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neue sinnlichkeit
40
Erfolgskinder



Meine liebe Freundin. Mein lieber Freund. Sei glücklich, dass Du lebst. Wenn Du glücklich bist, dass Du lebst, dann werde ich überall sagen, dass Du glücklich bist, dass Du lebst, und es wird nicht lange dauern und alle Welt wird es wissen. So wirst Du berühmt dafür, dass Du glücklich bist. So einfach, und man ist glücklich und berühmt. Der Ausgang ist die fast übermenschliche Bescheidenheit und Demut, die offenbar vordergründig dazu gehört, glücklich zu sein, dazu passend: eine stille Berühmtheit: Bedeutung und Entstellung.

Die Neue Sinnlichkeit ist das Blatt für die fortschrittlich-aufgeklärte Thematisierung der menschlichen Sinnlichkeit als Neue Sinnlichkeit, so verstanden insgesamt die Avantgarde, mit dem Anspruch, Menschlichkeit und Toleranz zu fordern, auf besseres Wissen, besseres Können und besseres Wollen - also eine rechte Position - gestützt. Hingegen wird der linke Blickwinkel als lebensfern abgelehnt. Denn nach dem geht unser soziales Orientieren der Einzelverantwortung ins Leere. Unter dem linken Blickwinkel der Widerspiegelung ist egal, was der einzelne macht, etwa, weil Alles vom übermächtigen System herkäme. Aber dahinter steckt die Faulheit, der Ruf nach Erleichterung und Emotion: Ach ich fühl mich nicht so gut, wenn ich mich anstrenge. Frag mich mal.

Also sind Anschlüsse über Emotion, Infotainement, Pathos zwar des Affen Zucker, aber eben des Affen. Der Zuckerrausch führt ebenso in das soziale Abseits wie in den Abgrund - und zwar ohne Pathos. Und schon hören wir die Affen, wie sie die Quoten bestimmen, wie sie die Maschine anbeten, wie Andy Warhol, das Kriegsloch, noch wünscht: "Ich möchte eine Maschine sein" und Warhols-Industriekunden, die eine sinnliche Künstlerkunst als Aufmerksamkeitslast missachten, denen ein artiste étoile viel zu anspruchsvoll ist und sinnlich zu viel anspricht, letztlich die faule Haut irritiert: Avantgarde now.

Erschüttert hören wir immer öfter: WAHNSINN, mein Gefühl, unbeschreiblich, das muss ich erstmal verarbeiten. Und einjeder verkehrt mit der Maschine angeblich emotional, einer empfindet das Pathos der Maschine, der andere die Ironie der Maschine. Aber wenn wir es tatsächlich mit echten oder unechten Formen zwischen Menschen zu tun haben, mit Geist oder nicht, mit Pathos oder nicht, mit Ironie, Lakonie, Humor oder Einfühlung oder nicht, oder schlicht mit intersubjektiven Tatsachenfeststellungen, dann wendet sich der Emotionskunde von heute ab. Das verträgt er nicht. Das muss ich mir nicht antun. Ich-Sager, die das Wir-Fragen nicht aushalten mögen. Was Sinnlichkeit als Avant-(voraus)-garde(blicken) heißen kann, lesen Sie bitte unter Goethe, Sekem und die interkulturellen Brücken der Neuen Sinnlichkeit in diesem Heft.

He´s not the man to hold his trust, everything he touches turns to dust in his hand, he´s KING MIDAS IN REVERSE, so soll hier die Anspielung auf die Emotionsmache der faulen Fernsehkunden lauten: Die Götter der griechischen Sage erfüllten König Midas den Wunsch, dass sich alles, was er berührt, in Gold verwandelt. Der Goldsegen war Midas wichtiger als die Vielfalt, Einmaligkeit und Zerbrechlichkeit der Dinge, die nun unter seiner Hand ihre Eigenheit verloren. Hätte nicht ein Gott sich seiner erbarmt, König Midas wäre verhungert. Zur Mahnung verpasste der Retter dem Billigmacher Eselsohren. Das ist aktuell. Nur werden die Emotions-Goldkinder nicht mit Eselsohren, sondern mit Leidenschaftslosigkeit bestraft, mit der erfolgreichen Art des Sterbens vor dem Tod, Zombies, die nur noch Emotionen fordern, denen Pathos lieber ist als Ironie, denen Geist auf den Geist geht, deren Emotionsstimmung immerfort leidenschaftslos, erleichternd und kraftlos ist. Bildung hingegen - wie die Orientierungskampagne der Neuen Sinnlichkeit - zielt auf ein kraftvolles tolerantes Leben.

Liebere Leserin und lieber Leser, wo wir hinsehen, hinhören oder hinlesen, heisst es heute: Emotion, heisst es Pathos. Bei Heyne gibt es die Emotionale Intelligenz bereits als Taschenbuch: Wie es die Neue Sinnlichkeit längst kritisch ansprach: die Fühlung zu beachten, aber - Fühlung als Funktion von Führung. Unsere Emotion-Pathos-Fabrikanten der Medien hingegen machen auf Fühlung ohne Führungsverantwortung. Bitte lesen Sie nach: Neue Sinnlichkeit Numero 29, Blätter für treue Wanderschaft und verantwortungsvolle Dynastien, MALERWORTE: Individuum, Würde und Dankbarkeit auf Seite 47 zum Thema Pathos / Lakonie / Ironie. Unsere Pathoskritik war dem eigenen Avantgarde-Anspruch auf Lebenszeit bereits 1995 gerecht und unser Thema.

Woher weiss ich eigentlich, dass der Andere, mein Mitmensch, ein denkender Mensch ist, wo ich doch Zugang allein zu meinen eigenen Gedanken habe und meinem Gegenüber nicht hinter die Stirn blicken kann? (Uwe C. Steiner über Edmund Husserl bei Diederichs sowie Leo Schestow bei Matthes&Seitz) Wie kommt es, dass ich trotzdem und ausgerechnet dort, im fremden Kopf, Gedanken nicht nur vermute, sondern voraussetze? Nun - es kommt wohl so, weil ich es mir wünsche. Und weil ich Entstellung nicht mag.

Aber genauso kommt es meist auch, dass ich dann enttäuscht werde. Der andere denkt anders. Der Anschluss erfolgt nur angedeutet, oder oft aus Freundlichkeit vorgetäuscht, in der Hoffnung, freundliche Zustimmung sei am Ehesten geeignet zu bewirken, dass von weiteren Mitteilungsversuchen abgelassen würde.

Herablassung, Hochverehrteste: Wird die geneigte Leserin neugierig, wenn ich Sie als Philosophin anspreche? - Schließlich nennen wir "Philosoph" jemanden, der zum Beispiel durch freiwilliges Lesen Meinungsänderungen sucht. (Etwas eigenwillige Definition - so noch nicht ausgereift zur Aufnahme ins Lexikon des Philosophiewesens). Gut gut, also, wenn ich frage:

Bist Du stolz auf Dein Land? oder: Schämst Du Dich für Dein Land? - man hört das hin und wieder, dass jemand in dieser Weise von Stolz oder Scham oder Land redet -. Dann wirft es mich immer aufs eigene Gefühl zurück, und ich möchte fragen, wann ich wohl selbst vom "Stolz sein" oder vom "Schämen" so spräche: Ich bin stolz auf mich, ich schäme mich. Hier wirds dann Leistungssport für mich, wie so oft, wenn ich mein eigenes Verhaltensgefühl ins soziale Verhältnis zu setzen versuche, weil ich von mir selbst erheblich mehr verlange, als gemeinhin andere (die Meisten) ihrerseits von sich selbst verlangen, die "unverschämter" (als ich) sagen: Ich schäme mich für mein Land, und die insbesondere Stolz empfinden und es oft ohne eigene Verdienste hinausposaunen: Ich bin stolz auf mein Land (fiele mir gar nicht ein).

Wir - im Geiste der Neuen Sinnlichkeit -, die wir aufgeklärt Sprache und Sprechen als Symbolik auffassen und bestenfalls zu fragen hätten, "was will mir der Stolz Bekundende sagen, dass ich mehr oder weniger unwidersprochen als Anhörer bezeugen soll?" - wir tun wohl gut zu unterscheiden, dass jemand, der stolz auf sein Land ist, eine ganz andere Qualität ausdrückt als jemand, der sagt: Ich bin stolz auf mich - ich schäme mich. Und welch ein Unterschied, sich zu schämen und / oder davon zu reden.

"Ich schäme mich" - als Symbol - bedeutet ja nicht das Symbol dafür, jemand schäme sich, jemand empfände Scham, jemand wolle sich von den heute gängigen Dynastien der Abschäume unterscheiden, etwa weil er sich unterschieden empfindet.

"Ich schäme mich" als Ereignis und Selbsterlebnis ändert seinen Symbolwert wesentlich dadurch, ob, dass und wie man Scham oder Schämen überhaupt ausspricht, wer zu wem? zu welcher Gelegenheit? nicht zuletzt, ob es auf die Seite gesprochen, im Selbstgespräch, im Vertrauen unter vier Augen mitgeteilt, unter Freunden im kleineren Kreis, in der Familie, unter Kollegen, in einer anonymen Öffentlichkeit oder vor einem Fernsehmikrofon ausgesprochen wird. Wieviel Scham und Symbolentschlüsselungs-Stolz dann vonnöten wäre, um ein dümmliches Geräusch von einer menschlichen Schames-Äusserung angemessen deuten zu können? Die Ästhetik unserer Alltags-Sprache wirkt sich auf den Symbolgehalt und seine Wirkung eher abschwächend aus. Sinnlich-körperliche Schameszeichen, oder in äusserst verdichteter Lyrik ausgedrückt, wären hier unverstellter. Aber wer vermag das, sich derart differenziert auszudrücken? Und was nützt eine hohe Ausdruckskunst, wenn der Narzissmus oder die Ich-Verstelltheit des Betreffenden zu weltfremd und die Eitelkeit zu dumm ist? Wir wissen es nicht ohne Intuition. Doch beschäftigt man sich mit solchen Gedanken auch kaum weiter, als es die eigene Praxis ohnehin schon zeitigt. Die fremde Frage nach dem Sprechen, Verstehen und Nachfragen hat wenig Nachdruck mangels selbstbezüglicher Motivationen. Sie bleibt nur schwach. Hierzu wird die Maschine zu sagen programmiert: Ich schäm´ mich so. Und die andere Maschine antwortet: Nun wein´ doch nicht, ich kann das nicht vertragen oder Maschine schweigt wie ein Turing-Mensch.

Jedenfalls sind Gespräche unter vollkommen unterschiedlichen Menschen möglich, wenn das Thema "Ich habe mich geschämt" lautet. Bei "Stolz" ist das eher unangenehm.

Stolz und Scham sind ungeeignete Kategorien, wenn es ums allgemein gültige Bedeutsame geht. Denn Kunden, als bedeutsame Andere, sind mitbeteiligt. Denen obliegt, dass Bedeutsames überhaupt zur Wirkung kommt. Zwar ist das Bedeutsame an sich gewissermaßen "sämig", doch eben noch nicht gekeimt und erblüht, fruchtig herangereift und - bestenfalls schließlich - geerntet.

In dem Erscheinen der Neuen Sinnlichkeit, Blätter für sonst nicht Daseiendes bringen Herausgeber und Abonnenten ein unersetzliches Stück Zeitgeschichte heraus. Leser und Kommunikanten und spätere Geschichtsinteressenten werden hieraus Nutzen ziehen können und Was lernen. Man kann aber auch beim Herausgeber zurückfragen, sogar selbst Was veröffentlichen und damit festschreiben. Aber - Scham und Stolz? - was wäre dabei ephemere Scham eines Autors, wenn die textliche Festschreibung selbst unverschämt wäre und was wäre Stolz, wenn später mal objektive Rezeption vom Interesse an der Fühligkeit des Autors getrennt gewogen wird? (Egal, meinen Sie?)

Zur Belustigung hier und zur späteren Frage, was hat zur Zeit des Erscheinens dieser Blätter für belustigende Erscheinungen im November des Jahres 2000 Leser interessiert, und etwa belustigt geht der Herausgeber davon aus: Wenn der Moskauer Fernsehturm brennt und der Staatschef Putin verkündet, ein fremder Fernsehturm hätte den Moskauer gerammt, ja, dann lacht die Koralle. Aber was macht die Emotion, wenn der eigene Hut brennt?

Es hört oder liest einer Fremdes nur, so lange ihm was Eigenes dazu einfällt? Ich kann ihn nur berühren, wenn es sich bei ihm rührt. Das Eigene führt er dann an, ohne noch zu fragen, wie er überhaupt darauf gebracht worden war, was Fremdes ihn hierzu anregte. Er setzt einfach seinerseits Gedanken hinzu, ohne aufs Mitgeteilte einzugehen, seine Einfälle dagegen, seine Erinnerungen, meist ohne zusammenfassenden Schluss, mehr, so stark sein geistiger Quell sprudelt, bis er wieder da ist, wo er vorher war, stille Pracht der Schöpfung und Erschöpfung und, weil der Leser kein Philosoph sein möchte. Offen bleiben solche Fragen: Was ist das Neue am Neuen? Wie ist Neues konzipiert? Kann es perzipiert und und rezipiert und konzipiert und transpiriert werden? Es kann, es kann. Das ist normal.

Damit hätte alles wieder die gewohnte Ordnung und Balance zwischen fest und flüchtig. Deshalb lohnt es sich auch, die Erfolgskinder von Dietmar Moews wieder anzulesen. Denn immer wieder kommen die eigenen Assoziationen und Konnotationen und Anflüge von Fantasie und déjà-vu. Man steigt auf, wird auf diese Weise zwar nie mit den Erfolgskindern fertig, aber gewissermaßen selbst zu einem Erfolgskind der Gedanken hinter der eigenen Stirn. Wenn man die nun ausspricht oder aufschreibt: S T I R N - dann hat man ein Projekt. Wie Jonathan Swift, der Autor von "Gullivers travels", der irische Liebhaber von Projekten und Projektemachern (ach ja, die Iren, Oscar Wilde, Van Morrison, Stevenson, T. H. Laurence, John Ruskin, Billy Bremner, Billy Bremner?) und Eike Christian Hirsch, der in seinem neuen Buch nur unwillig Leibnizens gelungene Projekte estimiert, geschweige denn, misslungene oder risikofreudige, ja, Projekte schlechthin furchtbar findet, selbst, wenn Sie ihm selbst, wie im Falle Leibniz, Stoff, Sinn und Brot geben (Der berühmte Herr Leibniz - neu bei CH Beck 2000, s. a. in Numero 39).

Zumindest gelten in der Neuen Sinnlichkeit Goetheworte, wie dieses Winston Churchill zugeschriebene, nämlich: "Man soll seinem Körper etwas bieten, damit die Seele sich darin wohlfühlen kann" und verknüpfen es mit der sozialen Perspektive, die dann lautet: Man soll meinem Körper Gutes tun, damit meine Seele unter Umständen Lust hat, auf den anderen sich einzulassen. Und an dieser Stelle der Hinweis auf das Heft Neue Sinnlichkeit Numero 38 zurück, darin Layos Dayatos die Goldene Regel, in Matthäus‘ Bergpredig, auf Jesus bezogen interpretiert., nämlich als Aufforderung: Wir sollen nicht allein Gleiches mit Gleichem vergelten, wir sollen nicht allein Gutes mit Gutem vergelten, sondern wir werden aufgefordert - quasi als einzige Alternative zum bewaffneten Wettstreit -, im historischen Partner das zu aktivieren, was ihn in seiner historischen Entwicklung stärkt (S. 46).

