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neue sinnlichkeit
Kritik zur documenta 11
Staatskunst 2002 in Kassel
von Dr. Dietmar Moews


Die mit überragenden staatlichen Finanzmitteln alle sechs Jahre durchgeführte documenta Kassel (ab 8. Juni) verbindet in vielfacher Weise auch Zielsystemkomponenten der Kunstschaffenden allgemein. Problem aller Kunstinteressenten ist, dass es ihnen gelingt, die Ressourcen der documenta der eigenen Kommunikation zu integrieren, anstatt z. B. umgekehrt lediglich im Wust der documenta unterzugehen. Ohne Rangordnung sind im Folgenden die interessanten Ressourcen der documenta aufgezählt:
  • Als quasi Staatskunstereignis mit internationaler Ausrichtung wird die documenta von allen Massen- und Kaufmedien ausgiebig, redaktionell in Ankündigungen, Bildern, Kommentaren, Berichten, Meinungen, Product-Placements, Prominenz usw. berücksichtigt (superlative Medien-Reichweite). Erfahrungsgemäß gehen der hunderttägigen documenta sehr bald die Bildreize, die Prominenten, die Überschriften und die Kritikideen aus. Insbesondere dadurch, dass es sich die documenta-Promotoren angewöhnt haben, zu versuchen, die Kommentare, Bewertungen und Heraushebungen im Voraus selbst zu bestimmen, entsteht durch die Wiederholungen und Leere dieser Statements eine Lähmung sowie ein Abwertungseffekt für die Kunst insgesamt. In einer massenmedial geführten Meinung fehlt Anderslautendem meist die Nachhaltigkeit, es wird kaum wahrgenommen. Folglich muss es deshalb schlicht entfallen. Dennoch - die documenta ist ein höchst medienrelevantes und massenkommunikatives Ereignis.
  • Das Kommunikationsproblem ihrer Promotoren resp. deren Aufgabe ist, Widersprüche herauszubringen, die dem Publikum wirklich wichtig, wahr, ernst, unmittelbar und beachtlich sind und nicht nur so aufgemacht, damit es um etwas Wahres oder für wahr Gehaltenes geht. Denn Kommunikation läuft immer von selbst, wenn es um wahre Sehnsucht nach Leben und Lebensmittel geht. Ein documenta-Leiter mit Boxhandschuhen oder ein Schweinestall (wie zuletzt), der eigentlich woanders hingehört, erregt im Jahr 2002 niemand mehr.
  • Das Medienereignis documenta 11 Kassel 2002 wird eine Vielzahl professioneller Journalisten und Redakteure beschäftigen, die documenta zu verkaufen. Wer hier Geist und Sinn und Aufklärung zur Lust plaziert, wird zum diskreten Arbeitgeber und kann sich einen Namen machen. Der Standort Kassel wirbt ums Massenpublikum.
  • Die documenta 11 wird von dem schwarz-afrikanischen künstlerischen Leiter Okwui Enwezor ausgelegt. Allein daher ist eine erweiterte Medienresonanz in den afrikanischen Ländern sowie des Medienpersonals mit Peer- und Prominenzeffekt in Afrika zu erwarten.
  • Die documenta präsentiert Künstler verschiedener Länder, die neben Deutsch überwiegend Sprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Chinesisch, Japanisch u. a. sprechen.
  • Die documenta als Ereignis der "Elitekultur" mit Breiten- und Massenkultur-Publikum hat zahlreiche Interessenten aus Staat, Markt, NGOs und den Privatsphären, die ebenfalls auf die Kommunikationseffekte reflektieren. D. h. sie widmen der documenta 11 ihre Aufmerksamkeit als Seiteneffekt. Hier spielt der Konnex von Kunst mit Menschlichkeit den alltäglichen Anschluss für jedes Marketing- und Kommunikationsziel.
  • Die documenta hat neben Prominenz diverse Besuchergruppen, die wünschenswert sind, in das Zielgruppenspektrum eines Künstlers integriert zu werden. Solche Zielgruppen bringen Peers und Vorbildpersonen hervor. Sie nehmen erheblichen Einfluss auf Werthaltungen und Kommunikation, wie Lehrer in Schulen, und Schulklassen oder Bildungsbürger, Rentner in Busreisegruppen, Kinder, Schulkinder, Eltern, internationale Reisende, Kunsthändler, Künstler und Kulturberufler u. a. Individuen wirken in Mengen, Gruppen, Gruppen untereinander und Massen; sie kommunizieren interdependierend und interagierend in bezug auf Medieninhalte, Wertbildungsprozesse und Multiplikationskraft.
  • Letztlich die documenta 11 im Bundestagswahljahr-Sommer 2002 - ein Platz, wo populistische Polarisierung durch Pro und Contra gesteigerte Aufmerksamkeit garantiert. Dass das Ganze - nachdem im Verlauf der vergangenen 30 Jahre - von der Beseitigung der Kunst jetzt endlich auch die Beseitigung der Künstler und des Kunsthandelssyndikats erreicht wurde - den Köln/NewYorker-Westkunst-Händlern wurde weitgehend ihr erbhofartiger Einfluss auf die Bevorzugung ihrer Vertragskünstler, auf der documenta präsentiert zu werden, entzogen - ist die praktizierte Platzbesetzung oder Enteignung und Entmündigung der ca. 100 000 Künstler in Deutschland durch die documenta nunmehr eine vollendete Farce der staatlichen Bundes-Innen- und Außenpolitik. Es lässt auf ein demokratisches Ende hoffen, nämlich, wenn nur noch die Vollidioten hinfahren und den Quatsch konsumieren.
    Einstens ließ sich noch von einer Elitekultur sprechen, bei der eine exponierte Gesellschaftsschicht als kulturtragend galt. Doch dieses aristokratische Kulturprinzip ist für heutige Verhältnisse nicht länger zutreffend, da die Masse im Zuge des gesellschaftlichen Wandels weitgehend Funktionen der Elite übernommen hat, auch wenn die Kulturpessimisten - meist nur um der Erhaltung ihres Exklusivitätsanspruchs willen - hiergegen ihre unentgeltlichen Tiraden vom Stapel lassen.
    Alphons Silbermann
Der Report documenta-Kritik weist scharfe Stichworte aus, die die Lust auf Kunst und den Umgang für jeden konkret läutern. Dazu wird aufgeklärt und Zugang zu dem entscheidenden Machtwissen verschafft, wo häufig bevormundende Exklusivpositionen sogenannter Fachleute Vorrechte und Ausschluss des Kunsturteils organisieren und durchsetzen. Ob Kunstbetrachter, Kunstkäufer, Wertanleger, Mäzen, Kunstkommunikant, zur Originalitätssteigerung des Wohnbedürfnisses und seiner Befriedigung oder der Repräsentation, ob mit Blick auf den die Kunst regulierenden und organisierenden Staat oder für die verschiedenen Kunstprofessionellen, Künstler, Promotoren, Kritiker und Vermittler - Dietmar Moews gibt ein neues, für jeden nachvollziehbares Bild, wie die Reize und die Lust auf Kunst in den Tagen der documenta 11 des Jahres 2002 bestellt sind, was es zu beachten lohnt, wer das Ganze bezahlt und was in Zukunft gehofft werden darf.

Die documenta und die Lust auf Kunst

Noch immer gibt es Menschen, die Lust und Aufklärung als Gegensatz empfinden. Das ist so, obwohl der moderne Mensch täglich erfährt, dass lustvolles Leben und Nichtaufklärung immer wieder tödlich sind.

Die documenta lockt mit der Lust auf Kunst. Lust und Kunst bilden eine wirkungsvolle Paarung. Zum flotten Dreier mit Lust und Kunst gebricht es der documenta - so finden viele Besucher - oft. Bei genauerer Betrachtung erscheint der Gegensatz zwischen den alltäglichen Orientierungen und solchen, die sich selbst als professionell etikettieren, als Bevormundung. Dabei werden angeblich professionelle Geheimkenntnisse des Kunsturteils vorgetäuscht. Die blumenreich, aber meist leer beschworene Kennerschaft ist leicht durch Fragen sichtbar zu machen und auszuhebeln, zumindest die Exklusivität des Vorrechts in eine Inklusivität des pluralen Zugangs zu erweitern. Hier liegt das unterirdische Thema dieser Kritik, das nach Klärung ruft: Niemand kann mit der Wahrheit des Kunsterlebnis argumentieren, wo es gar nicht zustande kommt.

Der künstlerische Leiter der documenta 11, Okwui Enwezor, redet von Kreuzungspunkt zwischen kulturellen Systemen ... Die Ausstellung soll dokumentieren, wie Menschen ihre Welt sehen und anhand von unterschiedlichen Medien interpretieren.

