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neue sinnlichkeit
9/11/01 Noch Immer Lauern Blindgänger
von Dietmar Moews


Seit dem Angriff auf Amerika am 11. September unternahm der Autor eine Medienvollanalyse der in Deutschland verbreiteten Massenmedien. Ziel war die Klärung des Verhältnisses der tatsächlichen kriegerischen Geschehnisse seit dem 11. September zu den verbreiteten Medieninhalten, zu den davon ausgehenden Wertaggregationen im Massen-Kommunikationsstrom und dessen Rückwirkungen auf die Sprachregelungen (Synchronisation) in den Medienangeboten sowie auf die politischen Akteure in USA und in Europa resp. Deutschland.

Beobachtet wurde zunächst eine Aufregungskommunikation und gleichzeitig propagierte Demonstrationen der Handlungsfähigkeit aller politischen Akteure in Form von Stärke und Kriegsbereitschaft. Hervortrat, dass Europa, die EU und die europäischen Nato-Mitgliedsländer außerstande sind, den getroffenen militärischen Bündnisentscheidungen gemäße militärische Fähigkeiten zu bringen und dadurch die erforderliche Machtbalance mit den USA zu gestalten.

Zusammengefasst hat der 11. September gezeigt, dass die konkrete Notsituation keinesfalls die Kommunikationsdefizite und die auf Kommunikation zu stellende demokratische Willensbildung auf die Höhe der Entscheidungsproblematik zu befördern im Stande ist. Sondern die deutsche Regierung sah sich gezwungen, undemokratische und unlegitimierte Kriegsentscheidungen zu treffen, Propaganda und Agitation in den Medien zu betreiben, und damit vollends zu verhindern, die deutsche Öffentlichkeit im Geiste mitzunehmen. Die inzwischen - März 2002 - gemäßigtere Lage zeigt, dass die Informations- und Wertbildungsdefizite keinesfalls nachgebessert werden können, sondern mit der Beruhigung haben wiederum die kurzatmigen Tagesthemen, wie Wahlkampf, Empörungskommunikation, Börsenergebnisse u. a. die Medienlage der Darbietungsauswahl und Rezeptionsökonomie übernommen.

In monatlich jeweils 15 Notizen und je einer Zusammenfassung (die hier abgedruckt werden) wurde das Thema "Attack On America" für den interessierten Leser kommunikations-soziologisch aufgeboten.


9/11/01 Noch Immer Lauern Blindgänger

Momente der Gegenmacht in Amerika und Fragen von Führung und Fühlung in der Massenkommunikation: Welche Bedingungen erfordert Frieden? Was können wir lernen? Was macht heutige Massenkommunikation? Die Terrorbedrohung Ex-CIA spielt Billard über mehrere Banden, über Wirtschaftssymbole, Staaten, Fundamentalismen, Hegemonie und Massenkommunikation, gegen den CIA. Wofür die USA auch stehen, zeigt die Massenflucht der Armen, zu fuß aus Afghanistan; das heißt für uns, Denken, Lernen, Recht, nicht Rache.

10/11/01 Wohin Noch Immer Die Sprache Nicht Reicht

Solidarität mit Amerika und ein Engagement für eine planetarische Harmonisierung der Gegensätze auf zivilem Niveau bedarf eines Kommunikationsprozesses der gegenseitigen Wahrnehmung und Anteilnahme. Den Geschundenen sind Auswege zu öffnen, den Schindern sind psycho-pathologische Eselsbrücken der Domestikation zu zeigen, damit aus der größten Niederlage ein Schub inspirierter Stimulation werden kann. Nato-Deutschland darf aus 50 Jahren empirischer Umerziehung Legitimation und Scheinheiligkeit beziehen.

11/11/01 Noch Immer Wüten Falsche Propheten

Dem unbeholfenen Integrations-Gestell von einerseits global vagabundierendem überwiegend amerikanisch ausgerichtetem Kapital und andererseits nationalstaatlicher Gesellschaft tritt erstmalig Al Qaida als eine NGO mit Atombombe drohende Tatsache auf den Plan, die nicht mitspielen will. Für Deutschland lautet die Frage nicht nur: Solidarität, wie, mit wem? sondern: Ob sich Bill Gates oder die Deutsche Bank zukünftig militärische Direktmandate nehmen? "G8-Mokap"* statt "Stamokap", "tüchtige Kerls" statt Diskussion im Parlament.

12/11/01 Noch Immer Gibt Es Visionen

Visionen haben nur Chancen, mit dem zeitlichen und stoffwechselnden Fortschritt unserer Welt im Auge. Zweifelsfrei besetzen die United States in dieser intelligenten machtausstrahlenden Leistungsschau den organisatorischen Vorderplatz. Doch der demokratische Inspirationsraum von Freiheit, Partizipation und Offenheit als gesellschaftliche Voraussetzungen zeitigen geradezu spiegelbildlich auch Fundamentalismen und Sezessionen. Die Vision liegt in der geistigen Lockerung, indem die fortschrittlichsten Kräfte ins All ausschwärmen.

1/11/02 - Noch Immer Zählt Staatsräson

Heutige Staatsräson ist die Staatsklugheit, die dem Staatswohl und seinen Lebensgesetzen zu dienen hat. Führung in der Demokratie fordert vom Staat kommunikative Aufklärung der Bürger als Ergänzung zur Information durch Markt, Bürokratien und informelles Selbstlernen. Nur im Bewusstsein von Wissen und Wissenslücken können freie Bürger im Konflikt die innen- und aussenpolitischen Kompromisse zwischen Eigensinn, Recht, Moral und Staatsräson treffen und die Zersetzungskräfte im Untertanen- und Herrschaftsspiel balancieren.

