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neue sinnlichkeit
In memoriam
George Harrison
(25.2.1943-30.11.2001)
The Beatles
von Dietmar Moews


Trauer und Gedanken verbinden eine weitreichende Gemeinde in der westlichen Welt zu diesem Anlass. Anfang Dezember 2001 hieß es: George Harrison sei 57-jährig in Los Angeles gestorben.

Zum Tod einer bedeutenden Person lohnt es sich, diese in Erinnerung zu rufen. Denn die Wirkung, der Nutzen, kurz, die soziale Aufladung der Todesnachricht, die Erinnerung an das zurückbleibende Werk, die Nachbetrachtung der Wirkungsgeschichte und deren Zukunft, gehen weiter. Allein die weiterlebende soziale Aufladung lässt bei Menschen, die in diesem Namen geliebt und gelebt haben, noch Manches erwarten. Jeder davon hatte seinen Lieblings-Beatle. Bei mir war es George Harrison, dann, sehr bald, von John Lennon überlagert.

George Harrison der Beatle, Gitarrist, Sänger und Liedermacher, geboren 1943 in Liverpool, gehörte - wie alle vier Beatles einzeln und zusammen - als Gruppe von ca. 120 Altersgenossen aus überwiegend Liverpool und London in etwa 25 "Beatbands" - gar nicht mehr, - einer Musik-, Freizeit- und Industrieorganisation an, die von UK aus wahrlich stoff- und herzensverändernde Furore in der gesamten industrialisierten Welt machte.

Man machte das an Haartracht, Kleidung, Jugendkult, Freizeitbetonung, Rebellion - also zunächst im Namen von Wandel und Emanzipation einerseits bzw.von Wertverfall oder -wandel andererseits - fest. Es ist aber heute, nachträglich, festzustellen, dass z. B. Rockmusik und Blue Jeans an der Auflösung der politischen Blöcke in West / Ost wesentlichen Anteil haben, ansonsten aber die Generationen im Wechsel nicht freier, fortschrittlicher oder pfiffiger waren oder heute sind, sondern überwiegend wertkonservativ bis reaktionär, wie eh und je. Es ist die heute - 2002 - in Lebenshöhe und Gestaltungsmacht unsere Welt regierende Altersgruppe und deshalb allgemein beachtlich. Die Beatles und die Beatleszeit 1962 - 1969 haben eine wesentliche Rolle in der Stimulierung der modernen kulturindustriellen Lebensweise gehabt, die diese Generation verkörpert: Die Love-and-peace-Generation ist entschlossen, die Menschheitsgeschichte traditionell, mittels Kriegsmacht, fortzusetzen, dabei eher dem Prinzip Katastrophe sich schicksalshaft zu unterwerfen, als umgekehrt bspw. die Grenzen des Wachstums in wissenschaftlich geplanter Organisationsordnung anzugehen. Damit steht auch die Beatles-Generation ungebrochen in der Tradition des Irrationalismus, sich der eigenen Angelegenheiten anzunehmen, als nach wie vor nicht wesentlich verändertes Humanum. Inspiration, Schaffenskraft, Wissenschaft und Technik wirken nach wie vor in dieser Farbe der Geworfenheit ins Geschick, im Zeichen der vermeintlichen Eigenmacht. Als Breitenkulturgut hat die von den Beatles ausgehende Popmusik eine moderne demokratische Ausstrahlung auf die Entwicklungsländer in der Dritten Welt und hat gewissermaßen den abrahamitischen Wertekanon, auch wenn insbesondere George Harrison rituell mit Buddhismus und Hinduismus sympathisierte oder Lennon ketzerische und heidnische Wortspiele sang.

