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DIETMAR MOEWS'
LEXIKON DES KUNSTWESENS
KÜNSTLERTYPOLOGIEN



Künstlertypologien, K Die K kategorisiert typologische Festlegungen, die durch klar abgegrenzte Definitionen strukturale Bedingungen der unterschiedlichen Kunstproduzentenrollen klassifizieren.

Beachtlich für K ist das Rollenwechselspiel und die sehr variante Rollendistanz der rollentragenden Individuen, ihre Inkonstanz in Aktivität und Aktionsrichtungen, einschließlich der Motivationswechsel, die in einer Person nichtvereinbarbaren Mehrfachinteressen, die sehr vielfältig gelagerte typenübergreifende Wirklichkeit. Die Vielfalt der Eigenschaften und Interessenlagen der Künstler in Merkmalsgruppen geordnet, ist durch mangelnde Homogenität der Künstlertypen, der Heterogenität der Künstler und den unzähligen Einzelfälle aussagegeschwächt. Die staatlich normierte organisierte Kunst-Förderung (OKF) integriert nach rechtsstaatlich-justitiabelen, fachlich-professionellen, vereinheitlichenden Kriterien variant bis beliebig.

Die K erfasst die Bild-Kunst-Produzenten qualitativ und quantitativ nach förderungsempfangsspezifischen und berufspolitischen Aspekten. Zugrundegelegte Zahlen und Daten sind insgesamt "weich", insbesondere diejenige, überwiegende Anzahl der Künstler (Produzenten), die nicht Mitglieder in einem Verband (intermediäre Kunst-Förderungs-System: IKFS) sind. Bei ungenauen Abgrenzungspraktiken sind kaum genauere Zahlen über Empfänger und Zuwendungsumfänge zu ermitteln, weil definitiv für sogenannte Förderungen, Subventionen, Investitionen, Staatsnachfrage, Kunstindienstnahme, Subventionierung der Kirchen, Wirtschaftsförderung, Kunstwirtschaftsförderung, Medienförderung, Forschungsförderung, erhebliche Mittel fließen oder durch fiskal- und rechtspolitische Rahmenbedingungen Umsätze gesteuert werden, die nicht von den Wirke- und Kontrollkreisen der OKF selbst ausgehen.

Die K berücksichtigt sämtliche empirisch auffindbaren und normativ einzuschließenden Mitglieder, auch ausländische, in der Bundesrepublik arbeitende sowie alle an bundes- deutschen Kunsthochschulen zu freien Künstlern - Malern, Bildhauern usw. - Ausgebildeten, die, auch ohne Berufs- oder Erwerbskünstlerstatus, von der organisierten konkreten Förderung weitgehend ausgegrenzt leben, aber ebenfalls OKF-reguliert arbeiten.

Die (weiche) Anzahl von ca. 100.000 autonomen echten und unechten Künstlern (1990), die dem gesellschaftlichen Kunstprozess und der organisierten Förderung zuzuordnen sind, weil sie nachgewiesen empirisch an der OKF teilnehmen, rekrutiert sich in der K wie folgt:

Typ A: z.B. hauptberuflicher Kulturdezernent/Referent oder Kulturamtsleiter als Künstlervereinsvorsitzender, z.B. Kunsterzieher oder Journalist als Museumsdirektor oder Museumsdirektor als Künstlerverbandsvorsitzender oder z.B. Jurist als Kunsthochschulpräsident. Es handelt sich hier um ca. 1.000 Personen mit Multi-Mitgliedschaft in Verbänden, Parteien und anderen Intermediären Kunst-Förderungs-Systemen, die sich als professionelle Funktionäre oder Bürokraten über Vermittlungsförderung, neue Arbeitsfelder; Sozio-Kultur und ähnliche, in die Sphäre der Produzenten einschleichen konnten. Sie bilden den Kern der informellen Interessengruppe, die in der heutigen OKF als neue Salonpersonnage definiert wurde und die das Modell Folgeförderung praktiziert.

Typ B: Künstler, die namentlich sozio-kulturelle Nutzniesser des organisierten Förderungs-Systems sind. Es gibt ca. 2.500 staatliche, intermediäre und privatwirtschaftliche direkte Künstlerförderungen, Preise, Stipendien, Ausstellungsbeteiligungen sowie Druckkosten-Zuschüsse usw. nach dem Modell Folgeförderung. Ein erweiterter Kreis von weiteren 2.500 Personen wird fakultativ bedacht und domestiziert. Letztere können sich nicht auf das personelle Geförderten-Netz verlassen, verhalten sich aber in Erwartung des Gewünschten angepasst und bilden einen Legitimations-Kordon für die Salonpersonnage-Praktiken gegenüber der gesellschaftlichen (Nichtkunst-)Öffentlichkeit. Entscheidend für diesen Typ sind nicht Kunstqualität, Berufsstatus, Verbandsmitgliedschaft, KSV, u.a., sondern der effiziente persönliche Anschluss an Typ A.

