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neue sinnlichkeit
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QUALITÄTSRÄTSEL



Die Betonung des Ästhetischen gegenüber dem Inhaltlichen mutet von seiten eines Jünglings, dem eine Vertiefung in das Wissen um das Schöne so fremd sein musste wie das Schöne so fremd sein musste wie das Wissen um die Tiefe des Amazonenstromes, wie eine Großsprecherei, eine Selbsttäuschung, kurzum ein Bluff an. Berechtigt erscheint sie erst, wenn das Empfinden, besonders das Wohlgefallen des Jugendlichen am Schönen sich nicht in schöner Sprache, schönen Bildern, schöner Umgebung und all dem, was unter der dahingeplapperten Designation "schön" angesprochen wird, zeigt, sondern personenbezogen ist. Das "Schön" als Erscheinungsbild von individueller und nicht allgemeingültiger oder fremdbestimmter Dichtigkeit wird dann zum befindlichen Maßstab, gleich, ob es sich um eine Handbewegung, ein Bein, eine Sprechweise, eine Haartracht, eine Körperhaltung oder ein Mienenspiel handelt. Was immer er hiervon in seinen jungen Tagen im grauen Alltag oder auf der betörenden Bühne als "schön" wahrnahm, wurde ihm zum Muster der Vortrefflichkeit, wurde ihm so vorbildlich, dass er sich natürliche wie gespielte Attribute bedeutungsvoller wie unwesentlicher Art von anderen hielt, das heißt sie übernahm, um sich daran aufzurichten.

Seelische Schönheit, diese undurchschaubare Quelle für unlauteren Wettbewerb, blieb ihm sein Leben lang verborgen, obwohl er auf diese, ist eben dieser Wortzusammenstellung, von Fräulein Weinert öfter hingewiesen wurde, die nach den ersten Jahren des langweiligen Tonleiter-, Etitüden- und Sonatinenübens bei einem murrigen Pianoforteschläger seine musikalische Fortbildung übernahm. Dem besagten Fräulein Weinert, einer während des Unterrichts Tee schlürfenden, etwas kränklich wirkenden Person, kam es zu, ihn, der von Onkeln, Tanten, Freunden und Bekannten als sehr musikalisch gekennzeichnet wurde, nachdem er bei Abendgesellschaften pflichtgemäß ein Rondochen - und, sieh mal an, das auch noch auswendig - vorgespielt hatte, bis hin zu Bach-Suiten, Mozart-Sonaten, Chopin-Mazurkas und nicht zuletzt Sindings "Frühlingsrauschen" zu führen. Kam es dabei zu Ritardando-Stellen und gedehnteren Adagio-Sätzen, über die er ungefragt hinweghuschte, da bei ihnen Fingerfertigkeit weniger im Vordergrund stand als bei den durch viel Üben einigermaßen beherrschten Läufen, wurde unbeirrbar unterbrochen, um den Jüngling wortreich über die seelischen Gefühlsregungen des Komponisten und deren Übertragung in den Klangausdruck zu belehren. Noch heute klingen ihm die mit romantischen Verzückungen geäußerten Eröffnungen über den in der Musik gelegenen "Seelenschauer", die "Schönheit der Seele" und das "Sprechen von Seele zu Seele" in den Ohren, besonders dann, wenn er in Konzerten mit jenen Pianisten konfrontiert wird, die augenrollend zur Decke aufblicken, um kundzutun, wie erschüttert sie sind und die Hörer es zu sein haben.
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