Mit weitreichender Organisation und hohem staatlichen Finanzaufwand soll auf der documenta die interessanteste Kunst herausgebracht werden und den Benutzern alles bieten, was überhaupt an Qualität denkbar ist. Das gelingt nur vereinzelt. Insbesondere wird die Mündigkeit der Kunden unterschätzt. Hier ist zu fragen, wie das möglich ist und welche Verbesserungen angebracht sind, um das Gewünschte sicherzustellen. Und wenn tausende Besucher, insbesondere Rentner, ihren Massen-Bus-Tourismus alle sechs Jahre mal in die schöne Kasseler Landschaft kutschieren, ist damit wohl ein Beitrag zum Freizeitbedarf nachgewiesen, aber nicht die Forderung, die zeitgenössische Kunstproduktion und das Kunsterlebnis freizuhalten von organisierter Marginalisierung. Zerstreuung und Beiläufigkeit sind nachrangige Aspekte im Kunsterlebnis der Bildenden Kunst, ähnlich der Literatur - in der Werbung gebräuchlich - und im Unterschied zur Musik, wo Gedudel und Nebenbeihören dazu gehören.

Unserer modernen Welt gilt die Kunstentfaltung als Synonym für die eigene Menschlichkeit. Die Moderne des Jahres 2002 und ihr postmodernes Zeichenspiel halten die gesamte Menschheitsgeschichte als eine Geschichte der Kunst. Die Kunst verkörpert Zeitstil, Mode, Fantasie und Kreativität, Genuss, Lust, Rang und Status, erfolgreiche Wertwelten, Lebens- und Anpassungsfähigkeiten. Das Kunsterlebnis umfängt den ganzen Menschen und wirkt, in dem sie löst und bindet, fortschrittlich und wertkonservativ vorwärtstreibt und bewahrt. (In Island sagt man Lustmalerei zur Kunst und unterscheidet so von Häusermalerei: Anstrich.) Kunsterlebnisse stimulieren und inspirieren. Im Kunsterlebnis lassen wir uns sogar belehren und haben noch Spaß dabei. Und natürlich ist die Grundforderung in der Demokratie anzuerkennen, dass die vielen ungebildeten und unintelligenten Menschen zu beteiligen sind und nicht durch Elitedarbietungen ausgeschlossen werden sollen. Manch Einem wird durch Familienspaziergang mit Luftballons, Softeis, bunten Postkarten und einigen Nackttänzern die ganze documenta passabler und öffnet die Tür.

Der deutsche Staat gebietet die Freiheit der Kunst im Grundgesetz und bezeichnet sich offizial als Kulturstaat. Er drückt damit den Anspruch auf Menschlichkeit aus, den die Gesellschaft durch den wertorientierten Umgang mit ihren Kunstwerken beantwortet.

Werfen wir also ein Auge auf die ständig neuen Kunstleistungen (und ihre Organisation): Mit Macht bestimmt die documenta die Auswahl. Vielzuviel einer beschränkten Auswahl wird gebracht, Wichtiges wird vernichtet und verschwindet. Das ist ein diskretes Tabu-Thema, und das sind bevormundende Eingriffe von Nichtkünstlern. Sowohl Künstler wie Kunstkunden empfinden diesen Umstand als absurd. Ermitteln wir also diese Wirkung der Organisation (Moews-Report 2001).

Das Ergebnis lautet zusammengefasst: Zur Lust auf Kunst gehört die Lust durch (die unvermeidliche) Organisation der Bereitstellung der Kunst. Der direkte Zugang ist verlangt, damit jeder selbst Ja oder Nein sagen kann.

In den Blick kommen (1) alle Interessenten, die Lust auf Kunst haben, denen Kunst ein notwendiges Lebensmittel ist, zweitens (2) der organisierende Staat, insbesondere seine ausgelagerten Staatsarme in Form der intermediären Vereine, Stiftungen, Gremien (und deren Personal), schließlich die Möglichkeiten für (3) die Künstler und ihre Menschennähe.

Allein die Resonanz im Kunsterlebnis, von Mensch zu Mensch, zeigt Künstlern und Produzenten, ob ihre Leistungen ankommen und wirken - oder nicht. Zu oft gebricht es ihrem Auftritt im modernen Leben an Menschennähe und Verbindlichkeit, diese Wirkung des Ankommens oder nicht, kontrollieren zu können. Zu oft werden indirekte Vermittlungsformen angewendet. Zu oft wird das Misslingen des Kunsterlebnis und die direkten Antworten oder die Verweigerung des Publikums missverstanden, weil die Vermittlungsformen oder die Vermittlerpersonen versagen (z. B. durch Arroganz oder dadurch, Geldgewinn und Kommerz zu betreiben, wo Geduld, Ruhe und Zuwendung gefragt wären u. v. a. m.). Dies aber hat Kunstorganisation zu berücksichtigen, wenn sie eingreift; denn Lust auf Kunst - hat jeder Mensch von sich aus.

Zu recht sagte Goethe, man sieht nur, was man weiß. Das gilt eben auch für die Künstler, für die Vermittler und die Kritiker. Sie müssen wissen, welchen Anschluss ihre Leistungen der Sinnlichkeit und des Geistes in der Hochkultur, in der Elitekultur, Breitenkultur und Popkultur, finden und für die organisierte Ermöglichung des sozialen Erlebnis sorgen. Und zweifellos geht es um Leistungen und wohlverstanden um Leistungssteigerung und Qualität (denn von zurück zur Natur oder den Segnungen der Naivität, den guten Wilden oder der Stunde Null redet zu recht niemand mehr ernsthaft). Kunst und Lust auf Kunst können im besten Sinn dann wachsen, wenn ihr Gebrauch wach und lebendig bestätigt wird.

In diesem Sinn von Freiheit der Kunst bietet diese documenta-Kritik Aufklärungsargumente für alle Interessenten, Aufklärungsargumente für den Kulturstaat und Aufklärungsargumente für alle Künstler

Aufklärungsargumente für alle Interessenten

Argument: Kunstbetrachter, Kunde, Konsument, speziell jedes am Kunsterlebnis teilnehmende Individuum, ebenso Konsumentengruppen, in besonderer Weise auch die Kunstwirtschaft, wieder besonders der schleierhafte Bereich der quasi-staatlichen intermediären Institutionen (Vereine, Verbände, Stiftungen, Berufsfunktionäre, Gremien) - kurz alle (die nicht speziell in der Rolle als Künstler oder der eines obrigkeitlichen Staats-Stellvertreters beteiligt sind) - nennen wir sie "Interessenten" - können, bei Zugang, an der Kunst teilnehmen.

Argument: Die documenta 11 folgt im sechsjährigen Abstand in einer Reihe von den vorherigen documentas, die als Konzeptausstellungen veranstaltet worden sind. D. h. ein Leiter, der vom Staat bestimmt wurde, denkt sich ein Konzept aus, für das dann ein Sammelsurium zusammengeholt wird, und zwar eines von sogenannten Künstlern, die bei den Syndikats-Kunsthändlern der West-Kunst unter Vertrag waren. D. h. auch, dass das Konzept nicht von dem Kunstschaffen, den tätigen Künstlern, deren Publikum oder deren Ideen bestimmt wurde, die in den angängigen sechs Jahren lokal oder regional hervortraten. Eher werden die als Organisationsstörung angesehen, da das täglich fortlaufende Kunsterlebnis des Publikums davon ausgeht und damit ästhetische, rezeptive und perzeptive Erwartungen verknüpft. Das Konzept 2002 nun lautet: Mit der Weltkunst-Ausstellung in Kassel/Hessen/-Bundesrepublik Deutschland, als staatlich finanzierte Besucher-Veranstaltung, sind Ziele globaler Reichweite der deutschen Innen- und Aussenpolitik verbunden sowie die Begehrlichkeiten der staatlichen wie kunstwirtschaftlichen Mitspieler um Marktmacht und Kunstfinanzen, also der Händler und Auktionshäuser.

Argument: Wer die Musik bezahlt, bestimmt, was gespielt wird: Die documenta hat den US-Nigerianer Okwui Enwezor zum künstlerischen Leiter bestellt. Herr Enwezor wurde der Öffentlichkeit in zahlreichen Vorkonferenzen als konzeptuelle Andeutung vorgestellt: der Bogen der Erwartungen reicht von Begriffen wie "Weltkunst", "Ethno", "afrikanische Volkskunst", "Dritte-Welt-Kunst" bis zu Gegensätzen wie "Sun-People" und "Ice-People". Als Schwarzafrikaner mit afrikanischem Namen und abendländisch-westlicher Kunstwissenschaft haben Herr Enwezor, das vorgelegte documenta-Konzept, seine besondere Auswahl der Werke und Zusammenstellung, einen erheblichen Erklärungsbedarf. Denn die Erwartung, in Kassel würde afrikanische Kunst vorgestellt, die man auf dem eigenen Markt nicht hätte, ist eine Irreführung, die der Aufklärung bedarf. Ferner haben die im Vorlauf der documenta 11 in Afrika durchgeführten vier "Plattformen"-Konferenzen ebenfalls große Enttäuschung bereitet: Das kalkulierte Missverständnis begann mit "weltpolitischen" Themen, mit denen sich die Funktionäre medial inszenierten, während nigerianische Maler, Bildhauer und Literaten Schlange standen und auf ihr großes Los warteten, in der Hoffnung, Möglichkeiten zum Präsentieren der eigenen Werke zu finden. Doch Plattform 4 in Lagos brachte nicht afrikanische Kunst, sondern eine Tagung von angeblichen Urbanitätswissenschaftlern, Musterstädteplanern und Hobby-Weltkunst-Philosophen, deren Schrankgutachten (Gutachten, die aus bereits Bekanntem zusammengeschustert werden und keinen anderen Nutzen haben, als im Regal zu stehen) die documenta-Besucher sicher nicht studieren werden.