2/11/02 - Noch Immer Staunt America

Das von 1917 herkommende atlantische Bündnis unter amerikanischer Führung ist in Weltpolitik der Weltgesellschaft übergegangen. Darin Amerika zwischen Übermacht und Weltpolizei, zwischen Eigensinn und Ausgleich balanciert. Allein Weltsprachherrschaft und Globalisierung erfüllen den Gegenseitigkeitsanspruch der Weltbürgerschaft im Völkerbund nicht. Offen ist das Spiel von Integration durch Welthandel und Isolation durch Gewalt. Das Heil der USA, liegt in Staunen und Sehnsucht, nicht in Fehlinformation und Weltagitation.

3/11/02 - Noch Immer Ist Macht Unbestreitbar Und Gerechtigkeit Umstritten

Wir wollen unsere freie Vernunft und die teils unkontrollierte Irrationalität so in unsere Vorstellungsorientierung integrieren, dass wir hoffnungsfroh leben können. Dafür brauchen wir eine politische Bildung und Selbststeuerungsfähigkeit, die alltagstauglich ist. Wer den großen Andrang des Informationsaufkommens mit seiner Aufmerksamkeitsökonomie, der notwendigen Kommunikation und den anfallenden Wahrheitsüberprüfungen zu praktikablen Werthaltungen führen will, braucht die soziologisch gebildete Organisation seiner Mentalität.

Notiz day after, vom 12. September 2001:

Zusammenfassend die zivilen Beachtlichkeiten; sie erfordern einen Prozess, keine Rache. Ich setze angesichts der Prüfung des 11.9.2001 voraus, dass nicht die ganze Welt trauert und dass danach nicht Alles anders ist. Aber dass Alle betroffen sind und allein hierdurch für Alle ein neuer Blick auf die Welt zur Verständigung möglich ist. Ein auf Gegenseitigkeit gestellter Umgang der Menschen erlaubt keine individuelle Selbstjustiz und auch keine Rache oder Vergeltung durch Staaten oder militärische Übermächte. Deshalb ist nun geboten:
  1. Die Grundwerte werden vor der UN geklärt und nach dem Minimalprinzip und Selbstbescheidenheit beschlossen, was in der Welt gilt und was in den eigenen Hoheitsgrenzen gelten soll. Es dient der Katalog der Charta der Menschenrechte als Ausgang.
  2. Die ganze Welt tritt vor die UN und hört sich alle Klagen aller Seiten an.
  3. Wertkonflikte werden auf Gegenseitigkeit abgestellt.
  4. Schuldige werden bestraft und Schaden subsidiär beglichen.
  5. Zukünftig werden vorhandene oder aufkommende Wertkonflikte staatlicher Aufsicht, Eingriff und Verantwortung zugeordnet, wilde Machenschaften vermieden und Probleme vergemeinschaftet.
  6. Bevormundende haften; bevormundende Staaten haften für ihre Angehörigen.
  7. Demokratie und Gleichberechtigung werden auf geordnete sozio-kulturelle Rechtschaffenheit gestellt, Mob, Mafia, Heuchelei und Korrumption individuell und institutionell geächtet, gesellschaftlich bestraft sowie rechtsstaatlich kontrolliert.
  8. Die Völkergemeinschaft eröffnet einen Markt der Gerechtigkeit, sodass es zu keinen Terrorverschwörungen der Hochbegabten kommen kann.
  9. Nationalstaatliche Pflichten gegenüber der Welt schränken Freiheiten anderer Rechteinhaber gegenüber ihren Staaten: Reisepflicht nach New York.
(Nichtfernseher und Nichtzeitungsleser, die selbstgenügsam in sinnlicher Nachbarschaft ihr Leben führen wollen, wird eine künstliche Aufregung abverlangt; sie kommen nicht mit einem Achselzucken, den lieben Gott einen rechten Mann sein zu lassen, davon).

* G8-Mokap, bezogen auf Stamokap (Staatsmonopolkapitalismus), bezeichnete in den 68er Diskussionen der deutschen Jungsozialisten (SPD) die gesellschaftskritische Diskussion, in der dem Staat vorgeworfen wurde, Gesetze und Entscheidungen zu fassen, die monopolkapitalistische Bestrebungen des Großkapitals, zum Nachteil der sonstigen Wirtschaft und der Gesellschaft, zu begünstigen. Dieser Kritikansatz hat im Wettbewerb der großkapitalistischen Globalisierung, eingangs des neuen Jahrtausends, eine erweiterte Bedeutung gefunden. Dadurch, dass Nationalpolitik zugunsten vagabundierender, internationaler, nicht nationalvolkswirtschaftlich gebundener Kapitalkonsortien betrieben wird, geraten die nationale Volkswirtschaft, die nationalen Wirtschaftsunternehmen und die nationalen Wirtschaftsstandorte und Arbeitsplätze in Bedrängnis. G8-Mokap-Politik wird im Jahre 2002, zugunsten der Globalisierung und der multinationalen Konzerne von der Politiker-Generation betrieben, die das Thema "Stamokap" 1968 zur Diskussion brachte und seit der Wahl Willy Brandts zum deutschen Bundeskanzler (1969) sich davon zurückzieht. Eine Folge davon war seitdem die Entwicklung der "Alternativbewegung", der Friedensbewegung, der Gründung der GRÜNEN, 1978, Greenpeace, u. a heute die Anti-Globalisierungsbewegung "attack".

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