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neue sinnlichkeit
Zum Geleit:
14 THESEN zur Neuen Sinnlichkeit 1996
von Dietmar Moews


  1. Die Kunst der Neuen Sinnlichkeit ist verständlich. Die neue Kunst ist eine Formgebung des höchsten Gelingens, die aus der Wachheit und aus der vollen Seinstiefe entspringt.
  2. Die neue Kunst spricht an, durch das Wissen, das Können im Leben ist und den Fleiß und die Liebe, in den Werken und Einstellungen.
  3. Die neue Kunst tritt in den grundsätzlich offenen, pluralistischen, demokratisch zu praktizierenden Gesellschaftszusammenhang ein. Die neue Kunst fordert die praktische politische Einlösung des normativen und propagierten Pluralismus in der staatlichen Kunstorganisation.
  4. Die Neue Sinnlichkeit ist zeitgemäß auf qualitatives Wachstum wertorientiert. Sie ist unzeitgemäß eine liberal-spielerische, magische, sozial ausgerichtete Haltung, mit abendländischem Gedächtnis.
  5. Die Neue Sinnlichkeit ist das offene, sozio-künstlerische Konzept einer Zukunftspolitik, in der Zivilisationsfragen, Naturpolitik sowie Kunst und Kultur qualitativ eins sind.
  6. Die Qualität der neuen Kunst knüpft an die Fähigkeiten der Menschen, bei dem, was anspricht, was sie wertschätzen, was sie benutzen und aufbewahren mögen. Die neue Kunst wendet dafür grundsätzlich das (gesamte und nicht nur das moderne) verfügbare Daseinswissen von heute an. Dieses gute Gedächtnis zeigt den Menschen die fesselnden Kräfte im Kunsterlebnis, ohne der ideologischen Sprachverwirrung von "Modernisierung" oder "Rückwendung" aufzusitzen.
  7. Die neue Kunst tritt für ihre Institutionalisierung als Dienstleistung von Mensch zu Mensch, im Sinne der Ökonomisierung und Professionalisierung ein. Täglich werden neue regulierende, steuernde, kontrollierende, koordinierende, investigative, kommunikative und personalpolitische Entscheidungen getroffen. Staat und Gesellschaft bestimmen das qualitative und quantitative Profil der Leistung und gestaltung der organisatorischen Rahmenbedingungen unserer Wertsetzungen und unserer konkreten Auswahlentscheidungen für die Kunst als oberste nichtschränkbares Staatsziel.
  8. Die Hersteller der neuen Kunst fordern das uneingeschränkte Recht der Vermittlung und für die Konsumenten das ungehinderte Recht des Empfangs, darin inbegriffen Teilnahme, Diskussion und öffentliche Kritik. Eine direkte Kontrolle über den Zutritt zur Kunst findet im Prinzip ebensowenig statt wie eine solche über bevorzugte Behandlung in Fragen der Verteilung.
  9. Die Neue Sinnlichkeit sucht Einfluß, weil es gemeinsamer Anstrengungen zur Gestaltung eines sozialen und kulturellen Hintergrundes bedarf, der durch eine Ideologie der Toleranz bestimmt sein muss und der die Macht aufrichtig geschaffener Qualität akzeptiert. Die Neue Sinnlichkeit lehnt den angst- und furchtverbreitenden, pragmatischen Rationalismus der modernen, quantitativ-technologischen Ideologie als Ausdruck hochgradiger menschlicher Irrationalität und Desorientierung ab. Vermeintlicher Rationalismus ist die äußerste Stufe der Irrationalität, wo die Menschen aufhören Mensch zu sein.
  10. Zur aufklärerischen Sorgfalt und Offenheit gegenüber dem heutigen öffentlichen Kunstprozess gehört das Bekenntnis: es ist Verdienst der Moderne, insbesondere ihrer geistigen Kleinarbeiter, den Panzer der Kultur, und deren Ideologie des intoleranten Idealismus, einschließlich der brutalen Untaten der vergangenheit, durchlöchert zu haben.
  11. Die neue Sinnlichkeit ist keinesfalls die rückgewendete dunkle Angst-Höhle, die Vermassung und Kulturverlust anklagt.
  12. Mit der Neuen Sinnlichkeit treffen die Menschen im Kunsterlebnis nicht mehr staatlich bevorzugt organisiert entweder:
    • die beliebige Variation des schlechten Wissens und schlechten Könnens, wie in der modernen West-Kunst oder
    • nicht die dirigierte Variation ideologischer Zielstellung, wie im sozialistischen Realismus oder
    • nicht die irrige Wunschvorstellung, dass man heute eine Stunde Null hätte, eine Zero-Situation, dass man einen Schnitt machen könne, um neu zu beginnen, wie es gerade von Kunstorganisatoren und ihren da heranwachsenden Kunstproduzierenden in den neuen Bundesländern geglaubt wird.
  13. Die Neue Sinnlichkeit ist die erste neue Kunsterregung die keine Abgrenzung gegen andere Menschen verfolgt. Sondern sie fordert alle anderen auf und lädt ein, zur neuen Qualitätsdiskussion und Aufrichtigkeit im Werkbereich der Künste, ihrer Vermittlung und ihrer Organisation. Wirkbereich und Konsumtion der neuen Kunst sollen den Wertsetzung gemäß offenen sozio-kulturellen Prozessen anheimgestellt sein. Aufklärung, Selbstaufklärung und Entschlüsselung des Seinsprozesses werden als unausweichlicher Fortschrittsweg in der zeit angesehen.
  14. Die Neue Sinnlichkeit will die Verhältnisse, denen sie ausgesetzt ist, mitgestalten.
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