Argument: Der Aufklärungskampf, der auch in der Kunst von den staatlichen Finanzmitteln lebt und oft in sogenannte intermediäre Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) ausgelagert wird, wird auch auf dieser documenta kaum durchsichtig und verständlich gemacht. Er wird auch nicht zur Diskussion gestellt. Aus Sicht der Kunstinteressenten wird dieser kunstpolitische Verteilungskampf nicht mitbestimmt und auch in den Massenmedien nicht kritisiert. Sodass man sagen muss, dass die Kritik - dort wo sie Verbreitung finden könnte - versagt. Insofern die deutschen Kunstproduzenten ausgegrenzt wurden, muss die Frage nach der Qualität und den sonstigen Auswahlkriterien gestellt werden. Deshalb ist vor Allem interessant, wie weit die Inhalte der sogenannten fünf Plattformen geistigen Anklang fanden, das Publikum in Kassel überhaupt erreicht und z. B. wie viel Kunst von den afrikanischen Künstlern zu den Kasselbesuchern gelangt - von Basis zu Basis. So dass eine Art dezentrales Kunsterlebnis stattfindet, wo sich jeder selbst zur Qualität und zur Auswahl seine Meinung bildet. Besondere Beweise, dass Microsoft und CocaCola, Photoshop oder Aids - einschließlich der Misere von Armut, Hygiene und Bildung - in Afrika selbst bekannt sind, werden niemand beeindrucken.

Argument: Einstens ließ sich noch von einer Elitekultur sprechen, bei der eine exponierte Gesellschaftsschicht als kulturtragend galt. Doch dieses aristokratische Kulturprinzip ist für heutige Verhältnisse nicht länger zutreffend, da die Masse im Zuge des gesellschaftlichen Wandels weitgehend Funktionen der Elite übernommen hat, auch wenn die Kulturpessimisten - meist nur um der Erhaltung ihres Exklusivitätsanspruchs willen - hiergegen ihre unentgeltlichen Tiraden vom Stapel lassen (Silbermann).

Argument: Da die Masse sowohl ökonomisch als auch bildungsmäßig die Voraussetzungen für die Teilnahme am Kulturprozess und am Kunsterlebnis erfüllt, ist es durchaus berechtigt, und zwar nicht im abwertenden und negativen Sinn, von einer "Massenkultur" zu sprechen. Man hat sich weder als Ankläger noch als Verteidiger von Elitekultur und Massenkultur aufzuspielen; denn beide sind auf bestimmte Gesellschaftsstrukturen bezogen und zugleich kennzeichnend für die Abhängigkeit der Kulturauffassung vom Gesellschaftstyp (vgl. Silbermann).

Argument: Nur Barbaren sind nicht neugierig und wollen nicht wissen, woher sie kommen, wo sie stehen und wie sie dorthin gelangt sind, wohin ihr Weg zu führen scheint und aus welchen Gründen sie welche Richtung einschlagen wollen. Wenn es menschlich zugehen soll, muss gelernt werden können und gelernt werden.
Längst sind wir nicht mehr Opfer der Natur allein, sondern unserer eigenen, nachweislich irrationalen Machenschaften - aber wir glauben, es sei unsere Vernunft, die die Natur gestaltet (vgl. Isaiah Berlin).

Argument: Die Kunst dient nicht der realistischen Darstellung des Lebens, nicht der psychologischen oder gesellschaftlichen Analyse um ihrer selbst willen. Die Verfahrensweise der Kunst - (ein Gesetz, allerdings, ist für den Löwen wie für den Ochsen Unterdrückung) - hat im wesentlichen eine lebensdienlich moralische zu sein: Sie beschäftigt sich mit dem, was für die Ungerechtigkeit verantwortlich ist, für die Unterdrückung, die Falschheit in den Beziehungen der Menschen, für ihre Gefangenschaft zwischen Mauern aus Stein oder zwischen den Mauern des Konformismus, der widerspruchslosen Unterwerfung unter ein von Menschen geschaffenes Joch, mit dem, was verantwortlich war für die moralische Verblendung, den Egoismus, die Grausamkeit, die Demütigung, die Unterwürfigkeit, die Armut, die Hilflosigkeit, die erbitterte Entrüstung, die Verzweiflung, die Heuchelei, bei so vielen Menschen. Umgekehrt beschäftigt sich die Kunst damit, wie das Gegenteil zustande kommt oder kommen könnte: Ein Dasein, das von Wahrheit, Liebe, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und Sicherheit bestimmt und von persönlichen Beziehungen geprägt wäre, die auf der Möglichkeit von menschlicher Würde, von Anstand, Selbständigkeit, Geschicklichkeit, Fleiß und Belohnung, Lust, Preis und Erfolg, Freiheit und geistiger Erfüllung beruhen, wozu Einsicht in die Tatsachen des Eigenen und des Anderen, der Toleranz, die Tragik und Abstimmungsbereitschaft, der Gesetze und der unausweichlichen Kompromisse und Vorrechte zu erlernen sind. Hier sind die Künstler Menschen, hier schließt ihre Kunst als subjektive Prophetie ohne Aufträge und oft vereinsamt aus künstlerischem Impuls an; Ästhetik ist eine Folge des Menschen, seiner Impulse und Bedürfnisse. Kunstleistungen sind anzuschauen, zu hören, zu lesen, riechen, schmecken, tasten, eben zu erleben - dann reden die Leute miteinander oder nicht. Was der einzelne Perzipient lustvoll oder entgeltlich anstellt, muss ihm und seinen Impulsen frei sein. Jede Maßgabe hätte den Fehler eines Befehls im Unterschied zur unausgesprochenen Ergiebigkeit des unverfügbar Eigenen (vgl. Isaiah Berlin).

Argument: Die Kunsterziehung und Kunstvermittlung haben dafür zu sorgen, dass den unterschiedlich gebildeten Gesellschaftstypen möglich wird, über Kenntnisse zur Unterscheidung von Kunstwerken der Kulturindustrie von solchen des Handwerks zu verfügen. Z. B. in dem die Unterscheidungskraft und Information zugänglich wäre, einzuschätzen, wie weit wir es mit einer Kunstveranstaltung zum Kunsterlebnis zu tun haben oder mit der politischen Indienstnahmen durch den Polizeiminister, den Tourismusminister oder der sonstigen Staatsinteressen der Wirtschafts-, Innen- und Außenpolitik. Die documenta 11 demonstrierte sowohl konzeptionell wie auch praktisch jedenfalls Geringschätzung gegenüber der Künstlerschaft in Afrika und auch gegenüber dem Anspruch, eine Veranstaltung zu sein, in der internationale Kunstleistungen zum Kunsterlebnis in einen Zusammenhang gesetzt worden wären.

Argument: Die personalen Kunstinteressenten und das Kunstpublikum sollten Kunst bevorzugen, die entweder soziale Anknüpfung von Mensch zu Mensch bietet oder der individuellen - inneren und äußeren - Entfaltung dient (was sie dann tun, bleibt ihnen unbenommen). Kunst muss aus soziologischer Sicht an die Fähigkeiten der Menschen anknüpfen, bei dem, was anspricht, was sie wertschätzen, was sie alltäglich oder professionell benutzen und aufbewahren mögen (dabei sind die kulturellen Zwecke freigestellt). Die Kunst muss dafür grundsätzlich das (gesamte und nicht nur das exklusive moderne) verfügbare Daseinswissen von heute anwenden dürfen. Kunst, Künstler oder Kunstpublikum dürfen dafür nicht durch institutionelle Werturteile ausgeschlossen werden. Vorhandene Kunstleistungen sind bereitzustellen, auszustellen und darzubieten. Denn die Geschichtsgüter als gutes Gedächtnis bieten den Menschen die fesselnden Kräfte im Kunsterlebnis. Die Konzepte und die Vermittlung haben sich um Anknüpfung zu bemühen, statt kunstferne anders orientierte Ziele durchzusetzen. Das Kunsterlebnis gelingt nur, wenn die Kunst das Verständliche und Verstandene neu formt, also nicht, wenn die Konzepteure die Kunst verleugnen. Bei der documenta 11 werden Kunstwerke allein zur Garnierung der politischen Konzeption vorgeführt, wobei die Plattformen - im Internet zugänglich - nicht auf der geistigen Höhe unserer Zeit sind, sondern bestenfalls uninteressante Kuriositäten bieten, z. B. Plattform 4 zum Thema "Stadt".

