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neue sinnlichkeit
Baubos böse Blume
Nachruf auf Kants Ästhetik
von Günter Schulte - Köln - 1984
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Schönheit besteht in einer "formalen Zweckmäßigkeit der Natur", erklärt Kant in der Einleitung zur "Kritik der Urteilskraft", "ohne welche sich der Verstand in sie nicht finden könnte." Kann er sich in die Natur hineinfinden, fühlt er sich frei und doch geborgen, schwelgt schließlich in der "mit der Freiheit des Verstandes vereinbarten sinnlichen Lust" (Anthropologie, VII / 242). Hier, in und an der Mutter Natur, hat er freies Spiel, im Verein mit der Einbildungskraft, mit ihrer "nichtenden", "irrealisierenden" Funktion (Sartre, Das Imaginäre, S. 290 ff.) Sie versetzt die Wahrnehmungswelt in die Welt der bloßen Vorstellung. Erst dort wird die Vereinigung des Verstandes mit dem Vorstellungsgegenstand möglich. Sie ist übersinnlich, denn einen Naturzweck erfüllt diese Beziehung zu Mutter Natur nicht. Sartre: "Der Akt der Imagination ist, wie wir, eben gesehen haben, ein magischer Akt. Es ist eine Beschwörung, dazu bestimmt, das Objekt, an das man denkt, die Sache, die man begehrt, derart erscheinen zu lassen, daß man sie in Besitz nehmen kann. In diesem Akt ist immer etwas Herrisches und Kindliches ..." (S. 205). Ohne ein Interesse am Realen, schließlich entkommt er ihm so, findet der Verstand sich ins Irreale: er findet dort sich, ohne Begriffsanstrengung zur Bestimmung des Realen anstrengen zu müssen. So kommt es, daß das ohne Realinteresse Besitzbare und begriffslos Verständliche doch einen Begriff (den des ästhetischen Interesses nämlich) mit sich führt. Kant stellt das fest! Es ist der "Begriff der Einladung zur innigsten Vereinigung mit dem Gegenstande, d. i. zum unmittelbaren Genuß" (VII / 241). - Winkt also einladend durch den Schleier der Schönheit die übersinnliche Mutter? - Ist ihr irrealer Körper, mit dem, wie R. Barthes bemerkt (Die Lust am Text, S. 205), die Kunst ihr kindlichfreies Spiel treibt?

 
 


Blumen für die Mutter! - Blumen sind solche formalen Zweckmäßigkeiten der Natur, ganz zu schweigen von ihrer materialen (objektiven) Zweckmäßigkeit. Als formale Zweckmäßigkeiten läßt man sie sprechen: Ein Versprechen zum unschuldig ästhetischen Vereinigungsgenuß. Wir zur Entschuldigung werden sie gelegentlich leibhaftiger Einladungen gern dem "schönen Geschlecht, den sogenannten Frauenzimmern" (Kant II / 228 f.: "Sie sind reichlich und sehr zärtlich in Ansehung alles dessen, was Ekel verursacht.") in die Arme gelegt, insbesondere der Mutter. Aber so unverfänglich ist die ästhetische Irrealisierung der Einladung gar nicht: man sagt es durch die Blume. Bei Hochzeiten verstreut man sie.

 
 


"Blumen sind Naturschönheiten. Was eine Blume für ein Ding sein soll, weiß außer dem Botaniker schwerlich sonst jemand, und dieser selbst, der daran das Befruchtungsorgan der Pflanze erkennt, nimmt, wenn er darüber durch Geschmack urteilt, auf diesen Naturzweck keine Rücksicht", meint Kant (KdU § 16). Kraft Unwissen oder Abstraktion (schließlich scheint der Abstand zwischen Pflanzenreich und Menschengattung weit genug) geht ihm die natürliche Einladung der Blume nichts an. Die Vorstellung ihrer Besamung scheint auch nicht zur überirdischen Erotik des ästhetischen Aktes zu passen, für dessen Beschreibung Kant ausdrücklich auf den "urschöpferischen" und "überirdischen" "Eros der Fabelwelt" (VII/242) zurückgreift. Dieser ist "Zeugen im Schönen", wie Platon (Symposion S. 206) erklärt.

