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neue sinnlichkeit
Silbermanns goldene Regel
von Dietmar Moews 2000


Im Juli 2000 hat der Künstlergelehrte, Soziologe und Herausgeber dieser Blätter Neue Sinnlichkeit das privatwirtschaftliche
asz alphons silbermann zentrum
Institut für europäische Massenkommunikations- und Bildungsforschung
Archiv und Informationsstelle

gegründet, zunächst mit geschäftlichem Sitz in Springe, örtlich in Dresden.

Das asz-Forschungsinstitut ist auch aktive Gedächtnispflege an den eminenten Soziologen und deutschen Juden, Lehrer und Freund Prof. Dr. Alphons Silbermann (1909-2000).

Als Silbermannsches Denken gelten maßgebliche Kriterien auch zukünftig, wie Silbermanns goldene Regel sowie die Freiheit des religiösen Individuums und seiner sozialen Verpflichtung, das Prinzip Toleranz statt Schuld, die Interdependenzen von Majorität und Minorität sowie die Wirklichkeitstreue einer systematischen empirischen Soziologie als Lebensmittel ohne Übergriffe in die Bereiche von Metaphysik, Psychologie oder Ideologie.

Der Start des asz wird mit dem folgenden Aufsatz eingeleitet, in dem ein brennendes Gegenwartsthema - die Fragen der Dynamik der Bildung hinsichtlich Solidarität und Moral - in das Licht einer Silbermannschen Soziologie gestellt wird. D.h. auch und nicht zuletzt, die Hingabe des Autors an eine gründliche nicht heuchlerische, vom klaren Denken her provozierende und pointierte Darstellung.


Soziologische Überlegungen - unter dem Blickwinkel von Silbermanns goldener Regel - zur Irrationalität im Umgang mit Misanthropie, Lynchmob und Sprachspiel am Ende der Frankfurter Ideologie-Schule Adorno-Habermas und am Beginn eines neuen Jahrhunderts im weltoffenen Deutschland: Eine Verbullung verpufft offenbar, ohne große Rücksichten, weil wir Menschen sind:

  1. Es gibt Risse in der gesellschaftlichen Integration und Reproduktion in Deutschland des West-Ost-Deutschland des Jahres 2000 durch handgreifliche Gewalt eines lynchenden Mobs, Ausgrenzung und Ängstigung von Menschen durch Menschen, kurz Lynchmob genannt, sodass Heilbedarf im Sozialen unserer Tage - eine politische Mangelsituation - herrscht.
  2. Es gibt für diese Risse einen sozio-kulturell-symbolischen Erklärungsbedarf. Jede betroffene Gesellschaft - wenn sie sich ihrem Zivilisationsdünkel stellen will - hat einen Verständnis-, Symbolentschlüsselungs- und schließlich Verständigungsbedarf, zumindest insofern, ungelöste Probleme sprachlich bannen zu wollen. Dabei ist die soziale Norm aufzuspüren, nach deren Muster - im Spielraum von praktizierter Gewalttätigkeit und friedlichem Abstimmungs-Miteinander - Begründungen über Antriebsmomente als Erklärung von den Tätern, den Opfern und den sonstigen Kunden interdependierend geliefert und akzeptiert werden. Interdependenz lautet das soziale Zauberwort, also zwischenmenschliches Wechselspiel.


Damit wird ein Verständnis dafür notwendig, wie diese Erklärungsmuster in geistigen Interdependenzen und Selbstbild-Fremdbild-Vorstellungen sich formieren. Hingegen stereotype Erklärungen, wie Ursächlichkeitsverweise auf z. B. "dunkle Schatten der Vergangenheit, Neonazi" oder "verheimlichter Rechtsradikalismus der DDR" werden hier als unrelevant abgelehnt, indem eine versteckte, dahinter erkennbare Norm erörtert wird.

Die Rede ist von sinnlicher Gewalt, Bedrohung und Entrechtung von Mensch zu Mensch auf der Straße und den dazugehörigen sonstigen sozialen Orientierungen, wie Werthaltungen, Einstellungen, Dynamisierung, Stimulans, Motivationslagen, Gruppen- und Peerspezifik, private und öffentliche Fixierungen u.v.a.m. Ost wie West, Nord wie Süd. Diese Gewalttätigkeit wird als sozialer Tatbestand von Lynchmob und Misanthropie angezeigt und erörtert. Und die Rede ist von den bewertenden Sinnig- und Unsinnigkeiten, die als Begründungen, Interpretationen, heiligenden oder verdammenden Reden und mehr oder weniger folgenlosen privaten oder öffentlich-politischen Verlautbarungen aus dem Gebiet der Metaphysik nur dem Kleinreden dienen, durch alle jene, deren Gewerbe Gerede, Gedrucke und Gesende ist.

Angemerkt sei, dass der Autor hier, Dietmar Moews, aus persönlicher Betroffenheit schreibt - d. h. er lebt seit ca. sechs Jahren als Westmensch in Ostdeutschland und wurde mehrfach sowohl Zeuge von solchen öffentlichen Tätlichkeiten wie auch Opfer, in Magdeburg, in Leipzig und in Dresden - und deshalb mitteilen möchte, dass einerseits seine Haltung zunächst nicht moralisch und bewertend, verurteilend genommen werden möchte, im Sinne des Nietzsche-Entchens "jenseits von Gut und Böse" oder wie es Bibel, Kant und Isaiah Berlin meinten: "aus dem krummen Holz der Menschheit wird nichts ganz Gerades geschnitzt" - andererseits keine historischen Kausalitätsverkettungen von Tradition, Überlieferung, Vorurteil, Stereotyp, Sündenbock, versäumter Aufklärung über die Vergangenheit (wie Antisemitismus, Fremdenhass, Auschwitz, Nazi-Massenmördertum) angesprochen werden. Das angängige Interesse erforscht also nicht das Warum, das eventuell jemand glaubt, dass eine Gewalt aus dem anderen folgt und folgen musste oder wer dies oder jenes vermutet, dass Ursachen, Motive und Vorstellungen für dieses oder jenes Ziel oder Verhalten wohl den bösen oder guten Ausschlag gab und nicht geben sollte. Sondern vorrangig soll die Aufmerksamkeit auf das Ob und auf das Was gerichtet werden, um zu unterscheiden, was ist oder was wir nur nachträglich darüber sagen und denken oder für richtig halten, zu denken und zu sagen, zum heute angängigen Aufkommen von Ungeduld, Rücksichtslosigkeiten, Gewalt und sozialen Friktionen, wie Lynchmob, Zynismus und Untreue in jeglicher Form absteigender Menschlichkeit, eingespannt zwischen polemischen Auffassungen, die mal als cool, mal als Kälte die individuelle Verantwortung entstellen und aufs Milieu abladen.