Herrscht denn heute eigentlich Unordnung, sodass der Ruf nach Ordnung angebracht wäre?

Ja, gar nicht gesagt, dass Ordnung und Ordnungskontrolle sinnvoll wären, dass Unordnung als Gegenteil von Ordnung zu sehen wäre. Denn beim Aufstöbern von Unordnung, Unverbindlichkeit, Unverlässlichkeit, Unwetter, Unfall, Unkraut unsoweiter, handelt es sich doch um Verhalte, die ganz undialektisch einfach da sind, auch ohne ihr Gegenteil, was immer das wäre. Ordnung? Welche Ordnung? Wessen Ordnung? Wieviel Kontrolle? Wer will das? Wem nützt das? und vor allem: Cui bono? Wie anders wäre der zusammenballende Lynchmob der Misanthropen unter uns durch steigende Benzinpreise zu irritieren. Nun, es ist der Seiteneffekt als Ordnungsfaktor - kapiert? Kohl lügt vor dem Flick-Ausschuss, Sandoz öffnet die Giftschleusen, tote Fische stranden tonnenweise in der Medienstadt Köln und schon verschwindet der black-out im Schatten der Reizwerte.

Ist denn etwas mitzuteilen, dass nicht aus Freundschaft kommt? Ließe ich mir etwas schmecken, im Gepräge des Feindes? Muss denn der Freund seine Freundschaft betonen? Hören wir seine Komplimente nicht lieber "objektiv" vorgetragen und weniger gern als "unabhängig". Nichts gilt uns allgemeine Erkennbarkeit, nicht Ehre, wem Ehre gebührt.

Machiavelli sagt: Ja, zur Anschlussfähigkeit von Getextetem beim Studieren der Zusammen-Bauanleitung des neuen Ikea-Sideboards (aus Not und Angst), aber Vorsicht. Nicht immer, wo eine Not ist, ist auch eine Notlösung. Nicht immer macht Not erfinderisch, oft kommt man auch darin um (wie oft? - werden Sie hier einreden - wie oft kann man denn umkommen? Ja, ganz einfach: So oft, wie Not ist.) - es sind bekanntlich immer die anderen, die sterben, auch beim Studieren sogenannter Gebrauchsanweisungen.

Und was und wen interessiert dumpfbackige Freunderlnschaft? Kumpanei? Blöde Frage: Wen interessiert denn Wissenschaft, Wahrheit, Erkenntnis, zu Fragen, die ihn nicht selbst gerade unmittelbar antreiben? Antwort: Niemand ist interessiert, ohne Interesse. Wie auch? - im Drama allgemeiner Vortäuscherei und Überfordertheit?

Nun, ich kann mir Briefe von Feinden an Feinde zwar als Kampfmittel vorstellen, nicht jedoch als Ausgangsbasis für ein gelingendes Einvernehmen, darüber: Was ich denke, was Du denkst, und wir daraus etwas abstimmen könnten: Bezeugung, Verständigungsmittel, Symbolkunst, Dynamik, Toleranz ohne Missbrauch, Genauigkeit und Klarheit, ohne Engherzigkeit, Rechthaberei und Schuldzuweisungen, einfach aus Respekt und Liebe zum anderen. Es liest hier ohnehin nur jemand, der was zu finden hofft. Und aber und also ist wohl erlaubt zu behaupten: Unsere Abstimmungskultur entsteht nur aus aufeinandertreffenden Interessen der Interessenten. Wir äussern uns und hören nur dann mal zu, wenns juckt, aus Motivationslagen, die zwar so gut wie nie übereinstimmen, aber aufgrund der Veränderungsdynamik der Interessenten, die sich und ihre Lage ändern wollen, möglichst verbessern wollen, sind wir überhaupt abstimmungsbereit. Also redet jeder, was ihn treibt, aneinander vorbei, und entwickelt so eine Art Höhlengleichnis-Navigationstechnik, nämlich, unter Durchboxen der eigenen Ziele, alle anderen als Wellen des eigenen Surfer-Daseins nutzend, möglichst in der Einbildung, es sei so völlig "interessant", was ich da ablasse, sei es so die neugierige Allgemeinheit faszinierend, dass nur noch die Geheimhaltung meiner Kontonummer verhindert, einen Goldrausch nieerahnten Ausmaßes (neue Schreibregel).

Liebere Leserin und lieber Leser: Neue Sinnlichkeit Numero 40, Blätter für den Karriere-Druck von Vorbildern, die nicht alles sagen, beschäftigt sich mit Spielregeln und besserem Regelverständnis.

Die Themen dieses Heftes für Spielregeln der Orientierung lauten:

1. Die generöse Engelsgeduldigkeit der Massenübermenschen (Nietzsche-Todestag: 25. 8. 1900) 2. Stop die Karriere des Dritten Sektors: Der Mob greift - in Ermangelung gefügiger Weibchen - verzweifelt zur Keule, indes in Institutionen verschleiert, geschoben und abgekoppelt wird, statt Leistung verantwortet, gesteuert und kontrolliert werden kann, kurz: Man geht in die Partei, weils Vorteile bringt, die durch Leistung nicht erreichbar wären usw. in die Gewerkschaft verdi, in den Künstlerverband BBK, in die Freiwillige Feuerwehr (jetzt fire-fighters), das Netzwerk Leipzig Südost e.V., in die Familienstiftung, und Bundeskulturfritze Naumann sagt: Aufbauprogramm Kultur in den neuen Ländern - Warten auf die Stiftungswelle - und die Online-Wahl gerät in die Schlagzeilen, weil Icann ("Internet Corporation for Assigned Names and Numbers"), die private Organisation aus Californ I A den Vereinten Nationen und allen Staaten eine neue "Weltregierung des Internets" entgegenorganisiert (nach californischem Recht), und was sagen die Fernmeldeunion der Vereinten Nationen (IFU) der WTO oder der OECD dazu? Die sagen: Klar doch, wir sind auch unkontrollierte NGO´s, wir sind auch ein Board, Antwort auf die Frage: Wie erlange ich die Weltherrschaft in der Tiefe (des Raumes)? neunzehn Direktoren, hierzu ein bemerkenswertes Verhältnis von Regierungen als Beratungskomitee, der Internet-Industrie und den aktiven / passiven "Netzbürgern", dafür, dass Icann technische Entscheidungen trifft und "überwacht", mit weitreichenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen, alles, weil der Staat (welcher Staat?) heute meint:, NGO könne Daseinsvorsorge und Leistung besser gestalten als der Privatmann, als der Markt im oder zwischen Rechtsstaatlichkeit oder besser als die bürokratisch kontrollierte föderale Staatlichkeit (Kameralistik) selbst. Oder - eben - man geht mit der Keule auf die Strasse, da weiss man, was man hat, Evidenz der Nahwelt: lieber die Beule vor der Stirn, als das unmitteilbare Gedankenknäuel dahinter.

Doch Missbrauch blüht und junge Leute werden wütend und die Frage ist, wie ehrlich sind die Jungen, wie werden sie auf die verlogene Gegenwart reagieren? Die in Parteien, Vereinen, Stiftungen, Verbänden, Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO/NGO) herbeiregulierte, falsche Gegenwart stellt uns auf unsicheren Boden der eigenen Geschichte von Recht und Ordnung, von Dirigismus und Totalitarismus, von Faschismus und Autoritätsstaat, von Entmündigung und Entmenschlichung, abseits der Liebe und Sehnsucht nach Humanismus und Toleranz.

3. Maulkörbe, Handschellen und Fussfesseln für extremistische Schläger, solange Staat und Gesellschaft nicht Einsicht in eigene Mängel und Verbesserungen finden, weil es nicht zu den Vorteilen der Demokratie gehört, dass die Mehrheit gegen sich selbst Abstimmungen gewinnt. Das heisst: Was ist Links? Was ist Rechts? - der linke und der rechte Mob sind zwei Seiten einer Medaille, die eher einem Kuhfladen ähnelt - eben - eine runde Sache, die uns im frischeren Zustande stinkt.

Als nicht ganz uneidetischer Homo Faber halte ich staunend das Luftbild der Neuen Zürcher Zeitung von der feuerverwüsteten Atom-Stadt Los Alamos zum Vergleich vor mein inneres Auge, wo die Hiroshima-Erinnerungen für alle Fälle angesichts des Todes aufbewahrt sind. Die NZZ titelt:
"Einwohner dürfen nach Los Alamos zurück".

Was sich in New Mexico zutrug und an dieser Stelle hier bedacht wird, ist also weder eine Wiederholung, noch ausgleichende Gerechtigkeit für oder gegen Hiroshima und Nagasaki, Harrisburg und Tschernobyl. 1945 warfen die USA Atombomben auf Japan, 2000 ist eine Sprachveränderung vollendet: das ausländische Wort Holocaust gilt nicht mehr für amerikanische Atombombereien, sondern einzig für Auschwitz. und heisst jetzt der Holocaust. Zumindest scheint das perfide Grinsen der Schadenfreude, wie es die Fotos der jugendlichen Enola Gay-Atombomberbesatzung von 1945 zeigen, uns eher auf die nun erreichte internationale Geschmacksentwicklung im Sinne von Schoa / show und eine Milliarde Analphabeten (Unesco / dpa 19.4.2000) auf dieser Welt hinweisen zu wollen. Es geht uns an, allein, weil es geschieht. Wissen Sie, lieber Leser, mehr? - Sagen Sies.

Wenn Sie etwas über Schönheit und Qualität von Gedanken und Literatur wissen wollen, lesen Sie und erleben Sie, was hier in der Neuen Sinnlichkeit geboten wird. Es wurde für Sie gewählt: Deutschsprachiges aus Hannover, nach München, nach Köln, nach Berlin, nach Dresden, nach Leipzig, nach Magdeburg, nach Kiel, Hamburg, nach Buenos Aires und New York, nach Potsdam und Oldenburg und nach Springe im Zeichen der Schönheit, der Sehnsucht, des Wertens und Unterscheidens, der Menschlichkeiten, kurz, der Qualität. Novalis trägt Kastanienblatt und blaue Blumen-Kokarden.

Wer die Sehnsucht nicht wertschätzt, irrt grundlegend und versäumt das Wichtigste. Die Sehnsucht ist so wichtig, weil sie jedem, ob alt, jung, arm, krank oder sonst benachteiligt, allein aus seiner selbstbestimmbaren Sehnsuchtshaltung heraus zuhanden ist, wenn er nur darauf achtet. Ich sage das als Mann, hoffe und vermute aber, bei Frauen sei es ähnlich. Und kein Zweifel, dass Sehnsucht eine Art Leid ist, auf das unser Leben, Weiterleben und freiwillige Bereitschaft zum Weiterleben angewiesen ist, so dass wir sagen können, ohne Leid keine Sehnsucht, ohne Sehnsucht kein Leben, ohne Leben keine Erfolgskinder. Diese Gedankenkette drehen wir nun um, wie einen Pfannekuchen, hochwerfen und ... auffangen und da stehts auch schon: Sehnsucht ist ein Lebensmittel und also müssen wir es damit versuchen.

Also jeder hat andere Sehnsuchtsziele, seien es mehr materiale, mehr geistige oder mehr soziale Vordringlichkeiten, die uns gerade bewegen. Es ist aber das Sehnen ein Bedarf, eine Nachfrage, eine Richtung, eine unerfüllte Erfüllbarkeit, eine aufgehaltene Kraft, eine Hoffnungsfärbung im vielfachen Einerlei. Sehnsucht geht nicht aus einem Mangel oder einem nichtvorhandenen Gewünschten, einer stärkungsbedürftigen Schwäche des Sehnenden oder von einem unbefriedigten Erfordernis aus, sondern, wie das Wort Sehnen verbunden mit der Sucht, nämlich als Sehnsucht, zeigt, lassen sich Angebot und Nachfrage, Leidensdruck oder Befriedigung von Sehnsucht nicht einfach bewerten und messen. Wir müssen es so sagen: eine Sehnsucht lässt sich nicht feststellen. Um etwa ein Ersehntes, wie ein fehlendes Quantum auszugleichen, braucht man Geduld und Einverständnis in seine Sehnsucht. Es ist eher - ja, fast ein Schaukeln, wie des vergnügten Kindes in der Wiege - ein Auswiegen wie mit einer nie ausgleichbaren dynamischen Balkenwaage vorzu- stellen. Das Gewicht auf der Balkenwaage bewirkt die Sehnsucht, nenne ich es also das Sehnsuchtsgewicht; aber es verändert sich, so bald man etwas zu seinem Ausgleich entgegensetzen will. Der Tod erlöst uns davon. Der Tod schneidet das Sehnsuchtsspiel beim Einzelnen ab. Befreiung und Erleichterung heißt jetzt die Qualität.

Unsere abendländische Zivilisation entsteht zu einem Wesentlichen aus der Entfaltung von menschlichen Gemeinschaftsformen. Wir treffen zielorientierte Verabredungen zur organisierten Produktion unserer Wertentscheidungen und Zweckbestimmungen. Das organisieren wir. Was anders, als strategischer Umgang mit der Wahrheit, ist diese Zivilisation? Eine plumpe Spielart hiervon propagierten Horkheimer / Adorno unter dem irreführenden Zeichen der "Kritischen Theorie", die bekanntlich ohne viel Kritikvermögen auskommt. Die neue Sinnlichkeit kehrt aber gerade das Urteilen als besonders interessant fürs Leben heraus. Die heutigen Erfolgskinder sind Teil der so titulierten Orientierungskampagne und wiederum unter dem Leitgedanken der Idolbildung und Idolzertrümmerung einem Problem gewidmet, das mit unserer menschlichen Sehnsucht zu tun hat: Wir organisieren, um zu leben, aber wir vergessen bei der Organisation zu berücksichtigen, was dabei mit unserer Sehnsucht passiert, ob sie erblüht oder verkommt, ob sie angeregt oder plattgedrückt, ob sie als Organisationsziel überhaupt ausdrücklich bedacht und akzeptiert wird oder nicht., und ob eine misshandelte Sehnsucht vielleicht ganz schwarze und böse Onkelz und Folgen schöpft, wenn der Sehnsüchtige die Balance verliert. Das nämlich, was geschieht, wenn Vorbilder unter dem Karriere-Druck nicht alles sagen - sie nennen es: to play the game - das Spiel mitspielen, das opportunistische Einschleimen und Durchsurfen, oder wie es der damalige Kulturamtsleiter der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover an Dietmar Moews in einem Amtsschreiben von 1986 forderte: Auch Dietmar Moews müsse sich an Regeln halten (dieweil Böhlmann Moews fälschlich und unerwiesen beschuldigte, um diesen gegenüber Oberbürgermeister Schmalstieg zu diskreditieren und zu zersetzen). Heute ist Böhlmann landeshauptstädtischer Kulturdezernent, Dietmar Moews Hannovers treuer Protokollant (übrigens sagen manche, Böhlmann würde seine Ehefrau schlagen, während er laut Ernst Jandl-Gedichte brüllt). Wir wissen es nicht, aber glauben? das wäre normal.