 
 


Über das Zeugen in der Natur schreibt Kant an Schiller (30.11.1795): "So ist mir die Natureinrichtung: daß alle Besamung in beyden organischen Reichen zwey Geschlechter bedarf, um ihre Art fortzupflanzen, jederzeit als erstaunlich und wie ein Abgrund des Denkens für die menschliche Vernunft aufgefallen, weil man doch die Vorsehung hierbey nicht, als ob sie diese Ordnung gleichsam spielend, der Abwechslung halber, beliebt habe, annehmen wird, sondern Ursache hat zu glauben, daß sie nicht anders möglich sey" (Briefe S. 238). Im Naturzweck menschlicher Sexualität findet sich die Vernunft, die sich doch als Indiz des Übersinnlichen Selbstzwecks des Menschen durch Moral (denn einzig für den "guten Willen" der Sittlichkeit ist, wie Kant in der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten erklärt, die Vernunft nötig) versteht, dementiert und überflüssig: Dafür, für die Besamung, ist als wahrlich nicht nötig! Mag der natürliche Mensch auch aus dem weiblichen Geschlecht geboren sein, so doch nicht der übernatürliche, sich selbst durch Versittlichung wiedergebärende Mensch. Erst der ist unsterblich. Als Vulva-Kind ist er des Todes. "In welchem Dunkel verliert sich die menschliche Vernunft, wenn sie hier den Abstamm zu ergründen, ja nur zu errathen es unternehmen will?" (VII / 178) So seufzt Kant angesichts der geschlechtlichen Fortpflanzung. Sein Verstand, seit Parmenides und Plato auf die unsterbliche Gattungsallgemeinheit in seinen Begriffen (Ideen) programmiert, kann sich in solche Natur, wo Gattung durch Begattung sich erhält, nicht hineinfinden.

 
 


Dunkel wie der sexuelle Abstamm des Menschen bleibt dann auch der Grund solcher Ästhetik, in der die Blumen für freie Schönheiten gelten sollen, Menschen, einige Tiere und Artefakte aber nicht. Ihre mögliche Schönheit wird vom Begriff, ihrem Zweckbegriff, überwacht. Also von der Moral. Sie prüft die Gefahr leibhaftiger Vereinigung mit und in solchen Gegenständen. Als mögliche Komplizen sexueller Naturzwecke haben diese Gegenstände ihre Unschuld verloren. Sie sind vom Sündenfall und dem Abgrund der Vernunft betroffen. Ihre Schönheit, die "eines Pferdes, eines Gebäudes (als Kirche, Palast, Arsenal oder Gartenhaus)", kann nur bedingte, von ihrem Zweck bestimmte, also anhängende, "adhärierende Schönheit" (KdU S. 50) sein. Freie Schönheit ist frei von dieser Verfänglichkeit, die sowohl Naturzwecke (Lebewesen), wie Naturvorkommnisse oder Artefakte für die auf Moral verpflichtete menschliche Lebenspraxis haben. Das Abgrenzungskriterium für die Unterscheidung freier und anhängender Schönheit wird von Kant nicht angegeben: es ist für den "feineren Geschmack" (vgl. II / 237) ebenso unsagbar wie selbstverständlich.

 
 