Typ C: Organisierte Künstler in Künstlerverbänden (den intermediären Kunstförderungs-Organisationen): Deutscher Künstlerbund (DKB), 500 - 600 Mitglieder; Bundesverband Bildender Künstler (BBK), 8 -10.000 Mitglieder; IG-Medien, Fachgruppe Kunst, VG-Bild-Kunst, GEDOK / Künstlerinnen, u.a., insgesamt ca.12.000 Mitglieder (mitteilweiser Mehrfachmitgliedschaft). Diese Künstler sind zwar dem intermediären Kunstförderungs-System angeschlossen, aber weitgehend klientelisiert; das System lässt sich heute von ihnen tatsächlich weder gebrauchen noch angreifen.

Typ D: Künstler mit Künstler-Berufsstatus und mindestens 5.400 DM (1990) Wirtschaftsertrag (for-profit): 16.358 Personen (1989) Mitglieder in der Künstler-Sozial-Versicherung (KSV), davon ca. 7 - 10.000 auch Typ C, aber wenig Typ A und Typ B.

Typ E: Nichtorganisierte / informelle Künstler (non-profit), ca. 85.000 Personen ohne wesentlichen Anschluss an die Typen A, B, C oder D. Es sind alle staatlich Ausgebildeten und Autodidakten, die am Förderungs-System ohne Erfolg abgeprallt, keine Förderung erhalten, aber auch sozio-politisch vom Kunstförderungserlebnis und ihrem eigenen Berufs- und Arbeitsfeld, dem sie unterworfen sind, abgeschnitten arbeiten.

Typ F: Die großen (for-profit) Namen in Kunstmarkt, Kunstförder-Betrieb und Medienöffentlichkeit. Sie nehmen, was sie bekommen, können, beteiligen sich aber nicht aktiv am sozio-politischen Prozess der intermediären Kunstförderungs-Organisationen.
Es sind ca. 100 Beste und ca. 1.000 berühmte Professoren (Beamte, staatliche Angestellte), mit Anschluss an die Typen A, B und fakultativ an C und D; sie besorgen dem System Legitimation. Fragt man die Künstler, so wünschen diese hauptsächlich Künstlerfinanzierung und Wertschätzung.
Die Künstler der K finden sich inmitten einer prozessuralen Totalität, die wir Kultur nennen, deren inneren Möglichkeiten wohl unorganisierbar sein mögen, weshalb sich die Organisation ihrer Förderung auf nachvollziehbar planbare und überprüfbare strukturale Vorkehrungen zu beschränken hat, will sie normgerecht ausgelegt sein.
Demgegenüber veranschaulichen diverse Interessenkonstellationen oder die Interessenkonstellation der Künstler-Gruppe die Spannung zur breiten Vielfalt des empirischen Produktionsbereichs, ungeachtet dessen, ob sie persönlich Mitglied in einem IKFS den sozio-künstlerischen oder in kunstrelevanten Institutionen sind oder nicht.
Die Kunstproduzenten der K, die Kunstproduktion und insbesondere die ökonomische Ressourcenschwäche der Nichtprofit-Kunst sind durch vielfältige Ambitionen und heterogene, teilweise wechselnde Merkmale und Interessen gekennzeichnet. Die Grundrechtspostulate von Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung werden durch solche Organisation geschränkt. Die Verfassungsmäßigkeit ist unter diesen Forderungen bindend einzuschätzen.
Wert- und Zielsetzungen der diversifizierenden eigenartigen Selbst- und Fremdbild-Stereotypien der Künstler zeigen sich in teilweise Verständigung zerstörenden sozio-künstlerischen Gruppenkonflikten innerhalb der Produzentengruppe durch in jedem Falle uneinheitliche weder professionelle oder amateurhafte Merkmale.
Die Sicht der Künstlerinnen und Künstler - quasi als Gesamtgruppe und Teil der Gesellschaft - drückt sich immer wieder darin aus, sich selbst als unmittelbarer und wertorientierter Ursprung der Werke zu verstehen. Es sind entweder lyrische, idealistische, vitalistische, mystische oder artistische Attitüden der Produzenten und deren sozialen Künstler-Wunsch, gefühlsmäßig, instinktmäßig, aktiv, passiv oder intellektuell verstanden zu werden. (SILBERMANN 1986)

1. Die normative - also nicht zuletzt die rechtlich begründete - Künstlerrolle, wonach "Künstler ist, wer Kunst schafft", lässt sich beruflich-fiskal- politisch unterscheiden, nämlich in die freischaffenden Künstler, die Künstler mit anderem Hauptberuf, Künstler mit erwerbstätigen Ehegatten, Künstler mit Nebentätigkeit.(THURN)