Deshalb schlage ich meine bereits anderenorts als soziologische Hypothese erörterte Anwandlung vor: die funktionale Sehnsucht.

Mit funktionaler Sehnsucht ist das einfache Häkchen gekrümmt, wenn mein lieberer Leser sich sagt: Hier ist so nachlässig und leserunfreundlich vorgedacht und geschrieben, warum schätzt man denn die Sehnsucht so wenig? Soll mir die Sehnsucht nach Menschenstoff eine Triebhemmung werden? Und das Lesen keinen Spaß machen? Warum so schwierig? Die gebotene Struktur von Worten, Ideen, Stichworten, Bildern, Sätzen und Absätzen, die Lust zu lesen verdirbt doch. Und die Antwort hierauf lautet: Die Funktion der angängigen Textstruktur ist es leider, dass das Sehnsuchtsspiel erstirbt. Meine Sehnsucht, mich den Gedanken des Autors zu widmen, erlischt, weil seine Schreibekunst einfach zu sehnsuchtsschwach ist. Schreiberling findet wohl nicht die Töne und Buchstaben heraus, nicht die Reihenfolge und Anordnung, die seinen Leser ergreift und in die Arme der Sehnsucht auflösen. könnten. Bin ich Leser doof oder ist Schreiberling nur faul oder unfähig? Die Hypothese der funktionalen Sehnsucht erweist sich also bei ihm als eine leere Forderung.

Vielleicht sollte er Bildchen einblenden, wie es die großbunten Bertelsmann-Chroniken in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts versuchten, "Die Welt in der wir leben", "Die großen Ereignisse der Weltgeschichte", "Die großen Rätsel unserer Welt", "Alle Wunder unserer Welt", oder wie es auch die kleinen Rowohlt-Monographie-Chroniken im Kleinformat schwarz-weiss tun? Es tut uns der tapfere Schreiber auch wirklich leid, denn er wird keinen roten Heller verdienen, selbst wenn man gerne glauben wollte, er hätte sich was ganz Anständiges dabei gedacht. Vielleicht fehlte es ihm einfach an ausreichend Farben, und immer sind ja die Seitenzahlen begrenzt.

Es läuft also auf die Forderung hin, dass möglichst so zu schreiben ist, dass das Lesen witzig ist, sehnsüchtig macht, die hinüberzubringenden Gedanken aber dennoch in mancher Weise zum Tragen kommen sollten, damit es nicht nur als leeres Geräusch den ganz kleinen Morgen verdürbe. Also: belustigen, anregen, nützen und gut geeignet sein, dass der Kunde mit anderen darüber anknüpfen und fortspinnen könne und zu seinen eigenen Sachen damit komme, wie Geist als Lebensmittel mit guter Laune. Aber! Dass auch noch, wer sich nach aussen öffnen und erweitern will, wer wachsen will und etwas sucht, auch fündig wird, Anregung und Honig findet. So hätte man es anzustellen.

Eine funktionale Sehnsucht ist also als eine Grundbedingung gefordert. Jeder sollte die Folgen - und so gesehen als unabdingbare Grundeigenschaft jeder sozialen Machenschaft oder Organisation - seiner Auslassungen berücksichtigen, dass Sehnsucht immer mit entsteht, mit ernährt wird und mitspielen kann. Sehnsucht ist unabdingbar, Sehnsucht ist immer im Auge zu halten, Sehnsucht ist erforderlich und zu gestalten. Ich erinnere an Giordano Brunos Kunst des Fesselns. Darauf ist zu achten. Wenn man eine Expo aufbaut, sind Fragen der Sehnsucht zu berücksichtigen: die Emotionen der Zielgruppen. Zugegeben, der Wunsch, der Vorschlag dieses Sehnsuchts-Gedankens möge gleichsam Leserin und Leser dafür entschädigen, wie Mayr, Mair und Meyr, vorstehender Lesezähigkeiten mit Lesemühe sich zu unterziehen, vielleicht gar, um daraufhin das eigene Leben zu verändern, ist lebensfern und kommt ohne optimistische Grundveranlagung des lieben Lesers oder einer lieberen Leserin nicht hin, und die funktionale Sehnsucht schlägt auch gleich sofort lang hin und um in eine idealistische Bedrohung. Jede nicht selbsteingelöste Forderung verstimmt uns und entfernt uns voneinander, als hätte man nicht genug damit zu tun, an sich selbst zu arbeiten, zum Beispiel mit Essen, Trinken, Schlafen. Eine uneingelöste Forderung killt die Sehnsucht, die über jedem Schreibeversuch schwebt, weil hierdurch auf Lesers Geduld Übergriffe und Anschläge verübt werden, was unterbleiben muss.

Sehnsucht beim Gegenüber lernen

Von zwei völlig unterschiedlichen Wirkweisen des Lernens und Lehrens sprach Friedrich Nietzsche, der zum fern sehen noch auf Berge stieg. Wir können uns Nietzsches Lernen etwa vorstellen, wie ein Erinnern oder an etwas erinnert werden und andererseits Lernen als Einübung, Einpauken. Erinnern und Einüben also: Der erinnernd Lernende wird entfaltet, wie eine Blüte, deren Knospe bereits alle ihre Reize in sich barg, Eigenschaften und Fähigkeiten des eigenen Wesens werden quasi lernend herausgeholt, steckten aber bereits vorher drin. Das einübende Lernen hingegen macht viel Übe-Mühe, und Gelerntes verliert sich auch, sobald nicht regelmäßig gearbeitet wurde, und nur sehr schwerlich werden durchs Einpauken überragendes Können und Zauber geschaffen. Selbstredend ist jedes empirisch erfassbare Lernen eines jeden Lernenden von beiden Wirkungen verwoben und zusammengelebt. Und was nicht als eine solche Erinnerung herauszuholen ist, weil es vielleicht auch gar nicht drin ist, kann immerhin im gewissen Grade angeübt werden, doch hat das Angeübe immer ein Gepräge, der Ausstrahlungsschwäche, der Angst und des mäßigen Talents. Nennen wirs: Lernen und Erlernen. Zur Ausreifung einer Persönlichkeit gehört, ein stimmiges Maß an Angelerntem nicht zu überhöhen. Es entsteht sonst eine Aussermittigkeit, ähnlich, wie wenn man zu schwere Einkaufsbeutel an seinen Fahrradlenker gebammelt hätte. Und es ist ein Mensch angenehmer, der hauptsächlich das auch sein will, was er aus sich heraus ist, verkörpert und ausstrahlt, wie die androgyne Indianersfigur zu Pferde, die, auf unsere Frage nach dem Andenschleichweg zwischen Argentinien und Chile, herablächelte wie aus einer anderen verwunscheneren Welt und sagte: Da sind Sie aber vollkommen falsch gefahren, in die Gegenrichtung mit dem Arm wies, wo nur einige hundert Meter entfernt sich die unkenntliche Abzweigung befand, die wir verpasst hatten.
Das reinste Gold, so etwas.

Urteil erlernen

An Nietzsches zwei Auffassungen vom Lernen lässt sich auch die Frage des Urteilens, der Urteilskraft, des Urteilen-Erlernens von Qualitätsunterscheidung knüpfen, Qualität in zum Beispiel der Kunst oder von Witz, von Nähe und Distanz, in echter oder billiger Freundschaft, im Fußballspiel, in der Frage, ob uns ödes Olympiamedaillenzählen tatsächlich interessanter scheint als guter Sport? Wenn ich dirs sage, was guter Sport ist. Wer Sportler ist, kann das sehr genau wissen. Unsere Sinnlichkeit machts schließlich ziemlich einfach: Wers kann, der machts. Wenn wir also fragen: Wie kann man Qualität erkennen? Wie könnte in diesen Blättern der Neuen Sinnlichkeit Numero 40 Qualität zur Anregung, Diskussion und Kritik gebracht werden, wenn gar nicht klar ist, ob es den beteiligten Lesern zueigen ist, über Qualitätsfragen urteilen zu wollen oder können?

Vorausgesetzt, die für diese Blätter von einem Qualitätsautor nach Qualitätskriterien der Neuen Sinnlichkeit ausgewählten Autoren hätten selbst Autorenqualität sowie Qualitätsbewusstsein und die Ausführungen hinsichtlich eines gewählten Themas wären auch trefflich. Der erfahrene Leser kennt schließlich seine Neugier, wie genau er überhaupt was lesen will, ob in die Unterscheidungen und enigmatischen Unterverästelungen von Für und Wider im Positiven, und dann etwa noch im gar nicht vollständig ausdenkbaren Negativen und Phantastischen, und was nicht alles zur Enteignung von Zeit so ausgedacht wird. (Es ist gleichzeitig ein kleiner Jugendtip zu den Fragen: Was soll ich wollen? Was will ich werden? Was soll ich lernen? Welcher Beruf wäre für mich und ich für ihn geeignet? Welches ist mein nächstbestes Schicksal, das ich zu umarmen hätte? - Bitte, diesen Tip nicht zu ernst nehmen; denn wir brauchen gescheiterte Existenzen und Kanonenfutter im Staate, wenn wieder die nächste Demokratie ist, sozusagen als Ordnungs- und Angstfaktor).

Damit das also klar und deutlich verstanden wird: Urteil ist nicht gleich Wissen. Expertentum zeitigt bestenfalls Expertisen, Gutachtertum meist nur Gutachten (weil ein Gutachter noch kein Experte ist, und umgekehrt ein Experte zwar ein Eingeweihter ist, aber kein fachabdeckendes Gutachterwissen verfügt). Weil das jetzt unverständlich ist, erkläre ich kurz die Unterschiede, die Unterscheidungsmerkmale zwischen Meinungen, Urteilen, Gutachten, Expertisen u.ä.

Gutachten

Gutachten haben Sachlichkeit, stellen Schnitte von Abläufen oder Vorgängen heraus, die wiedererkannt werden. Qualitäterkennen ist etwas ganz anderes, und gar Urteile zur Qualität mitteilen können dagegen, machen eine qualitative Urteilskraft nötig. Hier geht es um, sagen wir es so, leuchtende Gottesangelegenheiten. Urteilskraft hängt an Qualitätseinsichten, an einleuchtender Kennerschaft, an Erkenntnissen, ja an Hellsichtigkeit, an Erkennen, nicht an Wiedererkennen.

Wer versteht den Unterschied zwischen Erkennen und Wiedererkennen? Ich nenne ein Beispiel für Gutachterwissen: Der Freund eines sehr einträchtigen Ehepaares wird immer der Liebhaber von Madame, genau wie die Freundin eines sehr einträchtigen Ehepaares immer die Geliebte von Monsieur wird. Eine Expertise wäre nun dahin unterschiedlich, dass Einzelheiten und intime Gelegenheiten jener Freundschaftspaarung mitgeteilt werden könnten, der Experte kennt die Besonderheiten, die ein Gutachter nicht unbedingt kennt, nicht aber den Fachüberblick und damit die zwangsläufige Unausweichlichkeit dieser Fügung. Der Qualitätsurteilende nun, im Unterschied zu Gutachter und / oder Experte, geht als Mittler und Stimulans unter die einträchtigen Paarungen und geniest seinen sehenden Blick, ohne weitere Kommentare, ganz locker, den Honig mal gebend, mal leckend, mit der Macht zum tödlichen Apercu.

Qualität lernen.

Unterschiede sparen. Das ist normal.

Es können uns aber solche Gedankenspiele sehr willkommen sein, weil sie sich an der sinnlichen Anschauung nachprüfen lassen, was, wer, wie meinen könnte, z. B. der Maler Buchheister im Heft Numero 39, Blätter für notwendige Idolzertrümmerung, (Erfolgskinder) dieser elende hannoversche Neidhammel und Opportunist, ob man das selbst nachempfinden und nachurteilen kann, was er meint, und ob man daran eigene Urteile veranschaulichen und brauchbare Orientierung zur Sprache bringen könnte, ja, allerdings erstens, wenn man vom notwendigen Ernst der Mühe zum Urteilen und davon Reden ausgeht oder ob solche Unterschiede auch einfach eingespart werden können, und zweitens - egal ob (1) gelernt oder (2) gelernt hat, Qualität zu erkennen und qualitative Qualitätsurteile zu geben und auszusprechen sind.

Es wären also Buchheister-Gemälde oder Fußballspiele vorzunehmen und dazu die passenden Beurteilungs-Worte auszusprechen, um daran festzustellen und nachzuprüfen, obs so ginge, ob wir zu einem sogenannten Beobachtungssatz gelangen, wenn zumindest zwei Menschen übereinstimmend Wahrnehmen und von Etwas sprechen: Ja, wo laufen sie denn? und wir lassen als Antwort gelten: intersubjektive Beobachtungssätze. Denn was soll immer die Metaphysik? Diese Tricktechnik, von klaren Einsichten abzulenken - die Frage der Freiheit zum Beispiel - da wird dann gesagt, wirkliche Freiheit gäbe es ja nicht, wo doch nur die simple Vorstellung gemeint ist: Die Freiheit als unveräusserlicher Wesenszug, den der Mensch darin erkennt, frei entscheiden zu können, statt bevormundet zu werden.

Spielszenen

Einmal hier angekommen, wird auch völlig klar, dass nicht notwendig gute oder hervorragende Tatsachen oder Vorgänge allein als Beispiele zur Entfaltung der Urteilskraft geeignet sind. Auch Beispiele mittelmäßiger Malereien oder misslungene Fussballspiele oder maßlose Spielszenen eignen sich zum Urteilen lernen. Allerdings ist die Entfaltung einer gültigen Urteilskraft durch gründliche Sach- und Fach-Kenntnisse hervorragender Meisterschafts-Beispiele leichter zu gewinnen, sowie durch zahlreiche Expertengespräche und Erfahrungsaustausche, derer man teilhaftig zu werden suchen müsste. Nur wer Qualifikationsrennen und Endlaufschicksale, zum Beispiel beim 5000-Meter-Lauf, erlebt hat, weiss letztlich, was es heisst, auf den Punkt fit zu sein, und Alles gelingt dann auch (so etwa argumentiert Leibniz seinen Gottesbeweis). Und selbständige Urteils-Trefflichkeit inmitten gedanklicher und sprachlicher Schlamperei ist nicht zufällig möglich. Zufällige Urteilstreffer sind unwahrscheinlich, eben aus Zufall statt aus Urteilskraft.

Wer was weiß, sagt es. Und gibt es auch Urteilsgenies, Seher, Wissende, trotzdem, mal, merkt es wahrscheinlich keiner, denn, wie Silbermann sagte: mich interessiert nicht so sehr, wie und warum, sondern dass. Und einen Mangel an Meisterwerken in der Lebensumgebung wird man ausdrücklich mit jeglichen Qualitätsschwächen bezahlen, des Qualitätsurteils, des Qualitätserlebens überhaupt. Das gipfelt in: ohne Qualität, keine Qualität - wertend wie sprachlich - im Abseits, insofern gibt eine den Leser ermutigende Vordenker-Schwäche Gelegenheit, eine gültige Urteilskraft "gelungener Freiheit" entfalten und schulen zu können.