Böten z. B. Blumen einen Blick in den Natur-Grund ihrer selbst und sogar noch in den analogen Grund des Menschen, sie ruinierten nicht nur die eigene begriffsunschuldige Schönheit, sondern alle Ästhetik, sofern diese, insbesondere in der bildenden Kunst, ihrer Schönheit nacheifert. Sie ironisierten dieses Bemühen. Denn die blumige Schönheit repräsentierte offen, was sie doch verdecken soll: das schöne Befruchtungsorgan, also das "schöne Geschlecht": Als ästhetisches Dekor der Frauen verdecken und ersetzen Blumen deren Geschlecht, das nicht schön sein darf, umwillen seiner kaum irrealisierbaren Einladung. Die schönen Blumen fürs schöne Geschlecht suggerieren die moralisch-verdienstliche Ekelhaftigkeit der Vulva-Blume. Sie ist das Unästhetische schlechthin - in dem Maße, wie die Blume das Ästhetische schlechthin ist. "Durch die Blume" nur zeigt sich die Sehnsucht nach der anarchisch-inzestuösen Lust, die dem Menschenkind als Erinnerung a seinen eigenen Vulva-Grund erhalten blieb. Künstlerische Ästhetik das Schönen scheint das unablässige, nie enden wollende Bemühen, das zu ersetzen oder zu verschönern, was nicht schön sein darf, - weil es nicht gut ist. Der "höhere" Zweck des Menschen verlangt es.

Nebst den Blumen sind für Kant auch "viele Vögel (der Papagei, der Kolibri, der Paradiesvogel)" und "eine Menge Schalentiere des Meeres ( ... ) für sich Schönheiten" (KdU § 16),. Federn, Perlen und Perlmutt "putzen ganz ungemein" das schöne Geschlecht. Allerdings stehen die schon von den Römern nach Baubos Schwein porculi benannten Schalentiere, die Kauri-Muscheln (concha veneris), für deren Geschlecht selbst, - von Vögeln ganz zu schweigen. Wie aus Porcellan sind Haut und Falte der Venus. Als frühe Form des Geldes dokumentieren die Kauris den auf dem Opfer der weiblichen Sexualität gründenden gesellschaftlichen Zusammenhang. Aus der ästhetisch-schönen Muschel ist also, wie aus einem Federbalg des Vogels, das organische, schleimige Innere entfernt, obwohl diesem doch die schöne Schale dienen sollte.

Die Verdrängung solch innerer, weichlicher Weiblichkeit und ihrer "niederen" Zweckmäßigkeit teilt Kant übrigens mit Nietzsche, dessen Zarathustra" lehrt: "Und wahrlich! Auch manches Eigene ist schwer zu tragen! Und viel Inwendiges am Menschen ist der Auster gleich, nämlich ekel und schlüpfrig und schwer fasslich -./ - also dass seine edle Schale mit edler Zierath fürbitten muss. Aber auch diese Kunst muss man lernen: Schale haben und schönen Schein und kluge Blindheit!" (4 / 242) Werfen wir dennoch einen Blick hinter den Vorhang der blendenden Schönheit, auch wenn er Schlüpfrigem gilt: Er gilt dem verdrängten Leben in einer Zivilisation, die deshalb höhere Ziele nötig hat! "Abermals", fährt Nietzsche fort, "trügt über Manches am Menschen, dass manche Schale gering und traurig und zu sehr Schale ist. Viele verborgene Güte und Kraft wird nie errathen; die köstlichsten Leckerbissen finden keinen Schmecker!" (4 / 243)

 
 


Der Blick in den Abgrund der Blumen-Ästhetik des Schönen ist anstößig - wie schon die Aufforderung dazu: "Und so ließen sich auch Naturforscher manchmal betreten, dass sie, der guten Mutter einige Blößen abmerkend, an ihr als an der alten Baubo höchst zweideutige Belustigung fanden. Ja, wir erinnern uns, Arabesken gesehen zu haben, wo die Sexualverhältnisse innerhalb der Blumenkelche, auf antike Weise, höchst anschaulich vorgestellt waren", schreibt Goethe "zur Morphologie I". Er besang selbst das "Röslein auf der Heide". Davon handelt z. B. auch der berühmte Rosenroman des 13. Jahrhundert. Barbara Tuchman (Der ferne Spiegel S. 201) erzählt: "Wenn nach 21780 Zeilen die komplizierte Allegorie endlich ihr Ende findet, gewinnt der Liebhaber seine Rose, wobei sehr offen dargestellt wird, wie er die Knospe öffnet, die Blütenblätter auseinanderschiebt, ein "wenig Samen in ihrer Mitte verschüttet" und "den Kelch bis in seine innersten Tiefen erforscht."

