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neue sinnlichkeit
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Kinderseiten der Epoche
Diplomatische Bedeutung des Balletts
von Dietmar Moews


Sowohl Gesprächsthemen unter jüngeren Menschen, die heutzutage zur Kernzielgruppe des Werbefernsehens gezählt werden wie diejenigen Angelegenheiten, in dieser Gruppe, über die zu reden verpönt wird, unterscheiden sich davon, was ganz alte Menschen sprechen und verschweigen.

Hier angängige Kinderseite der Epoche gehört zu den Reisebildern jüngerer erwachsener Deutscher, so im Alter zwischen Wanderjahre, Militärdienst, Heiraten und Magisterexamen.

Uns berichtet der Nichtraucher Harry H. über eine von ihm verehrte Balletteuse, von der drei hervorstechende Eigenschaften überliefert wurden, dass ihr Busen nach reifen Pfirsichen duftete, wie es bis heute keiner anderen Frau nachgesagt wird und dass sie immer nass war, dass unweigerlich jede Zigarrette ausgehen musste. Darüberhinaus erfahren wir, dass am allerwenigsten der junge Mensch die diplomatische Bedeutung des Balletts begriff. Mit Mühe zeigt man ihm, wie in Michael Jacksons Füßen mehr Politik sitzt als in Möllemanns Kopf, wie alle seine Tanztouren diplomatische Verhandlungen bedeuten, wie jede seiner Bewegungen eine politische Beziehung haben, so z.B., dass er unser Kabinett meint, wenn er hundertmal auf einem Fuße herumdreht, ohne vom Fleck zu kommen; dass er die kleinen Bankvorstandsdirektoren im Sinne hat, wenn er wie mit gebundenen Beinen herumtrippelt; dass er das europäische Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein Trunkener hin und her schwankt; dass er einen Kongress andeutet, wenn er die gebogenen Arme knäuelartig ineinander verschlingt, und endlich, dass er unsern allzugroßen Freund im Osten darstellt, wenn er in allmählicher Entfaltung sich in die Höhe hebt, in dieser Stellung lange ruht und plötzlich in die erschrecklichsten Sprünge ausbricht.

So sonnenklar ist natürlich und jeder merkt es, warum Tänzer besser honoriert werden als große Dichter, warum das Ballett beim diplomatischen Korps ein unerschöpflicher Gegenstand des Gesprächs ist, und warum oft eine schöne Tänzerin noch privatim von dem Minister unterhalten wird, der sich gewiss Tag und Nacht abmüht, sie für sein politisches Systemchen empfänglich zu machen, wenn gerade mal wieder die Zigarrette ausgegangen ist. Da steht unser Souverän, das Politik durch Geldausgeben machende Volk, und gafft und bewundert Sprünge und Wendungen, und studiert Anatomie in den Stellungen, applaudiert die hautengen Trikotagen, und schwatzt von Grazie, Harmonie und Lenden - und keiner merkt, dass er in getanzten Chiffren das Schicksal des Abendlandes vor Augen hat.
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