P. S. Wer niemals wortloses Staunen erlebt hat, weil er sich dem Hervorragenden verweigert, anstatt seine Urteilskraft daran auszubilden, wird schwerlich über sich selbst hinaus urteilen können. Er fasst dann nur in Worte, was er selbst vorher mit der eigenen Beschränktheit begrenzt hat. Das erlebt man immer wieder bei untalentierten Schauspielern zum Beispiel, die sich nur ungern und mit pflichtgebückter unkonzentrierter Geduld andere Meister anschauen und noch weniger bereit und fähig sind, über schauspielerische Meisterleistungen anderer, Meisterschaftsmaßstäbe und dann auch die eigenen Fähigkeiten zu beurteilen, in verständliche Worte zu fassen und zu messen. Und hörten wir nicht, dass jetzt Musikunterricht für Unmusikalische eingerichtet worden sei. Natürlich muss man lügen, wenn man im Bewusstsein der eigenen Mittelmäßigkeit dennoch einen Platz an der Sonne beansprucht. Dann ist das Leben eine Hatz, dann sind der Markt, der Wettbewerb und Wertbewerb, die kritische öffentliche Auseinandersetzung die reinste Bedrohung, das war in der Ostzone besser, da konnte man, einmal im Sattel, seine angemaßte Kugel zuendeschieben, mit Yoga, Alkohol und viel Entspannung.

Ziel solcher Praktiken ist aber weniger, kompetente Musikerlebnisse zu befördern, als die Annäherung der Unmusikalischen ans Musikerlebnis unter dem Blickwinkel von Zulassung oder Ausschluss. Bedeutende Musik entsteht freilich nicht, wenn der taube Papst Woytila einem blinden Sänger Bocelli beim Singen zuschaut. Aber immerhin eignet sich auch dieses, Maßstäbe der Kritik und Menschlichkeit zu entwickeln. Es lebe also der Unterschied, der uns mit den gelungenen Meisterwerken, den Billigmachwerken und den angemaßten Notstücken geläufig ist, wie der Begriff der biologischen Schönheit dem Biologen. Manchmal ist am Schönsten, wenn man sagen kann: Gerade noch gerettet.

Aspekte in Aspik

Die Rede ist also vom sozialen Aspekt der Kunst- und Qualitätskritik und deren Anwendungsnutzen unter uns, die wir miteinander täglich neu mitbestimmen, wovon wir handeln und wie davon reden müssen, damit Begriffs- und Dingwelt zur verlässlichen Struktur werden können. Diese Strukturschöpfung, an der wir alle, ob inspiriert, tätig, untätig oder angewidert zäh, ob professionell oder amateuristisch, teilnehmen, ist ein fortlaufendes soziales Werk des Anschauens, Denkens, Sprechenwollens und Urteilens der Vorkommnisse und Werke unseres alltäglichen Menschseins. Das heißt, Kunst wie Musik wie Fußball sind hierfür erstmal nur unspezifische Beispiele. Aber die Notwendigkeit wird schon deutlich, dass wir es mit zahlreichen ungleichwertigen Urteilsqualitäten und -Motivationen zu tun haben, und dass hierzu Urteilskraft für geeignete Unterscheidungsurteile nottut. Damit wird auch die ungenaue, häufig gegenläufige Sprachverwendung, was Kultur heisst, deutlich und klarer, und der Missstand einer Verwechslung deutlich, dass Kulturpolitik und Kulturbemittelung, Kulturpersonalpolitik und Kulturreglementierungen immer nur Voraussetzungen oder Behinderungen für Kultur sind und sein können, niemals aber selbst schon Kultur sind, oder gleich an die Stelle der sozialen Kultur gesetzt werden können, geschweige denn zur Bestimmung von Qualität und Qualitätsschaffen tauglich wären.

Die Legitimationsfalle

Es geht also nicht um Zulassung oder Ausschluss von Dir oder mir, sondern über die Urteilsqualität und die Willkür, die wir uns gegenseitig antun, die wir abstimmen und aushandeln. Es geht um das verflixte Multirollenspiel, in dem bei Maßgabe der Willkür Kulturpolitiker und Kulturfunktionäre die Künstler aus ihrer gesellschaftlichen Rolle der Kunstproduzenten und Kunstlehrer, also als maßgebliche Produzenten und Reproduzenten, herausdrängen; sie disqualifizieren die Künstler und machen sie arbeitslos.(s. a. Künstlertypologie im Lexikon des Kunstwesens im Heft)

Hierdurch entstehen Qualitätslücken, die zu häufig mit Mache und dauerplastischem Kitt verkleistert werden. Ja, und, stört der Qualitätsabfall denn niemand? Das geht schon indirekt, unmerklich fast, über die Sprachherrschaft. Das Salonpersonal regelt sich eine Sprache ein, einen Kanon, eine Ästhetik, die sie selbst benennt und bestimmt und sogar noch die Personen auswählt, die da mitmachen. Dieses Machtspiel gelingt insbesondere einer solchen "Kritischen Theorie" dann, wenn als Herrschaftsästhetik durchgesetzt wird, dass "freie Willkür" politisch korrekt und normgerecht sei (GG Freiheit der Kunst), hingegen die "Freiheit des Gelingens" als "elitäre Unerwünschtheit" finanziell zurückgedrängt wird. Das gemeisterte Meisterhafte zweifelt man doch einfach an, indem es als unappetitlich schlechtgeredet wird.

(Ich nenne nur ein ausgewähltes Beispiel: Der zu Lebzeiten international gefragte deutsche Plastiker Arno Breker (1900-1992) wurde nach 1945 zunächst als politisch unerwünscht persönlich ausgeschlossen, um nicht viel später auch als Plastiker, ästhetisch-handwerklich heruntergewürdigt zu werden. Man belegte Brekers Kunst mit Negativurteilen, wie Kitsch, faschistisch, peinlich und ähnlichem. Doch unabhängig, ob Brekers Portraits von Kunstsammler Ludwig, von Hochspringerin Ulrike Meyfarth, von Zehnkämpfer Jürgen Hingsen oder Nazi Hitler geschmacklich ankommen, ist das Künstlerische Brekers zunächst unbestreitbar, zumal es weit und breit keinen zweiten dieser Qualität gab und gibt. Nehmen wir nur die Werkstatt-Broncen von Dali oder die zahllosen Sowjet-Russland- oder Nazi-Figuren-Künstler zum Vergleich, ob Tscharkow oder Thorak oder Mattheuer, sie brachten und bringen es einfach nicht, was Arno Breker konnte; ihre schwachen Plastiken und Skulpturen stehen ja dauerhaft genug herum. Jeder sieht es. Übrigens hatte Breker zur Nazizeit soviele Auslandsaufträge, dass die Nazi-Reichs- und Staatskanzleis-Verzierungsaufträge- und -wünsche gar nicht erfüllt werden konnten; das war wie mit den Papstgrabmälern des gefragten Michelangelo in Rom).

Wer den letzten Stein wirft, altert, und was müssen wir da hören? Hans Wollschläger wurde 65 Jahre und Rentner, gab zum Altern seinen Zettelkasten preis:

"Natürlich stellt, dass man immer abscheulicher aussieht und, schon erkennbar, schließlich ganz klein und hässlich wird, eine schwere narzisstische Kränkung dar, ja ein wirklich starkes Stück, verstärkt noch durch die Erfahrung, dass man selber nicht der Einzige ist, dem das unangenehm auffällt: Alte Leute sind ästhetisch meist abstoßend, was man bei allem Sinn für Distanz doch nicht sein möchte; die jungen werden es allerdings auch immer mehr, so dass man bald gar nicht mehr wissen wird, wen man nett finden soll... ein Problem ist das "Wie lange?" für mich nicht; zu wenig Zeit war immer für alles, was sich mir schön illusorisch als Ziel und Zweck und Endursach´ speziell all meiner Plackerei gemalt hat, und wenn die Schicksale von Bachs Kunst der Fuge und Bruckners Neunter den Verdacht nähren, dass Gott unmusikalisch sei, so mag ich ihm auch nicht genügend Literaturverstand zumuten, um mich meine vertrackten Altersbücher schreiben zu lassen; ich müsste mir auch mindestens noch 100 Jahre dafür ausbedingen... dass die zusammengewürfelten Hindernisse im eigenen Leben Dings genug sind, um den tollsten Absichten ein Bein zu stellen. "Midlife crisis" heißt jedenfalls die Redensart für die dumpfe Ahnung des fälligen Zusammenbruchs, der sich auch - jawohl, in dieser Kausalität - somatisch zu Wort meldet, wo das Bewußtsein zu schwerhörig ist ... die Beschäftigung mit Personen und Sachen, die als bloße Vorformen von Bagatellen erkennbar werden, fällt immer schwerer... die Allgemeine Menschheit, für die man, auf Grund entfernter Verwandtschaft, immer noch eine kleine, vielleicht verzeihliche Schwäche hat, liegt einem doch am - nun, sagen wir am Kopfe, und man will ihrem Gedeihen mit seinen Einsichten nicht im Wege stehen. Die Gesellschaft schickt alternde Leute mit vielen Gründen in den Ruhestand: Staat zu machen ist mit ihnen nicht; sie winken den edelsten Unternehmungen sozusagen automatisch ab, der bestgespielte Enthusiasmus lässt sie kalt, und wenn "das Vaterland ruft", was es ja nun partout nicht lassen kann, melden sich begeistert nur die Grünschnäbel. Deren Quantität nimmt für den alternden Blick immerfort zu: Je älter man wird, desto jünglicher überhaupt erscheinen einem die andern. All die aufgeregten Staatsmännchen "aus Politik und Wirtschaft", die sich vor das öffentliche Auge drängeln: immer öfter sagt man, "Kinder, Kinder", wenn man sie fuchteln sieht; selbst Fünfzigjährige kommen einem plötzlich wie die Schnösel vor, die sie geblieben sind, und dass auf einmal alle Leute unerträglich dumm erscheinen, wird nur mühsam davon ausgeglichen, dass die Toleranz gegenüber der allgemeinen Fehlbarkeit mit dieser ins Unermessliche wächst... Läßt sich denn gar nichts machen dagegen, dass man so unwohnlich wird? Was kann man zum Beispiel gegen das grässliche Wegsterben der Freunde tun, das einen wie nichts sonst verkarstet? Rechtzeitig jüngere Freunde (und Freundinnen) dazunehmen, das ist wahr... aber ganz junge nicht; der Unsinn, den sie von sich sprudeln, ist denn doch zu arg. Was tun?..."

(Vermutlich wird die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine Fortsetzung vorstehender Altersgedanken bei Hans Wollschläger bestellen, denn von diesem Meister des Geistes stammen - so erinnere ich meine lieben Leserinnen nur ganz nebenbei - die Pflichtlektüren "Ulysses" des James Joyce in der Wollschläger-Übersetzung aus dem Dublinsch-Irischen ins Hochdeutsche, sowie erinnert sich die reaktionäre deutsche Theater- und Brecht-Salonpersonnage insbesondere an beispielhafte historische Wollschläger-Ausstattungsaufführungen am Theater in Bamberg, als Regisseur). Klageschreie des Abschieds hallen durchs Journal: Soziale Marktwirtschaft, Abbild aller Wunschträume - Selbstbildkorrekturen als Zersetzung empfunden, als Entstellung, als Hölle des Bösen, als Rückfall in barbarische Zeiten der Unmenschlichkeit: die moderne Erfolgsstory geht zu Ende. Ist das so?

Nun sagten wir ja schon: die Weimarer Republik war ein herausragendes Ereignis der Menschlichkeit. Ja - aus dem Blickwinkel der Vorzeit betrachtet. Aber, Erfolgsstory? Mit Lähmung der sozialen Impulse, der abgestumpften Seelen, der uninspirierten Weltzerstörer, der kinderlosen Drohnen, der unehrlichen Selbstsucht z. B. von uns Deutschen, damals wie heute? Wer sagt eigentlich, dass ein einundzwanzigstes Jahrhundert das zwanzigste Jahrhundert fortsetzen müsste? Das Drohwort Fortsetzung, was bedeutet es uns? Geradeherausgesagt, nichts, denn:

Die kommende, neue Epoche wird eine liberalisierte, persönliche soziale Marktwirtschaft sein können, menschlicher, als die bisherige institutionalisierte Soziale Marktwirtschaft es war, oder wie der Hannoveraner Dr. Franz Otto Kopp sagte: Wieso eigentlich Mut zur Zukunft? Zukunft war noch immer ein Garant aufs Menschliche, wenn man nicht zu viel auf Hoffnung, ohne wissen können und tun sollen, machte. Wieso braucht man also Mut zur Zukunft? Will man uns damit etwa Angst unterjubeln?

In der Neuen Sinnlichkeit wird jedenfalls unerbittlich streng nach Menschlichkeit getrachtet. Besonders die Einsicht, dass es auf die Einstimmung darauf ankommt, wo unsere Menschlichkeit keine angenehme Mitmenschlichkeit ist, und wie die menschlichen Miteinanders lustig, anregend und freundlich zu stimmen sind, weil der Mensch oft nur eine mitmenschliche Zumutung ist. Ist das nicht so, lieber Leser? Wie? wäre es mit einer kontrollierbaren Symmetrie zwischen Menschen? Wollen wir das gute Wort Partnerschaft durch Symmetrieschaft tauschen? Nein, lieber nicht. Symmetrie würde ja fordern, dass entweder derjenige Kürzerkommende sich anzustrengen hätte, dem Gegenüber gleichzukommen - eine fragwürdige Anstrengung und Persönlichkeitsänderung, die den Lebensfluss kanalisieren wollte. Oder der Überbordende würde zu Gunsten einer nichtswürdigen Symmetrie zurückhalten, nur, damit eine Spiegelung entstünde, die nichts wäre als eine Verunechtung, zugunsten einer im Prinzip der Symmetrie jedenfalls nicht zu begründenden neuen Qualität. Hiermit wurde nicht über Respekt, Verhaltenskultur, Sensibilität, Abstimmung, Konsonanz, ja Kultur schlechthin abgeurteilt. Dass Domestikation im Sinne des Wortes notwendig für den Hausfrieden ist, zählt aber nicht zu den höchsten Zielen der Kunst, oder?

Sagen wir nicht allzuleicht: Das kann doch nicht wahr sein. Anstatt zu fragen: Wieso denn? Wie war das möglich? Und, ob es nicht entsprechend noch immer möglich ist. Wo waren die Nazis vor Hitler? Wo sind sie in ihrer grossen Zahl heute? Nun, diejenigen Nazis, die nur bis 1942 Nazis waren, weil sie dann im KZ umgebracht worden sind, sind ja fein raus. Was mit denen ist, die unterdessen, 1933 - 1944, durch Flucht Zeichen der Entnazifizierung setzten, zeigt die Gegenwartsgeschichte dadurch, dass die Betreffenden wiederum naziartiges Verhalten an den Tag legen, rücksichtslose DURCHSETZUNGSHALTUNG warnt uns vor denen. Und dann die ganzen, banal-bösen Eichmänner? Das ist normal.