Was nun den Namen der Mutter-Natur, sofern sie sich hier eine Blöße gibt, betrifft, also Baubo, so können wir von Nietzsche einen Hinweis erwarten. Denn er, selbst von extremer Schamhaftigkeit und engster Ekelschranke, machte die schamlose Mutter/Amme Baubo zur Wahrheit schlechthin, allerdings zu einer Wahrheit, die Grund hat, sich nicht sehen zu lassen. Ihr Grund ist wohl der Abgrund, den sie der ansonsten wohlgegründeten Ästhetik, wie auch der auf Wahrheitsverdrängung angelegten Kultur überhaupt, bereitete.

 
 


"Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehn zu lassen? Vielleicht ist ihr Name, griechisch zu reden, Baubo?" vermutete Nietzsche in seiner "Fröhlichen Wissenschaft (3 / 352). Später nannte Freud die Wahrheit: dass sich in unserer Kultur die Mutter und/oder Amme als lustig-sexuelle sich nicht sehen lassen darf, als sei denn das "Mutterschwein" (auf dem Baubo in Goethes "Walpurgisnacht Vorreiterin der Hexen ist. (Faust Vers. 395 ff.), den Ödipuskomplex.

 
 


Baubo steht für die "mythische Vulva" (Devereux).. Die gehört der Demeter, deren Amme Baubo ist. Für Demeter bedeutet sie neue Orgasmus- und Geburtsfreuden: Empfängnis und Geburt des "kommenden Gottes" (Frank) Dionysos, der (über den Klang seines Zweitnamens (Bakchos) auch Jakchos heißt: das Vulva-Kind. Baubo heißt dann auch Jambe, die, in Spottversen (iambizein - auf griechisch, Devereux S. 47) mit der Sprache jambisch hinkend, Baubos Geste erläutert. den Koitus. Diese Geste soll nach Schelling (Frank S. 346) sogar die "Urform szenischen Handelns" sein, die aus den späteren Advents- und Weihnachtsspielen natürlich (also doch widernatürlich) verschwunden ist. Hier wird Demeter bzw. Baubo durch die jungfräulich gebärende Madonna ersetzt. Nur ihre Rosenkranz/Aura wiederholt und bewahrt die mythische Vulva. Goethe konnte Baubos szenische Handlung im römischen Karneval erleben: "Wenn uns während des Laufs dieser Torheiten der rohe Pulcinell ungebührlich an die Freuden der Liebe erinnert, denen wir unser Dasein zu danken haben wenn eine Baubo auf öffentlichen Platze die Geheimnisse der Gebärerin entweiht, wenn so viele nächtliche Kerzen uns an die letzte Feierlichkeit erinnert, so werden wir mitten unter dem Unsinne auf die wichtigsten Szenen unseres Lebens aufmerksam gemacht." (Das Römische Karneval. 11 / 515).

Ursprünglich gehören diese Adventsspiele des kommenden Gottes nach Eleusis (Ankunft), einer mykenischen Stadt, wurden im Monat Boidromion ("um Hilfe Laufen") die großen Eleusinischen Mysterien gefeiert. Demeters ekstatische Priesterschaft erfüllte symbolisch ihr Liebesverhältnis mit Iasios - oder Triptolemos oder Zeus - in einer inneren Kammer des Heiligtums, indem sie einen phallischen Gegenstand in einem Frauenschuh auf- und abbewegte. ( ... ) Dann traten die Anführer der Mysterien als Schafhirten verkleidet mit freudigem Geschrei ein und zeigten eine Wiege mit dem Kind ( ... ) Iakchos" (v.Ranke-Graves, I / 82). Sein Name scheint sich noch im Jauchzen und Frohlocken christlicher Weihnacht erhalten zu haben. Aber im Übrigen scheint der Vergleich des weihnachtlichen "Gaudeamus" mit dem "gaude mihi" der Baubo (ihr phallischer Gegenstand, der "Godemiche", heißt griechisch Baubon, Devereux S. 74) eher peinlich - wie der von Blume und Vulva. Peinlich für wen?