Argument: Die Kunst spricht an, durch das Können, den Fleiss, die Liebe und das Wissen, in den Werken und Einstellungen. Die praktizierte Gleichgültigkeit von "Maßgeblichkeits-Funktionären" gegenüber Wertbildungs- und Wertschätzungsprozessen der Künstler lässt sich nicht mit den Demokratiegeboten und dem Kunstfreiheits-Postulat vereinbaren.

Argument: Die Kunst tritt in den grundsätzlich offenen, pluralistischen demokratischen Gesellschaftszusammenhang ein. Täglich werden neue regulierende, steuernde, kontrollierende, koordinierende, investigative, kommunikative und personalpolitische Entscheidungen getroffen. Staat und Gesellschaft bestimmen das qualitative und quantitative Profil der Leistung und Gestaltung unserer organisatorischen Rahmenbedingungen, unserer Wertsetzungen und der konkreten Auswahlentscheidungen. Der Bereich der Kunst selbst muss die praktische Einlösung des normativen und propagierten ästhetischen Pluralismus in der staatlichen Kunstorganisation anerkennen. Jeder Künstler selbst müsste dieses zu verwirklichen suchen und öffentlich fordern. Der Staat vernachlässigt das längst und nicht zuletzt bei der documenta.

Argument: In politischen Wahlprogrammen sollte Kunstpolitik zeigen, dass und wie sie Kunstveröffentlichung, Kunsterziehung, Kunstvermittlung, Kunstbereitstellung und Kunst fördern will und welche Kunstkonzepte bevorzugt werden. Jede Kunst ist von der Kunstpolitik zu berücksichtigen, die die Menschen ruft und durch Verständlichkeit abholt, ohne Zensur, ohne Stildiktat, ohne Benachteiligung. Das ist das offene, sozio-künstlerische Konzept einer Zukunftspolitik, in der Zivilisationsfragen, Umweltpolitik, Naturpolitik sowie Kunst und Kultur im Sinne einer "Ökologie des Kulturstaates" qualitativ eins sein sollen. Bei der documenta 11 hingegen verwechselt man ordnungspolitische Staatsziele mit dem Kunstförderungsauftrag. Zwar ist Kunstindienstnahme ein Recht des Staats, vorausgesetzt, die Indienstnahme sicherte die Wachheit des Publikums und die professionelle akademische Berufsausbildung der Künstler, bliebe davon unbeschädigt. Jedoch die Kunst unserer Tage wird durch definitorische Ausgrenzung marginalisiert. Und die staatliche Kunstorganisation bewirkt das Zusammenspiel von Kunstferne und Staatsnähe.

Argument: Die Hersteller der Kunst sollten das uneingeschränkte Recht der Vermittlung und die Konsumenten das ungehinderte Recht des Empfangs, darin inbegriffen Teilnahme, Diskussion und öffentliche Kritik fordern. Eine direkte Kontrolle über den Zutritt zur Kunst darf im Prinzip ebensowenig stattfinden wie eine solche über bevorzugte Behandlung in Fragen der Verteilung.

Argument: Fortschritte in der Kunst, ihrer Förderung und ihrer Organisation, dürfen keinesfalls auf die rückgewendete dunkle Angsthöhle, die Vermassung und Kulturverlust anklagt, bezogen werden, sondern das tatsächliche Nutzer-verhalten der Beteiligung und Selbstbestimmung hinsichtlich der Verfassungswerte soll gelten: Die Kunst und das Kunsterlebnis sind frei und nicht abzuurteilen. Die Kunstbewertung obliegt dem Kunsterlebnis eines Jeden und nicht einer bevormundenden Vorauswahl ohne Preisgabe der beschränkten Vorurteile, die der Innenminister durchsetzt.

Argument: Die Interessenten der Demokratie dürfen und sollen die Verhältnisse, denen sie ausgesetzt sind, mitgestalten und mitbestimmen.

Argument: Die Teilnehmer am Kunst-Erlebnis und die Interessenten sollen politischen Einfluss suchen. Ihre Wertäusserungen zur Kunst-Auswahl und Kunstbewertung bedürfen gemeinsamer Anstrengungen zur Gestaltung eines sozialen und kulturellen Hintergrundes. Der "Streit" um die Kunst soll durch eine Ideologie der Toleranz bestimmt werden. Die Macht aufrichtig geschaffener Kunstqualität soll akzeptiert werden. Der angst- und furchtverbreitende, pragmatische Rationalismus der modernen, quantitativ-technologischen Ideologie ist Ausdruck hochgradiger menschlicher Irrationalität und Desorientierung. Dies ist ständig zu hinterfragen. Vermeintlicher Rationalismus des Rechthabens ist die äusserste Stufe der Irrationalität, wo die Menschen aufhören Mensch zu sein. Technologische Fortschritte in der Kunstherstellung sind weder vorzuverurteilen noch bereits als Kunstleistung hinzunehmen. Der Werkbereich sollte die künstlerischen Leistungen dem Wirkbereich anheimstellen; Technik und Technologie sind vorrangig Mittel von Werk und Wirkung für das Kunsterlebnis.

Argument: Zur aufklärerischen Sorgfalt und Offenheit gegenüber dem heutigen öffentlichen Kunstprozess gehört dieses Bekenntnis: Es ist Verdienst der Moderne, insbesondere ihrer geistigen Kleinarbeit, den Panzer der Kultur, und deren Ideologie des intoleranten Idealismus, einschliesslich der brutalen Untaten der Vergangenheit, durchlöchert zu haben. Der Wandel hat einen offenen Ausgang. Die staatliche Kunstpolitik der Marginalisierung widerspricht dem.

Argument: Die Kunsterregung hat wohl die Funktion der Individualitätsentfaltung, sollte aber keine Abgrenzung gegen andere Menschen verfolgen. Sondern sie fordert alle anderen auf und lädt ein, zur neuen Qualitätsdiskussion und Aufrichtigkeit im Werkbereich der Künste, ihrer Vermittlung und ihrer Organisation. Der Wirkbereich und die Konsumtion dagegen sollen den offenen sozio-kulturellen Prozessen überlassen werden.

Argument: Der Staat hat zur Verschleierung der Bevormundung und Aussetzung der Kunstfreiheit das Intermediäre System herangezüchtet (IKFS). Praktisch sind das die im Deutschen Kulturrat korporierten Kunstverbände und -vereine und das durchwegs parteipolitisch bestimmte Funktionärspersonal. Sowohl die konkrete staatliche Kunstförderung durch Geld- und Mittelvergabe und hervorgehobenen Bezeugung wie die indirekten Förderungen durch Kunstpolitik und Personalpolitik haben dem Intermediären Kunst-Förderungs-System (IKFS) der Verbände im Deutschen Kulturrat, Medien-Gewerkschaft ver.di, VG-Bild u. a. innerhalb der Organisierten Kunst-Förderung (OKF) des sogenannten "Kooperativen Kulturföderalismus" in Deutschland die zentrale Machtstellung gegeben.

Argument: Die Fließwege grosser Teile der der Förderung und Finanzierung zuzuordnenden Finanzmittel werden vom Staat verschleiert. Auch die Entscheidungs- und Verantwortungslagen über Förder- und Personalauswahl-Entscheidungen - im Rahmen der OKF (organisierte Kunst-Förderung) werden weitreichend von und in den verschiedenen Intermediären Systemen vorgenommen - meist als verschleierte ausgelagerte Staatskunst-Entscheidungen.

Argument: Das betrifft auch die Kommunikation zwischen Produzenten (Künstler) und Konsumenten (Publikum). Die Kunstverbände und Gremien sollen als Medium der Gruppeninteressen der Kunstproduzenten und der am Kunstprozess beteiligten Produzenten und Konsumenten im politischen System dienen. Betroffen sind Interessenartikulation, Interessenaggregation, Interessenselektion, politische Integration, Kommunikation, Partizipation, Legitimation des Kunstbereichs wie der Kunstpolitik, Ordnungsfunktion, Transformation und Modernisierung.
Ferner sind diese Intermediären als Absender von Einfluss und Druck im Bereich der Bild-Kunst-Förderung ähnlich etabliert, wie es in anderen gesellschaftlichen Arbeitsfeldern der Fall ist. Doch Kunstverbände und Gremien werden von vom Staat bezahlten und beauftragten Stellvertretern (Berufsfunktionäre und nebenberufliche Ehrenamtliche) bestimmt. Die Interessenvertretung der Künstler ist dadurch unmöglich.