Eine schöne große Zahl

Und da kann nicht sein, dass die größte Leistung im Leben der meisten Mitmenschen ist, anstatt bei der Erwerbs-Arbeit etwas zu leisten, sich selbst und das vorhandene Leistungsvermögen zu unterdrücken. Denn Selbstverleugnung ist in den allermeisten heutigen Arbeitsformen bestimmend. Ja? Wie soll denn ein hochregulierter Arzt noch ein Heilkünstler sein? Das muss doch Ärzte krank machen.

In bezahlter Selbstverneinung besteht unsere Leistung hauptsächlich: Es ist die Leistung der Selbstdisziplinierung und Selbstverleugnung von so vielen einmaligen Wunderwesen, wie es so ein Stoffwechsler aufrechten Ganges nunmal (den seltenen löblichen Ausnahmen hier zum Troste ihrer Einsamkeit) unbestreitbar ist: gottesfern und fegefeuerwürdig, diese leistungsfeindliche Stoffwechselbewertung und Abrichtung. Die Rede ist aber so gar nicht von der Hingabe des Dienstleistenden an den Anderen, Dienstnehmenden.

Inzwischen erreicht uns die Kampagne des bekannten französischen Soziologie- und Modeschriftstellers Pierre Bourdieu - nebenbei gesagt, ein Schwätzer ohne Verdienste, aber - in der TAZ verlautet, am Tage, als Deutschlands Bundeskanzler nach Freiheit rief, im polnischen Gnesen seine neueste Europadevise ankündigt: "Gnesener Erklärung für "ein Europa freier Gesellschaften" postuliert (FAZ, 29.4.2000).

Befreiung also, wie derselbe Kanzler auch Freiheit für die Medien der Reformisten in Teheran fordert, nun Folgendes für seine sozialdemokratische Claque im Namen Bourdieus: "Aufruf zum Manifest - Wir brauchen eine europäische Sozialcharta, die sich gegen die neoliberale Politik wendet. Beteiligen Sie sich an der Diskussion: Das Manifest: Charta 2000", kurz gesagt, Freiheit für den Mob und Reglementierung für die Freiheitlichen. Emil Steinberger würde sagen: eine schöne Freiheitlichkeit, das, oder?

Ich sage dagegen zugunsten einer individualisierten Sozialen Marktwirtschaft: Gefordert sei die liberale Säkularisierung des kommunitaristischen Sozialdemokratismus nebst institutionell gelähmter Sozialer Marktwirtschaft. (Ohne entsprechende Familienpolitik wird das nicht gehen, ich sags gleich, selbst wenn Schopenhauers Eltern Schafe sind). Dazu unten mehr, nach der nun folgenden Nato-Pause. In unserer Serie für Kinderbuchautoren und -Illustratoren: Blätter für Wehrrecht und Reisepflicht.

Dabei hätten wir doch inzwischen alle Gründe auf unserer Seite zu triumphieren. Unvergessen auch unsere zahlreichen Debatten über den Kosovokrieg, insbesondere unsere sackermentische deutsche Beteiligung als vollwertiger Nato-Partner gegen Serbien im Kosovo 1999: Denn, nichts wars. In den Gardasee hat man die entschärften Bomben geworfen, weils sich auf Flugzeugträgern und überhaupt sonst nicht landen lässt für unsere Supertechnik, ja, wie Ekki noch ganz begeistert beschrieb, was mit den kleinen Bodenkampfhubschraubern und überhaupt, heisst es jetzt allerdings sogar in der FAZ - und Deutschlands Bundeskanzler, Kriegsminister und grüner Aussenminister, hört gut zu, (ganz nebenbei gesagt, Nietzsches Schnauzbart war nach Bismarcks und Kaisers Vorbild erst so Albert Schweizer-und-Einstein-mäßig von der den hinfällig kranken Bruder pflegenden und vermarktenden Schwester Elisabeth Feuerzange Förster-Nietzsche so robbenartig hingestylt worden) - FAZ 3. April 2000:

"An diesem Mittwoch wechselt zum zwölften Mal in der Geschichte der Nato der Oberbefehl über den Kommandobereich Europa... Die Entscheidung selbst hatte der amerikanische Präsident bereits im Herbst vorigen Jahres getroffen. Darüber, wer den höchsten militärischen Posten der Nato innehat, wird immer noch in Washington befunden. Daran hat sich auch mit der vergangenen Jahr veränderten Kommandostruktur der Allianz nichts geändert.

Routine... allerdings... Für die internen Vorgänge trifft dies nicht zu. Der Grund dafür ist der 78-Tage-Krieg, den die Nato im vergangenen Jahr gegen Milosevic geführt hat. Es war der einzige Kampfeinsatz, den das Bündnis bisher zu bestehen hatte. Militärisch war er erfolgreich. Belgrad wurde zum Nachgeben gezwungen, ohne dass die Nato bei ihren Luftangriffen auch nur einen einzigen Soldaten im Einsatz verloren hätte. Das war für den nunmehr scheidenden Nato-Oberbefehlshaber Europa, den Sacuer, wie er in der Kürzelsprache der Allianz heißt, gewiss der erfreulichste Aspekt eines Krieges, der für ihn ansonsten vor allem von Friktionen und Enttäuschungen begleitet war..."
Krieg der Nato gegen Milosevic gewinnen bedeutete aber für alle, die nicht propagandablind waren: es ging nicht um den Schutz bedrohter Menschen und niemand wurde verteidigt.

"...In den Reden und Würdigungen, die seinen Abschied umrahmen, wird davon kaum die Rede sein. Das ändert aber nichts daran, dass sie die eigentlich prägenden Erfahrungen dieser Militärintervention sind. Das führt zu einer veränderten Sicht und Beurteilung der Allianz und ihrer Entscheidungsfindungsprozesse.

Schon lange bevor sich die Regierungen der Nato-Länder dazu entschlossen hatten, ihre Streitkräfte gegen Serbien einzusetzen, um dem Vertreiben und Morden im Kosovo ein Ende zu machen, hatten Clark und mit ihm der Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, der deutsche General Naumann, zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich ihre "political masters", die Regierungen und besonders ihre Aussen- und Verteidigungsminister, über ihren Rat hinwegsetzten. Clark und Naumann empfahlen, Serbien erst dann militärische Schritte anzudrohen, wenn die Eskalation bis hin zum Einsatz von Landstreitkräften geschaffen sei und sich die Nato zumindest die diplomatische Unterstützung Russlands gesichert habe. Beide Forderungen der Militärs lehnten die Politiker im Nato-Rat ab. Ihre Bereitschaft zum Risiko war ebenso wie ihr Optimismus über den Verlauf der Dinge weit höher als der der beiden Soldaten. Dass das leichtfertig war, zeigte sich nach dem Beginn der Luftangriffe. Je länger sich der Krieg hinzog, um so bedrohlicher erschien die Gefahr des Fehlschlages, der schließlich nur durch Russlands nachträgliches Einschwenken und eine gehörige Portion Glück vermieden werden konnte.

Für Clark blieb diese Friktion nicht die einzige. Die Umstände des Handstreichs, mit dem ein russischer Verband am 10. Juni vorigen Jahres den Flughafen von Prishtina unter seine Kontrolle brachte, während die ersten Einheiten der Kfor-Truppe in das Kosovo einrückten, waren für Clark und die Nato insgesamt noch bedrückender. Clark musste zur Kenntnis nehmen, dass seine Weisung, den Flughafen vor dem Eintreffen der Russen mit Nato-Truppen zu besetzen, nicht ausgeführt wurde - obwohl er sie erst nach Information der politischen Führung der Allianz und mit deren ausdrücklicher Zustimmung gegeben hatte. Das wog für ihn um so schwerer, weil er den Eindruck gewinnen musste, von seinen eigenen nationalen Vorgesetzten nicht unterstützt worden zu sein. Für die Nato aber ergab sich aus dem Vorgang, dass die wirklich wichtigen Entscheidungen weder von dem Befehlshaber getroffen werden, den sie selbst mit der Befehlsgewalt (ACTORD) ausgestattet hat, noch von dem höchsten politischen Gremium, dem Nato-Rat, sondern auf informellem Weg durch ein Telefonat zwischen dem britischen Generalstabschef und seinem Partner in Washington sowie durch unmittelbare Kontakte zwischen der britischen und der amerikanischen Regierung. Für diese Ausschaltung der Nato-Strukturen hat man im Bündnis sogar einen eigenen Begriff: Man spricht von der "Zwei Schlüssel-Problematik" - allerdings nur informell, denn förmlich will man die Existenz dieses Sachverhaltes auch weiter ignorieren und leugnen. Nur so meint man das Gesicht wahren und gleichzeitig den wichtigsten Mitgliedsländern, Amerika und England, die Möglichkeit belassen zu können, Beschlüsse der Allianz dann zu übersteuern, wenn sie es denn für nötig halten..."


Scharping-Pathos - Nato-Literatur

"Wir dürfen nicht wegsehen" heißt denn also das Buch des Bundes-Kriegsministers Rudolf Scharping zum Kosovokrieg 1999, das der Berliner Ullstein-Verlag herausgegeben hat (mit Abbildungen / man sieht nur, was man weiß / Goethe). Darin schreibt Scharping sein Credo: "In der Demokratie mit einer freien Mediengesellschaft der immer währenden offenen Kommunikation muss man seine Wahrheit mit Verve und auch mit Pathos an die Leute - die Wähler - bringen, wenn man an der Heimatfront bestehen und künftig auch wieder gewählt werden will." Damit wird der Vorwurf Neue-Sinnlichkeit-38, dass der oberste deutsche Kriegsherr Scharping im Krieg Kriegs-Propaganda von sich gibt, statt die demokratische Öffentlichkeit so zu informieren, dass Kriegsfragen beurteilbar sind, allgemein bestätigt. Indem der kriegführende Staat seine Wähler versucht hatte, auf Krieg zu stimmen, eine Interpretation der Lage in Serbien zum Krieg hin hinzunehmen, erreichten die Berufskrieger eine Wende hin zu der oft geschmähten, nahezu panisch gefürchteten "Normalität" der Handlungszwänge in der internationalen Politik. Deutschland hätte den Kosovokrieg nicht mitmachen müssen, allein schon deshalb nicht, weil die meisten anderen und sogar politisch viel schwächeren Staaten der Welt sich solchen "Zwängen" gegenüber enthaltsamer halten konnten und nicht us-amerikanische, nato-spezifische und internationale Zwänge gleichsetzen und solche Lasten in vornehmer Zurückhaltung den Alliierten überlassen hatten. Sondern Deutschland hätte alle Argumente dagegen ins Gewicht bringen sollen, eben nicht in diesen Kosovokrieg zu gehen. Dabei sind moralische Rechtfertigungsbedürfnisse dafür, als Stärkere Krieg zu machen, noch die nachrangigen. Unsere Motive hingegen lauten positiv: für Friedensmiteinander, Friedenswirtschaft und die uneingelösten Humanismuserfordernisse - solche Ziele hätten im Vordergrund zu stehen.

Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung und Agentur AFP vom 03.05.2000 wurden nach einer Erhebung der Unicef im Sommer 1999 im Kosovo 389 Schulgebäude zerstört oder beschädigt, 242 von der Nato in Serbien. Unsere Medien (inkl. FAZ) haben zum menschenrettenden Eifer ihrer Kunden und Konsumenten passend kein Wort darüber berichtet und sind inzwischen längst nach Tschetschenien weitergewandert, immer der eigenen Menschlichkeit und Berichtspflicht folgend. Die unerträgliche Leichtigkeit der Information (Elisabeth Lèvy in Le Débat) rechnet mit konkreten Zahlen und Fakten auf, dass von den Massenhinrichtungen und Massengräbern im Kosovo bisher gut zweitausend Leichen und doppelt so viele Vermisste registriert wurden. - So viel nur zur humanitären Rechthaberei von Dietmar Moews als Einzelgänger gegen die meinungsführenden Medien, die schon Peter Handke beflügelte. Weil ihn Fernsehbilder ohne Datierungen (ausgeblendeter time-code), massenhafte flüchtende Fussgänger an der albanischen Grenze, im Schnee vorstellend, nicht der Autofahrer-Realität im heutigen Amselfeld entspricht. Und man sah ja nach Ende des Krieges, dass plötzlich alle bequem autofahrend zurückkehrten, allerdings in eine zerdepperte Landschaft.

Wer reagiert, auf was, gereizt? das frage sich aber jeder selbst. Menschenrechte sind jedenfalls so lange verteidigbar, wie man noch frei publizieren darf. Dann muss auch moralisch und sachlich gewertet werden. Alles andere ist irreführend und mobhaft. Das Wort Machtfrage ist frivol und relativiert Menschlichkeit vom Fernsehsessel aus, anstatt für geistigen Anstand hinzustehen und Fehleinschätzungen zu korrigieren. Für die persönliche Verantwortung und nachträgliche Berichtigung von Falschmeldungen im schnellen Fluss der Ereignisse einzustehen, das macht jeden einzelnen Redakteur zum kompetenten Fachmann oder zum demokratieuntauglichen Arschloch. Ich habe die Namen notiert, vom Morgenmagazin zum Auslandsjournal bei ARD und ZDF. Die Kommerzsender ohnehin ausgenommen, die es mit Genauigkeit, Datierungen und Kausalitäten nur unzuverlässig und allein auf Werbungsschaltreize als auf Informationsbereitstellung zielen.

Nicht die Verlagshäuser sind das Kritikerlebnis heutiger Informations- und Kommunikationsprozesse, sondern der denkende Leser, Zuhörer und -schauer ist der Erlebnisfaktor, der die Kommunikationsordnung fortlaufend bestimmen muss.

Nicht der Redakteur ist der kritische Ordnungsfaktor seiner aufgeklärten Lieferung. Redaktionen hätten sich einer Pflicht und Fragen der Pflichterfüllung bis hin zur Erfolgskontrolle, ob Inhalte beim Bürger angekommen sind, zu stellen, anstatt Kritiker und Kunden fertigzumachen.

Die öffentliche Bewertung von Informationen und Geschehnissen durch die Bürger soll die Zurechnungsfähigkeit für etwaige militärische Entscheidungen bilden. Ich lasse mir das Denken als professioneller Gesellschaftskritiker nicht abstreiten, ohne dass Argumente und Zusammenhänge ausgetragen werden.

Wehrrecht

Wieso eigentlich wird eine Bundeswehr-Debatte unter dem Signet von leeren Kassen aufgezogen, deren Kern aber auf die Abschaffung des allgemeinen Wehrrechts zielt, wenn anders gesagt, die Abschaffung einer Wehrpflicht, die angeblich ausgedient hätte, zugunsten einer Söldnerei, sprich Armen- und Fremdenlegion, militärpolitisches Thema sein müsste. Und sofort springen mediengeile Politiker vors Rotlicht: "Wehrgerechtigkeit" ruft Frau Schmidt aus Bayern, "Frauen in die Bundeswehr" ruft die Grüne aus Berlin, "Ja nischt is ooch watt", ruft der Oberschenkel-Amputierte aus Hannover in den Ring.