Diesem Gedanken folgend, wäre Zweierlei ganz geheuerlich zu trennen und getrennt zu betrachten: Einerseits, die Gewalttaten sind als Gewalttätigkeiten der Gewalttäter zu sehen. Andererseits, davon unterschieden, die geistigen und durchgeistigenden Ansätze des Verständnisses jener Gewalttaten, die Einstellungen und Wertorientierungen der Gewalttätigen und ihrer sozialen Bezüglichkeiten, dabei alles zugelassen und eingeschlossen, von gesellschafts-theoretischen, kulturalkritischen, naturalphilosophischen, individual-mythologischen oder system-theoretischen, handlungsmotivationalen, empirisch-systematisch erfassten oder nachgeschoben irreführenden Interpretationen der einzelnen Gewalttätigkeit und Mobaktion und ihrer Zurechenbarkeiten, einem Täter, einer Tätergruppe, Tätermasse oder - mit nichtssagender Aussagekraft einer Widerspiegelung - für die Gesamtgesellschaft, sind metaphysische Wechsel.

Gewalttätigkeit

Zuerst ist festzustellen, dass es eine weitreichend in aller Welt zu beobachtende Gewalttätigkeit von Menschen gegen Menschen gibt, doch gilt unser Thema nicht der Gewaltkultur als anthropologischer Grundtatsache. Diese zunächst allgemeine Gewalttätigkeit, Ausdruck von Gewaltfähigkeit und gelegentlicher Gewaltbereitschaft, ist - unabhängig von sonstigen kritischen Zuordnungen - immer auf den individuellen menschlichen Verhaltens-Spielraum bezogen. Es ist die weitreichende Freiheit zur sozialen Einvernahme von Konfliktkonstellationen zwischen sozialem Ausgleich und Abstimmung respektive tätlichem Übergriff des Stärkeren und / oder der ephemeren Majorität gegen den Schwächeren und / oder einer Minorität. Entsprechend festzustellen ist, dass die jeweiligen sozialen Lebensräume ebenfalls einen Spielraum prägen, der durch mitmenschliche - also sozio-kulturelle - Gewaltfreiheit, Hilfsbereitschaft, Empathie und letztlich zivilisierte Domestikation der eigenen Gewaltpotentiale der Gewaltfähigen gekennzeichnet ist. Danach ist die Gewalttätigkeit als Tätigkeit von individuellen Personen und deren Gruppen festzustellen und zu thematisieren. Alle anderslautenden heute gehandelten Vorstellungen und Leitsätze müssen als irreführend und entstellend gewertet werden, die nicht die individuelle Vollwertigkeit als Anfang und Ausgang des sozialen Geschehens sehen. Sie führen von der Verantwortung der individualen Täterpersonen weg, lenken von der Gewalttätigkeit als Tätermerkmal weg, auf vorgebliche und keinesfalls erwiesene Opfereigenschaften, um als systemtheoretische Bewertung ins Spiegelkabinett der Entschuldigungen und Verantwortungslosigkeiten von den Individuen abgekoppelt, willkürlich als gesellschaftlicher System-Defekt zu landen. Wer will das? Aber so kommt die soziale Norm zum Ausdruck, die es hierauf zu entfalten und zu verstehen gilt.

Sprachregelung als soziale Norm

Nachdem vorstehend also behauptet wird, die Gewalttätigkeit des heutigen Lynchmobs sei zunächst eine einseitige und willkürliche Täterambition, die ohne sozialen Bezug zu den Gewaltopfern daherkommt, etwa, wenn des Nachts ein blonder Deutscher als "Kanacke" mit "Ausländer raus"-Drohungen durchs Dorf gejagt und misshandelt wird, und genauso opferunspezifisch andere Entrechtungen und Misshandlungen geschehen. Und zum Verständnis ist auch auf den gängigen Antisemitismus hinzuweisen. Dass der heutige Antisemitismus hauptsächlich als Tätereigenschaft, als inhumane Rücksichtslosigkeit der Antisemiten zu verstehen ist. Antisemitismus ist weitgehend Vorurteil und Stereotyp. Er sagt nichts über Semitentum allgemein oder einzelne jüdische Opferpersonen. Er findet in Deutschland reale, meist allgemeine Bezüge nur in der geistigen Ausstrahlung der thematischen Verbindung von "böses deutsches Unrecht gegen gutes jüdisches Recht". Die objektiven misanthropischen oder minderwertigen Verhaltenstatsachen oder Eigenschaften der Täter sind lästige, inhumane geistig-seelische Aggressionen. Ihr geistiger Raum obliegt nicht willkürlicher Barbarei. So ist die Gewalttätigkeit eine anthropologische Tatsache, ein Defekt und Verstoß im Sinne unserer Vorstellungen der zwischenmenschlichen Regelungen und Gebräuchlichkeiten unter der folgenden Bedingung: dass für die Begründungserklärungen im politischen Raum eine spezifische Sozialverträglichkeit erforderlich ist. Diesen sozio-geistigen Interdependenzen ist nachzugehen. Denn hierin steckt eine mit soziologischem Maß zu ermittelnde soziale Norm, die immer auf die Reziprozität der Perspektiven zwischen Alter und Ego oder die Gegenseitigkeit der Beziehungen auszurichten ist. Das heisst, Soziales ist durch Soziales zu begründen und zu verstehen. Entsprechend wäre die Exegese der abgegebenen Erklärungen der Gewalttätigen im Wechselspiel mit den geäusserten Einstellungen der handgreiflich nicht beteiligten Gesellschaft zu diesen sozial spannungsvollen Gewalttätigkeiten gefordert.

Zunächst, als Norm, scheint der Bedarf nach öffentlicher Verlautbarung auf Äusserungen (nie zu verwechseln mit inneren Einstellungen; solche soziologisch nur dann relevant sind, wie sie sich äussern). Verständlich, wenn etwas misslungen ist und skandaliert, wie die mitmenschlich scheiternde gesellschaftliche Integration am Beispiel des Zivilisationsbruches durch Gewalttätigkeiten des Lynchmobs in einem misanthropisch gestimmten Milieu. Normgemäß braucht man eine erleichternde Sprachregelung, einen sprachlichen Kommunikationsmodus, nämlich einen, auf den sich unverfänglich antworten lässt. Eine solche öffentliche Sprachregelung muss geeignet sein, durch ihre Gängigkeit vom Publikum akzeptiert werden zu können. Sie muss erklärend, meinungsführend und das Thema kleinarbeitend einen Ausweg anbieten, der das Publikum selbst erleichtert, keinesfalls aber verantwortlich einbezieht oder gar aufrufend Verhaltensänderungen vom Publikum fordert. Insofern stehen die Gewaltbegründungen weniger im Zeichen der tatsächlichen oder für wahr gehaltenen Antriebsmomente der tatsächlichen Gewalttäter und Tatvorgänge, und mehr im Zeichen des Zivilisationsheils und der Publikumserleichterung. Genau hierin sind die akzeptierten Sprachregelungen interdependierend und interaktiv gefundene Unwahrheiten, ganz oberflächlich, unanalytisch wie unsynthetisch, kalt oder cool. Die darin liegende soziale Norm ist die Beliebigkeit im Umgang mit Erklärungen als entweder Legitimation oder Aburteilung, wie als Hervorhebung oder als Marginalisierung des Themas wie auch des Erklärungs-Modus. Wir werden auf Symbolentschlüsselung, Zeichen- und Sprachspiel verwiesen. Einerseits haben wir also eine Handlungsnorm als Muster für die nichtsoziale Gewalttätigkeit des Lynchmobs. Das signifikant Normative an diesen Gewalthandlungen ist, dass eine Majorität beliebig bestimmt, ob, wann, wie, gegen wen sie gewalttätig sein wird. Andererseits schafft sich die beteiligte Gesellschaft Erklärungen für solche Gewalthandlungen, deren Deskriptionen als sogenannte Primär- und Alltagserfahrungen erst mittels entsubjektivierender Deutungen zur Wahrheit der tatsächlichen Antriebsmomente und zum Erkennen einer etwaigen Erklärungsnorm führen.

