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neue sinnlichkeit
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Adorno erst von den Nazis zum Juden "ernannt"
eine Rezension von Alphons Silbermann


Hans Erler, Ernst Ludwig Ehrlich, Ludger Heid (Hrsg.). 58 Portraits. Campus Verlag, Frankfurt/Main, New York, 1997, 555 Seiten, 68,- DM

Es ist eine Sisyphusarbeit, eine Auswahl derjenigen jüdischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu treffen, die in unserem Jahrhundert, mit oder ohne Einsatz ihres Lebens, aufklärend der "Entwicklung der gesellschaftlich-politischen Humanität" gedient haben. Darauf soll wohl auch der aus dem Talmud entnommene Spruch "Meinetwegen ist die Welt erschaffen" als Buchtitel hinweisen, den ich allerdings nicht für besonders glücklich gewählt halte. Zum einen (vielleicht nur eine Nebensächlichkeit), weil mit diesem Spruch jüdischer Gottesglaube und Jude-Sein in eins gesetzt wird.

Die hierdurch entstandene Problematik - soweit man gewillt ist, sie zu würdigen - zeigt sich dort, wo unter die Portraits Geistesgrößen mit einbezogen sind, die, wie beispielsweise Wittgenstein, Popper, Husserl, Erikson, Adorno, aus unterschiedlichen Gründen aus dem Judentum ausgeschieden sind, dass sie, wie es vorsichtig zurückhaltend in den biographischen Notizen heißt, nur "jüdischer Herkunft" seien. Dass sie dennoch wie Theodor W. Adorno, Sohn eines zum Protestantismus übergetretenen Vaters und einer katholischen Mutter, dem Vertriebenenschicksal zum Opfer gefallen sind, unterstreicht die Tragödie, von den Nazis sozusagen zu Juden "ernannt" und als solche ihrem Schicksal preisgegeben worden zu sein.

Von jüdischer Seite aus gesehen, ist es stets das gleiche Problem: soll man wie die zum Katholizismus übergetretenen und auf einem katholischen Friedhof begrabenen Jacques Offenbach oder Gustav Mahler zu den Seinen zählen, oder sie mit den Worten von Ernst Bloch: "Dass ich von Geburt Jude bin, ist Zufall" ausgrenzen? Diesem strittigen Dilemma sind die Herausgeber und die Autoren der Beiträge von vornherein dadurch entgangen, dass sie, wie es im Untertitel heißt, ein "Vermächtnis" zu durchleuchten wünschen, also einen Besitz, ohne den nichts zu vermachen ist. Und dieses nennt sich der jüdische Geist.

Ihn, der in aller Kürze gesagt, auf den Pfeilern des ewigen geschichtlichen Leidens, der Suche nach Wahrheit und Humanität ruht, haben die meisten Autoren vor allem bei ihren Werkanalysen in den Vordergrund stellend, erkannt und in der einen oder anderen Weise umschrieben. In dieser Hinsicht ist dem umfangreichen Band das höchste Lob auszusprechen.

Verständlicherweise sind nicht alle Beiträge in gleicher Weise erkenntnisreich, was allerdings dadurch ausgeglichen wird, dass uns eine ganze Anzahl verdienstvoller jüdischer Wissenschaftler vorgestellt werden - ich nenne nur Melanie Klein, René Spitz, Hans Weil, Margret Berent, Ernst Lederer - deren Verdienste schon lange in Vergessenheit geraten sind. Lobenswert ist auch, dass sich die meisten Beiträge an die gewiss von den Herausgebern gewünschte Kürze gehalten haben. Um so peinlicher, weil unbalanciert, mutet es an, wenn dem Mitglied der sogenannten "Frankfurter Schule", Theodor W. Adorno, fünfzehn Seiten gewidmet sind und ihrem Initiator Max Horkheimer - auch inhaltlich sehr schwache - zweieinhalb Seiten, gar nicht davon zu sprechen, dass in diesem Zusammenhang eines der hervorragendsten Mitglieder dieses Kreises, der in Amerika verstorbene Soziologe Leo Löwenthal, übergangen wird.

Wo immer der Beitrag der Juden zur deutschen Geistes- und Kulturgeschichte im zwanzigsten Jahrhundert, diesem Zusammentreffen zweier Kulturen zur Diskussion steht, wird diese im Sinne einer gewissenhaften Aufklärung verfasste umfangreiche Zusammenstellung zur Hand genommen werden müssen. Sie bietet eine Fülle von akribisch erarbeitetem geistigem und faktischem Material an, das der Spannung zwischen Judentum und deutscher Kultur keine Gewalt antut.
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