2. Eine der Produzentenrealität nahe, empirische Typologie legten SILBERMANN/KÖNIG 1964 zum Beruf des Künstlers vor. Indem sie "die Kriterien Kunst und Nicht-Kunst mit den von Haupt- und Nebenberuf und der Auskömmlichkeit resp. Nichtauskömmlichkeit tabulieren, ergeben sich insgesamt acht prinzipielle Möglichkeiten " (...)
  1. Hauptberuf Kunst, auskömmlich; Nebenberuf nicht Kunst, nichtauskömmlich;
  2. Hauptberuf Kunst, auskömmlich; Nebenberuf nicht Kunst, auskömmlich;
  3. Hauptberuf Kunst, nichtauskömmlich; Nebenberuf nicht Kunst, nichtauskömmlich;
  4. Hauptberuf Kunst, nichtauskömmlich; Nebenberuf nicht Kunst, auskömmlich;
  5. Hauptberuf nicht Kunst, auskömmlich; Nebenberuf Kunst, nichtauskömmlich;
  6. Hauptberuf nicht Kunst, auskömmlich; Nebenberuf Kunst, auskömmlich;
  7. Hauptberuf nicht Kunst, nichtauskömmlich; Nebenberuf Kunst, nichtauskömmlich;
  8. Hauptberuf nicht Kunst, nichtauskömmlich; Nebenberuf Kunst, auskömmlich".
3. SILBERMANN / KÖNIG wiesen für den Problemkreis "selbständiger Künstler" künstler-soziologische Differenzierungsmaßstäbe von verschiedenen Ausgangspunkten aus, die alle miteinander in Verbindung stehen, wie wirtschaftswissenschaftliche, sozial-psychologische (z. B. hinsichtlich der Rollenvielfalt und dem Problemkreis Fremd- und Selbstbild), berufssoziologische hinsichtlich der Kategorie "freier Beruf", sowie die kultursoziologische Determination, die in etwa der heute in Deutschland gültigen, weitgefassten, vom Grundgesetz herleitbaren, Künstlerdefinition entspricht.

4. Gemeinhin verständlich und gebräuchlich sind die - von einander abweichenden, nichtvereinheitlichten - Gruppierungszuordnungen nach sogenannten Berufsgruppen, wie sie die verschiedenen berichtspflichtigen Künstler-Institutionen praktizieren, z. B. IG Medien, Künstler-Sozial-Versicherung, VG-Bild, daselbst die Bild-Künstler unterschieden werden in Maler, Bildhauer, Architekten, Photographen, Film, Video, Bühnenbild usw. (s. a. Glossar im Anhang, "Bild-Kunst und Kunst" und "Ermittlung der Anzahl der Künstler in Deutschland").

5. Empirische berufs- oder künstesoziologische Studien müssen noch weitere Unterscheidungsmerkmale erfassen, wie Alter, Geschlecht, Kinder und deren Alter, Ort, Familienabkunft, Einkommen, konkrete Erwerbsaktivitäten, reales Budget, Vermögen, Familienstand, soziale Sicherung, Bildung und Ausbildung, Wohn- und Arbeitsbedingungen, Ausstellungs- und Veröffentlichungstätigkeit, Agentur- oder Galerievertrag, berufspolitische und gesellschaftliche Einstellungen, Parteienzugehörigkeit, soziale Verkehrskreise, Weltanschauung, Information und Kommunikation u. a. (THURN 1985; FÖRSTER 1991)

6. Eine weitere Unterscheidung, aufgrund des heute praktizierten, sehr weit gefassten Kunstbegriffs, ist die hinsichtlich der Marktorientierung und Marktgängigkeit der Kunstproduzenten resp. die profitorientierte oder die nicht profitorientierte Arbeitsweise. Dabei ist zu beachten, dass die in der US-Forschung gebräuchlichen Begriffe "Nonprofit" resp. "For-profit" von der Organisationsform herrühren bzw. sind damit Aktionsarten gemeint, die innerhalb der formalen Sektoren (im "liberalistischen" Gegenüber) von "Staat" oder "Markt" oder "Dritter Sektor" praktiziert werden und nicht so sehr die mehr oder weniger profit- oder nichtprofitorientierten Einstellungen der Kunstproduzenten als Produzentengruppen oder etwa die Unvermarktbarkeit ihrer Werke. (vgl. DIMAGGIO 1987)

7. Eine für Kunstproduzenten und Kunstproduktion wie für den gesamten Kunstprozess und die organisierte Förderung wesentliche Unterscheidung ist diejenige zwischen kostspielig-handwerklich, zeitaufwendig arbeitenden Produzenten und den verbilligenden, kulturindustriellen Produzenten, die kollektivieren, standardisieren, mechanisieren und dabei persönliche Freiheiten kanalisieren lassen. Wobei sich auch Einzel-Kunstproduzenten kulturindustrieller Produktions-, Distributions- und Kommunikationstechniken und multiplizierender Verwertungsmethoden bedienen. Die OKF-relevante Unterscheidung ist schließlich zu ziehen, zwischen einzelpersönlichen oder kollektiven Kunstproduzenten und der reproduzierenden Verwertungsindustrie.

Literatur: Dimaggio, Förster, Moews, Silbermann, Silbermann/König, Thurn
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