In unserem Lynchmob genannten Phänomen von empirischer Gewalttätigkeit lautet die spezifische Handlungsnorm der Gewalttäter: Mob-Gewalt einer Majoritätswirkung. Und die Opfer des Lynchmobs, als Minorität, werden zwar nur gelegentlich gebeutelt, aber ständig in Angst und auf der Flucht, ohne dabei wesentlichen Einfluss auf die Handlungsmotivation der Gewalttäter und deren willkürliches Verhalten ausüben zu können. Dieser beschriebene Vorgang einer asozialen Gewalttätigkeit von Tätern gegenüber Opfern ist aber keinesfalls als soziale Norm eines Stark-Schwach-Musters, einer Stark-Schwach-Rationalität zu verstehen. Es ist vielmehr eine anthropologische Norm der asozialen Beliebigkeit, der wir hier am Beispiel der Gewalttätigkeiten von Mensch gegen Mensch fassungslos gegenüber stehen. Das Thema lautet - mit Hannah Arendts Vita activa - Irrationalität oder wie es John Lennon sang: Life is what happens when you're doing other plans. Wohl ist Beliebigkeit mit den explizierten zivilisierten Menschlichkeitsgrundsätzen schlecht vereinbar. Doch nicht so sehr auf die Motive der Gewalttäter als vor allem auf ihre Ausreden, die Öffentlichkeitstauglichkeit ihrer Substantiierungen, ist die Erklärungsnorm abgestellt.

Asoziale Handlungsnorm und soziale Erklärungsnorm

Die Erklärungsnorm der Verlautbarungen zu den Gewalthandlungen des Lynchmob als Gewalttäter ist wesentlich auf die geistigen Anschlusspotentiale der öffentlich teilnehmenden Gesellschaft, in die sie einmünden, bezogen und durch diese strukturiert. Nur unwesentlich spielen die sozialen Bezüge zwischen Gewalttätigen und ihren Opfern eine Rolle. Somit vollzieht hier der Lynchmob zwar eine asoziale Gewaltnorm. Hinsichtlich der Erklärungen aber ist die Abhängigkeit von der teilnehmenden Öffentlichkeit deutlich, die diese Gewalttätigkeiten als Legitimations-Mob abfedert, indem sie zuschaut und hinnimmt oder einredet. Die Vermobbung tritt schließlich als die sozio-kulturelle Gestaltungsmacht über öffentliche Sprachregelungen relativierenden, entschuldigenden, bagatellisierenden oder euphemistischen Charakters hervor.

Vorstehende Interpretation der Gewalttätigkeitsbegründung durch Handlungs- und Erklärungs- normen setzt das individual-verantwortliche Beliebigkeitsverhalten in eine den Einzelnen entschuldigende fiktive Systemübermacht ein.

Offenbar beruhen aber die von den Gewalttätern geäusserten Erklärungsformeln - die Rede von der rechten Gewalt, anstatt von legitimierter Mob-Gewalt - nicht auf unmittelbarer, einfacher Wahrheit oder Erkenntnis, zielen weder auf solche hin oder gehen davon aus, sondern dienen allein einem dumpfen Integrationsgepräge, nach dem Motto "wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass". Es ist als Majoritätsspiel einer ziemlich voraussagbaren gesellschaftlich-geistigen Willkür und Wechselbeliebigkeit seitens der Majorität leicht durchschaubar, also auch praktisch durch Nachfragen leicht zu erschüttern. Aber statt der Wahrheit und Erkenntnis halber den Polizeibeamten oder der Staatsanwaltschaft solche Nachfragen-Verhöre abzuverlangen, wird den betroffenen Minoritäten desungeachtet die "Pseudobegründung Rechts" noch bei 13-jährigen Tätern rücksichtslos zugemutet.

Rechtes Muster im Gesellschaftsauftrag

Hier wird also für möglich gehalten und nicht ausgeschlossen, dass das "rechte" Erklärungsmuster deshalb vom Lynchmob so final geäussert und akzeptiert wird, weil es folgenlos geäussert werden kann und in der kalkulierten Erwartung oder sogar wohlbedacht, so gut wie nie nachhaltig hinterfragt oder angezweifelt wird, anders hier, jetzt.

Weder Gewalttäter noch die billigende Gesellschaft werden durch solche "rechten" Verlautbarungen auf eigene Menschlichkeits-Defekte derart hingewiesen, dass daraus im Sinne des Zivilisationsdünkels Selbständerung geschlussfolgert werden müsste oder Änderungszwang rechtsstaatlich obrigkeitlich ausgeübt würde, weder gegenüber einer eindeutigen Mobqualität der Gewalttäter wie der Legitimationsgesellschaft, die sich auf diesem Weg ihrer eigenen Mobhaftigkeit nicht stellen muss und auch gar nicht daran denkt, es zu tun.

Und wer hätte es anders gedacht? Wie der Lynchmob, aus seiner Majoritätsrolle heraus, Minoritätsangehörige, Schwächere zu Opfern macht, so fällt seine anschließende Begründungslieferung für die eigene Gewalttätigkeit auch ganz nach dem Majoritäts- / Minoritätsschema quasi nachfrage-orientiert aus: Die gesamtgesellschaftliche Majorität, die Öffentlichkeit, fordert von den Gewalttätern - hier nunmehr im Part der geistigen und sozialen Minorität - eine akzeptable Begründung für die Gewalttätigkeit und bekommt sie. Bedingung, die die Legitimationsöffentlichkeit aber fordert, ist, dass die Gewalttätigkeit, die an sich als zivilisatorischer Regelverstoß gilt, als auch diverse Gesetze einschließlich Grundgesetz verletzt, mit einem höheren zivilisatorischen Zweck geheilt werden muss. Diesen heilenden Zweck muss die Moberklärung des Lynchmobs seiner Gewalttätigkeit also andichten.

Und die zivilisatorische Heilsbegründung lautet nun immer und immer von Hooligans wie von 13-jährigen, die aus Langeweile, Lebensundankbarkeit und Bildungsnot z. B. Behinderte verprügeln, so geistlos wieder und wieder: Recht und Ordnung, Deutschland den Deutschen, jedem das seine - uns das unsere, wir opfern uns für die Dreckarbeit zum Wohle unseres Volkes.