Argument: Nach und nach wird die Maschine ein Teil der Menschheit werden. (Saint Exupery)

Argument: Wir haben nicht die Möglichkeit, die Zukunft abzuwählen. Niemand kann darüber entscheiden, ob die Zukunft unser Leben verändern soll oder nicht. Niemand kann auf lange Sicht Produktionsveränderungen aufhalten, denn der Markt verlangt unerbittlich nach ihnen. Staaten können versuchen, den Wandel innerhalb ihrer Grenzen zu bremsen, indem sie die Nutzung bestimmter Technologien einschränken, doch laufen sie mit dieser Politik Gefahr, sich von der Weltwirtschaft abzukoppeln, die nationalen Unternehmen in ihrer Konkurrenzfähigkeit zu beeinträchtigen und ihre Verbraucher daran zu hindern, die neuesten Produkte zum günstigsten Preis zu bekommen. (vgl. Bill Gates)

Argument: Wir dürfen nicht versäumen, die Vor- und Nachteile des technischen Fortschritts möglichst breit zu diskutieren, so dass die Richtung, die wir am Ende einschlagen, auf einem gesellschaftlichen Konsens beruht und nicht auf der Entscheidung weniger Technologen. (vgl. Bill Gates)

Argument: Wie nun? Nennst du die Heilkunst eine Lohnerwerbskunst, wenn jemand durchs Heilen Lohn erwirbt? Nein, sagte er. Nun haben wir aber zugegeben, dass der Nutzen jeder Kunst ein besonderer sei? Allerdings, sagte er. Wenn also alle Künstler gemeinsam einen Nutzen haben, so haben sie ihn offenbar davon, dass sie das nämliche gemeinsam noch zu ihrer Kunst hin anwenden? So scheint's erwiderte er. So behaupten wir denn, dass der Nutzen, den die Künstler haben, indem sie Lohn gewinnen, ihnen davon werde, dass sie dazu noch die Lohnerwerbskunst anwenden. Ungern gab er's zu. Also nicht von seiner eigenen Kunst hat jeder diesen Nutzen, das Gewinnen von Lohn; sondern, genau genommen, schafft die Heilkunst Gesundheit und die Lohnerwerbskunst Lohn; die Baukunst ein Haus und die an sie anschließende Lohnerwerbskunst Lohn." (Platon)

Argument: Die Kunst und ihre Freiheit in der Demokratie sind nicht die Schöpfer ihrer Welt, sondern verantwortlicher Teil der Schöpfung. Die Gesellschaft kann ihrer Verantwortung nur gerecht werden, wenn nicht Liebe und Wahrheit anderen Zielen unterworfen werden, als den zivilen Normen des freien demokratischen Staats und seiner rechtsstaatlichen Kultur.

Argument: Kommunikation und Multiplikation der Kunst und Kultur werden in besonderem Maß von den Kunstleistungen im Kunsterlebnis bestimmt und den Kunstbenutzern getragen. Praktisch sind die von den Nichtkunstinteressierten und Kunstfeinden kommunizierten Einstellungen und Werthaltungen viel stärker und politisch vorrangig, gegenüber der insgesamt minderheitlichen Kunstgruppe.

Soviel zur documenta und zur Lust auf Kunst als Aufklärungsargumente für alle Interessenten. Nun solche für den Kulturstaat. Danach die für die Künstler.

Aufklärungsargumente für den Kulturstaat

Argument: Der föderale Staat hat als staatliche Kulturgestaltungsmacht die gesetzliche Regulation in der Hand. Dieses geht vom Grundgesetz aus und hat eine föderale, rechtsstaatliche, marktwirtschaftliche sowie sozio-kulturelle Ausprägung erhalten, die in Handlungsstil, Sitte, Moral, Kommunikation usw. praktischen Ausdruck findet. Hierhin gehört auch der Umgang mit Regelverstößen, Mob und den Grenzbereichen zu Rechtsbrüchen und Kriminalität.

Argument: Was der Alltagswelt weithin unbekannt ist, das ist der unverhältnismäßig riesige staatliche Anteil (Bund, Länder, Gemeinden, EU) am Gesamtfinanzaufkommen für Kunst und Kultur in Deutschland: Der Staat ist mit über 95 % des für Kunst ausgegebenen Geldes der größte Kunstfinanzierer, Kunstkäufer bzw. -konsument in Deutschland (der Vergleich zur Bundeswehr hinsichtlich der Rüstungsindustrie ist durchaus angemessen); davon haben der Bund ca. 5 %, die Länder ca. 30 %, die Gemeinden (hauptsächlich die Großstädte) ca. 65 % Finanzanteil. (Ifo)

Argument: Die documenta wird beinahe gänzlich mit Steuergeldern bzw. Steuerverschonungssubventionen finanziert (Etat 2002 umfasst 12,78 Millionen Euro, ca. 43 % Stadt/Land/-Bund, ca. 40 % Steuerabschreibungen von Gemeinwesen-Sparkassen, also öffentliches Geld als "Hauptsponsoring", ein unbezifferter Betrag an Eintrittsgeld.)

Argument: Auch wenn eine Weltkunst-Ausstellung des Ausmaßes der documenta 11 durch Zulassungsbeschränkung und die Person des Intendanten notwendig bestimmt wird, sind die im Anschluss an die documenta eintretenden ästhetischen Auswirkungen auf die gesamte Kunst verheerend: Die documenta wirkt wie ein Stildiktat für die kommenden sechs Jahre bzw. setzt alle unangepassten Künstler ins Abseits. Dabei liegt auf der Hand, dass selbst unter Annahme einer Weltkunstentwicklung, nicht jeder Künstler ferner Länder ausgerechnet im gerade angesagten Westkunst-Stil und Westkunst-Geist arbeitet; doch so wird es uns gezeigt. Angesichts der gewaltigen kulturindustriellen subventionierten Verbreitung dieser Staatsinhalte, kann der Verweis auf das freie Publikum - das lediglich mehr oder wenig lustig nimmt - überhaupt nicht greifen. Die Massenkommunikation wird von der documenta-Ausstrahlung durch Sprachregelungen, Interpretationshoheit, Abwertung anderer und Darbietungsdominanz verstümmelt.

Argument: Es sollte im Kunsterlebnis nicht staatlich bevorzugt oder ausgewählt, sondern lediglich die Bereitstellung organisiert werden, nicht entweder:
  • die beliebige Variation des schlechten Wissens und schlechten Könnens, wie überwiegend in der staatlich prolongierten West-Kunst oder
  • die dirigierte Variation ideologischer Zielstellung, wie im sozialistischen Realismus oder
  • die irrige Variation irrationaler Wunschvorstellung, dass man heute (oder irgendwann) eine Stunde Null hätte, eine Zero-Situation, dass man keinen Schnitt machen könne, um neu zu beginnen. Eine Stunde Null gibt es - solange die Zeit läuft - nicht.
Argument: Der Werkbereich der Kunst braucht Ausbildungspläne für eine liberal-spielerische, magische, sozial ausgerichteten Wertorientierung. Das abendländische Gedächtnis sollte lebendig gehalten werden, wenn es in den Kunstwerken und durch das Kunsterlebnis zu Gegensätzen und Ausschließlichkeiten zwischen "Kultur" und "Zivilisation" kommt. Die Kulturgeschichte gibt nützlichen Anhalt für den Umgang mit Schränkungen.

Argument: Ohne einen sinnerfüllten Kulturstaat-Begriff - der vom Zeitgeist wie vom Mehrheitswillen des tatsächlich gelebten sozialen Menschenbildes zu beziehen ist - sind die staatlichen und sonstigen formalen Kunst-Förderpraktiken und deren gesellschaftsfernen Förderfunktionen gar nicht zu rechtfertigen. Jede andere Wertsetzung mag zwar idealistisch sein, wird aber als lebensverneinend permanent umstritten sein und scheitern.

Argument: Staat und Kunst? Was gehen ihnen die grünen Bäume an? würde Heinrich Heine fragen. Die Kunstproduktions-Entscheidungen müssen von der Vermittler-Ebene - anders als bei der documenta - den Künstlern und Kunstbenutzern zurück gegeben werden. Allein die sozio-kulturelle Erlebnis-Ebene von Produzenten und Konsumenten zählt. Der Staat soll allein seine dienende Funktion an der Gesellschaft und den Bedürfnissen der Menschen zur Daseinsgestaltung und -vorsorge wahrnehmen. Er soll mit bürokratischer Klarheit wirklichkeitsnahe Rahmenbedingungen garantieren. Stattdessen wird die Kunst von quasi-staatlichen Gremien und Funktionären selbst willkürlich verfügt.

Argument: Entfremdungseffekte aufgrund arbeitsteiliger Kunstproduktion durch die Trennung
     a) der kreativen Komponenten von
     b) der finanzierenden und
     c) der kommunikativen Komponenten
sind aufzuklären: Die Kunstfinanzierung, ob staatliche, marktliche oder private Quellen, ist als Teil der industriellen und handwerklichen Kunstwirtschaft, des Einzelhandels oder der Massenverteilung, wertfreies Anhängsel der Wirtschaftspolitik. Der Markt zielt auf den Absatz. Staatliche Vorurteile haben die Rahmenbedingungen und Interventionen auf den Menschen abzustellen und nicht auf marginalisierte, elitäre Funktionärszirkel oder auf einen syndikalisierten Kunstmarkt.

Argument: Der Staat - Bund, Länder, Gemeinden - ist struktureller Geber der meisten Förderungen und noch häufiger der Rekruteur der Multifunktionäre, denen die Kunstentscheidungen und die Personalpolitik unterstehen.

Argument: Der Staat nimmt Kunst in Dienst, ferner stellt er Kunst der Öffentlichkeit zur Verfügung und bildet Fachpersonal aus.

