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neue sinnlichkeit
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Malerworte
von Dietmar Moews


Freilich, seh ich einen Leichenwagen eine Leich zum Kirchhof fahren, sag' ich mir, das muss es geben, alle Leute wollen leben - ernähren sich die Funktionäre des Staatskunstgeldes als Drohnen- pack und Salonpersonnage, lieben ihre Familien wie jeder ganz normale Mob.

Dies ist Willkür durch Willkür. Hier ist wohl auch Idolzertrümmerung notwendig und qualitative Idolbildung wünschenswert. Dafür schreibe ich hier und bitte, weiterzulesen und auch zurückzufragen. Reden ist menschlich.

Doch inzwischen verharren wir als Kulturpolitik-Kritiker an diesem Punkt schon viel zu lange. Die Staatssäckel sind geschrumpft. Das Publiklo schaut derweil die alten Meister und die populär- kulturellen Verständlichkeiten, die als kulturindustrielle Massenprodukte auch privat bezahlbar sind: Raphael Sanzios Putten gedruckt, im Rahmen für neun Mark fuffzich, I feel lonely-CD von Sascha oder Mozarts Kleine Nachtmusik für nur 7 Mark per Internet heruntergeholt. Das funktioniert auf Wunsch - darüber muss man mit keinem Kulturfunktionär öffentlich diskutieren.

Freiheit und Willkür sind also nachzuvollziehende Qualitätsmesser. Ob aber der einzelne persönliche Kunstrichter hierüber Nachweis führen kann, wenn er seine Urteile zur Sprache bringt, ist in jedem Fall in Betracht zu ziehen, und welchen Freiheitsbegriff er dabei vertritt, Urteile und Sprache kulturell zu strukturieren und welche Willkür, die vielleicht nur seinem persönlichen Fortkommen dienen soll. Verständliche nachvollziehbare Urteile sind unerlässlich, selbst, wenn Urteile oft nur für ein Aufblitzen von Wahrheit gelten sollen und als flüchtige blonde Ephemen demnächst grauhaarig oder angeglatzt ständig erneut nach Urteilen rufen. Auch bleibende Qualitätstatsachen, wie Kunstwerke, unterliegen - abgesehen von inkonstanten subjektiven Bezugnahmen - schwankender Wertschätzung im Kunsterlebnis seines und seiner Konsumenten. Dabei treten Publika zwar im Kollektiv auf, haben aber mangels Abstimmung und gruppeninterner Kommunikation hauptsächlich individual-persönliche Einstellungen und Wertwandlungen. Schließlich wissen wir, auch konstantes Material ändert seine Wirkungen innerhalb der Lebenszusammenhänge und praktischen Werte im Gebrauchs- und auch Tauschwert, ähnlich, wie das Glas Wasser in der Wüste oder am Quellbach.

Will der Künstler seinem Kunden Schönheit geben, muss er auf Fühlung gehen. Genau hier liegt der Irrtum der Moderne, in der Verwechslung, dass die kulturindustrielle Kunstproduktion billiger und deshalb massenhaft liefern kann, jedoch nicht in menschlicher Fühlung gestalten kann. Die Maschine reproduziert nur.

Wenn also Warhol sagt (unwichtig, dass der als Mann des vergangenen Jahrhunderts bereits tot ist, denn er wird noch heute meinungsführend zitiert): "Ich male in dieser Art, weil ich eine Maschine sein möchte...", dann bedeutet sein berühmtes Diktum doch nur ein verqueres Missverständnis der linken Position der Widerspiegelung. Eine Maschine tut, was sie muss, sie ist kein Sinnbild für den ideal produzierenden Menschen der modernen Konsumgesellschaft, wie es Warhol glaubte, sondern es ist das Sinnbild für den ideal reproduzierenden Moloch, wenn die Maschine die Ästhetik übernimmt und nicht die produzierende Hand eines Künstler. Hier hat die Kulturindustrie das handwerkliche Verhältnis von Hand und Technik, von Sinn und Form, abgelöst. Alles Subjektive, die künstlerische Autorenschaft, ist damit nicht wertlos, sondern als Wertverlust abgeschafft. Und nicht nur bei Warhol, bei allen West-Kunst-Gemanageten amerikanischen Künstlern seiner Generation von Pollock bis Rothko verliert das Subjekt an Bedeutung. Benötigt wird nur noch das künstlerische Produkt. Das Produkt - oder der Schein - genügt hiernach angeblich den ästhetischen Bedürfnissen der Gesellschaft. Doch das bedeutungslosere Subjekt als Pseudokünstler verliert natürlich nicht an Bedeutung. Sondern die Kunst in Form solcher maschinisierten Artefakte und deren Kanonisierung als die maßgebliche haben die Kunst ins Abseits der Abwertung unter Menschen gebracht.

Was sind diese Maschinen-outputs im Vergleich zur großen Kunst? Ein Irrtum und ein Fliegenschiss. Folgerichtig meinte Warhol dazu: "...es gäbe keinen Grund, Kunst zu produzieren; die amerikanische Kunst seit den Sechzigern bedeutet das Ende des Geniekults; Helden sind in der Werbung zu finden, Genies seien die großen Konzerne; an die Stelle des Individuums tritt der Konsument. Kunst müsse keine Antworten geben, der Künstler selbst sei frei von einem alten Rollenspiel: Entpersönlichung als Selbstbefreiung". Natürlich ist dies nur die schiefe Lage eines Narzisten, der zwar seinen eigenen Genieverdacht nicht lassen mochte, auch wenn er sich vom Leistungsdruck, Geniewerke zu schaffen, aber mangels Begabung nicht schaffen zu können, hier seine Kurve gekratzt hat: Warhol als Salonpersonnage zur selbstbefreiende Entpersönlichung. Eigentlich ist das ganz einfach zu kapieren: Die Maschine ist kein Mensch, Maschinenarbeit ist keine sinnliche Werktechnik. Ein Maschinenarbeiter oder Operateur ist kein Künstler. Man kann zwar die Maschine anbeten, allein dieser Glaube versetzt keine Berge, weil ihm der spielende Geist fehlt, den jedes Kunstwerk hat.

Es zeigt, Änderung und Wandel sind möglich, und im Sozialen ja gelegentlich sogar grundlegend. Nicht so im Verhältnis zwischen Mensch und Werkzeug. Wo mechanisiert, standardisiert und beschleunigt wird, tritt der Künstler zurück, und die Kalkulation übernimmt Sinn und Form. Dabei wird meisterliches Handwerk immer seinen sinnlichen Rang als oberster Orientierungsmaßstab, von Generation zu Generation neu, freiwillig und auch unorganisiert, eingeräumt bekommen. Talent und Können und Demut vor den Aufgaben sind unsere Versicherung; das ist noch auch ein ewiger Wert und Trost für alle Kunsttalente:

Schafft handwerkliche Meisterwerke, und Euer Erfolg wird selbst unter schwierigen Marketingbedingungen kommen. Man beginnt mit dem kleinen Naturalientausch unter Freunden und Bekannten. Da hat man eine ideale Wertkontrolle seiner Leistung, in dem man sieht, was der Kunde und Tauschpartner bereit ist, von sich aus zu opfern und herzugeben. Der sinnliche Tauschwert ist ein Maßstab blankester Wertschätzung. Und auch wenn Madame vom hübschen Künstler kauft - nichts dagegen, klar und gültig. Für Rahmen und Möbel wird noch weit mehr ausgegeben als für bonhomme.
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