Und die Begründung lautet niemals: Ich bin gelegentlich gewalttätig. Meine Gewalttätigkeit ist meist - innerhalb meiner individuell-impulsiven Spontaneität - gegen meist zufällige, aber immer schwächere Opfer gerichtet und hätte genauso unterbleiben können. Und keinesfalls ein solch Gewalttätiger, meist nicht vollwertiger Jungmensch, ist imstande, sittlich, politisch, historisch oder sonstwie über einen rechten oder linken Standpunkt und eine etwaig geistig-wertorientiert anzuknüpfende individuelle Gewalttätigkeit Auskunft zu geben oder hätte auch nur zu solchen von sich selbst absehenden Denkmodellen ausreichend Geist und Geduld: "Mein Sohn hört mir ja gar nicht zu", sagte mir die Mutter der springer-gestiefelten Glatze, "der ist so wütend." Je nach dem, Kälte oder cool, wird das rechte Gut / Böse-Vorwurfs-Muster argumentiert, nur solange man zustimmt. Kritische Bezugnahme erzeugt sofort Aggression.

Doch da die Öffentlichkeit feige Gewalttätigkeit von Starken gegen Schwache im Stillen akzeptiert und die leicht hinein zu interpretierende Gesundheit und Stärke und Sinnlichkeit klammheimlich feiert, aber nur dann, wenn Gewalttätigkeit nicht aus Gewalttätigkeit erklärt wird, sondern mit der Ausstrahlung "ziviler Plausibilität" dahergebracht wird, deshalb sagen die Gewalttäter: Wir sind gewalttätig als "Rechte", als "Neonazis", als "Faschisten". Mit dieser Begründung des Lynchmobs für seine Gewalttätigkeit ist der sonstige gesellschaftliche Legitimations-Mob, der hier die öffentliche Kontrolle ausübt, dann so zufrieden, dass in noch keinem Fall ein Gewalttäter weder nach tatsächlichen Antriebsmotiven gefragt worden wäre, noch nach dem, was sich derjenige darunter denn vorstellt, Neonazi, Rechts, Faschismus - ausser seine eigene Gewalttätigkeit gegen schwächere Menschen, die er ohne Ansehen als anders, fremd, störend, ordnungswidrig bezeichnet und aussondert. Wenngleich Aussagen von Lynchmob-Gewalttätern vor Gericht dann schon immer wieder von Wut, Hass, Trunkenheit, sogar Langeweile also Nichtvollwertigkeit und asozialer Gewalttätigkeit zeugen, jedoch bislang nicht weiter hinterfragt worden sind.

Einzufügen ist folgende Abschweifung: Solche als selbstsignierte Rechte und Gewaltbereite auftretenden jungen Leute sind häufig detailliert über Nazigeschichte und Politik-Thesen informiert, zumindest umfassender als die altersgemäß politisch desinteressierten Altersgenossen. Insofern halten sich solche "Jungrechten" für politisch qualifiziert. Nimmt man sie allerdings im Gespräch ernst, tritt die geistige Bedürftigkeit schon bald hervor, ist allerdings nicht bereit, einen Gedankenaustausch auszuhalten oder gar an einer kritischen Erörterung mitzuwirken, wenn die nicht an die vorhandenen Denkmuster und Vorurteile anschließen. Hier sind die politischen Standpunkte im Wesentlichen nur Alibis und nicht Urteilskraft, und dienen hauptsächlich der Affirmation von Gruppensprachspiel, -symbolik und -zugehörigkeit, als der politischen Orientierung.

In sofern erfüllen die einzelnen sich selbst bezeugenden individuellen Täter des Lynchmob mit ihren Erklärungen nach dem rechten Muster quasi und final einen gesellschaftlichen Auftrag: Moberklärung als Pflichterfüllung, und verpufft nach diesem Muster für Täter und sonst Beteiligte unverstanden. Etwas schwieriger hatte es sich der Lynchmob der RAF in den 1970er Jahren mit seinen revolutions-theoretischen oder pseudo-historisierenden Begründungen gemacht, schließlich, weil in Unkenntnis der Norm der Legitimationsmob nicht hinreichend zur Sprachregelungs-Gestaltung und zur strategischen Zielsystemorientierung einbezogen worden war.

Domestikation gewünscht

Die Hauptfrage lautet also: Wie kann das Gewalttätigkeitspotential eines Menschen sozial aufgeschlossen werden, damit - so gut es ihm individuell irgend möglich ist, Einsicht in das soziale Spiel von Trieb, Triebhemmung und Triebverzicht zu finden - er sich zur sozialen Vollwertigkeit eines Citoyens entfalten kann, ohne permanente Überwachung, Coaching, Fremdsteuerung, Monitoring oder wie die entsprechenden entmündigenden Begriffe der Global-Players, Innensenatoren, Volkshochschulen und Sozialpsychiater unserer Top-Performer von Eilverordnungen für den Maßregelvollzug je heißen mögen? Der neuesten Grundgesetzes-Änderung Artikel 16 zufolge kann ja auch an internationale Gerichte ausgeliefert werden; das gilt auch, wenn sich Staaten selbst erleichtern wollen.

So irrlaufend falsch, müssen wir es aber im Jahre 2000 erleben, dass die global-kapitalistische Westwelt in Deutschland ganz unterschiedliche Gewalttätigkeiten mit ihren selbstentschuldigenden Begründungslegenden fast beliebig überzieht. Denn nun haben wir es mit kurzlebigen Begründungsmoden zu tun, mit emotionalisierten Hybridkulturen, in dem sprachliche Erleichterungsbedürfnisse mit medialer Sendefähigkeit und Reizwerten das fast beliebige und austauschbare Begründungs- und Kommentierungs-Hin-und-Her formieren, indem Gewalttäter so gut wie niemals sagen: Ich war unter gegebenen Umständen gewalttätig gegen Meinesgleichen, nämlich Mensch gegen Mensch. Sondern die Selbstbild-Erklärungen von Tätern für ihre Antriebsmomente suchen umstandslos das Angebot der gängigen und akzeptierten Antriebsmomente-Mode auf und affirmieren das Fremdbild-Muster, das die allgemeine veröffentlichte Rede bereits vorformuliert und kanonisiert hat. Die lautet: Gewalt ist rechte Gewalt - Opfer sind immer Andere, niemals Einesgleichen - das Andere wird als Störung der allgemein akzeptierten Ordnungsforderung angesehen, anstatt: Gewalt ist individuell zurechenbar oder sie indiziert Unzurechnungsfähigkeit. Und so ist diese Gewalt unter Umständen falsch verstandenes Ordnung schaffen. Gegebenenfalls uneinig ist man sich nur über die Frage von Selbstjustiz. Anstatt es dem staatlich-obrigkeitlichen Gewaltmonopol überlassen zu sollen. Ordnung zu schaffen, das gilt jedenfalls - damit nicht etwa die Wertbildungsprozesse und die Wertvorstellungen durchleuchtet und durchrationalisiert und gar von Aufklärung beherrscht werden: Cool, Kälte, Hass, Wut - Beliebigkeit der Misanthropen - hier liegt die Verbindung zwischen Mob, Politik und Staatsversagen, weil politische Herrschaft verschleiert, Aufklärung verhindert und die Verpitbullung der Amtsstuben unweigerlich rechten Mob heraufbeschwört. Und so wird die Kommunikation über und für vernünftigere Integrationsvorstellungen zerleppert und stattdessen mit immer haarsträubenderen Reizskandalen aufgeschreckt und abgestumpft.