Was ist das Herausgehobene denn, wenn nicht Aufklärung und Friedens- und Freiheitsmisson, sondern konservativer Traditionalismus den Beatles-Generationsgeist dominieren? Botschaften wie All you need is love, konnten das nicht wesentlich umlenken. George Harrison und die Beatles haben hauptsächlich durch ihre Medienauftritte und Schallplatten, bis heute andauernd, aber auch ausgehend von ihren handgemachten Tanzmusik- und Konzertauftritten, 1960 - 1965 und vereinzelt später noch, viele Menschen gleichgestimmt und inspiriert. Sie verkörperten und lieferten ein Vorbildmuster, das sowohl individuell wie massenhaft, persönlich-sinnlich wie kulturindustriell vermittelt, der Integration der Wertewelt und deren Transformationsbedarf des Westens diente. Welche sozialen Wirkungen und Zusammenhänge hier zu gelten haben, wäre im einzelnen festzustellen und bleibt hier offen. Auf der Reflexionshöhe von George Harrison darf aber angenommen werden, dass das Beatleswesen der wiederum menschlichen Grundannahme entsprach, dass Erkennen vom Herzen und nicht von der Vernunft kommt. Anders ist es seiner Unterschichtsfamilienherkunft und Schulbildung entsprechend nicht zu interpretieren. Wie insgesamt die Skiffle- und Boogie-, Folk- und Rock, Bebop- und Jazzmusik als Fest der Sinnlichkeit und des Dionysischen gefeiert wurde und noch immer wird, lag ihr sozialer Wert in den lustbetonten gruppenzusammenführenden und diversifizierenden Aspekten. Heutige Jugendkultur ist ähnlich dynamisch, weiterverändert. Die Angebote der kommerzialisierten IT-Gegenwart erleichtern zunächst sozial, um im nächsten Moment die Dramen der sozialen Inkompetenz zu bescheren. Autismus in Chatrooms, unter Kopfhörern und virtuellen Cybermaskierungen, haben die kollektivierenden Lebensformen wesentlich angegriffen und zugespitzt; denken wir nur an das geistes- und sinnesabwesende SMS-Bedienen oder das Mobiltelefonieren in sozial-spaltender Auswirkung. Es sind Beiläufigkeiten, wie sie die immerwährend große Zahl von geistigen Kurzstreckenläufern jeder Zeit praktizierten. Wer heute mit dem Handy spielt, legte vielleicht Passiancen, trank Schnaps oder döste vor sich hin. Wer wollte das verurteilen? George Harrison, jedenfalls, war ein begnadeter "Sologitarrist" im Sinne der Beatlesmusik. Auch seine Intelligenz und sein Esprit, als "sense of humor", sind herauszuheben, nämlich anders, als es in abwertenden Nachrufen (die TAZ) hieß. Z. B. Welchen Sinn das Attribut "der stille Beatle" haben könnte, muss man wohl den erklärungsbedürftigen Metaphysikern überlassen, die solche Unsinnsparolen dann benutzen, wenn sie nichts weiter zu sagen haben, als dass Eric Clapton besser spiele, abstehende Ohren oder Ehescheidungen ein Charakterbild abrunden könnten, während hervorragende und für die restliche Welt gültige Eigenschaften und Leistungen unerwähnt bleiben. Das wird hier gerügt. Clapton spielte anders und nicht besser als George Harrison, der seinen Humor zeigte, als er zum 50sten-Geburtstagskonzert für Bob Dylan, auf die Frage: Warum er nicht mehr aufträte? sagte: es gäbe inzwischen so viele virtuose Gitarristen in der Popmusik, dass er, George Harrison, da längst nicht mehr mithalten könne. Falsch verstanden. Es war nichts, als eine Anspielung auf den gängigen veränderten Jugendgeschmack - nicht einmal eine Kritik und keinesfalls die Selbstschmähung des Beatlesgitarristen. Empfohlen seien Interviews mit Harrison über seine Mitwirkung bei Monty Pythons Flying Circus, die anerkannter Maßen witzigste Fernsehshow-Serie Englands, die von der Pop-Art ausging.

Wen es interessiert: Die Beatlefrisur, der sogenannte Pilzkopf - bei heruntergekämmten Haaren wie beim nassem Herunterhänghaar im Schwimmbad - hätte sich als ein gewisser Effekt gegen Segelohren gezeigt - so die Erfinderin Astrid Kirchherr, Fotografin und Twenleserin in Hamburg - die dieses Stilmittel, zusammen mit schwarzen Pullovern, den in Paris öffentlichen Lebensstil aufführenden "Existentialisten und Beatnicks" abgeschaut haben will (wobei Charles Aznavour und Mireille Mattieu genannt werden).

