meldungen   neue sinnlichkeit   xtext   abonnement   email   community   sitemap   home  
neue sinnlichkeit
Kinderseiten der Epoche
Der Protestant im Süden
von Dietmar Moews


Wenn ein Mann, der etwas bedeuten könnte, etwas bedeuten will, muss er da hin gehen, wo Leute sind, die ihm die Bedeutung zumessen und billigen, um ihnen etwas zu bedeuten, - am besten zu bedeutenden Leuten; das ist nur in den Metropolen dieser Welt möglich, oder in den Netzen der Massenkommunikation, von den Schnittstellen der Massenmedien und Informationsquellen aus.

Aus bedeutenden Gründen also war der Feinmechaniker und Erfinder Heinrich Goebel aus dem niedersächsischen Springe am Deister, seiner Erfindung der elektrischen Glühlampe zur Bedeutung in der Welt zu verhelfen, in die Welt nachgefolgt, um auch selbst in den Genuss der süßen Weltbedeutung zu gelangen, denn als nicht uneinträgliches Unterfangen hatte bereits Alpha Edinson die Glühlampen-Erfindung schonmal, ohne den Erfinder Heinrich Goebel lange zu fragen, ausgeborgt, für eigenen Namen und Rechnung bedeutsam angegriffen.

Den Konsumenten wars wurscht, Hauptsache Licht.

So kam Erfinder Goebel auch nach Italien, vor den einladenden Dom einer uralten Stadt. Als er den grünseidenen Vorhang, der den Eingang des Doms bedeckte, zurückschob und eintrat in das Gotteshaus, wurde ihm Leib und Herz angenehm erfrischt von der lieblichen Luft, die dort wehte, und von dem besänftigend magischen Lichte, das durch die buntgemalten Fenster auf die betende Versammlung herabfloss. Es waren meistens Frauenzimmer, in langen Reihen hingestreckt auf niedrigen Betbänken. Sie beteten bloß mit leiser Lippenbewegung und fächerten sich dabei beständig mit großen grünen Fächern, so dass man nichts hörte als ein unaufhörlich heimliches Wispern, und nichts sah als Fächerschlag und wehende Schleier.

Der knarrende Tritt seiner Stiefel störte manche schöne Andacht, und große katholische Augen sahen ihn an, halb neugierig, halb liebwillig, und mochten ihm wohl raten, sich ebenfalls hinzustrecken und Seelensieste zu halten. Wahrlich, ein solcher Dom mit seinem gedämpften Licht und seiner wehenden Kühle ist ein angenehmer Aufenthalt, wenn draußen greller Sonnenschein und drückende Hitze. Davon hat man gar keinen Begriff in unserem protestantischen Norddeutschland, wo die Kirchen nicht so komfortabel gebaut sind, und das Licht so frech durch die unbemalten Vernunftscheiben hineinschießt, und selbst die kühlen Predigten vor der Hitze nicht genug schützen. Man kann sagen, was man will, der Katholizismus ist eine gute Sommerreligion. Es lässt sich gut liegen auf den Bänken dieser alten Dome, man genießt dort die kühle Andacht, ein heiliges Dolce far niente, man betet und träumt und sündigt in Gedanken, die Madonnen nicken so verzeihend aus ihren Nischen, weiblich gesinnt verzeihen sie sogar, wenn man ihre eignen holden Züge in die sündigen Gedanken verflochten hat.

Unserem norddeutschen Protestanten Heinrich Goebel, Erfinder des elektrischen Lichtes, leuchtete sofort ein, wie wichtig hier im Süden die katholische Bedeutung der Erfindung einer elektrischen Dunkelheit sein würde.
Originalsponsoring
von
neuesinnlichkeit
agentur + blätter
mehr
© 2005