Organisierte Unmenschlichkeit

Die allgemeine Öffentlichkeit redet so, medial aufgepoppt, vom Problem mit den Rechten. Das Thema wäre aber von der empirischen Gewalttätigkeit auf das empirische Gemenge widerstreitender Wertorientierungen und deren kollektive Akzeptanzen zu beziehen und das lautet: Misanthropischer Mob von Rechts und Links versaut unseren gesellschaftlichen Alltagsfrieden an den unteren Grenzen gesellschaftlicher Moralität und Unbildung. Dieser Mob äussert sich unter anderem, schlimmstenfalls, durch Lynchmob. Dem Lynchmob wäre deshalb unverzüglich mit angemessener staatlicher Gewalt zu begegnen, was bislang versäumt wird. Zur Diskussion stehen so probate Mittel wie Pranger, Schandmasken, Maulkörbe, Handschellen, Fußketten mit Eisenkugeln und Ähnliches, für jeden, der sich nicht im Sinne der öffentlichen Ordnung und der mitmenschlichen Rücksichtnahmen benehmen kann, und auch keine guten Absichten dazu signalisiert. Solche einschränkenden Auflagen sind vorbeugend notwendig, also gefordert, bis Besserung eintritt, bis der rechtsstaatliche Sozial-Monitor sagen kann: Grüß Gott, Besserung und: Fußfessel wieder ab. Nur Das wirkt gleich und es macht Spaß, und es befriedigt die Betroffenen, Opfer wie Täter.

Die vorstehenden Normen und Muster der Unmenschlichkeit zeigen sich in einem Spielraum des alltäglichen Verhaltensstils, eines Missbrauchs, erkennbar an den Verantwortungsschnittstellen zwischen einerseits dem Individuum und seinen Zurechnungen und andererseits der institutionellen Organisation, die wir keinesfalls einfach als Eigenverantwortung bannen können: als VerJensGiebelung des Privatlebens, als die Verpitbullung der Amtsstuben und die Verhamburgerung unseres Wirtschaftslebens.

Die so betrachtet unvollwertigen Adepten dieser Geisteshaltungen euphemisieren sich selbst gern als Lebenskünstler. Sie werden im Folgenden als Zeichen einer oligarchistischen Geistesversiffung exponiert und zur Diskussion gestellt. Sie sind zunächst werturteilsfrei vorzustellen, zu analysieren und die Ergebnisse daraufhin zum politischen Thema auf die Agenda zu setzen. Denn hier handelt es sich wiederum um soziale Normen, die besser nicht als Widerspiegelung systemtheoretischer Heilprozesse zu pejorizieren wären. Sondern im Sinne möglichen besseren Wissens ist ihre individual-verantwortliche Sphäre und Reichweite herauszuarbeiten, eine anthropologische Aufgabe.

Folglich ist jeder Politikus und Rollenträger im Staate zu fordern auszuweisen, inwiefern er seiner Verantwortung gerecht zu werden sucht, wenn VerJensGiebelung, Verpitbullung und Verhamburgerung ein Not-Wendigkeits- und Rückzugsklima erzeugen, insbesondere aber der Massenkommunikationsapparat nur mit Kinderbuchzeichnungsgeist ansetzt, die Reizwerte abklappert, statt auf erfolgskontrollierte Wirksamkeit seiner Mittel zu trachten. Schließlich ist ohne ein gewisses Fair-Play auf Gegenseitigkeit keine Gemeinschaft zu integrieren.

Silbermanns goldene Regel: Toleranz statt Schuld

Wie der Soziologe und militante Humanist Alphons Silbermann darlegte, haben wir unsere menschliche Aufgabe in Toleranz auszulegen und nicht in Schuld (auch, weil Schuldverteilung und Beschuldigung die gewünschte Erleichterung von sozialen Rissen und Schmerzen nicht bringen kann; Schuldklärung dagegen gereicht meist nicht einmal dazu, Schuldige zu stoppen).

Nicht Schuld, sondern Toleranz - das ist leicht gesagt. Wir haben es - wieder mit Silbermann - mit einer schwer wahrnehmbaren und schwer vermittelbaren Wechselwirkung des Sozialen zwischen, immer wieder, Majorität und Minorität zu tun. Als anschauliches Beispiel sei der weltberühmte Gulliver des Jonathan Swift genannt:

Gulliver kommt auf seinen Reisen in verschiedene Länder. Im Volk der winzigen Zwerge erscheint Gulliver als Riese, im Riesenland ist er selbst ein Zwerg und zu hause geniesst Gulliver die Augenhöhe Seinesgleichen. Ähnlich verhält es sich mit der doppelten Identität des Staates Israel im vorderen Orient: als David gegenüber dem arabischen Goliath, und als Goliath selbst gegenüber den Palästinensern, einmal der Schwächere (im Sinne der Minorität), einmal der Stärkere (im Sinne der Majorität).

Silbermanns Lösung - die hier, in Anlehnung an das biblische Gegenseitigkeits-Konzept "Silbermanns goldene Regel" genannt wird - liegt darin, dass es aufgrund der mehr oder weniger starken Fähigkeit eines jeden, sich vorstellen zu können, er selbst sei mal der Stärkere und ein andermal der Schwächere, jeder gehöre entweder einer Majorität oder einer jeweiligen Minorität an, eben jeder - ganz im Sinne von Toleranz oder Schuld - entweder als Stärkerer rücksichtsvoll zu sein hätte oder als Schwächerer anpassungsbereit. Besonderer Schlenker im Silbermannschen Minoritäts- / Majoritätsschema ist eine soziologisch-sozial-psychologische Feststellung, nämlich: Zu welcher Gruppe man gerade gehört, zur Majorität oder zur Minorität, merkt selbst der Dümmste jederzeit leicht: Gehöre ich einer Minorität an, habe ich Angst. Angst ist das Gepräge des Schwachen.

Wenn keine Angst da ist, allerdings, ist doch der Mensch besonders gefordert, denn er selbst gehört einer Majorität an, insofern Angstfreiheit ein Zeichen für die Zugehörigkeit einer Majorität angesehen werden muss; er ist also stark, ohne sich dessen unbedingt bewusst sein zu müssen. Aber, ihm gegenüber lebt eine Gruppe der Schwäche, eine Minorität, die Angst vor ihm und seiner starken Gruppe hat, und das spürt der Starke nicht, auch weil es durchaus als Zeichen der Angst üblich ist, Angst tunlichst zu verbergen.

Also, wer angstfrei ist, sollte sich umschauen, ob er nicht anderen Angst bereitet. Und Achtung: Ängstliche, passt euch an und Angstfreie, nehmt Rücksicht auf die, denen ihr Angst macht, ohne dass ihr es merkt, nennen wir es: Silbermanns goldene Regel. Bei Anschlussbereitschaft der Hinzukommenden und bei Aufnahmebereitschaft der Platzherren, ist Integrationserfolg das Selbst- verständlichste und gleichzeitig das Nützlichste von der Welt für alle.