 
 


Nietzsche war es um die Heilung des "verwundeten Bewußtseyns" zu tun, die (nach Schellings Interpretation des Demeter-Mythos in seiner "Philosophie der Offenbarung; 19. Vorlesung, 6. Erg. Bd. S. 422) das Gotteskind Dionysos vollbringen sollte. Solche Heilung war durchaus die mythisch-ästhetische Wiedervereinigung von Mutter und Kind. Wie der Mythos erzählt, wurde die um den Verlust ihres Kindes trauernde Demeter von Baubo erheitert und im Hinblick auf die ihr angezeigte Wiedergeburt ihres Kindes getröstet. Das wiederzugebärende und also zu heilende Kind war der Dionysos Zagreus, der zerstückelte Dionysos, zerstückelt nämlich durch die Entfernung von der Mutter als erstem libidinösen Objekt. Mit ihm hat Nietzsche sich identifiziert, wenn er die Wahrheit in Baubo sah. "Und nur in dieser Hoffnung giebt es einen Strahl von Freude auf dem Antlitz der zerrissenen, in Individuen zertrümmerten Welt: wie es der Mythos durch die in ewige Trauer versenkte Demeter verbildlicht, welche zum ersten Male wieder sich freut, als man ihr sagt, sie könne den Dionysos noch einmal gebären" (I / 72). - Das Zuendegebären, das ist das Problem und die revolutionäre Aufgabe der bislang patriarchalisch auf die Enteignung der Frau bestehende Gesellschaft! Doch die fürchtet, bei feministischem Verzicht auf die Doktrin patriarchalischer Wiedergeburt des Kindes durch den "starken Vater", den Untergang. Auch Nietzsche selbst macht aus seiner Not abwesender Wahrheit die Tugend des selbstzerstörerischen Willens zur Macht. - Nun, der Mythos, verzeichnet bei v. Ranke-Graves (1-78), kennt eine heitere Wende: "Baubo ( ... ) überredete sie (Demeter), Gerstensaft zu trinken, stöhnte wie in Wehen und zauberte plötzlich unter ihrem Rocke Demeters eigenen Sohn Jakchos hervor, der seiner Mutter in die Arme sprang und sie küßte." - so einfach geht das, wäre man nur wieder Kind!

 
 


Jeder auf seine eigene tragische Weise, Kant wie Nietzsche, wurden wieder Kind, um heim zur Mutter zu finden. Kants letzte (und vielleicht seit seiner Kindheit einzigen) Küsse, die er kurz vor seinem Tode Wasianski schenkte (Gulyga S. 320), galten wohl seiner Mutter (vgl. Böhme S. 493 f.). Nietzsche wurde durch Wahnsinn wieder zum Kind und fiel an seine Mutter zurück. "Ich impfe euch mit dem Wahnsinn" (10/136), hatte es sich und seiner Gesellschaft verkündet. Doch die wahnsinnige Bewußtseinsverwundung saß zu tief, hier wie da: die Impfreaktion überwog die immunisierende Wirkung. Die faschistische Ästhetik zeigt, wie die Rückkehr zu Mutter-Mythen patriarchalisch funktionalisiert werden kann.

 
 