Argument: Niemand - auch nicht der Staat - sorgt sich hinreichend um Forschung, Kontrolle und Beratung der Kunstorganisation. Der Bereich der Kunstwirtschaftsstatistik - Grundlage jeder ernsthaften Fiskalpolitik - ist die reinste Dunkelziffer. Überwiegend landen die Forschungsgelder bei unentgeltlichen Erörterungen der Kunstgeschichte oder schmücken Sponsorenfeiern, wo genau nur diejenige Künstlerprominenz reguliertes Geld bekommt, die längst den Bereich des Förderungsbedarfs überwunden hat. Hingegen die Fragen der fachwissenschaftlichen Begleitung über die sozio-künstlerischen Belange von Kunsterlebnis, Kunstschaffen und Kunstkonsum, werden kaum bemittelt und untersucht. Der immense Geld- und Beschäftigungsrahmen, in dem die - alte sowie neuentstehende - Kunst in der Gegenwart ihr staatliches Wesen entfaltet, bilden deshalb hauptsächlich Forschungslücken und Desiderate; darin entfaltet sich der Mangel. Es bleibt im Dunkeln, dass die Umfänge der Förderungen immer weiter steigen, aber die Künstlerarmut ebenfalls. Verbände, Funktionäre und Salonpersonnage verbrauchen die Finanzmittel und drucken sich hochglänzende Erfolgsberichte.

Argument: Der Staat und sein Stellvertreter-personal bezeugt die Künstler und das Kunst-personal - oder nicht. Für die staatliche Kulturgestaltungsmacht (Bund), die Kulturhoheit der Länder (Bundesländer) und die Allzuständigkeit der Gemeinden (in den Kommunalsatzungen) bieten sich folgende konkrete Verbesserungen an:

Argument: Insbesondere die Ämter- und Parteibuch-Patronage ist aufzuklären und abzustellen; Rollenträger müssen ihre vielfältigen Mandate und Rollen offenlegen. Die allfällige Oligarchie der Aktiven ist immer wieder zu offenbaren.

Argument: Kunstregulierungsstrukturen (Gesetze, Budgets, Personalpolitik, klare Verantwortungs- und Entscheidungslagen der direkten und indirekten Kunstförderung u. a.) müssen quasi dereguliert werden. Jede für die Kunstproduktion und das Kunsterlebnis relevante Entscheidung muss auf klare bürokratische und fachliche sowie funktionaristische Positionen zurückgezogen werden, anstatt hinter dem Schleier von Verfahren und Vermittlungsinstitutionen und dem funktionalen Dilettantismus der Funktionäre weiter verloren zu gehen.

Argument: Staatliche Kunsteingriffe müssen justiziabel sein, im Unterschied zur Freiheit jedes Bürgers, der seine Kunstauswahl allein bestimmt. Willkür und Kunsterlebnis obliegen allein dem Kunstbetrachter im Kunsterlebnis, nicht der staatlichen oder quasi-staatlichen Salonpersonnage.

Argument: Dies richtet sich nicht gegen staatlichen Kunstkauf oder staatliche Indienstnahme von Kunst oder Künstler (aber gegen die Willkür, mit der die staatlichen Finanzmittel für syndikalisierte Kunstauswahl ungerechtfertigt zum Einsatz gebracht werden, wobei der Schwanz (die Gremien syndikalisierten Händler) mit dem Hund wackeln (Steuergelder), z. B. Konzepte documenta, die Museen Ludwig u. a. - Die Freiheit des Bürgers im Rechtsstaat ist lediglich da eingeschränkt, wo sich zivil-rechtliche Konkurrenz nicht mit Kunst - Zivilisation nicht mit Kultur - verträgt (z. B. Tötungsrituale; Aufforderung zu Straftaten u. ä.)

Argument: Der Staat subventioniert fortlaufend sowohl die Kirchen und die Kirchenkunst wie den Kunstbetrieb, nicht nur fiskalisch, sondern auch erheblich direkt. Erstaunlich ist, dass diese staatliche Kunstfinanzierung im Gesamtbild der documenta nicht ersichtlich wird.

Argument: Der Staat hat die Freiheit der Kunst dadurch sicherzustellen, dass das Gedächtnis für die bis heute erreichten Leistungen in der Kunst, wie auf den Schultern der Riesen stehend, ständig aufgefrischt wird. Es ist unakzeptabel, wenn der Bestand der kunstgeschichtlichen Leistungen und Qualitäten von der zeitgenössischen und zukünftigen Kunstproduktion durch quasi-staatliche Personalentscheidungen ausgegrenzt werden. Alle Kunstleistungen sollten bereitgehalten werden, verfügbar und geistig transformierbar gehalten werden.

Argument: Zur Einlösung des Pluralismuskonzepts, das staatlichen Eingriffen vorangestellt ist und der vom organisierenden Kunstförderungs-System verfassungsgemäß geforderten Integrationsfunktionen gegenüber dem totalen Kunstprozess der gesamten Gesellschaft, sind folgende Voraussetzungen zu schaffen:      a) Die föderal angelegte Organisationsstruktur der Kunstförderung muss dezentral und basis-orientiert funktionieren und daraufhin steuerbar und kontrollierbar sein.
     b) Das intermediäre Kunst-Förderungs-System (Deutscher Kulturrat, ver.di/Kunstgewerkschaft, Gema, VG-Bild, Vereine und Verbände, Stiftungen usw.) muss die jeweiligen Klienten und Beteiligten sowie deren Interessen wirklich repräsentieren (anstatt Äpfel und Birnen, handwerkliche und industrielle, Produzenten und Konsumenten usw. zu vermischen und die einen den anderen zu unterwerfen).
     c) Es gibt keine durchdringenden relevanten Ressourcen (Druckmittel) der Produzenten-Assoziationen (Lobby) zur Einflussnahme auf Entscheidungen und Willensbildung im politischen System. Ein Kulturstaat, der sein eigenes Kunstinteresse ernsthaft verwirklichen will, braucht die Stimme der Kunstproduzenten. Der Politikorganisationsprozess unterscheidet sich überhaupt nicht von anderen Arbeitsfeldern (die Vorstellung der Wirtschaftspolitik ohne Wirtschaftsprofessionelle, der Wissenschaftspolitik ohne einschlägige Wissenschaftler, der Rüstungspolitik ohne Militärfachleute oder der Staatspolitik ohne versierte Staatspolitiker mutet nicht einmal komisch an).

Argument: Der Staat als Quelle neuer Privilegien und der Staat als notwendiges Instrument zur Sicherung einer öffentlichen Domäne für alle Bürger - da wäre manches zu sagen. Es klingt allerdings plausibler aus dem Munde freier Schriftsteller als aus dem von wohlsituierten Beamten auf Lebenszeit. Das ist ein kontinental-europäisches Problem: Die meisten Intellektuellen leben in so umfänglich gesicherter Position, dass ihren Theorien durch ihre Interessenlage Grenzen gesetzt sind (vgl. Ralf Dahrendorf). Man möchte hinzufügen: Das offene Tragen von Multifunktions- und Parteiabzeichen und das Vorzeigen von zu Professoren- und Doktortiteln gehörenden Doktorarbeiten gäbe noch mancherlei Aufschluss.

Argument: Das staatliche Akademiesystem und hier wiederum die Personalauswahl der Professoren wie der Studienbewerber dürfen nicht länger dem weitverbreiteten Vorurteil der Möglichkeit einer urteillosen Kultur unterworfen werden, nur weil das Interessierten ihre Platzierungen erleichtert (bspw. hat die verurteilende Kultur der Musikentwicklung den wesentlichen Einfluss der Werke von Johann Sebastian Bach jahrzehntelang entzogen, oder heute hören wir wenig von Gesualdo - der Schlüsselfigur der abendländischen Musik). Nicht anders wurde es mit der Malerei in Westdeutschland seit 1945 gemacht. Es wurde staatlichen Entscheidungen gemäß, lediglich abstrakte, informelle oder konzeptuelle Westkunst gefördert und solche Professoren ernannt. Im Anschluss an diese Stilzensur wählt auch der Kunstmarkt aus. Lediglich im Bereich der Massen- und Kulturindustrie kamen andere Leistungen zum Zuge, z. B. Walt Disney, Loriot u.a. Hingegen die über-wiegende Kunstproduktion der Künstler nach 1945 wurde ausgegrenzt und diskreditiert (ebenso geht es den gesamten DDR-Künstlern nach 1992 - außer wenigen Prominenten - die sich also nun mit Westkunst beschäftigen). Der Blick nach vorn reicht aber von den Wurzeln und den Aspekten traditionell-folkloristischer, populär-kultureller Ästhetik bis zu den möglichen hochgeistigen magischen Meisterleistungen und Schulen, die die gesamte vorhandene Kunstüberlieferung und Ästhetik estimiert und fortsetzt. Der Eigennutz des Fachpersonals hat sich vermittels der quasi-staatlichen Verantwortungs-Auskopplungen im Kunstbetrieb vollkommen ausgebreitet. Er ist durchdringend über die föderale, plurale Ländervielfalt unausweichlich vernetzt. Das geht auf Kosten der gebotenen Fachurteile nach pluralistisch-offenen Kriterien und der Freiheit aller Interessenten an der Kunst. Diesbezüglich versagt der Parlamentarismus.