Der Laie staunt und der Fachmann winkt ab, weil der Griff zum Baseball-Schläger, zur Oberarm-Tätowierung oder zum kleinen Versicherungsbetrug, der heute gängigen Verpitbullungs-Sensibiliät, nicht nur dem Lynchmob näher liegen als Demut und Hilfsbereitschaft; auch im normalen Leben - privat, staatlich-institutionell wie marktlich - sind die private VerJensGiebelung, die staatliche Verpitbullung und die marktliche Verhamburgerung bereits allgemein anerkannter, als zum Beispiel Silbermanns goldene Regel gesellschaftskundlicher Menschlichkeitswünsche: Ignorante Halbwelt gilt sich selbst im Deutschland des Jahres 2000 als normal, Unterwelt wird ums leichte, inzwischen ungefährdete Dasein beneidet, und der ARD-Bundeswickert tut sich schlau, wenn er herausposaunt: Der Ehrliche ist der Dumme. (Natürlich ist das nichts als eine weitere Verpuffung einer Verpitbullung. Denn der Dumme ist der Dumme, nicht der Ehrliche, und nicht der Unehrliche ist etwa undumm, und die Verpitbullung des Wickert ist keinesfalls als Verrauhhaardackelung zu verharmlosen.)

Der linke und der rechte Mob

Folgen wir aber dieser kleinen Cockerspanielkunde mit einem weiteren Vorgedanken, ohne den die Frage nach Schandpfahl und Pranger unverlässlich bliebe. Und teilen wir dafür die Menschheit samt der deutschen Menschheit in zwei Hauptgruppen, die in allem und jedem aufzufinden sind, beim Fußball, in der Politik, in der Wissenschaft usw. und eben auch beim Mob; es ist die linke Position und die rechte Position, oder umgekehrt, die Rechten und die Linken, zwar nicht als zwei Seiten einer Medaille und nicht als do ut des, aber sie haben etwa die gleichgeringe und gleichweitverbreitete menschliche Qualität. Und der, oder die dieser Argumentation zu folgen versuchende Freundin oder Freund der Menschlichkeit muss sich noch etwas gedulden, bevor eine Zusammenfassung möglich ist.

Hüte man sich davor, theoretisch, metaphysisch, tiefenpsychologisch, dialektisch, idealistisch oder pseudoreligiös-gesellschaftlich zu urteilen, wenn es um Fragen geht, die die persönliche Haltung und Stellung eines Menschen zu verstehen suchen. Politisch-ideologische Fragen der Homogenität wie der Heterogenität der Gemeinschaft und ihrer Kultur geben dem Einzelnen genügend Raum, sich abweichend zu positionieren, ohne sich einem geistigen Kollektivzwang unterwerfen zu müssen. Das heißt für jeden persönlich, bei allem was er tut, sich zu fragen, warum tu ich das? Wie steht es mit meiner goldenen Regel? Sagen kann man fast Alles. Genau, wie man vor Gericht unweigerlich verurteilt würde, wenn man sein wahres Leben schildern sollte und kann es nicht mit Worten allein, ohne den Hilfsmodus: nach bestem Wissen und Gewissen. Aber anstatt sich verantwortlich und gerechtfertig zu verhalten, begegnet uns der Einzelne unter Verweis auf die Komplexität unseres modernen Daseins und - als Schmankerl - auf "das System", mit geradezu hellseherischen VerJensGiebelungen: Von links heisst es: Die sachliche Vieldeutigkeit des Daseins erscheint als Resultat der Vieldeutigkeit oder Unbestimmbarkeit der die historische Wirklichkeit beherrschenden Macht oder Mächte und wird damit Spiegelbild bestimmter zeitgenössischer Bedingungen. Kommt die Verantwortungslosigkeit von rechts, dann wird gesagt, dass eine Homogenität der Kultur sich nur unter der Voraussetzung einer kleinen Schicht geltungssicherer Maßgeblicher erwarten lässt (Silbermann). Hinzu kommt von links ein Psychologismus, der behauptet, die Masse und die Industriekultur an sich, und in der Folge die Massenmenschen, seien faschistoid-autoritär. Nur richtet sich diese abwertende Attacke gar nicht gegen das Massen- und Industrieartige, sondern gegen diejenigen Individuen, die der rechten Position anhängen. Hier greift die Führungsfeindlichkeit und die gutmenschliche Fehlorientierung der Linken, dass Führung nicht nötig und nicht wünschenswert sei. Strittig ist die Kategorie des "Vollkommenen" und des "besseren Wissens" als Integrierungs-Kriterium wissender Führung der rechten Position. Die Führungsfeindlichkeit der Linken steht dagegen. Die Linken sehen sich im "System der Widerspiegelung" einer Übermachts-Fühlung ausgesetzt. Die Linken fühlen das persönliche Tun und die mögliche Vollkommenheit des persönlichen Tuns überhoben und weisen deshalb die gesellschaftliche Verantwortung von sich. Rechts also der Führungsanspruch, links das ungute Gefühl führungsfeindlicher Fühlung. Damit kommen wir zum Kern dieser Verpitbullungs-Hypothese.

Die linke Position verneint Orientierungshaltungen, die mit geltungssicherer Maßgeblichkeit begründet werden. Besseres Wissen, Schuld oder Unschuld, Verantwortung oder Systemübermacht, insbesondere die Maßgeblichkeit einer kleinen Schicht, anstatt eines plebiszitären Politiksystems sozialdemokratischer Ausrichtung, entspricht dem Menschenbild der Linken nicht. Deshalb gehörten das Toleranzprinzip und die Fühlung ursprünglich zu den "Idealen" der linken Position.

Aus der linken Position geworden sind im Privaten "die zynische Vernunft", der Missbrauch von Toleranz, die Vortäuschung von Leistung und Erfolg der Anmaßenden und Leistungsschwachen, Ausflüchte aus Verantwortung und Schuld. Oder mit dem klassischen Beispiel Sloterdijks für zynische Vernunft des Kleinbürgers und seiner Hausratsversicherung: nicht nur der Papst trinkt heimlich Wein und predigt öffentlich Wasser, sondern jeder tuts. Kurz gesagt, die Linken von ehedem surfen privat und als Private ebenso in der staatlichen Bürokratie oder in der marktlichen Wirtschaft im Multirollenspiel eines "Schwarze-Peter-Spiels", das hier als VerJensGiebelung des Privaten, dort als Verpitbullung der Amtsstuben oder als Verhamburgerung des Marktes erscheint und noch näher dargelegt werden müsste, wenngleich jeder Tagelöhner längst verstanden hat. Insgesamt muss diese kulturelle Erscheinung als "linker Mob" bezeichnet werden, zu dem dann beispielsweise sowohl der öffentliche Auskunftsverweigerer und kreative Kassenführer Dr. Helmut Kohl wie auch der ARD-Redakteur Wickert gehören, wie auch der kleine Versicherungsbetrüger, Urkundenfälscher oder falsche Zeugnisse ablegende oder wahre Bezeugungen verweigernde, Vergessliche, für die die goldene Regel als wertlos gilt.

