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neue sinnlichkeit
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Qualitätsrätsel





"Im Lauf der Jahre verbesserte ich meine Art zu schreiben. Ich arbeitete Süßkinds "Sprachschule" durch, trieb stilistische Studien... Eindruck machte eine Kontroverse, die ich in der Zeitschrift "Merkur" mit Adorno ausfocht. Natürlich ließ mich der große Säulenheilige seine Herablassung in die Tiefen de Jazz - und in meine Tiefen - mit müder Geste spüren. Aber die Leser spürten das auch, und das schlug für mich zu Buche.

Erst hinterher bekam ich heraus, warum Adorno zeitlebens so wütend auf Jazz war: weil er als Student in Berlin Anfang der zwanziger Jahre als Jazzpianist hatte ein Zubrot verdienen wollen und damit so völlig erfolglos gewesen war. Damals hatte er die Identität von Jazz und populärer Musik so verinnerlicht, dass er, der sorgfältig hinhörende Musikwissenschaftler, zeit seines Lebens nicht bemerkt hat, dass sich die beiden in ziemlich verschiedene Richtungen entwickelt haben.

Nicht einmal in den USA hat er es bemerkt, und die Tatsache, dass er dort - in dem Land, das er für das "Land des Jazz" hielt - so wenig akzeptiert wurde, trug noch zu seiner Antipathie bei. Man muss das deutlich sehen: Jede von Adornos Jazzattacken nach der Mitte der dreißiger Jahre war auch eine Attacke auf Amerika."

"Wird vielleicht auch diesmal wieder die Musikwissenschaft die letzte sein, die den Wandel der Paradigmata erkennt, berücksichtigt auf sich anwendet -?

Ich nehme sie als erstarrt wahr. Fast nichts bewegt sich. Seit Adornos "Philosophie der Neuen Musik" - etwa 1960 - keine wesentlich neue Idee! Alle anderen Wissenschaften haben in den letzten 35 Jahren Perioden intensivster Lebendigkeit und umwälzender Neuerungen erarbeitet und durchlebt. Nicht so die Musikwissenschaft.

Es gibt eine große Gruppe moderner Musikwissenschaftler, die sich auf Adorno beziehen, als wiese dies ihre Wissenschaftlichkeit aus. Diese Bezogenheit ist um so irreführender, als seine Prognosen falsifiziert sind. Nichts, was Adorno über den Fortgang der musikalischen Entwicklung prophezeit - und sehnlichst gewünscht! - hat, ist eingetreten. Die heutige kompositorische Praxis bewegt sich, bis auf wenige Ausnahmen, diametral entgegengesetzt zu seinen Voraussagen.

Indiz ist die Sprache - der von Hegel und Marx herkommende, wesentlich von Adorno gebildete Jargon der Frankfurter Schule. Er hat das Denken und Schreiben von Generationen von Musikwissenschaftlern und Soziologen verwüstet. Eine Sprache - um sie zu paraphrasieren -, die die Sinnlichkeit von Musik widerruft; von ihr kann sie nicht handeln - selbst dann nicht, wenn ihre Aussagen sachlich richtig zu sein scheinen.

Kein Zweifel, Adorno hat diese Sprache meisterhaft beherrscht. Die, denen sie zum Jargon geworden ist, beherrschen sie nicht. Oft wendet sich das, was sie sagen und schreiben, in sich selber zurück. Wenn man es in einfache Sätze bannt, werden Pleonasmen daraus - "weiße Schimmel". Die Gespreiztheit der Sprache verschleiert, dass denkerisch und erkenntnismäßig zu wenig passiert. Die Soziologie, noch vor wenigen Jahren eine blühende Disziplin, ist darüber eine sterbende Wissenschaft geworden. Die Gefahr besteht, dass Adornosches Sprechen und Denken auch die Musikwissenschaft erstickt. Ein adorno ist in der Sprache des spanischen Stierkampfes eine geschickte, "verzierende" Täuschbewegung.

Die durch Adorno Mode gewordene Sprache entzieht den, der sie schreibt, liest und - oft mit Recht - für wahr hält, den Konsequenzen dessen, was sie besagt. Sie hebt Schreibenden und gelebt wird - in genau dem Sinne, in dem sich Adorno entzog, als seine StudentInnen bei den Verstehenden auf ein Podest, das nicht steht, wo Protesten und Demonstrationen in Frankfurt 1967/68 selbstverständlich davon ausgingen: Er ist einer der Unseren - und er sich als eben dies versagte. Der Protest, mit dem sie ihn daraufhin bedachten, war einer der klügsten, geistreichsten, genauesten und liebenswürdigsten, die es je gab: Die Studentinnen entblößten die Brüste. Hätte der kluge Mann ihre Botschaft verstanden und damals an sich und in sich (der Zeitpunkt war ja geeignet) die Diskrepanz zwischen Lehre und Leben erfahren - mit jener Wahrhaftigkeit und Konsequenz, die er bei Webern gelernt hatte und an ihm pries -, er wäre verstummt.

Das ist meine These: Weite Zweige der modernen Musikwissenschaft verstellen Musik. Ihre Aufgabe wäre das Gegenteil.
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