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neue sinnlichkeit
Kinderseiten der Epoche
Leicht unmoralischere Sünde (Erleichterung)
von Dietmar Moews


Leicht zu loben sind Menschen, die tun, was man tun muss. Wir nennen es anständig; oder zur Öffentlichkeit hin gebrauchen wir dafür Worte, wie Moral, oder, wenns gar nicht kleiner geht, redet man sogar von Ethik. Hauptsache man kann sich verständigen; ist es dem Dörflein Eldorado nicht unähnlich, wo die Kinder auf der Straße mit Goldklumpen statt mit Kieselsteinen spielten; aber das Gold ist dort nichts wert, wie in Deutschland dem Eldorado der Bücher. Man bewundert den Gedankenreichtum, der sich darin befindet - jedes Kind liest laut und leise Bücher, aber mit dem Geist den die Dichter hineingedichtet haben verhält es sich wie mit dem wertlosen Gold von Eldorado, er hilft weder den Sprudelköpfen zu tun, was man tun muss, noch erlangen sie durch Bücherlesen ethisch zu nennendes Bewusstsein.

Und so wird es den Menschen auch sehr leicht, in Eifer zu geraten, wenn sie über Sünden sprechen, die ihnen kein Vergnügen machen würden. Auf diesem Wege kommt die Natur der menschlichen Natur verwechselbar nahe, und man rühmt jene naive, vom erwerbsmäßigen Geheimagent Heinrich Heine aufgeworfene, Frage: Was gehn Ihnen die grünen Bäume an?

Überall, wo er unwahre Naturempfindung und dergleichen grüne Lügen ertappt, meint Heine: Einst war die Welt ganz, im Altertum und im Mittelalter, trotz der äußeren Kämpfe gabs doch noch immer eine Welteinheit; aber jede heutige Nachahmung ihrer Ganzheit ist eine Lüge, eine Lüge, die jedes gesunde Auge durchschaut, und die dem Hohne dann nicht entgeht. Vor jenen Ganzheitsdichtern und erlogenen Gründlichkeiten, den zarten Naturgefühlen, die da, wie frisches Heu entgegendufteten, drohen arme, hinlänglich zerrissene Herzen von heute fast vor Lachen zu bersten, gegenüber der verklärten Frage: Was gehn Ihnen die grünen Bäume an?

Ja was ist es, das den Lebensfrohen von heute die Herzen so verdorben hat, dass sie die Natur nur sehen, ja sogar schildern, aber nicht von ihr beseligt werden können. Und man ahnt die Antwort, wenn statt herabhängender Ranken heraufgezogener Weinstöcke grüne Haare in lockiger Fülle in die Augen fallen: Ich habe die Natur in ihrer keuschen Nacktheit belauscht und wurde deshalb, wie Aktäon, von ihren Hunden zerrissen: Ach lass Dir das Lallen der Unschuld gefallen: Was gehn Ihnen die grünen Bäume an?

So müsste man wohl meinen, die Zeit braucht manchmal etwas Zeit, um kecke Fragen zu beantworten. Doch Fragen und Antworten, die leicht keinen Spaß machen, sind Sünden. Kecke Dichterfragen dagegen und Dichterantworten sind gottvolle Zeitlügen. Und Gott ist auch nur so weit tot, wie Mensch, doch diese Liebe möchte' ich nie besiegen, wo selig Engel sich an Engel schmiegen.

Heines Ethik zerrissener Natur wirkt inmitten Digitalisierung und Zerteilung der Teile in noch mehr Teile und noch mehr Ethik, wie ein matter Abklatsch derjenigen im Eldorado der Gedanken, die nicht wissen, was sie tun müssen: den Zusammenhang denken.
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