Argument: "die Demokratie ist keine Heilslehre, sondern nur eine der notwendigen Voraussetzungen, die es uns möglich machen, zu wissen, was wir tun. Wohl sollen wir denen vergeben, die nicht wissen, was sie tun; aber es ist unsere Pflicht, alles zu tun, um es zu wissen." (vgl. Isaiah Berlin)

Argument: Es ist beachtlich, wenn eine Gesellschaft für bestimmte Sachbereiche Organisation als unausweichlichen Modus oktroyiert, verändert (sie) sich selbst auch als Umwelt solcher Organisationen. Der Grad an Bürokratisierung der Gesellschaft lässt sich also nicht durch die bloße Zahl und Größe von Organisationen messen." (vgl. Fisbie; Roshwald; Luhmann)

Argument: Zur Organisierbarkeit von Kunst ist festzustellen, "dass zwar die Künste jederzeit in der Lage sind, sich auch ohne Hilfe institutionalisierter Autoritäten und/oder Experten auszudrücken (...) dass aber die Kunst aus einer Vielfalt von sozialen Prozessen besteht, die aus sich selbst heraus nach Koordination und Organisation verlangen (...) damit eine hierzu eingerichtete Institution ihren Funktionen gegenüber den Künsten gerecht werden kann." (vgl. Alphons Silbermann)

Argument: Wer sich mit Beziehungen zwischen Kultur und Gesellschaft befasst, hat nicht gegen das Zustandekommen eines geordneten Zustandes der Dinge anzugehen. Der geordnete Zustand ist die Folge, die Ordnung die ungestilte Vorbedingung für Kultur. (vgl. Alphons Silbermann)

Argument: Individuen, Assoziationen, Behörden oder Staat verleihen mit Kontrolle und Organisation der Kulturkritik oder Kulturpolitik eine unheilvolle dirigistische Situation herauf, in der sich die Kunst von der Gesellschaft meilenweit entfernt. Die kulturelle Produktion ist ein fortlaufender sozialer Prozess, der von Bedürfnissen herrührt: Seine Prinzipien und Richtungen sind empirisch-soziologisch zu bestimmen, d. h. real zu erfassen. (vgl. Alphons Silbermann)

Argument: Kunst ist ein Schlüssel zur Kultur, d. h. zu lernen, zusammenhängestiftende Gemeinschaftsformen für sich und untereinander zu pflegen. Es geht um den Zusammenhalt und das ausgleichende Miteinander auf Gegenseitigkeit. (vgl. Alphons Silbermann)

Argument: Die Sinne sind daher unmittelbar in ihrer Praxis Theoretiker geworden. Sie verhalten sich zu der Sache um der Sache willen, aber die Sache selbst ist ein gegenständliches menschliches Verhalten zu sich selbst und zum Menschen und umgekehrt. Ich kann mich praktisch nur menschlich zur Sache verhalten, wenn die Sache sich zum Menschen menschlich verhält. (...) Es sind die einzelnen Eigenschaften und einzelnen Sinne, so wie sie von der geschichtlichen Entwicklung als zerstreute hergestellt werden, der proletarische Rohstoff, der den Inhalt proletarischer Öffentlichkeit ausmacht. Proletarische Öffentlichkeit ist hier die Summe der Situationen, in denen in einem Prozess miteinander verknüpfter Subjekt-Objekt-Beziehungen diese unterdrückte und im Kapitalverhältnis verdreht entfaltete menschliche Sinnlichkeit zu sich selbst kommt. (vgl. Karl Marx)

Argument: Verfassungskonforme, schlüssige Auffassung hierzu vertreten Ernst Benda et al., jede Tätigkeit der verschiedenen Instanzen der Öffentlichen Hand im kulturellen Bereich (muß) zugleich nach dem Kriterium begründet und gerechtfertigt werden, dass diese Sache der Kultur förderlich und nicht hinderlich ist (vgl. Ernst Benda)

Argument: Das ist auch so eine kulturpolitische Lebenslüge, die Ibsen vor Neid erblassen lassen würde - diese ganzen Tricks. da steht immer drin: das macht ja gar nicht der Staat, das macht nämlich eine Institution, die unglücklicher- oder glücklicherweise zu 110 % in staatlichen Händen sind. Es werden auch alle, die dort vertreten sind, vom Staat berufen." (vgl. Walter Schmieding)

Argument: Die regierende Klasse ... erweist sich mehr und mehr als eine Gruppe kleinbürgerlicher Wichtigtuer und eigentlicher Vereinsmeier, die sich durch das System des Parteienavancements langsam nach oben hangeln und mit dümmlicher Unschuld wenigstens ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen suchen. Die Möglichkeit des Regierens ist ihnen schon längst aus den Händen geglitten, so dass sich die vermeintlich rational geplanten Organisationen in Wahrheit in einem wahren Sumpf von Korruption bewegen, weil sie als die regierende Klasse nicht Herr über die herrschenden Klassen sind." (vgl. René König)

Argument: Mit einer von oben verordneten Kunst war die Spannung zwischen individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen zerbrochen (deshalb sei) die Abwanderung der Künstler in ein selbstgewähltes Abseits rückgängig zu machen. Daher (...) die Notwendigkeit, dem Künstler eine gesellschaftlich bedeutsame Aufgabe zuzuweisen, gerade dann, wenn die gegenwärtige Verfassung dieser Gesellschaft zu wünschen übrig lässt. (P. J. Proudhon)

Argument: Infolgedessen gehört alles, wozu man weder durch Belohnungen noch durch Drohungen gebracht werden kann, nicht in die Rechtssphäre des Staates." (Spinoza)

Argument: In grotesker Nachbildung der höfischen Epen um König Artus zeugt der Zauberer Merlin zum Schutze des Königs auf einem richtigen Ambos ein Riesenpaar aus Walfischknochen, das mit Vergnügen sogleich den künftigen Recken Gargantua zeugt. Auf einer prächtigen Stute zieht die ungeschlachte Familie riesenmäßig durch Frankreich, mit dem Schwanz des gewaltigen Tieres einen ganzen Wald niedermähend und zusammengetriebene Herden zur Mahlzeit verschlingend. Schließlich gelangt Gargantua durch Merlins Hilfe übers Meer zu König Artus, erschlägt dessen Feinde, steckt ihren König und seine Feldherren in die Hosentasche und erhält zum Lohn einen neuen Anzug." (Rabelais)

So viel zum documenta-Staat, was niemand gerne liest, aber doch wissen sollte. Es wird hier dafür gehalten, dass kunstferne Konzeptausstellungen, wie die documenta 11, die gemessen an der landläufigen Finanznot im Kunstbereich nur als "Materialschlacht" angesehen werden können, über eben die hier zusammengestellten Argumente zu Organisation, Kommunikation, Kunstfreiheit und Kunstwirtschaft informiert werden müsste. Das Gegenteil ist der Fall. Die plumpe Strategie des die Pflichten der Kunstförderung und die Wahrung der Kunstfreiheit im Werk- wie im Wirkbereich vernachlässigenden Staats besteht darin, die Legitimation für diese kunstschädliche Politik von der großen Gruppe der Nichtkunstinteressierten, kommentiert von den wenigen Protegés und den mitverdienenden Multiplikatoren, zu beziehen. Und auf diesem Wege die überwiegende Zahl der Künstler wie auch der Kunsthervorbringungen an den Rand zu stellen.

Argumente für alle Künstler

Argument: Wie in den Argumenten zum documenta-Staat vielfältig zum Ausdruck kommt, brauchen wir eine Debatte um die Erneuerung von Staat, Demokratie und Freiheit. Das Subventionierungsunwesen in Deutschland ist einer der Gründe für die fortschreitende Fehllenkung wertvoller Ressourcen zum Nachteil von Investitionen in Zukunft. Wir brauchen Strategien gegen das Staatsversagen. Drei-hunderteinundachtzig Bundesbeteiligungen und zirka hunderttausend kommunale Unternehmen, Monopole wie Bundesbahn und Bundespost, die in der Struktur eingekapselte Bundesanstalt für Arbeit, die sich weitgehend selbstverwaltet - wie die documenta und der gesamte Kunstrattenschwanz der an der documenta hängt -, verhindern den Marktzutritt privatwirtschaftlicher Anbieter und Wettbewerber - auch in der Kunst - zum Nachteil effektiver und kostengünstiger Güter und Dienstleistungen. Staat und Verwaltung in Deutschland tragen mit alledem zur Wachstumsschwäche und schwindender Dynamik unserer Volkswirtschaft bei. Die Wirtschaftsnation ist wie Goliath bürokratisch gefesselt, und gelingt es nicht, Reformen in diesen entscheidenden Bereichen zu verwirklichen, wird die Strukturschwäche unserer Staatsordnung anhalten (Rüdiger von Voss). Es wird die Generationenfolge der Innovation für das beginnende 21te Jahrhundert durch Organisations-Staatskunst repräsentiert, die gegenüber der residualen sinnlichen Privatkunst durch allmächtige öffentliche Präsenz und menschenferne, bindungsschwache Ästhetik gekennzeichnet ist - eine marginale Kunst.

