeigen sich - wiederum sehr unterschiedlich - unfähig, dieser Problematik gerecht zu werden. Sie reden sich mit Marktlogik und mit Konsumentenverhalten heraus, außerstande, sich selbst als "dezentral gesteuerte Organisation" zu begreifen. Doch wie beginnt man ein - insofern - unerwünschtes geistiges Projekt, wenn die Öffentlichkeit zwar ihre Unzufriedenheit und Leistungsschwäche täglich erlebt (z. B. die Stadt ist ein unendliches Subventionsgrab, Arbeitslosigkeit, Antriebsschwäche und Abwanderungen u. a.), aber die Gründe dafür den Anderen, dem System, der Umwelt, dem Februar 1945, dem kapitalistischen Westen usw. zuschiebt. Dresdner erwarten, dass alle Welt Dresden schön findet und dass sie in Ruhe vom Elbhang herabblicken können. Hier ist man Rentner im Geiste und benötigt Tourismus, der wie in Venedig oder Florenz Eintrittsgeld an den Ortsschildern der Stadt bezahlt. Gefragt ist das Gesamtkunstwerk.

Das Dresdner Gemeinwesen des Jahres 2002 befindet sich in einem tragischen Zustand. Die Massenkommunikation als Stimmungshintergrund hat zersetzende Wirkungen, erzeugt ein Rückzugsklima und versetzt die öffentliche Debatte in ein unwürdiges Empörungsszenario. Sowohl zahlreiche Altdresdner können oder wollen nicht anders wie beinahe sämtliche Zugewanderten halten sich raus. Der in Dresden kommunizierte Geist leidet gewissermaßen unter einer verkehrten "Synchronisation". Die Erklärungen und Sprachregelungen in den Massenmedien verstellen die Botschaften und den Zugang zu den Erklärungsnormen der dargebotenen Inhalte. Dabei liegen die Probleme auf der Hand.

Die Dresdner Lage kann nur durch Selbstaufklärung der heterogen gestimmten Dresdner gebessert werden. Vorausgesetzt ist eine Einsicht in die Problematik der Massenkommunikation. Es besteht die Notwendigkeit dazu, über den schwierigen Weg, störende und falsche Selbstbilder aufzudecken und aufzugeben, zugunsten übergeordneter gemeinsamer Werte. Dabei wirken sächsisch-dresdnerische Haltungen, die im Volksmund als lahmarschig, faul, höflich, heimtückisch, heimatliebend u. a. angesprochen werden, als Ansprechbarkeitspotential. Konflikttheoretisch haben wir es mit Konfliktscheu und Frustrationsangst zu tun. Dabei gibt es folgende drei Optionen: 1. Koexistienz des Nebeneinanders, 2. Offener Konflikt, 3. Generierung übergeordneter gemeinsamer Werte. Die Dresdner "Streitkultur" hat sich eine Variante geschaffen: Übergeordnete Werte, die nicht gemeinsam sind, aber als Tabus gehandelt werden, nämlich Das Schöne Dresden und der Februar 1945. Beide Aspekte landen schließlich bei dem Selbst- wie Fremdbild eingängigen Begriff barockes Dresden. Ungeachtet, dass weder Dresden barock ist, noch die Dresdner besonders barockverliebt oder altmodisch wären, noch dass die Lebensformen der zersiedelten, schrumpfenden Stadt und ihre ökonomischen Notwendigkeiten in der post-industriellen Welt des Jahres 2002 im Barock eine Entsprechung fänden, hat sich das Gesamtkunstwerk Dresden um Barock im postmodernen Sinn zu drehen.

Die Bauhütte 21 wird sich als geistiges Projekt erweisen müssen. Geist ist in Dresden zweifellos ausreichend vorhanden. Viel zu oft liegt der Geist brach. Die Aufgabe lautet, einen öffentlichen Prozess der Massenkommunikation am Thema Stadtentwicklung und Lebensformen im 21. Jahrhundert so zu stimulieren, dass der vorhandene Geist zu einer sozio-kulturellen Aktivität wird, die sich den Fragen Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Wie ist der Mensch? freiwillig und mit Freuden stellt.
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