Nun sei dem Leser und Musikfreund hierzu anempfohlen, einmal eine frühe Beatlesaufnahme des Chuck-Berry-Stückes "Roll over Beethoven", von Oktober 1963, anzuhören. Hier spielt George Harrison die semiakustische Leadgitarre als Vorspiel zur Einleitung - vermutlich Gretsch oder Gibson / Epiphone - wie es nie mehr jemand nachspielen konnte, nicht Clapton und nicht die hunderttausenden George-Harrison-Schüler in der gesamten gitarrespielenden Welt. Phrasierung, Klang und Dynamik des Intros bei Roll over Beethoven sind unnachahmlich gespielt, ebenso die Ausführung des Solozwischenspiels; auch wenn es sich um gewöhnliche Tonleiter-Versatzstücke handelt, die jeder kennt, die bei Bill Haley oder bei den Shadows schneller oder gewitzter daherkommen. Chuck Berry selbst lobte diese Einspielung. Die markante Rhythmusgitarre bei Roll over Beethoven steuerte John Lennon auf seiner Rickenbacker bei; auch Bassspieler Paul McCartney war bereits damals ein guter Gitarrist. Neben der erwähnten Gretsch spielte George Harrison auf der 12-saitigen Rickenbacker, später auf diversen Fender Tele- und Stratocasters, weniger auf den auch weitgebräuchlichen Gibson-Gitarren. Die Gesang-Solostimme der Roll-over-Beethoven-Aufnahme, von George Harrison gesungen, der hier John Lennon zum verwechseln ähnlich klingt - was auch der Ehrgeiz des jungen, damals 20 Jahre alten George charakterisierte - läßt ihn wiederum auch im Vergleich zu Lennon / McCartney keineswegs als stilleren Beatle agieren. Harrison spielte das lauteste Instrument, die Sologitarre. Er war im Gesang und Gebrüll, bei "Twist and Shout", "Please Mr. Postman", "It won´t be Long", "Money", "She loves You" und so weiter keineswegs still. "The devils radio" oder "Got my mind set on you" der LP "Cloud nine" von 1987 oder der Beitrag George Harrisons mit den Travelling Willbo's kann die Stille nicht hervorbeweisen. Es gibt zahlreiche stille Lieder von den Beatles, gemeinsam und solo. Der bahnbrechende Erfolg kam für die Beatles nachweislich 1962, als der hervorragende Schlagzeuger Ringo Starr mitspielte, dessen höchstmusikalisches und rhythmisch zugreifendes Big-Band-Stil-Spiel in der Kombo den entscheidenden Unterschied machte. So muss man auch für den Erfolg der Beatles zuerst das laute Zusammenspiel aller vier Musiker sehen. Allein die sensationellen Schlagzeuger bestimmten den neuen Erfolg der Beatlesmania, ob The Dave Clark Five, The Ivy League, bei The Hollies, Bobby Elliot, Keith Moon bei The Who, Charly Watts bei The Rolling Stones, John Bonham von Led Zeppelin, Ginger Baker bei The Cream oder Mitch Mitchell bei Jimi Hendrix oder - bemerkenswert - der anfangs nicht so professionelle Mick Avory von The Kinks wurde für sämtliche Hit-Singles, von You really got me bis Sunny afternoon von dem bekanntesten und besten Session-Studio-Trommler in Londons swinging sixties, Bobby Graham, ersetzt, dass es nur so knallte Der pure neue Beat-Sound war aus Brüllgesang, Kombobesetzung mit Stromgitarren und Big-Band-Schlagzeug zusammengesetzt. Hinzu kamen Elemente aus der Volks- und Schlagermusik sowie Jazz und musikologischem Selbstbedienungsladen der studierten Arrangeure, Keyboarder, oft nicht genannten Pianisten, Brass-Blechbläsern, Streichern u.a.