Argument: Die Aufklärungsargumente für alle Künstler - hier - sind gravierend, vielfältig und nur dem Textumfang nach kurz. Der Reichtum der Kunst und die Individualität der Künstler sind letztlich über jede Zusammenfassung - von der Natur wie von der Kultur ihrer Sache her - erhaben. Jede Typisierung ginge am Wesen der Kunst wie am Wesen der individuellen Lust vorbei. Die folgenden Argumente für die Künstler sprechen vier Werk- und Wirksphären an. Sie werden ohne Rangordnung ihrer Wichtigkeit aufgeführt. Die Künstleraspekte sind die bedeutendsten überhaupt. Denn hier - vom kreativen Impuls her - entsteht die Kunst. Ihre Quellen kann man durch Organisation vergiften (Sünde). Verfügbar werden sie dadurch nicht:

Argument: Jedes individuelle Dasein steht in ständiger Verantwortung der Wert- und Geringschätzungsausstrahlungen seines Lebenszusammenhangs. Jeder Künstler nimmt mit seinen individuellen und sozialen Lebenszeichen im Guten wie im Bösen unweigerlich daran Teil. Die Kunst verzeichnet eine Phase der Abwertung und Marginalisierung (leicht muss man bei Berufsangabe Künstler sein Hotelzimmer im Voraus bezahlen), während die Bewirtschaftung - insbesondere der Staatskassen von Nichtkünstlern - floriert. Künstler und Kunst müssen sich dem Wesen der Wertbildung, insbesondere den Abwertungsprozessen im Kunsterlebnis wie ihrer eigenen sozialen Rolle, im Alltagsleben stellen und um Aufwertung bemühen.

Argument: Anliegen der Künstler und im Sinne der Freiheit der Kunst wäre es, die Kunst-Organisations-Politik auf eine höhere allgemeine gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung von Kunst, Künstler und Kunstbetrieb, zu richten. Jeder Künstler muss grundsätzlich und in jedem Belang für die Aufwertung der Kunst in der Gesellschaft wirken und einer Abwertung oder Marginalisierung vorziehen.

Argument: Es ist die Tatsache des mangelnden Berufswissens der Künstler sowie das Unwissen der Nichtkünstler, um die organisierte Unausgewogenheit zwischen Kulturindustrie und Handwerk. Als Teil des Wirtschaftslebens werden kulturindustrielle Herstellung, Verteilung, Information und mediale Konsumtion von Kunst begünstigt. Zumal Kunstwerke der Kulturindustrie perfekt sind, standardisiert, maschinisiert, vielfältig zugänglich und preisgünstig. Dagegen ist zeitaufwendige, handwerkliche Unikats- und Prototypenkunst kostspielig und umständlich und kann häufig nicht mit dem Bedarf an ästhetisch perfekten kulturindustriellen Werken konkurrieren. Insbesondere die Kunstwirtschaft vermarktet inzwischen Kulturindustrieprodukte wertvortäuschend als hochpreisige Unikatskunst. Die Künstler sollten das nicht stillschweigend mitmachen, denn es verdirbt mit den Preisen die Schaffensbedingungen für wirkliches Originalschaffen. Die Hand kann mit der Maschine nicht konkurrieren und ist doch die Seele des Kunstschaffens, ohne dass es weder Kunstwirtschaft noch Kulturindustrie geben kann.

Argument: Es ist die schwache Bedarfsorientierung und die große Konsumentenferne der armen Künstler - meist mit dem Gestus Gottesdienst: ich kann nicht anders, ich will nicht anders - nicht zu fragen und umzusetzen, was sie und ihre potentiellen Konsumenten an Kunstleistungen wünschen oder brauchen -, um Angebote konkreter an ihr Publikum zu wenden und sich bei schwerer zugänglichen Kunstleistungen verbindlicher um die Vermittlung zu bemühen. In diesem Punkt ist beachtlich, dass etwa 100.000 Künstler in Deutschland nichtauskömmlich arbeiten. Doch ist dieses kein Kunstproblem, sondern die Freiheit im Sozialstaat, zu verarmen und drückt lediglich einen mehr oder weniger erfolgreichen Verteilungskampf um die Finanzquellen aus. Vielmehr gilt die Frage, wie die Kunstleistungen verbessert und gegebenenfalls der Kuchen vergrößert werden kann, indem die Hervorbringungen der Künstler interessanter(inter esse) anschlussfähiger wären?

Argument: Die kunst- und wirtschaftspolitische Stellvertretung der Kunstproduzenten funktioniert nicht. Sie ist lahmgelegt. Sowohl im Deutschen Kulturrat der Chorsänger und Museumsdirektoren wie in den kulturindustriell orientierten VG-Bild oder Mediengewerkschaft u. a., dominiert eine Oligarchie der "Salonpersonnage" von Nichtkünstlern die Interessen der Künstler (z. B. ist gerade unter den Aspekten der Kulturindustrie und ihrer notwendigen Versorgungsleistungen für den Bedarf im Alltagsleben der meisten Menschen das Urheberrecht, das Lizenz-, Zweitverwertungs- und Folgerecht so auszulegen, dass es ökonomisch möglich ist, die Produktion überhaupt zu finanzieren, um Originalkunst, Prototypen und Unikate zu schaffen. Aufgrund dieser kunstwirtschaftlichen Schieflage redet die documenta von einem wachsenden Anteil neuer Medien an der Kunst- und Kulturveranstaltung. Doch Erfindergeist und Kreativität perpetuieren in zunehmendem Maß die letztlich redundanten elektronischen Graphikprogramme und die Produkte aus DX7 und Apple. Diese produzentenseitige Verwechslung von Masse, Geschwindigkeit und Perfektion verlagern das Musikerlebnis der Konsumenten in zunehmendem Maße auf den reicheren Fundus der Musikgeschichte, die reichhaltiger ist, als die Maschinen. Dies steht den modernen Bildern in Form der postmodernen Selbstbedienung im Fundus der genialen handwerklichen Meisterwerke in Aussicht.)

Argument: Die Parzelle, der Bauer und die Familie; daneben eine andere Parzelle, ein anderer Bauer und eine andere Familie. Ein Schock davon macht ein Dorf, und ein Schock von Dörfern macht ein Departement. So wird die große Masse der französischen Nation gebildet durch die einfache Addition gleichnamiger Größen, wie etwa ein Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet." (Karl Marx)

Argument: Johann Sebastian Bach - einundvierzig Jahre alt musste der Meister werden, bis seine erste gedruckte Komposition erschien:
op. 1 - Er schrieb in den Titel zum 1. Teil der "Clavierübung":
"Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergötzung verfertigt"
(vgl. Honolka)

Argument: Wir setzen schon durch, was wir wollen, sagte der die Bundesmittel für kulturelle Zwecke dirigierende Ministerialdirektor des Bundesinnenministerium (BMI) auf einer Anhörung zur Kulturförderung.

Zusammengefasst: Die vorstehenden Auszüge zur documenta-Staatskunst, unterschieden in die drei Blickrichtungen - der gesamten Öffentlichkeit aller Interessenten, des Staats und der Künstler - wurden aus dem Moews-Report zur Kunst im neuen Jahrtausend gezogen. Hielten Staat und Gesellschaft Kunst und Kunstorganisation für unwichtig -, was trieben sie einen solch ungeheueren Aufwand? (Wohl hat sich ein bürokratischer Apparat von unbegabten Leuten, entwickelt, die früher als Betriebshandwerker oder Hilfsarbeiter in den Ecken herumstanden -, die ungern ihre Pfründen abgeben, schließlich ernährt der heutige Kunstbetrieb sie). So sage aber niemand, diese Argumente, die Kritik, dies alles sei überspitzt - es würde nicht so heiß gegessen, wie gekocht.

Es ist ein Skandal und ein Zusammenhang des gesellschaftlichen Unterganges infolge Staatsversagens, d. h. infolge Versagens der Professionellen, Funktionäre, der Organisateure, der Wissenschaftler, der Kritiker und der Massenkommunikatoren. Sämtliche Argumente und hier aufgedeckten Zusammenhänge gehören zum Berufswissen eines Künstlers in Deutschland. Nichts davon erfährt man. Nichts davon kann an deutschen Kunsthochschulen gelehrt werden, weil die Auswahl der sogenannten Kunstprofessoren, wiederum nach Salonpersonnage-Kriterien erfolgt. Es ist also ausgeschlossen, dass jemand in Deutschland Kunsthochschullehrer wird, der dieses Wissen überhaupt hat und es vermitteln will. Zur allgemeinen Mob-Situation heruntergekommener Moral zählt schließlich, dass am Markt erfolgreiche Künstlerstars, die von solchen Strukturen etwas mitbekommen haben, zum eigenen Vorteil dazu schweigen.

(Literatur auf Anfrage 0351 803 75 82)
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