Die rechte Position ist einfacher. Sie ist auf wissenschaftlichem Niveau z. B. die naturwissenschaftliche, die materialistische, positive und als solche wesentlich maßgeblich für unsere abendländische Kultur, die sich selbst als "rational" ansieht, gerade aber in diesem Punkte blind ist für die eigene Irrationalität. In jedem Fall ist die naturwissenschaftliche rational-irrationale Orientierung eine der durchgreifenden Gestaltungskräfte der modernen Kultur.

Rechter Mob

Ebenfalls problematisch und Gegenstand dieser Überlegung ist aber der Lynchmob. Beim Lynchmob handelt es sich um die rechte Position in der unvollwertigen individuellen Ausprägung. Dieser Pseudo-Rechte glaubt an sein besseres Wissen, glaubt daran rechts zu stehen, muss aber als dumm, nicht als rechts beurteilt werden. Er glaubt an Schuld und Unschuld, an Eigenverantwortung und Vollkommenheit, verfügt aber über solche gar nicht. Der Pseudo-Rechte verhält sich intolerant, wenn er glaubt, dass Toleranz missbraucht wird. Er urteilt nach Schuld und Unschuld, nach Ordnung und Unordnung, soweit seine Kenntnisse es ihm erlauben. Dabei kommt es zu Hilfsorientierungen, wie Vorurteil, Stereotyp, Sündenbock, Fremdenfeindlichkeit sowie oft Feigheit, bereitwillige Majoritätsunterwerfung und Minoritätsunterdrückung.

Im wiedervereinten Deutschland von heute ist nun die Fühlung von Orientierungsdruck und die sittliche Führungslosigkeit so groß, dass sowohl das erfolgsorientierte Surfen, einschließlich des beliebigen Missbrauchs von Toleranz und des Drückens vor Verantwortung und Schuld, zumindest im privaten Alltagsleben, vollkommen üblich sind und akzeptiert werden. Oligarchien, Mafia, Mob und Rücksichtslosigkeit haben inzwischen die Sprachspiele der Bürokraten und Politiker wie auch des Marktes erreicht; da heißt es bürokratisch "Spielregeln einhalten" oder "Gesellschaftsspiel" (umgekehrt auch "Nestbeschmutzer") oder im Markt amerikanisiert es mit "to play the game", "if you make it, do it with a lawyer" oder einfach "to make it" und im Privaten: "A family who prays together, stays together."

Hier setzt nun der pseudo-rechte Mob an, wenn er seine Einschätzungen an Volksgemeinschaft, Heil und Volksgesundheit gegen die "bösen" "fremden" Mächte wendet. Wenn der Staat sein Machtmonopol und seine Pflicht, für Recht und Ordnung zu sorgen, so vernachlässigt, dass die VerJensgiebelung im Privaten alle anderen Bereiche durchzieht, weil man immer häufiger aus dem Rathaus dümmer wieder herauskommt, als man hineingegangen war, dass Verfahren verschleppt und Behördenwillkür bereits überall vermutet wird, und so ein erfundenes Wort, wie die Verpitbullung der Amtsstuben, sofort jedermann einleuchtet, ohne dass erklärt wurde, was es bedeuten soll. Angesichts dieser allgemeinen Führungs- und Fühlungslosigkeit sind keine anspruchsvollen Verführungsstrategien erforderlich, den pseudo-rechten Mob zum Lynchmob werden zu lassen. Der pseudo-rechte Lynchmob sagt: Zecken sind böse, die müssen weg, und greift zum Baseball-Schläger. Allerdings - ohne Gewalttätigkeit und Gewaltbereitschaft bleiben alle diese Schlussfolgerungen reine Hirngespinste, reine Metaphysik der unentgeltlichsten Art, und der Griff zum Baseballschläger führte nur zum Baseballspiel. Symbolhandlungen aber, auf derart aufgeladenem Szenarium, sind zwar nicht unverständlich, da es sich links wie rechts um ein bekanntermaßen massenhaftes Mob-Aufkommen handelt, doch ohne die Gewalttätigkeit wären sie nichts. Es dürften folgende Fragen in Betracht kommen und sind nicht zu tabuisieren:

  • Nazis waren Mob. Wo waren die Nazis vor 1933? Und wo sind sie nach 1945 geblieben? Was kennzeichnet Nazis?
  • Was ist mit Kulturphänomenen wie Mafia, Camorra, Cosanostra, Mob, Oligarchien in Deutschland?
  • Werden Verhaltensziele der Selbstaufklärung zur Sprache und zur Abstimmung gebracht, die der Freiheit des Individuums - als kleinster gesellschaftlicher Einheit - eine neue Chance gibt?
  • Wird diesem emanzipierten Individuum eine Institutionskultur entgegengesetzt, die - anders als heute, wo Missbrauch und Verschleierung und das Gespenst von Oligarchien organisationspolitisch (Stichwort: Stiftungskampagne/NRO) verstärkt wird - nach klaren bürokratischen Kriterien rechtsstaatlich und praktisch justiziabel kontrolliert und gesteuert werden kann, damit der dynamische selbststeuernde menschliche Kern des Gemeinwesens, die Einzelperson, zur besseren Entfaltung kommen könnte und nicht Lynchmob, sondern Toleranz und Zuwendung den Ton angeben?
  • Wer will das? Wem nützt und schadet es?


Fühlung ohne Führung macht Mob

Wir müssen dieses Thema zulassen - die Fragen nach Führung, Fühlung, Entstellung und Zersetzung, wenn wir Menschlichkeit abstimmen wollen.

Wir sollten die VerJensGiebelung im Privaten, die Verpitbullung der Amtsstuben und die Verhamburgerung im Wirtschaftsleben nicht durch sprachliche Fassung vertrösten und unterschätzen. Welches wären die interessanten Qualitätsunterschiede zwischen einem Kölschen Klüngel und der NSDAP von 1942 etwa, Unterschiede einer internationalen Rotarier-Vereinigung zum KGB, Mossad oder CIA? Was unterscheidet den Alltag des BND von der vollkommen unterwanderten und sozial zersetzten DDR? - Es sind Fragen nach Nuancen und Genauigkeit.

Wann steht auf der Juristentagung oder auf der Innenministerkonferenz ein Referat von Dietmar Moews auf dem Plan? Der die Problematik aufruft, ob es seitlich oder oberhalb der juristischen Jurisprudenz auch eine politische Jurisprudenz geben muss, die normativ eine sittliche, eine kultivierte, eine sehnsuchtsschöpfende zu sein hätte - etwa dem Würde-Postulat im Grundgesetz entsprechend, für die jeder Jurist in seinen Amtshandlungen nach den Regeln seiner Kunst zur Pflichterfüllung und Verantwortlichkeit gerufen wäre bzw. zu rufen ist? - Also mit Blick auf die rechtspflegerischen Aufgaben. Denn was hieße sonst Zersetzung, Entstellung, mit Blick auf Führung und Lebensspielraum, Bürgerkrieg oder Polizeistaat, als: Keine Freiheit den Feinden der Freiheit? Und zwar immer mit der Fühlung als Funktion von Führung. Diese professionelle Führung hat die Pflicht, einen Bildungsauftrag zu organisieren, der die Vollwertigkeit der Individuen anzustreben hat, also mit der Pflicht der Berufsorganisatoren zwischen PR und Kommunikation Sprachspiele angängiger Art öffentlich zu klären und nicht nachzulassen, bis das öffentliche Kommunikations- und Medienspiel vernünftiger und verständiger ablaufen kann, als es das heute tut. Das geht nur durch Aufklärung der Selbsterleichterungs- und Selbstverdampfungsindustrie von heute.