Während die durchaus bezaubernden stillen oder leisen Hervorbringungen im Beatlesrepertoire, wie auf den LPs, etwas später ansprachen, ist also zu betonen, dass George Harrison seinen unersetzbaren Anteil am Durchbruch der Beatles hatte, aber eben als lauter Musiker, nicht als stiller. Dazu ist anzumerken, dass alle der damals aufkommenden Beatbands vertraglich vollkommen den Agenten ausgeliefert waren, d.h. Konzertmanagement, Reiseorganisation, Repertoirauswahl, Verlag, Ersatz von Bandmitgliedern durch Studiomusiker, absurde Veröffentlichungspolitik (wer spielte mit wem in welcher Auftrittsreihenfolge) - bei Plattenaufnahmen insbesondere wurden die Schlagzeuger reihenweise zu Tambourinspielern - soll heißen: George Harrison war als Leadgitarrist und Sänger vollwertiges und unersetzliches Mitglied der Beatles auch im Studio, von Anbeginn. Mit I need you, If I needed someone, Love you too, The inner light u.a. sind die Kompositionen von George Harrison am persönlichen Stil und eigenen Charakter herauszuhören, so, wie es Kenner auch von Paul McCartney und John Lennon meinen.
Schüttware gibt es dabei so gut wie nicht. Seine erfolgreichsten Lieder Something, Here comes the sun, While my guitar gently weeps, sind fester Bestandteil des Weltmusikrepertoires. Something eine, wenn nicht die meist gecoverte Komposition überhaupt, insbesondere von zahlreichen Jazzmusikern geschätzt (so Shirley Bassey). Wobei es in der Kunst niemals um abwertenden Vergleich geht: Für Elise steht nicht gegen Goldberg-Variationen, Kleine Nachtmusik nicht gegen Yesterday, Abegg nicht gegen die Erbarme Dich Arie oder Satisfaction nicht gegen Schuberts Leiermann.

Long long long, Breath away from heaven, All things must pass, Taxman, You like me too much, I want to tell you, so viele schöne Einfälle. Piggies: In their eyes there's something lacking, what they need's a damn good whacking. Der Film "Das Leben des Brian" zeigt George Harrison in einer Nebenrolle. Er schrieb Musik für den Film "Time bandits" und hat den Hauptanteil am "Anthology"-Projekt, 1992, mit all den varianten Beatles-Aufnahmen und Arrangement-Experimenten, die vorweisen, welch hoch spezielle Musikprodukte schließlich als Beatles-Platten erschienen und den unvergleichlichen Anklang fanden. George Martin, der Produzent, dessen Verdienste in vieler Hinsicht unerlässlich für die Beatles waren, tritt freiwillig zurück, weil er sich im Unterschied zu jedem der vier Beatles austauschbar fand; ihre Markenprofile waren zugespitzt. George Harrison spielte mit Carl Perkins, mit Bob Dylan, Tom Petty, Roy Orbison, und eben Eric Clapton u.a. Er respektierte andere Künstler, die er nicht als Konkurrenten behandelte. Und so, wie alle wirklichen Künstler, erkannte er große Kunst, die er verehrte und respektierte. Das gilt für einen unakademischen Popmusiker besonders. In der aktuellen Diskussion über Kunst und Künstler war George Harrison ein Vorbild (Just modest small popsongs). Er war vollkommen ein Mensch der Kunst, in der Musik wie in allen anderen Metiers. Bei großer Kunst stellen das Publikum und jeder einzelne Konsument fest, dass einem das Erlebnis mit Kunst und Künstler ein Leben lang nachhängt und künstlerisch aktiviert. Gute Kunst setzt Maßstäbe. Genuss und Befriedigung mit seichten Werken sind dann nicht mehr so leicht zu haben. Doch Publika klatschen Beifall und stimmen in starkem Maße Kunstwerken zu, die ihnen nichts sagen, ihre Seelen nicht berühren und die sie auch von einem Moment zum nächsten vergessen und austauschen, weil Pop-Events überwiegend als Gelegenheiten gewählt werden, sich zu treffen und Partnersuche, Unterhaltung, sozio-kulturelle Bezüge und Job-Börse zu erleichtern. Die Gitarrenindustrie kann sich bei den Beatles bedanken. Sie brachten die Maschinenlautstärke in die vom Publikum überbrüllte Musik. (Wer hätte nicht schon freiwillig in Lokalen durch zu laute Musikbeschallung sich gestört gefühlt). George Harrison war against noisy madness (1981) und sprach zum Tod des Beatles-Managers Brian Epstein (1967) von death on a physical level, but life´s going on everywhere.
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