Die mütterliche Vulva, also der eigene libidinöse Daseinsgrund, ist die ekelhafte, zu verbergende Wunde der Mutter-Natur geblieben. Durch die scheinheiligen Blumen und ihre Ästhetik des Schönen wird sie nicht bloß verdeckt, sondern so erst zu diesem ödipalen Sphinx-Abgrund gemacht. Das Individuum krankt deshalb an seiner Individuation. Abgetrennt vom Ursprung und zerstückelt, ist ihm die Ästhetik das Heil sowohl wie die Rechtfertigung seines Leidens. "Die gesellschaftlich wohl angezeigte Scham vor der Scham dient (wie Kant bei seinen Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen", II / 234, bemerkt) dem Naturzweck der Sexualität gegen "Ekel" und "Gleichgültigkeit". Sind letzteres aber nicht Vorurteile der "reinen" Vernunft? - Hinter dem "geheimnisvollen Vorhang" (II / 234), den sie vor der "Isis (der Mutter Natur)" (KdU, S.198) aufspannt, wittert sie ihren eigenen Abgrund, das Dementi ihrer eigenen vermeintlichen Naturunabhängigkeit. Schillers "Jüngling von Sais", der den Schleier eigenmächtig lüftet, wird deshalb auch untauglich zum Leben in der patriarchalischen Ordnung, der die Freuden der Baubo geopfert werden müssen. Baubos Blume, also die weibliche Scham, für die und vor der man sich schämen soll, um sie "höheren" Zwecken zu unterstellen, ist eine durch den Sündenfall der Kultur, von dem die Bibel berichtet, zugerichtete Scham: das unmöglich schöne Geschlecht des deshalb sog. schönen Geschlechts. es ist die auf patriarchalisch kontrollierte Mutterschaft programmierte Vulva. Das männliche Verfügungswissen betrifft in seiner Gewaltsamkeit (gemäß der Gleichung mater-materia) schließlich alle Natur. So aber trennt sich der Mensch, insbesondere der ihn zu repräsentieren beanspruchende Mann, von seinem Ursprung und von seinem Ursprung und von seinem Glück: der Vertrautheit mit "Isis (Mutter Natur)". Scham war die erste Bewußtseinsregung nach dem Sündenfall, Scham vor der Sexualität, die Eva entdeckt, bzw. wiederentdeckt hatte, und die dann auch Adam an sich und Eva erkannte: Es war die im patriarchalischen Paradies dysfunktionale anarchisch-inzestuöse Lust an der Mutter Natur.

 
 


Offensichtlich war das biblische Paradies ein Paradies des Patriarchats. Gottvater überwachte das Menschenpaar und seine Paarung. Er provozierte Evas Gebotsübertretung, die Überschreitung ihrer Rolle. Schließlich war sie schon Adams zweite Frau. Lilith, seine erste Frau, die noch wie er gleichsam aus Erde gemacht war (so erfahren wir es im Kapitel 1 der Genesis, einem Fragment der sog. Priesterschrift), wollte nicht (und das steht nicht mehr in der Bibel, sondern das berichtet die altrabbinische Tradition) unter Adam liegen. Sie wurde bei der Redaktion der Bibel aus dem Verkehr gezogen - bis auf die Stelle "Jesaja 34,14", wo sie nur noch als Kobold (Luther) oder Wüstengespenst erscheint.

Dem Mythos zufolge (vgl. Hurwitz) hatte sie sich davon gemacht, was sie in der patriarchalischen Tradition als Hexe (vgl. Faust, Vers 4118 ff.) zu büßen hatte. Der "Hexenkammer" von 1487, mit dem also eigentlich schon die Bibel beginnt (nämlich mit der Ausrottung der emanzipierten Frau!) kann sich auf diesen Mythos berufen und auf entsprechende Dämonlehre des Thomas von Aquin. In Kapitel 2 der Genesis wird die Erschaffung der Frau wiederholt, diesmal als Stück Adams. Nun ist es also der Mann, der hier quasi gebiert. Er hat sich das Geburtsgeheimnis der Frau angeeignet, hat diese enteignet. Evas Sexualität darf nur diese patriarchalisch funktionalisierbare sein: die Mutterschaft - und, bei zuhälterischer Kontrolle als käufliches Produkt - die hexe. Die Scham vor der Scham sorgt so einerseits für den Männlichkeitswahn eigener, unsterblicher Selbsterzeugung, andererseits fürs Pornographie-Verdikt über das schöne Befruchtungs- und Geburtsorgan.