Die militante Humanismus-Forderung dieser Neuen Sinnlichkeit jedenfalls hier will das Wehrpflicht genannte Wehrrecht beibehalten, dazu eine Reisepflicht etablieren, und hält eine Bundeswehr-Debatte für wünschenswert, die sich der mangelnden Anbindung der deutschen Kosovo-Bomberei ans deutsche Volk, der mangelnden politischen und militärischen Steuerung der deutschen Soldaten an das politische demokratische Deutschland und den deutschen Wähler und Steuerzahler als seinem Souverän stellt. Denn wir werden ja sogar noch nachträglich durch Kosovo-Nato-Propaganda entmündigt, statt Aufklärung zu erhalten, was deutsches Militär mit deutschen Mitteln und deutscher politischer Verantwortung im deutschen Namen angestellt haben.

Fest-Fest

Ja, wir bezahlen die FAZ schließlich für ihre Berichtsamkeit. Und genau wie uns kürzlich eine ganzseitige Neuinterpretation des Naziunwesens des Albert Speer zuteil worden ist, den immerhin der ehemalige FAZ-Herausgeber Joachim Fest, als Herausgeber des zuletzt erschienenen Speer-Buches "Erinnerungen", daran argumentativ Verantwortung trägt, dass der Nazi-Rüstungsminister Albert Speer als anscheinend gereinigter Nazi vor die Geschichte treten konnte, geradeso, wie sich Speer auch vor dem Nürnberger Todesurteil gerettet hatte. Jetzt also neue wissenschaftliche Ausschöpfung der Dokumente in der FAZ, von Heinrich Schwendemann, Schlüsselfakten, die der ehemalige FAZ-Herausgeber Fest ausser acht gelassen hatte, erstaunlich, erstaunlich, diese FAZ am Main.

Wie frei gegen frei

Nun, wohlan: freies Europa (Gnesen) versus Neoliberalismus - das ist echt geil, allerdings frei gegen frei ist irgendwie frei von Konkludenz, wie wieder der ehemalige Jurist hier sagen würde, wenn er sich zum berechtigten Ärger des lieben Lesers einen Fremdwortspaß machen will. Erstunterzeichner von Bourdieus Manifest Charta 2000 sind, laut TAZ am 29.4.2000? - na, wer wohl?

Günter Grass, natürlich der DGB-IG-Medien-Vorsitzende (ressortiert die Kunst) und sonstige Sprüchemacher, wie der Wittenbergist Pfarrer Friedrich Schorlemmer, der der Sächsischen Zeitung in Dresden sagte: "...Politik büßt ihre gestaltende und ordnende Aufgabe mehr und mehr ein. Sie soll nicht so viel reglementieren, sagen die, die die ganze Macht wollen. Am Tropf der Finanzmärkte hängt das Wohl und Wehe der globalisierten Welt. ...wenn Gewinn wieder Gewinn wird, statt zu Investitionen zu führen, dann müssen die stärker wachsenden Vermögenseinkommen zur Finanzierung des Sozialstaates herangezogen werden; ansonsten ist der Sozialstaat am Ende und die Spaltung der Weltgesellschaft verschärft sich." (29.04.2000)

Welche bagatelle Politikgestaltungsmacht meint Schorlemmer denn, die, die die? Die einbüßbar wäre? Diejenige des Landeskirchenamtes oder diejenige der Hauptstadt der DDR? Diedeldumm?

Dieser Beamte Schorlemmer hat das Herz vermutlich am rechten Fleck. Aber wenn man ihn sprechen hört und noch dabei sieht, befällt einen eine müde Gänsehaut von Unbeträchtlichkeit und grauer Verantwortungsschwäche, und man muss aufpassen, nicht plötzlich einen Nobelpreis übergezogen zu bekommen: Was ist das nur für eine eisenhölzerne Engherzigkeit, nach all den furchtbaren Lehren der vulgärmaterialistischen Menschenexperimente der DDR?

Man ist selbst nicht blöd, will auch die ganze Macht weder, noch ist eine solche in unserer Welt zu finden, sowenig, wie in der Welt des Pfarrers und Schulleiters Schorlemmer, oder die Macht des weniggültigen Urteilsgeistes in den Abhandlungen des Christen Karl Marx: "Kennen Sie Marx?", lautet Günter Schultes Campus-Büchlein zu diesem Thema, als Frage an alle, die noch nicht genug haben, von Falschen Propheten, wie Fritz Klein, dem ehemaligen Nazisoldat mit kommunistischem Weltbild, also funktionaler Antifaschist quasi oder Karl-Heinz Gerstner, Rot, NSDAP-Mitglied, NS-Diplomat, Reformsozialist, erheblicher KGB und Stasi-IM-Spitzel und nun Autobiographie-Fälscher, seicht, kitschig, opportunistisch und verlogen, zutiefst verlogen unter dem Titel: "sachlich, kritisch, optimistisch", diese beiden Stützkrücken des Polsterer- und Zimmerleute-Paradies´ DDR. Gewiss zu Diensten, den Millionen SED-Staatlern, die ihr Restleben als Verlierer im Gesellschaftskrieg zwischen Ost und West empfinden und deshalb Zeugen finstersten Hasses, gegen alles was sich bewegt, sind.

Feindfrei

Das SPD-Schimpfwort "Neoliberalismus" mal ausgeklammert, hatten wir in Numero 38, Blätter für Bäume im Frühling, dargelegt, warum: vor allem "Keine Freiheit, den Feinden der Freiheit" zu fordern ist, und warum 1. das Individuum, diese kleinste und selbstzuzurechnende Gesellschaftsentität, mit sich selbst vollverantwortlich zu belasten sei, und dass allerdings Institutionen, Vereine, Verbände, Körperschaften, sonstige Intermediäre, klaren Kontrollen und Steuerungsmedien zu unterwerfen seien.

Das wäre also die persönliche Soziale Marktwirtschaft. Also nicht wie SPD, Ulrich Beck, Grass, Bourdieu und andere Kommunitaristen so schlau vorschlagen. Nicht, wie die Salonpersonnage bereits mittels der Kulturpolitischen Gesellschaft Loccum / Hagen so erfolgreich an Staatsknete, Staatsprogramme und Staatspöstchen sich ranmachen konnte, eine neue Offensive der Ehrenämter und Freiwilligenorganisationen, wo nur wieder bürokratistisch aufgezogen und staatlich begünstigt werden soll: "SPD will Ehrenamt stärker fördern, Hindernisse für Vereine und Verbände sollen abgebaut werden... gedacht ist an Bürgerstiftungen, besonders für die Kunst- und Kulturförderung, den Sport, soziale Vorhaben, etwa für Schülerzeitungen, weg mit "Bürger für Bürger" Stiftung der CDU, her mit der "Bündnisse für das Ehrenamt"-Stiftung der SPD" (FAZ, 27.4.2000). Schreckliche Aussichten dies.

Liebe Leute, darüber schreiben bedeutende Künstlergelehrte dieser kleinen Welt bereits über Jahrzehnte hin empirische Doktor-Dissertationen. Ergebnis ist immer wieder: Vereine und Verbände verschleiern Verantwortung, Geld verschwindet, Vereinsmitglieder werden frustriert, Legitimation für die Politik wird mit Partei-Funktionärsposten belohnt und gekauft, und wir stöhnen nur noch: der funktionale Dilettantismus dieser Vereine ist ein Übel und muss abgeschafft werden.

Toleranz

Und hiermit wären wir mittendrin, in der Fortsetzung der Orientierungskampagne in der Neuen Sinnlichkeit, Blätter für eine vom psychologischen Verständnis des Leibes her gedachten Philosophie, zur möglichen Umwandlung elementarer Triebe in gesellschaftlich anerkannte Verhaltensweisen: für die bildungspolitische Kompetenz der Wahlberechtigten und für die Toleranz unter den Menschen.

Ich grüße (langes "Ü", also nach der neuen Schreibregel "ß") Sie in bewährter Verlässlichkeit, unaufdringlich, ja fast, als begegneten wir uns überhaupt fremd und erstmalig, und nicht so rennhuhnmuskelgestählt oder armiert á la Hermann im Teutoburger Wäldchen, nein, im Ernst von erde erde merde beton gilt meine Erfolgskinder-Einführung der Ermutigung wie der Abschreckung der lieberen Leserin persönlich, die Sie sind oder des lieben Lesers: Zur Neuen Sinnlichkeit gehören Ernst und Leichtsinn zugleich, ansonsten hat Unmut Platz, wos uns doch ums Ganze gehen soll:

Blätter für Großstadtmenschen mit gehobenem Lebensstandard und Steuerberater sind nicht die schlechteste und nicht die beste Zeitung der Welt - umso ernster der Dank allen Leserinnen und Lesern, für Geduld, guten Willen, dass es weitergehen wird. Besonderen Dank an die Abonnenten und ihre Zahlungen. Hoffentlich ist diese neue Sendung so interessant, dass mans auch mal frohgelaunt weitererzählen möchte. Das wäre schön - für wünschenswerte Idolbildung wie für notwendige Idolzertrümmerung. Was sagen Ihre Kinder dazu?

Leistungsdrama im Dom

Guten Tag, ja, prosit Mahlzeit, seien Sie willkommen im Reigen dieser Blätter am Frühlingsbaum und zugleich Literärgeschichte und Gegenstand der zukünftigen Forschung in einer Nische alphabetisierter Gruppen und Massen und Mengen, Einzel- und Einsamleser, die im Dom der Humanität dieses Jahres 2000 sich drängen, es kann so einfach sein, immer unter Alphons Silbermanns sel. A. Denkwort, dass in diesen Blättern für allgegenwärtige Denkworte allgegenwärtig durchscheint, es lautet: "Im Angesicht des Todes hoffnungslos verloren." Und an alle, denen schon der Ton vom anbiedernden "Uns" nicht schmeckt: Sie werden gelegentlich um ihre Meinung zur Kunst des Arschkriechens befragt; vielleicht gibt es noch eine Annäherung für uns.

Ehedem dem Neuesten im Reiche des Witzes zugehörig, nennen wir jetzt Geist oder Bildung, was eine Orientierungskampagne, diese europäische Bildungskompetenz-Kampagne, diese Toleranz-und Lebensfreundlichkeitskampagne der Neuen Sinnlichkeit ausmacht: BILD BILDET, Neue Sinnlichkeit belustigt.

Eine jede und ein jeder wird hier persönlich angesprochen, zugeordnet, gelocht, abgeheftet und wieder aufgefunden in der Matrix der systematisierten Mob-Lebensweisheit von Pfuschen, Krankheit und Kriminalität. - Was? Sie pfuschen nie? Gut, gut, jedenfalls und dann heisst es: Stoppen, Umkehr, Neuordnen, Wiedergutmachen, Sühnen, Reuen, Büßen, Kommunizieren oder - es heißt Inhaftierung, Irrenhaus, Ehrverlust und Ausschluss, kurz, Vergessen versus ERINNERN.

Von hier aus ist BILDUNG zu verstehen. Bildung dient als Wegbeschreibung, wie ich Abwege, gute oder schlechte Abkürzungen, Umwege und Kurskorrekturen finde, wenn es heisst: auch der Weg ist ein Zwischenziel. Zumindest entsteht der Weg beim Gehen - mit oder ohne Bildung - besser oder schlechter. Die Frage: Wie, Warum und Wann bin ich Pfuscher? Hab keine Lust zur Arbeit und mache krank? Bin auch häufig krank? Sehe auch schließlich krank aus, wie ein Pfuscher, unmäßig, wie ein Pfuscher des Lebens, begehrlichkeitskrank auf dem ungeeigneten Lebenspfad vom Pfuschen zum Krankmachen zum Kranksein gelangt, zunächst schon mal erst im Kleinen, dann aber - nach dem Motto: Klotzen, nicht Kleckern - kriminelle Wege sich am ehesten öffneten, um im Abseits, vor der Frage: Warum haben andere Bildung und ich diese Müh mit der Angst, warum? Weil ich mir leisten will, was ich mir ohne Leistung nicht leisten könnte und ehe sichs versah, landete der inzwischen kriminell gewordene kranke Pfuscher vom Privaten in die Halbwelt, um schliesslich in der Unterwelt zu merken, dass es keinen einfachen Weg zurück mehr gibt. Das ist jetzt sehr schlecht für ihn. Lieber Kommilitone des Lebensstudiums, ich habe Dich immer wieder gewarnt.

Hier leuchten Blätter für das Leistungsdrama der Leistungsschwachen auf; denn - wer lebt schon gerne kriminell? Liegt wach in seiner Unterwelt, wenn den anderen der gute Schlaf neue öffentliche Kräfte verleiht?

Nu - wie die Dresdner Sächsin sagt, wenn es Ja ist - nu gucke, durte ist eben auch die Frage nach dem Ziel zu stellen. (In der Spargelzeit hört sich das im Ohr des Schriftdeutschen etwa so an : SCHPORSCHEL - darauf muss man erstmal kommen, Spargel reinigt Ohr und Niere.) Hier in Dunkeldeutschland kommen zwar auch westdeutsche Zeitungs- und Fernsehberichte über die enorme Spargelernte dies Jahr an, nur war dieser deutsche Spargel in den Kaufhallen und Supermärkten schwer zu finden, dafür eingetrocknete Spargel aus Südafrika, Ungarn, Griechenland. Auf meine Nachfrage bei Markant / Konsum-Supermarkt, Alaunstrasse, Dresden-Neustadt, nach deutschem Spargel, antwortete die Verkäuferin, "tiefgefrorenen oder anderen (in Dosen)?" Es macht sich der Normaldeutsche keine Vorstellung von der Lebensqualität, die in Dresden die Nachfrage und in der Folge das Angebot bestimmt. Es kann sein, dass man einen selbstvermarktenden Spargelbauern irgendwo auf der Strasse findet oder am Markttag, Aldi kann hier in Dresden keine Maßstäbe verderben und die Händler der Dresdener Neustadt stapeln ihre Auslagen auf dem Hundescheisse-verklebten Trottoir, fern der Idee, hier könnte täglich eine Wasserreinigung die Lebensfreude erhöhen - eine Tagesreise auf den Münchner Viktualienmarkt oder ins Römer Marsfeld zur Anschauung könnte helfen. Dort wäscht man täglich die Bürgersteige eigenhändig und privat. Doch Billig- und Fernreisen bilden die Bildungsreisekultur der Ostdeutschen, weil hier die Selbstgenügsamkeits- und Selbstgefälligkeitsquote bequemer ausfällt. Und sagt man nicht: In Rom musst du tun, was die Römer tun? Warum also nicht als Deutscher idolbildend in Dresden?

Bei Karl Jaspers lese ich: "Sie sprechen von Marx´ Leidenschaft für die Gerechtigkeit, die ihn mit Kant verbinde. Marx´ Leidenschaft scheint mir in der Wurzel unrein, von vornherein selber ungerecht, aus dem Negativen lebend, ohne Bild vom Menschen, verkörperter Hass eines Pseudopropheten vom Stil Ezechiels. Die Praxis dieser Gerechtigkeit zeigt sich etwa in der Diskussion mit Weitling, mit Lassalle und vielen anderen. Ich sehe nicht einen Funken Kantischen Geistes dort. Bei Engels liegt es anders. Da würde ich Ihnen zustimmen. Kennen Sie den ersten Entwurf des "Kommunistischen Manifests", den Engels gemacht hat? Marx´ Redaktion hat alle humanen Stellen gestrichen, die Sache propagandistisch eindeutig und ungeheuer viel wirksamer gemacht. Ich kann nicht anders als in ihm einen "bösen" Menschen sehen. Lenin hat ihn richtig verstanden, nicht die deutschen Sozialdemokraten. Doch sie können viele Seiten aus Marx für ihre günstige Auffassung anführen. Auch da ist mir meistens der Ton verdächtig..."