Moral im fragwürdigen Beispiel

Was hat die Neue Heimat gekonnt? Was Johannes Rau und seine NRW-Regierung? Freiflüge für alle, freie Fahrt für Süßmuth und Soziologe Erwin K. Scheuch verlässt die CDU - Rauball wird Innen- und Justizminister - es lebe die Gewaltenteilung, was machten Dr. Helmut Kohl und das kreative CDU-Kassenwesen von Flick-blackout bis Schwarzgeld-Akquise und -Ausgabe? Was ist mit dem Papst, der seine Tochter schwängert, der heimlich Wein trinkt und öffentlich Wasser predigte? Jahrhunderte der Herabwürdigung: der Kirche, des CIA, der CDU, des DFB, der Deutschen Bank, United Fruit usw. Vermutlich wird die Verbullung erst verpuffen, wenn gesellschaftliche Signale der Inspiration, des Staunens, der Sehnsucht und der Stimulation und Motivation einer philanthropischen Lebensweise von den Peers verkörpert und frei und tolerant im Munde geführt werden. Denn, wohl kann das Grundgesetz in seinen Konkretionen wie in seinen Spielräumen als Vorgabe für grundrechtsorientierte Politik ausreichen, doch die Menschen schaffen es offenbar sozio-kulturell und politisch nicht, moralisch wie zweckrational diese Spielräume mit zivilem Leben auszufüllen. Jedenfalls sind die Zeichen der Zersetzung und der Unregelmäßigkeit wie der absteigenden Entwicklung, zwischen cool und Kälte, inzwischen zum Leitstil avanciert und haben dem christlichen Abendland eine neue Variante der Pseudo-Aufklärung gebracht. Medienleute, die meinen, sie seien nur Hanseln, sie könnten nicht gegen ihre linke Gruppenhaltung arbeiten, Verantwortung mache sie arbeitslos, können nicht als Sittenmaßstab für die gelebten und täglich neuabzustimmenden Inhalte z. B. des Grundgesetzes gelten, wie es jeder selberdenkend zu tun hätte. Dabei wird nicht überhöht, was selbstverständlich zu sein hat.

Insgesamt stellen wir fest, wie problematisch es ist, bis aufs Wirtschaftsmanagement, Führung und Fühlung zu tabuisieren, damit Menschen sich sozial entfalten, die stattdessen misanthropisch zerknüllt zu werden und als Beispiel angemessen, also medienadäquat, zu erläutern wären.

Aus diesen Erwägungen heraus wäre die Diagnose nicht eine weitere Schleimspur von Sprachregelung, wie das ominöse "Neoliberalismus", das nichts anderes bezweckt, als wieder nur "Schuld haben die bösen anderen" auszurufen oder das ewige Neid-Resentiment der Herr-und-Knecht-Marxisten. Sondern vor den eigenen Beliebigkeitstüren zwischen cool und Kälte wäre zu kehren - soll z. B. heissen: Ein öffentlicher Mandatsträger ist moralisch verpflichtet, er muss seine Vorbildrolle annehmen und versuchen auszufüllen, weil er eine Vorbildfunktion innehat, ob er will oder nicht. Denn diese Vorbildfunktion ist als Funktion der Gesellschaft eine zugewiesene und nicht selbsterwählt oder selbstbestimmt oder selbstbestimmbar. Die Vorbildperson ist insofern Kulturträger im Intimen, im Privaten, im Marktlichen, im Amtlichen, im Öffentlichen, in jedem Umstand, der die private Intimität verlässt oder verlassen kann. Ein Geheimnis kennt niemand - wohl wahr. Doch alles, was kein Geheimnis ist, ist der Vorbildlichkeit zu unterstellen. Wem das misslingt, wie dem verfassungsuntreuen Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl, der seine Pflicht, die Finanzierung und die Finanzmittelverwendung seiner Partei auszuweisen, erheblich - d.h. über die gesamte Dauer seines hohen Amtes - verfehlt hat, genügt dem Kulturträgerprinzip so wenig wie der Manager einer Bank, der gute Bilanzen vorlegen kann, aber der Bank selbst Geld gestohlen hat - man wird ihn nicht als Privatbankier feiern. Oder wie der Fußballtrainer, der Nationaltrainer werden wollte, wenn er Straftaten beging und diese noch in seiner eigenen Gruppe sowie einem gerichtsmedizinischen Institut bezeugen ließ.

Zusammengefasst

Wir haben uns folgenden Erkenntnissen zu stellen: Unser Wissen, Tun und Hoffen ist der Einsicht anzuschließen, dass wir individuell wie kollektiv ein erhebliches Maß an Beliebigkeit praktizieren, wenn wir uns anscheinend zweckrational orientieren, sodass wir weder unsere Beliebigkeit noch die darin steckende wesentlich irrationale Norm erkennen. Selbstwertgefühl und Selbstverständnis hängen zusammen. Fehlorientierungen sorgen für Aggressivität. Bei angängiger pseudo-rechter Gewalttätigkeit, insbesondere dem Lynchmob, handelt es sich um eine rechte Mobambition. Allerdings fehlt das Maßgeblichkeit rechtfertigende bessere Wissen. Hier ist ein falsches Selbstbewusstsein, das glaubt irrtümlich, besser zu wissen, rührt aber von geistiger Begrenztheit und sozio-kultureller Desorientierung. Diese - so gesehen - Pseudo-Rechte-Gruppe ist der zu organisierenden Bildung, gezielter Führung samt Fühlung, mit dem Ziel einerseits der Domestikation und andererseits der Entfaltung der Individuen zu vollwertigen zivilisierten Mitmenschen als Citoyens in Deutschland anvertraut. Hierfür ist wiederum ein besseres maßgebliches - in diesem Fall - bildungsorganisatorisches Wissen und Handeln gefordert.

Angängige Argumentation sieht - neben der Beliebigkeitsnorm für pseudo-rechte Gewalt - den linken Legitimationsmob als soziale Erklärungsnorm für das misanthropische Gewaltklima. Bei Schwer- oder Unaufklärbarkeit der gerade deshalb führungsbedürftigen pseudo-rechten Schläger ist zumindest der linke Mob über seine eigene Verantwortungslosigkeit und den Führungsbedarf aufzuklären, statt sich mit entlastenden Sprachregelungen zu trösten: Keine Freiheit den Feinden der Freiheit, von Vollwertigkeit und Verantwortung.

Eine hier anschließbare Gesellschaftstheorie der Moral stellt die individuelle geistige Höhe und sittliche Ausgereiftheit des Selberdenkenden vor die Aufgabe, das Mögliche zu ermöglichen, es aber keinesfalls durch falsche soziale Zurückhaltung unmöglich zu machen.
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