 
 


Allerdings: Den Sieg über die ursprünglich allein wissende Frau, die Sphinx, büßt der Mann als Ödipus. Dieser, obzwar nun "Symbol der Wissenschaft" (Nietzsche 7 / 141), trägt umso schwerer an seinem "Unbewußten", mit dem er versucht, Ersatz für die verbotene mutter-natürliche Sexualität zu erhalten. Ihm bleibt nur die Sublimierung, die Anwandlung des Eros an den Unsterblichkeitswahn seiner männlichen Vernunft, wie es Plato der Diotima in den Mund legt, - diese damit selbst von der Hetäre Lilith zur Madonna-Muse der "schönen Künste" verwandelnd. Hier hat sich die Seele mit dem Abschied von Lilith als ihrer sexuell-lustigen Mutter abgefunden. So ist die Seele der Melancholiker geworden ("Söhne der Lilith" heißen sie im "Sohar", in der jüdischen Mystik). Gegen ihre Schwermut schwingt sie sich künstlerisch auf ins Überirdische, um sie dort wiederzusehen; die inzestuöse "Blume des Bösen" bei Baubo, Lilith und allen sog. Hexen.

Aber ästhetisch gesehen wird diese Vulva-Blume zur "Blauen Blume", dem Zeichen der unerreichbar abgeschiedenen Geliebten (der Sophie des Novalis und auch aller ähnlich liebenden Philosophen). Die Wiedervereinigung mit ihr erfordert den eigenen Tod. Erst hier kommt die ästhetisch abgehobene "schöne Seele" ans Ziel, zu sich selbst und zugleich heim zur Mutter.

Die schöne Seele erfüllt denn auch für Kant eben das, was am Zweck der Menschengattung unter dem Primat des "höheren" Moralzwecks überhaupt einer imaginativen Versinnlichung fähig ist und deshalb allein dem ansonsten so verfänglichen "schönen Geschlecht" als ästhetisches Vereinigungsangebot ansteht. Als Vereinbarkeit von Freiheit und Naturnotwendigkeit schwebt sie über dem Abgrund der sexuellen Natur und erfüllt so den Anspruch, Grund und Fluchtpunkt der Ästhetik des Schönen zu sein. Bei ihrer Definition dreht sich Kant hoffnungslos im Kreise. Keine seiner Definitionen ist anrührender als diese, verrät sie doch die unendliche Ferne des Glücks und auch seine alltägliche Nähe. "Mit dem Ausdruck einer schönen Seele", sagt Kant (VII / 241 f.), "sagt man alles, was sich zum Zweck der innersten Vereinigung mit ihr zu machen, sagen läßt; denn Seelengröße und Seelenstärke betreffen die Materie (die Werkzeuge zu gewissen Zwecken); aber Seelengüte, die reine Form, unter der alle Zwecke sich müssen vereinigen lassen und die daher, wo sie angetroffen wird, gleich dem Eros der Fabelwelt urschöpferisch, aber auch überirdisch ist, - diese Seelengüte ist doch Mittelpunkt, um welchen das Geschmacksurtheil alle seine Urtheile der mit der Freiheit des Verstandes vereinbaren sinnlichen Lust versammelt.

 
 


Was ist nun, außer der Seele, möglicherweise schön am "schönen Geschlecht"? - Nur solches, was es mit den Blumen gemeinsam hat: "Ein proportionierlicher Bau, regelmäßige Züge, Farben von Auge und Gesicht, die zierlich abstechen, lauter Schönheiten, die auch an einem Blumenstrauße gefallen und einen kalten Beifall erwerben" (II / 236). Warum denn noch mit Blumenangebinden hier Eulen nach Athen tragen, hätte das "schöne Geschlecht" nicht doch das Geschlecht an sich, das nicht schön ist?

 
 


- Die Blumen wie auch auf diesen falschen Schönheitstitel für Frauen verzichtet würde? - Erst dann könnte ihr Geschlecht auch schön sein, die Kunst frei vom Beschönigungszwang und die Philosophie vielleicht auch von dem zur "reinen" Vernunft. "Goethes herrlich leuchtende Natur" (Schmidt) auch in Baubos Blume! Von hier aus könnten wir uns dann für den täglich schwindenden Rest der Natur wider etwas Hoffnung machen.

 
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