Die Maus an der Fußleiste

Das Ziel ist so gesehen besser zu verstehen und zu beantworten mit Schporschel, Lebensfreude, Lust, Hoffnung, Kraft, Zuversicht, usw. Alles ganz schön wichtig, mir - denn Spaß muss sein. Fick Father, statt Big Brother oder? - nein - nach Bildung hätten wir zu fragen. Bildung lautet das Ziel, Ziele überhaupt bestimmen und vornehmen zu können. Bildung, gute Wege finden zu können, dass Ziele auch menschlich erreicht werden. Hingegen angesichts von Dummheit ist Gemeinde allein auf Gott gestellt, immer ein großes Wunder, ein gähnendes Tor Unendlichkeit, eine ängstigende Weite, wenn die Maus vom horror vacuum sich an die Fußleiste getrieben fühlt - Mob und Misanthropie tragen das Gepräge dieser Angst, als Zeichen des Bildungsmangels.

Einfaches Gemüt erlaubt, einfache Qualitätsmaßstäbe anzuwenden. Ich lese und schreibe ständig und verlange schlicht davon, es soll mich inspirieren, damit es meinen Lesern frommen mag. Die Rede von den eigenen Schriften, wie in der Neuen Sinnlichkeit - Dietmar Moews liest (Korrektur) sich und findet seine Gedanken wert, immer wieder zu lesen, die noch beim wiederholten Lesen als gedanklicher Wort- und Assoziationsfluss halten, für was sie einst hingeschrieben wurden, als Gedankenführung, als Ableitung und Argumentation, als enigmatische Exploration und selbsternährende Metaphysik, immer in der Nähe der sinnlichen Beobachtungssätze und erkennenden Systematik, wie es schon Goethe und Silbermann hochstilten. Deshalb - öffnende QUALITÄT - ist ein entscheidendes Wort, für Jeden, der sein Lebensende bereits mehrfach glücklich überlebt hat, in den Augen der potentiellen Nachwelt schon längst, aber auch in den eigenen: Wer jetzt kein Haus gebaut hat, hat noch keins gebaut. Um so entspannter fallen die zukünftigen - ich nenne sie "Geschenktage" - aus: In Frage stehen Pfuschen, Krankmachen, Kriminalität sowie Halbwelt, Unterwelt, Hautab - der MOB - und diesen Begriff wollen wir uns gut einprägen, MOB, (Hannah Arendt) um ihn zukünftig in prägender Einkleidung unseren alltäglichen Politikdiskussionen einzufügen, etwa so: Welche Rolle spielt denn hier- oder dabei der Mob? Bin auch ich etwa mobhaft? Bin ich MOBSTER? Inzwischen haben wir es mit einem weiteren Gebrauch des Wortes "Mob" zu tun, bei Dagobert Lindlau und in einer Verbindung mit der Mobhaftigkeit, aber in einer Spielart zum Nazi-Mob: der Mafiamob und der Drogen-Mob, ich füge hinzu, den Lynchmob, den Misanthropiemob.

Dieser Mob gedeiht auf der Geldgier des normalen Bürgers (Lindlau). "Die Mitglieder des organisierten Verbrechens tun das, was sie tun, nicht, weil es verboten ist, weil sie sich langweilen oder gar das kapitalistische System verändern wollen, sondern weil die meisten Geschäfte, die wirklich etwas einbringen, nur ausserhalb der Legalität zu finden sind. Wenn man beim Handel mit Käse schneller Geld verdienen könnte als beim Handel mit Kokain, dann wären alle besseren Ganoven in der Molkereibranche tätig und gesetzestreue Bürger." (Dagobert Lindlau "Der Mob - Recherchen zum organisierten Verbrechen", München 1987).

"Sehr oft hält der Mob das, was er tut, für Politik. Der Mob sieht sich dann als Ordnungsfaktor. Staaten riskieren Menschenleben für Prestige und Macht. Der Mob sieht nicht ein, wieso es unmoralisch sein sollte, wenn er dasselbe tut. Physische Bedrohung, Täuschung und Erpressung sind in Geschäft und Politik gang und gäbe. Der Mob begreift nicht, weshalb er auf diese Methoden verzichten soll. Auch die Omertá, die Verschwörung des Schweigens, und die innere Abschottung praktiziert der demokratische Rechtsstaat dann, wenn Fehlverhalten gedeckt, fragwürdige Pläne gefördert, Folgen oder Ursachen von Katastrophen vertuscht werden müssen.

Der unternehmerische Mob betrachtet sich nicht als Gegner der staatlichen Ordnung, sondern als einer ihrer Garanten. Er hält sich für einen Motor der wirtschaftlichen Konjunktur und für eine fünfte Gewalt... Die Idee des freien Marktes und einer Wettbewerbsgesellschaft ist unter anderem auch die Idee der Selbstverwirklichung auf Kosten von anderen. Diese Idee ist nicht nur das Credo des Geschäftsmannes oder des Unternehmers. Sie ist auch das Credo vieler Aussteiger, die den Vorwurf weit von sich weisen würden, wie der Mob auf Kosten von anderen zu leben. Selbstverwirklichung auf Kosten von anderen ist das Glaubensbekenntnis einer mafiosen Gesellschaft...

Auf Lange Sicht ist es die Entwicklung der sozialen Struktur, die unsere Lebensbedingungen und die Art des Verbrechens in einer Gesellschaft formt. Polizei und Justiz - selbst wenn sie mit größter Effektivität arbeiten - können die Kriminalität nur minimal beeinflussen. Das Verbrechen ist seit 1950 trotz erheblichen Mehrausgaben für Polizeietats und Instrumentarien weiter angestiegen. Nicht Polizei und Gesetz können Verbrechen verhindern. Das können nur die Bürger." (Theodore Ferdinand 1970 in Lindlau)

"...Die Amerikaner haben für diese etwas umständliche Darstellung der Komplizenschaft mit dem organisierten Verbrechen das simple Wort "corruption". Diese Art der Korruption allerdings tarnt sich mit der Mimikry parteipolitischer Ranküne oder interessenpolitischer Intrige... Seit sich die Ziele des organisierten Verbrechens und seine Methoden vervielfacht haben, müssen mehr und mehr kommunale Amtsträger auf allen Ebenen korrumpiert werden. Es gibt eine Korrelation zwischen der Unverschämtheit, mit der sich die politischen Parteien zunehmend über dem Gesetz wähnen, und einem wachsenden Selbstbewußtsein des wirtschaftskriminellen Mobs. Parteien berufen sich unentwegt auf ethische Werte. Da sie im politischen Alltag den eigenen Ansprüchen selten entsprechen, führt das automatisch zu einer Degradierung des beschworenen Werte. Der Pomp, mit dem Moral gepredigt wird, steht in einem augenzwinkernden Widerspruch zum Handeln. Immer mehr Leuten wird dadurch klargemacht, dass moralischer Anspruch nur von rhetorischer Bedeutung ist. Nicht nur Korruption macht Komplizen. Das tun auch Ignoranz und Gleichgültigkeit... Offene Berichterstattung wird mit den Begriffen "breittreten", "hochspielen" und "in die Öffentlichkeit zerren" diffamiert... Mehr und mehr wird in der modernen Gesellschaft nur das kontrolliert, was sich leicht kontrollieren lässt. Was sich der Kontrolle entzieht, bleibt unkontrolliert. Jeder ist zum Beispiel in der Lage, sich Rattengift zu besorgen, mit dem er Tausende von Ratten auf die qualvollste Weise umbringen kann. Wenn im klinischen Bereich an einer einzigen sachkundig narkotisierten Ratte eine Gefäßnaht zur Fortentwicklung der mikrochirurgischen Operationstechnik ausgeführt wird, müssen Aufsichtsbehörden eingeschaltet und spezielle Kontrollen organisiert werden, obwohl die Ratte nach einer misslungenen Nacht schmerzlos in der Narkose verendet und nach einem erfolgreichen Eingriff putzmunter und hungrig wieder aufwacht. Der sadistische Rattenvergifter bleibt ungeschoren. Der schmerzfrei am Tiere operierende Arzt unterliegt der Kontrolle. Mit der Privatsphäre ist es ähnlich. Sie wird da geschützt, wo man leicht schützen kann, und da ignoriert, wo der Schutz zu schwierig ist. Je verwundbarer die Privatsphäre durch gesellschaftliche Mechanismen wird, desto entschlossener zieht sich die Forderung nach ihrem Schutz auf kleine kontrollierbare Bereiche zurück." (Lindlau)


Und deshalb, liebere Leserin und lieber Leser, jetzt folgender Appell: Bitte, bitte, liebe TAZ, Tageszeitung aus Berlin, die ich täglich kaufe, weil darin nach wie vor einige Informationen gebracht werden, die die anderen Tageskaufzeitungen leicht mal weglassen (zum Beispiel die organisierten Verbrechen, wie Mob, Mafia, Camorra und sonstige Teekränzchen), verantwortliche Redakteure der TAZ-Thiopental-Natriums-Cosa-Nostra, bitte denkt über solche Feinheiten nach und macht es zukünftig besser: "Mob"- so bezeichnete die TAZ am 11. April 2000 auf Seite 16 unter "Schnittplatz"/fra die Fangemeinde von "Big Brother-Werbe- und Kauffernseh-Programm RTL2. Die TAZ nennt "fröhlicher Mob", was weder Hannah Arendts "Nazi- und Eichmann-Mob" noch Dagobert Lindlaus "Verbrechens-Organisations- und Geldgier-Mob" bezeichnet, sondern Mob sei etwas Fröhliches, etwas Rammeln / Töten / Lallen-mäßiges, etwas "Mob als Big-Brothers albernes Abseits", im Sinne von Beiläufigkeit und Quatsch. TAZ, TAZ, das ist täppisch tazzlerischer Mob-Abgrund samt Verschleierung, Sowas MACHT GERADEZU MOBBLIND, Wer sich und andere mobblind macht, der ist selber Mob, denn der macht sich und andere mobblind. Mit solchen Leistungs- und Erfolgspraktiken fällt jegliches Pathos der sprachlichen Kulturreproduktion ins Bodenlose. Wie eingangs von Freiheit und Willkür angesprochen, geraten wir ins Eklige. Und so begriffen ist die Konjunktur von gebrochenen Ausdrucksbedürfnissen und Lieblosigkeit gegenüber diesen normativen Anti-Leistungsgeboten des Überlebens nur allzumenschlich. Unsere Abneigung, im Zusammenhang mit dem Öffentlichen überhaupt an das Schöne zu denken, ist allzu verständlich, menschlich wie mitmenschlich, beides.

Wenn die TAZ- und Kotzkultur diesen Werte- und Spracheriss als Zeugnis der Inferioritätsdemokratie sprachlich diagnostiziert, es dann aber selbst genauso macht, dann spricht das zwar nicht gegen die Liebe, mit der die TAZ-Macher ihrer Arbeit nach- und ihren Lesern entgegengehen. Jedoch Künstlers Liebesvermögen kann daran nicht gehalten werden. Und all diejenigen, die Kunst lieben, die musisch sind und das Schöne bereits vom biologischen Selbsterlebnis (1) gelernt haben, lassen sich von Mob, Agitprop- und Proletkult weder inspirieren, noch anstacheln und auch nicht einfach zurückdrängen. Warum auch? Warum nicht Anschluss durch Vorbildlichkeit versuchen? In der pluralistischen Demokratie ist die Pluralität, auch die der Urteile der Urteils-Stärkeren, gefragt. Nur zu, meine Lieben, das soll man nett finden. Da hat Wiglaf Droste noch was vor. Es ist nun mal die einfache Aufgabe für jeden Menschen anzuerkennen, dass für uns deutschsprachlichen nur die Neue Zürcher Zeitung mit der Rubrik "Planen, Bauen, Wohnen" einen gepflegten Architekturbericht- und -kritikstil bietet, wie es für uns leistungsorientierte Citoyens dazugehört, als Krieger, Selbstzähmer und Selbstverneiner, die ständig freundlich und anteilnehmend rück- und vorsichtsbereit sind. Solange die Suspension vom Leistungsleben in Freizeit und Mußebetätigungen mündet, in denen Selbstentfaltung einer Menschlichkeit dient, die wenig Mitmenschliches hat, aber Selbsterleichterung, Rücksichtslosigkeit, Schadenfreude, Ausstech- und Unterdrückerei, haben wir noch manche Selbstkorrektur hinsichtlich einer vergoldeten Regel, was Jeden und das Seine betrifft, nötig. Da lacht die Koralle.

Das ist das Problem der Demokratie: Die Vielen werden Allzuviele, wenn sie sich keine Mühe mehr geben zu sollen meinen. Man kann das Mittelmaß kalmieren, man gibt ja Brot, Spiele, Fett, Betäubungs- und Ablenkungsmittel die Zahl, doch leidet die Leistungskraft, ohne die es nun gar nicht ginge. Öffentliche Sprache einer TAZ sollte auch deshalb Mediokratie nicht einfach beiseite tun oder gar sprachlich belohnen, denn Mob als Regelfall des Mediokren ist ein Hauptproblem, wenn man die Demokratie nicht denunzieren will. Mob über Emotionen zu integrieren, das ist billig, also gewissermaßen unbillig, wie Sau rauslassen. Gerade oder weil Mobs Zugangsschlüssel irrational und emotional schliesst. Der Mobschlüssel schliesst zwar mob-fröhlich, aber, ist Mob verzagt, killt er.

(Hannah Arendt "Über den Imperialismus").

Petersilie obendrauf bitte

Wir müssen den Mob für Menschlichkeit, für Toleranz, für Bildung ansprechen, und staatsbürgerlich fordern. Jedes Individuum muss Bildung erwerben und achten und nachweisen, dass; nicht Meubelei anerkennen oder symbolisches Getue, nein. Nur Bildung bildet die aktiven Formen der Mitmenschlichkeit des Citoyens. Mitmenschlichkeit ist nicht durch Pfuschen, Krankmachen oder Kriminalität zu eröffnen, denn Angst verhärtet und verschließt die Menschen. Gesellschaftsfähigkeit ist die Krone des Individuums - und krönt die Menschlichkeit im Überleben, auch im Privaten und in den heute allgegenwärtigen Halbweltkontakten, die jeder kennt - und besser nicht in der Unterwelt.

Deshalb ist der "fröhliche Mob" ein ungeeignetes TAZ-Wort für des Affen Zucker von RTL2. TAZ-Lese-Kunden werden dadurch angesprochen, ohne Aufschluss und ohne maßgebliches Futter der Bildung für einen Mob. Wenn der TAZ-Schreiber - wie hier, selbst mobhaft - gilt unsere Rücksichtsforderung dem lieberen Leser und lieben Kunden, der den menschlichen TAZ-Anschluss sucht und finden können soll, besser ohne den Verwesungsgeschmack von Mob. Solchs sind samt und sonders letzte Worte. Kleiner hab ichs nicht, angesichts des Todes. - Der Zugabenteil läuft.

Wir fanden es z. B. viel besser, als der ARD-Redakteur, Journalist, Kritiker und Musik- insbesondere Jazzfachmann Joachim-Ernst Berendt (1922-2000) noch lebte. Schön der Gedanke, dass beim Radioeinschalten - Radio noch als willkommenes Programmbereitstellungsmedium z. B. wenn gerade auf Reisen - so ein kenntnisreiches Musikprogramm von Berendt unterhielt, vergnügte, kritisieren und informieren konnte. Nun wurde er im Alter vom Auto totgefahren.

Übers Sterben skizzierte Berendt in seiner verspielten, aber doch kennenswerten Autobiographie "Das Leben ein Klang - Wege zwischen Jazz und Nada Brahma" (Droemer Knaur 1996) Verschiedenes:

"Verschieden Du und ich sind verschieden.
Wie verschieden?
Gestern ist in der Nachbarschaft jemand verschieden.
Herzliches Beileid.
Der ist jetzt sehr verschieden von uns
Dadurch du und ich nicht mehr so sehr.
Verschiedene Verschiedene lehren dich das.
Ich jedenfalls nenne dich nicht mehr verschieden.
Oder erst dann
Aber dann werde ich merken,
wie du mir gleich warst -
Unverschieden.
"


Wir finden es eindeutig schlechter, dass Joachim-Ernst Berendt nun davongegangen ist.

"Ich denke, ich sollte die Zeit markieren, in der all dies begann - um die Wende der zwanziger zu den dreissiger Jahren. Die Straßenlaternen wurden abends von einem mit einer langen Stange bewaffneten Laternenanzünder angezündet. Der musste den kleinen Stellhahn da oben geschickt treffen, ihn verdrehen und dann, ebenfalls mit einer Stange, das ausströmende Gas entzünden. Morgens löschte er die Laternen auf ähnliche Weise. Da dies in der großen Stadt Berlin einigermaßen synchron zu geschehen hatte, gab es Heere von Laternenanzündern - jeder zuständig für seine Straßenquadrate. Wenige LKWs auf den Straßen. Berliner Kindl, Patzenhofer und die anderen Brauereien fuhren ihr Bier, Bolle die Milch und die Eisstangen, Hermann Tietz - daraus wurde Hertie - seine Artikel mit Pferdewagen aus. Wenn es ein Vierspänner war, galt die Firma als besonders potent. Die Pferde bekleckerten die Straßen mit "Pferdeäppeln", "Brigaden" von Straßenkehrern waren ständig damit beschäftigt, sie fortzuräumen - ohne Maschinen: mit Schaufeln, Besen und Schubkarren. Die Abwässer der - damals - drei Millionen Menschen wurden in Kanälen und Rinnsalen geklärt, die durch weite, landwirtschaftlich genutzte Wald- und Wiesengebiete flossen und den Berlinern, so sehr es dort stank, als Erholungsgebiete dienten. Die meisten Häuser hatten im Hinterhof oder Garten noch eine Pumpe. Wenn an heissen Tagen der Wasserdruck nicht ausreichte, den die Wassertürme schufen, wurden die Kinder mit einem Eimer heruntergeschickt, um Wasser zu pumpen und heraufzutragen. Natürlich gab´s keine Eisschränke. Morgens fuhr bimmelnd der Eismann mit seinem Pferdegespann durch die Straßen, rief "Eis! Eis! Eis!" und trug lange gefrorene Stangen gefrorenen Wassers in die Häuser, wo sie mit einem Hammer zerkleinert und um die zu kühlenden Speisen gelegt wurden. In den öffentlichen Verkehrsmitteln war es, wenn ein Erwachsener stand, selbstverständlich, dass Kinder und junge Leute ihm ihren Platz anboten. Oft standen gleich zwei oder drei Jungen und Mädchen gleichzeitig auf, um einen Stehenden auf ihren Platz zu holen. Man konnte spüren: Das machte ihnen Spaß.

Es waren die Jahre, in denen es in Deutschland vier Millionen Arbeitslose gab. Sie prägten das Straßenbild. Wir nannten sie Eckensteher und kannten einige von denen, die in unserer Gegend herumstanden, mit Namen. Der Eckensteher Nante war eine klassische Berliner Figur - bekannter als die Politiker, die häufiger wechselten, als es den meisten zu verfolgen möglich war.
" (Berendt 1996)

Das Wesen aller wirklich guten Geschäfte ist aber Diskretion. Schweigen ist ein Geschäftsprinzip, das in Süditalien mit dem wohlklingenden Namen "omertá" umschrieben wird. Man kennt das Prinzip auch bei uns und nennt es - zum Beispiel bei parlamentarischen Untersuchungsausschüssen - "Erinnerungslücken" (Lindlau). Wir hatten in Heft Numero 38, Blätter für eine anschauliche Orientierungskampagne, die der bildungspolitischen Kompetenz der Wahlberechtigten gewidmet war, die lieberen Leserinnen gebeten, Altkanzler Dr. Kohls kreative Kassenführung nicht vorzuverurteilen, stattdessen abzuwarten, welche Klärungen und Begründungen und Schlussfolgerungen den verantwortlichen Beschuldigten der CDU zu den nachgewiesenen Geldunregelmäßigkeiten noch einfallen würden, denn eine gewisse Kundenorientierung frommt ja auch der CDU. Hinsichtlich SPD und Johannes Rau sind die West-LB-Unregelmäßigkeiten und Privatflüge abgewiegelt aber schliesslich zugegeben worden: Rücktritt muss folgen. Mit Kohl, Kiep und Kanonen sieht es nun ebenfalls eindeutig so aus, als bliebe verschleiert, was AUFZUKLÄREN VERPFLICHTUNG wäre. Die Fälle der CDU-Geldschiebereien sind damit ebenso klar, Kohls Schuld offenbar, aber auch die Militär- und Rüstungsabsprachen sind als durch unerlaubte und schwarz bezahlte Bestechung konkludent, Kohl und seinem Zirkel sowie der Partei Bundes-CDU anhängend: Die schuldigen CDU-Führungs-Politiker sind alle inzwischen ohne Ämter, so gibts ja nichts mehr zurückzutreten, aber die Feststellung fürs Geschichtsbuch, dass der europäische Staatsmann Kohl neben aussenpolitischen Leistungen erhebliche innenpolitische Mitschuld daran trägt, dass nicht Leistung, Wettbewerb und LEISTUNGSFÄHIGKEIT zur Auswahl der besten politischen Führer führte, sondern der Streit der Unappetitlichen zur Wahl des heutigen Bundeskanzlers. Der sagte kürzlich: "die positive Entwicklung der Vormote ..wir wissen, meine Damen und Herren, dass an jedem dieser hochqualivierzierten Leute weitere Arbeitsplätze hängen - Arbeitsplätze, die wir dringend glau-brauchen..."(ZDF, 07.04.2000). Soviel nur zum Problem eines Staates, seine besten Leute zum öffentlichen Reden zu finden, um ihnen die wichtigsten Funktionen zu übertragen. Wie das so ungültige öffentliche Reden, dass bald keiner mehr zuhören mag.

Insofern die Neue Sinnlichkeit vom leidenschaftlichsten Freidenker deutscher Kultur und Sprache gefasst wird, und solange noch Opfer und Betroffene des Ausrottungs-Rassismus massenmörderischer deutscher Nazi-Vergangenheit mit Deutschen auf einem Globus möglichst friedlich zu leben haben, schweigen wir, worüber sich die eine oder andere selbstkritische Weichbildbetrachtung lohnen würde: Gibt es nicht eine sehr zersplitterte politische Parteien- und Grüppchen-Pluralität im heutigen Staate Israel und entsprechend im demokratischen israelischen Parlament Knesset? Ja, so ist es, es gibt. Da kracht die Schwarte der Toleranzpostulanten gegenseitig. Denn Intoleranz und Ausschliesslichkeits-Fundamentalisten machen den gemeinsamen Staat Israel, zudem in seiner bis heute prekären Situation, nämlich von Feinden umgeben und vielfach in der Lebenskraft von den eigenen humanistisch-jüdischen Normen nicht nur gestärkt, sondern auch gezähmt und behindert, dazu abhängig von diversen Zionismen und Diaspora-Idealisten, deren Zuneigung und Mittel, extrem aussermittig. Wie jüdisch-witzig und prinzipienreiterisch ist dagegen die Forderung der "Rat der Juden in Deutschland" sich nennenden Einheitsgruppe gutzuheissen, wenn diese keine anderen Judengruppen zulassen wollen, obwohl es zwischen Liberalen, Orthodoxen, Assimilanten oder Judenmob - nur um einige der vielfältigen sozialen Wirklichkeitsjuden im heutigen Deutschland zu nennen - so widersprüchliche Unterschiede gibt, dass sich diese unmöglich unter der Einheitskäseglocke vertreten sehen könnten. Zwischen etwa Mob oder um jeden-Preis-Israel-beifälligen oder deutschen Assimilationsfreunden sind die Werte gegensätzlich und die politischen Zielsetzungen, die Juden in Deutschland, nicht zuletzt mit erheblichem Materialzuwand, d.h. Geld, von dem zwar die Berichte des Bundesinnenministers, nicht aber die deutsche Wählerschaft sich dieser permanenten Bemittelung bewusst wäre, mit Geld Juden-Politik zu ernähren, die die Bedürfnisse und Hoffnungen der meisten jüdischen Gruppen in Deutschland teils rigide ausgrenzen und platt machen und Solches damit schwerlich als im Interesse der Deutschen zu sehen ist, die mit deutschen sowie ausländischen Juden möglichst vernünftig zusammen leben wollen und dabei auf Juden in Deutschland sowenig wie auf Deutsche in Deutschland rassische, sprachliche, nationale oder religiöse Probleme aufzublasen hätten, die letztlich da zu bleiben hätten, wo sie hingehören, bei den Menschen in Deutschland und den deutschen Rechtsstaatnormen. Man lese nur die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, herausgegeben von Paul Spiegel, dem Nachfolger des zionistischen Bubis, Immobilienhändler aus Breslau und Frankfurt am Main, den Alphons Silbermann "den Bubitsch" nannte, "was redet der Bubitsch mit einem Schriftsteller, was versteht dieser Immobilienhändler denn von einem Schriftsteller?" (zur Bubis-Walser-Kontroverse). Abschliessend ist insofern Andreas Nachamas Rückzug im Berliner Judenclub und Julius Schoeps Hoffnung, auch liberaleren Juden einen inhaltlichen und personellen Ausdruck im Judenrat zu ermöglichen (AJZ 27.04.2000) von dieser Stelle zu begrüßen. Ziel ist nicht Zersplitterung, sondern Integration der Judenvielfalt miteinander und mit allen anderen Deutschen samt sämtlichen ausländischen Gästen. Wir fragten es bereits im letzten Heft Numero 38: Sind Gäste Deutschlands, wo zu den Deutschen selbstredend die deutschen Juden zählen, sind diese Gäste auch die Gäste der "Juden in Deutschland"? Wie verantwortlich sind die Juden in Deutschland für ihre eigene Majorität / Minorität-Angstproblematik, wenn sie täglich Abgrenzungen ihres "Rates in Deutschland" ausrufen? Wie gesagt, es wird hier zu diesen Fragen vollkommen geschwiegen. Selbst auf Fragen werden wir ausweichend oder ablenkend reagieren. Schliesslich verstehen wir auch unter dem biblischen Modus "auserwähltes Volk" etwas anderes als allgemeingängig, nämlich auserwählt ist die Gruppe, die dem göttlichen Geheiss sich anschickt zu folgen; selbstredend müssen das keine Felachen aus Ägypten oder nomadische Palästinenser, die zufällig in Judäa siedeln wollten; selbstredend sind das alle diejenigen, die leidenschaftlich bereit sind, als Gottes Stellvertreter Mensch zu sein, des Gottes, der nur durch uns Menschen in der Welt ist. (Andernfalls heisst es, das gelobte Land erreicht das Volk Israel nie, dürfte so - wörtlich genommen - also auch nicht fordern, es zu erreichen).

Schande für uns Deutsche in aller Welt, dass der "Marsch der Lebenden" in Auschwitz im Jahre 2000 mit Repräsentanten Polens und Israels, aber ohne Deutsche stattfand: Auschwitz war deutsch.

Erinnerungslücken, ja, das weiss ich nicht mehr so genau, da kann ich mich nicht mehr dran erinnern, das kann ich nicht sagen, das habe ich gar nicht mitgekriegt oder: Das weiss ich ganz genau - mehrere Zeugen sagen exakt, wie abgesprochen, bis ins Detail übereinstimmend, aus.

Will also sagen: Früher gab es auf jedem Bauernhof nen Trottel, auf jedem Werkhof und Fabriksgelände gab es Betriebsmaurer, -schlosser oder -maler. Die machten alles mögliche, Räum- und Schuttarbeiten, Schneeschieben, Herumstehen usw. kurz, unqualifizierte Arbeiter für unqualifizierte Arbeiten. Zu besten bundesdeutschrepublikanischen Zeiten hatte so ein Betriebhilfsfacharbeiter eigenen Hausstand, Familie und seine Ruhe.

Heute ist er arbeitslos. Natürlich. Von wegen, Grundgesetz. Das Grundgesetz wird einer gewissen Lebensnähe angewandelt - doch klar.

Heutige Politik löst diese Fragen sehr produktiv. Einerseits wird das Geschäft mit der Angst gemacht. Vor Not und Ausschluss passen sich die Vielzuvielen an. Statt mit Leistung zur Beteiligung und ZULASSUNG motiviert man durch Angst. Andererseits werden die sämtlichen massenweisen Desintegrierten durch das Himmelstor der Erinnerungslücke aus dem politischen Geschäft herausgedrückt, als wäre eine 10 Millionen Arbeitslosenquote gesellschaftlich und volkswirtschaftlich ein produktives Regulativ und Druckmittel auf den eigenen Weltarbeitsmarkt, ungeachtet der völlig neuzulösenden Produktionsweltfragen: Heisst das, MOB als Ordnungsfaktor?

Die Regierungskoalition Arbeitslosigkeit auf Null - daran will ich nach vier Jahren gemessen werden und wir haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat zum Tag der Arbeit sprachneugeregelt: Unter 3,5 Millionen Arbeitslose. Bon, wir schreiben weiter mit. Der eine - netter Kerl - sollte einfach aufhören, zu prahlen: Philipp Holzmann - wir haben es geschafft! und der andere, ein unverbesserlicher Sprudelkopf (J. Fischer), sollte ne Buchhandlung mit Getränkeausschank eröffnen.

Das Postskriptum für Liebhaber könnte ein Bildchen sein, ist aber Text: Da der neue Milosevic der Serben jetzt Kostunica heißt, erscheinen uns - Deutschen als Natoland - die UCK und die Kosovaren nunmehr als Terroristen, die an sich kein Recht auf unvergewaltigte Frauen hätten, Anspruch auf unsere Unterstützung aber so wenig, wie Syrer, die als Feinde Israels Juden bei uns attackieren: Und was meint Michel Friedman zur taz: 10 Jahre antisemitische Eskalation und nichts gelernt! - Wer, Mossad?
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